Making Of: The Human League – Dare! (1981)

29. Februar 2020

Don't you want me, baby?

Human Leagues „Dare!“ ist ein makelloses Pop-Album aus dem Jahr 1981. Ein Meilenstein des Synthesizer-Pops. Und eine Art Blaupause, die das Genre erst (mit)-begründete. Human Leagues „Dare!“ hat den Boden bereitet für den Erfolg von Bands wie Pet Shop Boys, Eurythmics, Blancmange oder den Thompson Twins. Depeche Mode veröffentlichten im gleichen Jahr ihr Debüt-Album „Speak & Spell“. Wobei Vince Clarkes fröhliche Synth-Melodien der Hochglanz-Produktion von Human League nicht das Wasser reichen konnten. Das ebenfalls 1981 erschienene OMD-Album „Architecture & Morality“ schwang sich zwar künstlerisch zu ähnlichen Höhen auf, hinterließ aber im Gegensatz zu „Dare!“ in den USA keinen Eindruck.

Human League bewiesen mit „Dare!“, dass man ganz ohne Gitarren sehr eingängige Musik machen kann. Und dass Synthesizer weder nach teutonischen Robotern noch nach „Outer Space“-Geblurbse klingen müssen. Mit dem konsequenten Einsatz des Roland MC-8 MicroComposers und des Linn Drumcomputers LM-1 wies „Dare!“ auch produktionstechnisch in eine neue Richtung. Was prompt die Gewerkschaften auf den Plan rief, die fürchteten, die neue Technologie würde Musiker arbeitslos machen.  „Dare!“ gelang das Kunststück, kommerziell erfolgreich zu sein – Nummer 1 in UK, Nummer 3 in den USA  – und gleichzeitig die Kritiker zu begeistern.

Human League – Dare! – Kurz vor dem Hörsturz

Human League-Fans der ersten Stunde hat „Dare!“ allerdings  ganz schön zu knabbern gegeben.  Wer auf die beiden ersten Human League-Alben „Reproduction“ und „Travelogue“ abgefahren war, der lief Gefahr, beim ersten Kontakt mit „Dare!“ einen Hörsturz zu erleiden.  Auch ich  war mir damals zunächst nicht sicher, ob das jetzt ganz große Kunst oder aber die absolute Megaver… war. Doch relativ rasch ertappte ich mich dabei, wie ich den Refrain von „Don’t you want me“ nachsummte. Wenn es jemals eine Ohrwurm-Melodie gab, dann diesen schrecklich-schönen Refrain. Dabei musste man gar nicht so lange warten, um zu wissen, was Sache war: „Es gibt einige Lieder, bei denen sogar die Anfangsakkorde einfach „Hit“ zu schreien scheinen, und dies ist ein gutes Beispiel“, wie Blogger Rollo (Music for stowaways) so treffend schreibt.

Being boiled

Ein Jahr vor der Veröffentlichung Human Leagues  „Dare!“ hätte man freilich auf die Zukunft der Band keine 5 Cent gegeben. Im Herbst 1980 stand Phil Oakey, der Lead-Sänger von Human League, vor einem ziemlichen Scherbenhaufen. Gemeinsam mit Martyn Ware und Ian Craig Marsh hatte er zwei bemerkenswerte Alben aufgenommen: das kalt-dystopische „Reproduction“  und das schon etwas poppigere „Travelogue“. Beide Platten boten experimentierfreudige Synthesizermusik, die mit der einen oder anderen griffigen Hookline aufwarten konnte.

Mit „Being Boiled“ (Listen to the Voice of Buddha) hatten Human League sogar einen formidablen Club-Hit gelandet, der damals zwar nicht die Charts aufwirbelte, aber dafür sorgte, dass das Virgin-Label Human League unter seine Fittiche nahm. Hier die Being Boiled-Version auf  „Reproduction“. Das erste Human League-Album hatte ein etwas verstörendes Cover-Design.

Human League – Die Band trennt sich

Doch der große Erfolg war ausgeblieben. Ein 34. Platz in den britischen Charts für „Reproduction“ und Rang 16 für „Travelogue“ – das konnte niemanden befriedigen. Schon gar nicht Oakey, der maulte, Human League würde Musik für „Typen in langen Mäntel“ spielen – “only lads in long coats liked us”- und gerne ein breiteres Publikum ansprechen wollte. Seine beiden Mitstreiter allerdings wollten ihre Seelen nicht an den Kommerz verkaufen. In einem Interview mit Mike Atkinson äußerte sich Phil Oakey über die Gründe der Trennung: „Ich habe immer gesagt, dass meine Lieblingsband wahrscheinlich Slade ist. Ich wollte wirklich in einer Pop-Band mit unseren Fotos auf der Titelseite sein, und vielleicht hatten sie eine eher langfristige künstlerische Ausrichtung.“

Als die Spannungen immer stärker wurden, bestärkte Manager Bob Last die Band, einen Schlussstrich zu ziehen: „Ich habe sie proaktiv zur Trennung ermutigt. Ich wusste, dass sich irgendwo unter all dem Material der eine oder andere Hit versteckte, aber ich wusste nicht, wo.”  (Neil Mason: The Making of Dare, Electronic Sound)

Die Trennung erfolgte ausgerechnet kurz vor dem Start einer großen UK- und Europa-Tour. Perfektes Timing!

Sheffield heute. (Mit freundlicher Genehmigung von Stanislav Hedvik via Pixabay)

Made in Sheffield

Die drei Musiker Oakey, Ware und Marsh stammen aus der Stahlarbeiterstadt Sheffield in South Yorkshire, einer der Ursprungsorte der Industriellen Revolution. Sheffield war und ist die Heimat vieler großartiger Musiker und Bands: Joe Cocker, ABC, Pulp um nur einige zu nennen, oder – aus neuerer Zeit – Arctic Monkeys. Für Oakey war unter den heimischen Bands damals vor allem Cabaret Voltaire ein Vorbild mit ihrer Mischung aus Elektronik und vom Dadaismus beeinflusster Performance.

Phil Oakey hatte sich eine extralange Haartolle wachsen lassen, die sein Markenzeichen wurde. Alle Human League-Mitglieder hatten in Theaterprojekten mitgemacht, fuhren auf europäisches Autorenkino und die Musik von Van Der Graaf Generator und Roxy Music ab.

Destroy all Guitars – The Human League waren das ewige Geschrammel leid. (Mit freundlicher Genehmigung von „kalhh“ via Pixabay)

Destroy all guitars

Human League waren angetreten, eine Alternative zu gitarrenlastiger Musik zu entwickeln. „Destroy all guitars“ so der programmatische Titel ihres ersten Songs. Ob das eine Reaktion auf die ebenfalls aus Sheffield stammende Heavy Metal-Band Def Leppard war?

Nun, Oakey hatte persönlich gar nichts gegen Gitarren, wie er im Interview mit dem Spiegel verrät. „Was mir gegen den Strich ging, waren diese Plattenfirmen-Manager die bei jedem Meeting zu uns sagten: Das mit euren Synthesizern ist ein netter Gag, aber jetzt müssen Gitarren dazu, damit ihr endlich einen Hit landet. Wir dachten uns, es muss doch möglich sein, coole und erfolgreiche Musik ohne Gitarren zu machen.“ („Wir können nichts außer Pop“, Spiegel, 20.04.2011″)  Mit der Auflösung der Band stand das alles auf der Kippe.

Heaven 17

Martyn Ware und Ian Craig Marsh gründeten nach der Trennung  „Heaven 17“. Interessanterweise verband gleich ihre erste Platte „Penthouse and Pavement“ absolut tanzbare Musik mit politischen Inhalten („We don’t need this) Fascist Groove Thang“. Diese Single wurde von der BBC übrigens nicht gespielt. Heaven 17 lockerte die Musik der Maschinen auf mit Saxophon, Percussion, Bass, Gitarre und der Bläsersektion „The Boys of Buddha“, die „synthetic horns“ spielten. Es gibt wenige Synthesizer-Platten, die so sehr grooven wie der Erstling von Heaven 17.  Die Platte kam in den Album-Charts auf Platz 14. Immerhin zwei Plätze gegenüber Travelogue verbessert. Aber nichts, was Mr. Oakey jetzt vom Hocker gerissen hätte. Und so klingt das Titelstück von Heaven 17 in einer etwas aufgemotzten Version von 1993:

 

Oakey unter Druck

Phil Oakey stand nach dem Split im Oktober 1980 etwas bedröppelt da.  Er besaß nun zwar die Namensrechte an Human League. Aber hatte leider auch deren Verbindlichkeiten an der Backe. Der Konzertveranstalter machte richtig Druck und forderte Schadensersatz, für den Fall, dass die Tour gecancelt würde. Oakey war nicht der Mann, der in so einer Situation in den Sack haut. Zusammen mit seinem Kumpel Adrian Wright, der zuvor schon bei Human League für das Visual Design verantwortlich war, dem neu angeheuertem Keyboardspieler Ian Burden und zwei auf die Schnelle rekrutierten Backgroundsängerinnen warf er sich ins Tournee-Getümmel.

Sängerinnen im Nachtclub aufgegabelt

Die beiden Sängerinnen  Susan Ann Sulley und Joanne Catherall waren damals tatsächlich noch Schulmädchen. Oakey fielen sie beim Tanzen im „Crazy Daisy Nightclub“ auf. Sie waren beide hübsch – die eine dunkelhaarig, die andere blond – und damit für Oakey ausreichend qualifiziert. Das Singen könnte man ihnen zur Not ja noch beibringen. Joanne Catherall erinnert sich 2011 im Spiegel-Interview: „Wir waren siebzehn und gingen noch zur Schule. Es war ein irres Angebot und wir mussten unsere Eltern fragen. Nach einigem Zögern sagten sie zu, auch wenn mein Vater Befürchtungen hatte, dass wir vielleicht doch an einen Sexclub verkauft werden. Aber wir kamen heil von der Tour zurück. Und blieben.“

Nach der Tour zurück in die Schule

Die Tour wurde in der neuen Besetzung absolviert, die Konventionalstrafe blieb Oakey erspart und die beiden Sängerinnen konnten erste Bühnenerfahrungen sammeln. Virgin-Mann Simon Draper, der einen Narren an der Band gefressen hatte, sah sich die Show im Hammersmith Odeon an: „Es war wirklich schrecklich. Aber wegen der Mädchen sind sie wohl damit durchgekommen.“ (Electronic Sound)

Susan Ann Sulley und Joanne Catherall gingen nach der Tour zurück zur Schule, um ihre Abschlüsse zu machen. Aber Oakey signalisierte ihnen, dass sie jetzt feste Band-Mitglieder wären.  Da war er sehr pragmatisch. Oakey selbst war ja von seinen ehemaligen Bandkumpanen Ware und Marsh auch aufgrund seiner Frontman-tauglichen Erscheinung ausgewählt worden. Und nicht, weil er große Erfahrung als Sänger oder Musiker gehabt hätte.

Auf Messers Schneide

Bob Last übernahm nun das Management beider Bands. Er wusste um das Können von Oakey. Aber klar war auch, dass die beiden musikalischen Schwergewichte die Band verlassen hatten. Bei Virgin gab es deshalb heftige interne Diskussionen. Die Rezession Anfang der 80er Jahre zwang die Plattenfirma,  sich von einigen ihrer Künstler zu trennen. Nik Powell, einer der vier Virgin-Mitgründer, machte klar, dass er Human League für entbehrlich hielt. Aber auch in dieser kritischen Situation hielt Simon Draper seine schützende Hand über die Band.  Deren Manager Bob Last ist immer noch voller Dankbarkeit: „Simon Draper hatte vom ersten Tag an volles Vertrauen. Hätte ich ihm die Schuld dafür gegeben, wenn er uns fallen gelassen hätte? Es wäre eine vollkommen vernünftige Entscheidung gewesen. Seine Zuversicht war ausschlaggebend.“(Electronic Sound)

Als einen Testballon schickte Oakey den gemeinsam mit Adrian Wright geschriebenen Song „Boys & Girls“ in den Äther. Der landete in den UK-Charts zwar nur auf Platz 47, zeigte aber immerhin: Mit Human League ist noch zu rechnen.

Auf diesem Cover einer Greatest Hits-Kompilation sind The Human League komplett zu sehen: Philip Adrian Wright, Ian Burden, Susan Ann Sulley, Joanne Catherall, Phil Oakey und Jo Callis.

Ausnahmeproduzent Martin Rushent

Es war ein Lebenszeichen, mehr aber auch nicht. Leider konnte auch der nächste Song nicht voll befriedigen: “Als ‘Sound Of The Crowd’ präsentiert wurde, da klang es einfach nicht gut genug“, erzählt Simon Draper. „Es schien mir, dass sie eine musikalisch überzeugendere Aufnahme liefern mussten, und Phil schlug vor, dass Martin Rushent der perfekte Produzent dafür sein würde.“(Electronic Sound)

Der 2011 verstorbene Martin Rushent war ein absolut begnadeter Produzent. The Stranglers, The Buzzcocks, Generation X sind nur einige der von ihm produzierten Acts.  Rushent hatte viel Geld in sein eigenes Genetic Sound Studio gesteckt. Nachdem er sehr erfolgreich einige der profiliertesten Punk-Bands produziert hatte, legte er seinen Fokus nun auf elektronische Musik.

24 Layer für eine Synthesizer-Linie

Er brachte vor allem auch die für Produktion von Synthesizer-Musik notwendige Geduld mit sich. Rushent konnte Stunden auf das Programmieren von Beats mit der Linn LM-1 oder das Schichten von Synthesizerklängen verwenden: „Damals war es ein großer Aufwand, elektronische Musik zu machen, besonders so wie ich es tat.”, erinnert sich Produzent Martin Rushent im Interview mit Richard Buskin von Sound o nSound. „Um die Sounds zu bekommen, die ich wollte, habe ich die Synthesizerklänge geschichtet. Dafür programmierte ich bis zu 24 Synthesizer, die eine Linie spielten – alle analog und alle verstimmt.“

Die Probeaufnahmen zeigen, wie stark der Einfluss von Produzent Rushent auf das spätere Dare-Album war.

Human League – Dare! – Die Demos

Doch bevor Rushent loslegen konnte, nahmen Human League erst einmal ein paar Demos auf. Die Arbeit an „Dare!“ begann in Sheffield im sogenannten Monumental Studio, das sich The Human League mit Heaven 17 teilten. „Monumental“ war an diesem Studio, das sich in einer ehemaligen Tierklinik befand, nur der Name. „Es fiel halb auseinander und es regnete rein.“ bestätigt Bob Last. „Ich habe immer noch einen wiederkehrenden Albtraum, dass ich versuche, das Dach dieses Studios zu reparieren.“(Electronic Sound) Phil Oakey versammelte hier seine Mitstreiter: Adrian Wright, Ian Burden und Jo Callis, einen Punkrocker, der bei The Rezillos Gitarre gespielt hatte. Er war wegen seiner Songwriter-Qualitäten rekrutiert worden.

Die Band fing mit den Kompositionen für das Album Dare ziemlich am Nullpunkt an. „Es war nicht so, dass es eine große Menge an Material gab, das darauf wartete, aufgenommen zu werden“, bestätigt Jo Callis: „Adrian hatte dieses kleine Buch mit Anweisungen, wie man die gesamte Ausrüstung einschaltet und wie man das Studio bedient. Damit konnten wir das Studio zum Laufen bringen und etwas herumwerkeln.“(Electronic Sound)

Nachhilfeunterricht am Synthesizer

Immerhin sollte es sich auszahlen, dass The Human League und Heaven 17 unter einem Dach arbeiteten. Jo Callis, der von Synthesizern keinen blassen Dunst hatte, erinnert sich, wie er Nachhilfe von Martyn Ware bekam: „Er zeigte mir die Grundlagen, wie ein Synthesizer funktioniert, wie man ihn programmiert, wie man verschiedene Klänge aus ihm herausholen kann“. (Electronic Sound) Ein wirklich feiner Zug an Martyn Ware!

Unter dem Titel „The Human League – The Making of Dare!“ sind die Demos zum Album veröffentlicht, „voller übertriebener Echos und alberner Experimente, um zu sehen, was daraus entstehen würde. Es gibt hier relativ wenig Anzeichen dafür, dass es eines der wichtigsten Alben der 1980er Jahre werden würde!“ (Music for stowaways)

Human League – Dare! – Das Equipment

Bei den Instrumenten muss man bei „Dare!“ zum Glück nicht lange herumrätseln. Sie sind sämtlich auf dem Cover aufgelistet. Es handelt sich ausnahmslos um Synthesizer Made in Japan: Kein Minimoog, kein Prophet 5 oder Oberheim. Die State of the Art-Tools wie das Roland Modularsystem 700, den Roland MC-8 MicroComposer oder den Drumcomputer LM-1 von Linn fügte dann erst Produzent Martin Rushent hinzu. Human League setzten weiter auf japanische Instrumente, die die Band in ihren Anfangstagen zunächst einmal aus Kostengründen gewählt hatten.

Human League – Dare! – Korg 700

Da war zunächst einmal der Korg 700, ein kleiner Monosynthesizer, der für sein Traveller-Filter berühmt ist, und die knurrigsten Basstöne ausspuckt, die man sich nur wünschen kann. Diesen charismatischen Bass-Sound hatte die Band bei ihrem frühen Hit „Being boiled“ verwendet. Und der Korg 700 wurde auch bei „Dare“ nicht eingemottet. Zumal Produzent Martin Rushent total auf diesen Synthesizer abfuhr: „Außerdem bekommen wir einige schöne Bass-Sounds aus einem alten Korg-Synthesizer, den Phil hat. Er fällt  allmählich auseinander, so müssen wir auf ihn draufhauen, damit er funktioniert. Es ist ein wirklich frühes Exemplar, nur eine winzig kleine Kiste, aber die Bässe klingen großartig. “ (Musik Maker, April 1982)

Human League – Dare: Der Korg 700 liefert die fetten Bässe

Human League – Dare! – Yamaha CS-15

Der Yamaha CS-15 bot zwei komplette VCO-VCF-VCA-Stränge. So besitzt er zwei Multimode-Filter mit Low Pass, Band Pass und High Pass und ziemlich ausgefuchste Modulationsmöglichkeiten. Das Yamaha-12dB-Filter klingt gut, aber deutlich neutraler als etwa ein Moog- oder ARP-Filter. Für knallharte Bässe ist er eher nicht prädestiniert. Das soll aber nicht bedeuten, dass dieser Synthesizer keine Power hätte. Ich habe die Version CS-15D (mit Presets und eigenprogrammierbaren Teil) Anfang der 80er Jahre gerne live gespielt und der Klang war immer sehr durchsetzungsfähig. Das Multimode-Filter habe ich erst beim CS-40M kennengelernt. Hier habe ich sehr schnell den berühmten Miau-Klang (auch „The Cat“ genannt) gefunden, der den Dare!-Song  „Love Action (I Believe In Love)“ einleitet.

Der Yamaha CS-15 verfügt über ein Multimode-Filter.

Human League – Dare! – Roland Jupiter-4

Für die Akkorde auf Dare zeichnen vor allem der Roland Jupiter-4 und der Korg Delta verantwortlich. Dem Jupiter-4 ist eigentlich erst in den letzten Jahren die Wertschätzung entgegengebracht worden, die er verdient. Heute rühmt man seine schnellen Hüllkurven, das bissige Filter mit Selbstoszillation und den LFO, der bis in den Audiobereich geht und so dem Jupiter-4 auch metallische und Ringmodulator-ähnliche Klänge ermöglicht.

Damals sahen viele im Jupiter-4 einen Synthesizer mit sehr begrenzter 1-VCO-VCF-VCA-Architektur und klobiger Tastatur. Zum hässlichen Design passte ein Klang, der ohne zugeschalteten Ensemble-Effekt zuweilen recht dünn sein konnte. Das Instrument bot lediglich acht Speicherplätze für eigene Klänge an. So wurde der Roland Jupiter-4 sehr schnell ausgestochen: durch den Prophet-5, die polyphonen Oberheim-Synthesizer und später den Jupiter-8 aus dem eigenen Hause. Heute sind wir klüger.

Der „voice assignment mode“ des Jupiter-4 ist auf „Seconds“ zu hören, wo zwischen Sounds mit einem und zwei Oszillatoren pro Stimme gewechselt wird.

Human League – Dare! – Korg Delta

Der Korg Delta wiederum ist ein aufgebrezelter String-Synthesizer mit Divider-Technologie. „Open Your Heart“ ist ein gutes Beispiel für den Korg-Stringsound. Anders als ein ARP Solina oder das Hohner Melody bot diese neue Spezies von Ensemble-Keyboards auch einen einfachen Poly-Synthesizer an. Der Korg verfügt über eine ADSR-Hüllkurve, sogar mit umkehrbarer Hüllkurvenfunktion. Das (sehr gut klingende)  Filter bietet Auswahl zwischen Lowpass und Bandpass und es gibt einen Regler für die Filter-Resonanz. Zu den weiteren Besonderheiten zählen ein Rauschgenerator und ein Joystick zur Steuerung der Modulation. Ein sehr feiner und eigenständig klingender Flächenleger.

Der Korg Delta liefert auf „Dare!“ Streicher- und Padsounds

Human League – Dare! – Die Casios

Dazu kamen noch zwei Billig-Keyboards von Casio, die wohl eine Spur New Wave-Frische in die Produktion wehen sollten.  Das Casio VL-1 ist gut auf „Open Your Heart“ herauszuhören. Das Flöten-Preset spielt das Hauptthema. Für das gut eine Minute dauernde Stück „Get Carter“ benutzte die Band das VL-1-Preset „Fantasy“, veredelt mit Digitalhall und Chorus. Bis heute genießt das Casio VL-1 Kultstatus. Das Instrument besitzt eine Knopftastatur und einen eingebauten Lautsprecher. Hierzulande bekannt geworden ist das VL-1 vor allem durch den Hit „Da da da“ der „Neue Deutsche Welle“-Band Trio. Das Casio VL-1 beweist, dass auch der Klang eines Billiginstruments großen Wiedererkennungswert besitzen kann. Und gut für einen Hit ist!

Das Casio M-10 war wohl das erste mit Batterien betriebene, tragbare polyphone Digital-Keyboard. In einer Anzeige von Music Specialties, Galvestone Texas, wird es als „Personal Portable Electronic Keyboard“ beworben. Komplett mit Batterien und Tragetasche für 149,- US-$. Das Instrument besitzt 32 Mini-Tasten und wie das VL-1 einen eingebauten Lautsprecher. Der Synthesizer, der über ganze vier Preset-Klänge verfügt, kann aber auch an einen Verstärker angeschlossen werden.

Das Casio VL-1 kommt auf “ Human Leagues „Dare!“ sogar zu solistischen Ehren

Human League – Dare! – Umzug nach Streatley

Das Genetic Sound Studio von Martin Rushent befand sich in Streatley, einem an der Themse gelegenen Dorf in der Grafschaft Berkshire. Die Bewohner hatten etwas zu gucken, als Phil Oakey hier auftauchte mit seinem asymmetrischen Haarschnitt, auf High Heels und knallrot geschminktem Mund. Carri Mallard, die persönliche Assistentin von Produzent Rushent, holte die Sängerinnen Susan und Joannne am Bahnhof ab: “Sie saßen auf dem Rücksitz meines kleinen roten Hillman-Imps, mit ihrem nördlichen Akzent. Sie waren wunderbar bodenständig und voller Vorfreude auf das Ganze.” (Electronic Sound)

Ein Kontrollraum so groß wie das Studio

Das Studio muss Human League nach dem maroden „Monumental Studio“ in Sheffield wie der Himmel auf Erden vorgekommen sein. Der Kontrollraum war riesig: neun mal sechseinhalb Meter. Das Studio selbst war gar nicht viel größer, was für Synthesizer-Musik aber kein Nachteil war, wie Produzent Rushent berichtet. „Das geschah, weil ich feststellte, dass im Kontrollraum immer mehr Arbeit geleistet wurde. Und auch, weil dort die gesamte Synthesizer- und Programmierausrüstung untergebracht war, die ich gekauft hatte.“ (SoS)

Der Regieraum wurde von einer großen 32-Kanal-Konsole des US-amerikanischen Audio Equipment-Herstellers Music Center Incorporated (MCI) beherrscht.  Mit dem MCI-Pult war sogar ein gewisses Maß an Studioautomation möglich: „Aufgrund des rudimentären Computer-Mixes hatte ich VCA-Fader und Mute-Schalter als die beiden Dinge, die ich programmieren konnte. Das hat mich nach dem Mix zu 90 Prozent entlastet und ich konnte dann mit den Effekten weiterarbeiten. Was ich an diesem Pult jedoch wirklich liebte, waren die Equalizer.“ (SoS) Rushent hat es später bereut, das MCI gegen ein SSL-Pult auszutauschen, das zwar stark verbesserte Mix-Funktionen aufwies, nur leider nicht den Sound des MCI-Pultes lieferte: „Meiner Meinung nach mag das SSL technisch korrekt klingen, aber musikalisch korrekt klingt es nie.“ (SoS)

Hier der Song, der das Dare!-Album eröffnete: „The Things that are made of“. Der Album-Titel „Dare!“wurde übrigens in Versionen mit und ohne Ausrufezeichen verwendet. Da meine eigene CD eine Version „mit“ ist, habe ich auch den Titel im Text durchgängig mit „!“ geschrieben.

Abhören in Club-Lautstärke

Rushents Studio-Konfiguration zur Zeit der „Dare!“-Aufnahmen wurde durch eine Otari-24-Spurtonband mit Dolby-Rauschunterdrückung, Viertel- und Halbspurmaschinen von MCI, jede Menge von Outboard-Effekten und JBL 160-Monitore komplettiert, die auf Betonblöcken ruhend in die Wand eingelassen waren. Daneben nutzte Rushent Nahfeldmonitore des britischen Herstellers Denton und liebte es, zwischen diesen und den JBL-Kloppern hin- und herzuschalten. Rushent gehörte zu den Producern, bei denen es im Abhörraum auch mal ordentlich dröhnen musste: „Ich wollte eine wirklich laute Regie, die ich auf das Pegelniveau bringen konnte, das ich in einem Club oder bei einem Konzert hörte, denn ich mischte auf diesen winzigen Dentons und schaltete dann zwischen ihnen und den JBLs um. Das sollte sicherstellen, dass die Musik sowohl gut klang, wenn sie wirklich laut gespielt wurde, aber auch, wenn sie im Radio oder auf den Heimstereoanlagen der Leute gespielt wurde.“ (SoS)

Ein mächtiges Modularsystem – das Roland System 700

Roland Modularsystem 700

Aber auch was das sonstige Equipment anging, hatte Produzent Martin Rushent einiges zu bieten. So besaß er ein Roland Modularsystem 700, das das Klischee von den japanischen Billig-Synthesizern Lügen strafte. Es ist in allen Baugruppen hervorragend verarbeitet, verfügt über weißes und rosa Rauschen, Ringmodulation, ist stimmstabil und hat einen Klang, der über jeden Zweifel erhaben ist. Der Moogulator urteilt über dieses Modular-System der Königsklasse: „Man könnte es klanglich als den Prototypen für alle analogen Synthesizer von Roland bezeichnen. Das ist freilich ein sehr hoher Standard. Die Oszillatoren klingen rund und obertonreich, die Filter zeigen kaum Bassverlust bei höheren Resonanzwerten. Alle Eigenschaften, die man bei Roland Synthesizern liebt, sind hier vereint.“

Rar und immer noch begehrt: Dieser MC-8 wurde auf Reverb für knapp 10.000,- US-$ angeboten.

Roland MC-8 MicroComposer

Ebenfalls State of the Art war der Roland MC-8 MicroComposer, der entscheidend an der Produktion von „Dare“ beteiligt war. Ein computergesteuerter 8-Kanal CV/Gate-Sequencer, der editiert werden konnte.  Als er 1977 auf den Markt kam, kostete er 4.795,- US-$. Nur 200 Stück sollen weltweit verkauft worden sein. Er besaß ein 16 kB RAM, das die Aufnahme von bis zu 5200 Noten erlaubte. Roland-Gründer Ikutaro Kakehashi hatte sich persönlich in die Entwicklung eingemischt und dafür gesorgt, dass ein größerer Speicher eingebaut und der Transistor-Transistor-Logik-Schaltkreis gegen einen Mikroprozessor ausgetauscht wurde. Ebenso wurde die Zahl der Kanäle auf sein Geheiß auf acht erhöht. Die Möglichkeit, mehrere Synthesizer zugleich anzusteuern und zu synchronisieren, ging weit über alles hinaus, was bis dahin mit einfachen Step-Sequencern möglich war.

Das numerische Eingabefeld des MicroComposers. (Bildquelle: Reverb)

Der MicroComposer ersetzt das Keyboard

Der MC-8 MicroComposer und sein Nachfolger MC-4 hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Musik. Erst die Einführung des MIDI-Standards machte Rolands MicroComposer obsolet.  Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Produzent Martin Rushent die Noten der rudimentären Human League-Demos in höchst mühevoller Programmierarbeit in den MicroComposer eingeben musste. Wobei Rushent von den Möglichkeiten begeistert war, wie er dem Music Maker im April 1982 verriet: „Das MC-8 ersetzt wirklich das Keyboard, es sendet genau die Signale, die das Keyboard senden würde, wenn Sie darauf spielen würden“.  Die Bedienung war für Rushent keine Hexerei, sondern kinderleicht.

Der Roland MicroComposer MC-8 konnte auf 8 Kanälen VC- und Gate-Signale ausgeben. (Bildquelle: Reverb)

Komponieren nach Zahlen

Notenhöhe, Gate und Trigger, Filteröffnung und Dynamik – das alles konnte in Zahlen übertragen werden, schwärmte Rushent 1982: „Sie können Klangfarbe und Lautstärke programmieren, indem Sie den VCF und den VCA ansteuern – natürlich sind diese Dinge spannungsgesteuert, so dass Sie damit einen weiteren Speicher auf dem MC-8 belegen können. Sie haben acht Speicher für Steuerspannungen zur Verfügung, so dass Sie bis zu acht Lines auf einmal spielen können.“ (Music Maker)

Rushent hatte seine Arbeitsweise bei „Dare!“ ganz auf den MicroComposer abgestimmt. Sobald die Struktur für einen Song feststand, wurde ein Chart erstellt mit allen Akkorden. „Als nächstes legen wir einen Timecode auf die Multitrack-Spur. Der Timecode wird vom MC-8, dem Roland Microcomposer, erzeugt. Wenn der Song 180 Takte lang ist, geben wir ‚180‘ ein. Wenn es 2/4- oder 3/4-Takte gibt, werden diese ebenfalls eingegeben.“ (Music Maker) Sobald der Timecode auf dem Band war, konnte der MicroComposer die Synthesizer steuern und synchron dazu lief der Linn Drumcomputer.

Das einzige Lied, das komplett ohne Computer-Programmierung auskam und von Hand eingespielt wurde, ist übrigens „Get Carter“.

Der fette Drumsound auf Dare stammt vom einer Linn LM-1

Human League – Dare! – Linn LM-1

Für den Drum Guide-Track nutzte Rushent seine neueste Errungenschaft: die brandneue Linn LM-1. Ein programmierbarer Drumcomputer, der gesampelte Drumsounds verwendete und mit 5.000,- US-$ sündhaft teuer war. Der extrem fette Linn-Sound eröffnet das „Dare!“-Album: Die ersten beiden Takte von „The Things that Dreams are made of“ sind Linn pur, mit einem schönem Hall auf der Snare. „Der einzige Titel, bei dem die LinnDrum nicht zum Einsatz kam, war ‚The Sound Of The Crowd‘, weil ich da die LM1 noch nicht hatte.“ (SoS) Ansonsten ist das gesamte „Dare!“-Album wirklich ein Musterbeispiel für den Sound der Linn. Die hier zudem sehr clever programmiert wurde. Bei „Do or Die“ inklusive Percussion für etwas Latin-Feeling.

Im ersten Aufnahmeschritt gab Rushent allerdings wenig mehr ein als Bassdrum, Snare und die Hihat. Zu dieser ersten Spur mit dem Linn-Beat fügte Rushent dann eine Bass-Linie hinzu und hangelte sich dann weiter im Arrangement: „Als Nächstes gab es eine Gesangsspur zur Orientierung, nur damit wir wussten, wo wir waren.  Und danach ein einfaches Keyboard-Pad, um einige Akkorde einzufügen, bevor ich dann alle Schlagzeug-Fills einprogrammierte. Danach legten wir so lange Schichten übereinander, bis wir meinten, dass das Stück fertig war, und während dieses Prozesses nahmen wir dann auch die Vocals auf.“ (SoS)

Die Vorgehensweise mit dem Timecode erlaubte es Rushent, die Drums bis zuletzt komplett neu gestalten zu können. Beim normalen Recording werden die Schlagzeugspuren in der Regel zuerst aufgenommen, was einen ziemlich festlegt.

Human League – Dare! – Musik mit Masterplan

Der Entstehungsprozess von „Dare!“ ist also so das komplette Gegenteil von „Songs from the Big Chair“. Das von mir hier kürzlich vorgestellte Tears for Fears-Album wurde im Wesentlichen im Homestudio produziert. Rushent dagegen hörte sich die Demos an und rekonstruierte die Human League Songs dann „from the scratch“. Er hatte schnell spitzbekommen, dass er bei Human League die Zügel etwas straffer in die Hand nehmen musste, wenn etwas Gescheites herauskommen sollte. Die Songs, die ihm die Band vorlegte, waren oft über das Stadium einer Skizze nicht hinausgekommen: „Sie waren halb fertig geschrieben oder bestanden nur aus einem Riff. Sie wissen schon: ‚Ja, das ist ein tolles Riff, bauen wir es in einen Song ein‘, und jeder singt dann seine Ideen.“ (SoS)

Die nackten Knochen hätten sie ihm hingeworfen, meint Rushent: „I get given the bare bones.“ Der nahm sich die Zeit und diskutierte einen ganzen Nachmittag mit der Band, was das für ein Song werden sollte. Wie viele Strophen vor dem Refrain, welche Soli er enthalten sollte. So erstellte er eine Struktur, einen Masterplan für jedes einzelne Lied: „Es dauert lange, bis eine Human League Single von A bis Z fertig gestellt ist. Ein Titel beansprucht normalerweise etwa eine Woche. Jede Note, die in eine Human League Platte einfließt, ist eine bewusste Entscheidung, im Gegensatz zu: ‚Nun, nehmen wir noch ein Gitarrensolo und hoffen, dass es ein Gutes ist'“, resümiert Produzent Martin Rushent im Music Maker.

Produzent Rushent nahm Phil Oakeys Stimme mit einem Neumann U77 auf, ein transistorisierter Nachfolger von Neumanns Röhrenklassiker U 67.  (Bildquelle: Neumann)

Die Vocals und eine verhexte Klospülung

Absolut happy war der Produzent mit der Bariton-Stimme von Phil Oakey: „Phil ist ein großartiger Sänger. Seine Stimme ist so unverwechselbar und so mikrofonfreundlich, dass es ein Leichtes war, seinen Gesang aufzunehmen. Ich ließ ihn drei Takes machen, stellte die besten Teile zusammen, und es hat immer funktioniert.“(SoS) Rushent benutzte für die Vocals das Neumann U77. Ein besonderer Trick, den Rushent zum Beispiel bei „Don’t You Want Me“ einsetzte, war es, Phil im Badezimmer singen zu lassen. Er prankte den Human League Frontmann sogar: Eine der Sängerinnen langte von außen durchs offene Toilettenfenster und betätigte die Spülung. Phil erschrak und fragte den Kontrollraum, ob sie das Geräusch auch gehört hätten. „Nein, hier ist absolut nichts zu hören“, bekam Oakey zur Antwort.

Pull – oder wie man einen Sänger in den Wahnsinn treiben kann. (Mit freundlicher Genehmigung von Andrew Martin via Pixabay)

Der Charme gefliester Räume

Der kleine Scherz wiederholte sich noch mehrmals. Kurz bevor Oakey komplett wahnsinnig wurde, klärte die Crew den entnervten Sänger über den Ursprung der sich scheinbar selbst betätigenden Spülung auf.  Produzent Martin Rushent jedenfalls liebt den Resonanz-Effekt eines kleinen gefliesten Badezimmers bei Vocals: „Ich meine, man gibt all dieses Geld für das protzige Akustik-Zeug aus und dann nimmst Du den Gesang einer der größten Hit-Singles aller Zeiten in der verdammten Toilette auf! Ich liebe die Ironie des Ganzen.“ (SoS)

Eine elektronische Version von ABBA

Phil wollte, dass „Dare!“ wie eine  elektronische Version von ABBA klingen sollte. Er wollte Romantik mit Elektronik verbinden. Beim Wiederhören des Albums fallen einem bei einigen Stücken ungewöhnliche Akkordverbindungen auf, die das Album vor der Banalität bewahrten. Auf „Darkness“ und  „I am the Law“ ist die dunkle, melancholische Seite von „The Human League“  herauszuhören. „I am the Law“ endet mit einem Abwärts-Portamento in das der straffe Beat von „Seconds“ einbricht, der die beiden Hits „Love Action“ (Nummer 3 in UK) und „Don’t you want me“ ankündigt. Dass der Song mit dem größten Hit-Potential ausgerechnet der letzte Song des Albums war, irritiert etwas. Der CD-Spieler kam erst ein Jahr später heraus. Es gab noch kein Equipment mit Shuffle-Funktion. Damals musste man noch den Tonarm des Plattenspielers bewegen oder die Audiokassette vorspulen.

Eine elektronische Version von ABBA schwebte Phil Oakey vor (Mit freundlicher Genehmigung von pasja1000 via Pixabay)

You’ve completely ruined the song

Es gibt einen Grund, warum „Don’t you want me“ ans Ende gepackt wurde.  Phil Oakey hasste den Song. Er hatte den Gesang auf die Basis-Tracks aufgenommen und sich eine dunkle Version gewünscht, die Einsamkeit und Kälte vermitteln sollte.  Doch anschließend hatte Rushent zusammen mit Jo Callis jede Menge zusätzliche Synthesizerlinien eingefügt, die das düstere Bild aufhellten. Etwa einen weichen Horn-Padsound im Refrain. Rushent nannte es „ear candy“.

Rushents Endmischung war lupenreiner Upbeat Pop. Der Produzent erinnert sich, wie er vom aufgebrachten Sänger zur Rede gestellt wurde: „Wir brauchen ein Bandtreffen, Martin. Das ist schrecklich. Du hast das Lied komplett ruiniert.“ (SoS) Die sich anschließende Diskussion stelle ich mir lebhaft vor. Der Kompromiss war am Ende, das Material an Virgin zu schicken: „Das taten wir, und als Simon (Draper) den Song hörte, geriet er völlig in Ekstase („orgasms of ecstasy“) und sagte: ‚Das ist unglaublich! Das ist es! Das ist es!'“ (SoS)

Ein vierjähriger Nacktfrosch bricht das Eis

Der Song „Don’t you want me“ bezieht seinen Charme daraus, dass dieselbe Story über Liebe und Verlassenwerden zweimal erzählt wird. Einmal vom Mann, einmal aus der Sicht der Frau. Susan Ann Sulley war die begabtere Sängerin und sollte die weibliche Strophe übernehmen. Rushent hatte bereits 60 Takes vom Refrain mit ihr aufgenommen, ohne dass sie sich beschwert hätte.

Als sie dann die Strophe fast hinbekommen hatten – aber eben nur fast – war sie erschöpft und auch etwas angesäuert, wie sich Produzent Rushent erinnert. In diesem Moment passierte etwas Überraschendes. Die Studiotür öffnete sich: „Mein vierjähriger Sohn James kam herein, splitterfasernackt bis auf ein Paar grüne Wellington-Boots mit Froschgesichtern an den Zehen und sagte: ‚Hallo‘. Sue kriegte sich gar nicht mehr ein, das brach das Eis, und bei der nächsten Aufnahme bekamen wir genau die fehlende Linie, die ich haben wollte: ‚I was working as a waitress in a cocktail bar, that much is true.‘ Also, danke, James. Er war schon damals ein Produzent.“ (SoS)

Phil Oakey und die beiden Sängerinnen Susan Ann Sulley und Joanne Catherall

Die Kellnerin aus der Cocktail-Bar

„Don’t you want me“ ist perfekt produziert. Martin Rushent hatte ein ausgezeichnetes Händchen dafür, jedem Sound im Mix seinen Platz zu geben. Da ist nichts wischiwaschi, sondern alles transparent und durchhörbar. Er lieferte das ab, was man im Englischen eine „sleak production“ nennt. Aber auch die Story war gut. Ein Typ lernt eine Kellnerin in einer Cocktail-Bar kennen. Die beiden werden ein Paar. Er – so sieht er das wenigstens – weckt das in ihr schlummernde Potential, doch fünf Jahre später wendet sie sich von ihm ab. Worauf er erst droht:

But don’t forget it’s me
Who put you where you are now
And I can put you back down too

Und dann in Selbstmitleid zerfließt

Don’t you want me, baby?
Don’t you want me, oh

Eine emanzipierte Geschichte

An diesem Punkt setzt im Song diese erfrischende „das nette Mädel von nebenan“-Stimme ein. Und macht klar, dass Frau jetzt die Dinge selbst in die Hand nimmt:

The five years we have had
Have been such good times, I still love you
But now I think it’s time
I lived my life on my own

Das war emanzipiert, das stellte die „Aschenputtel trifft Millionär“-Fabel auf den Kopf  und servierte den ganzen üblichen Herz-Schmerz-Schmalz mal eben elegant ab. Und dazu dieser ultraeingängige Refrain. Wenn es jemals so etwas wie die perfekte Hit-Formel gegeben hat – hier war sie.

Wenn die Love Story in einer Cocktailbar beginnt. (Mit freundlicher Genehmigung von Jose Fernandez via Pixabay)

Weihnachtsgeschenke für The Human League

Oakey wollte „Don’t you want me“ ursprünglich nicht als Single auskoppeln lassen. Er wurde schließlich überstimmt und wollte wohl weder den Band-Manager Bob Fast noch das Virgin-Management vor den Kopf stoßen.  Manchmal muss man zu seinem Glück eben gezwungen werden. Der Song räumte total ab. Nummer 1 in UK und USA. Es war der Weihnachtshit 1981. Virgin überhäufte die Bands mit Geschenken: Ein Motorrad für Phil Oakey, Mäntel aus Kunstpelz für die Sängerinnen, teure Fotoapparate. In der Bugwelle dieses Megahits nahm auch das Album noch einmal Fahrt auf. Platin in Großbritannien, Gold in den USA.

Der Titel „Dare!“ ist übrigens an ein Vogue-Titelbild angelehnt, das auch die Anregung für das Artwork des Covers gab. Wenn ein Album kommerziell so erfolgreich ist, reagieren viele Plattenkritiker gerne skeptisch. Doch in diesem Fall ging Massenkompatibilität mit Kritiker-Elogen Hand in Hand.

Human League – Dare: A Masterpiece

Steve Sutherland überschlägt sich förmlich im Melody Maker: „Ich denke, es ist ein Meisterwerk. Es wird sicherlich einige verärgern, von Millionen von Menschen gekauft werden, und das sollte es auch durch die Art und Weise, wie es die Rock-Traditionen mit Füßen tritt.“ Sutherland erkennt aber auch klar die Doppelbödigkeit des Albums, die seine eigentliche Faszination ausmacht: „Dare sollte ein für alle Mal die klägliche Farce der Pop-Mythologie aufdecken.“ (Melody Maker, Oktober 1981)

Nicht weniger überschwänglich fällt Paul Morleys Rezension für den New Musical Express aus: „Viel mehr als ABBA oder wen auch immer Sie mögen, beweist Human League, dass eine wunderbar ernsthafte, aufrichtige Middle of the road Musikstil, Qualität und Raffinesse besitzen kann … Ich denke, dass Dare zu den großen populären Musik-LPs gehört.” (NME, Oktober 1981)

Eine Höchstwertung bei den Prog-Fans von AllMusic mag nicht überraschen, aber wenn sogar der Rolling Stone 4 von 5 möglichen Sternen vergibt, dann muss an „Dare!“ schon etwas dran sein. Schließlich rollen sich dem typischen Rolling Stone-Kritiker bei Synthesizer-Musik sonst automatisch die Fußnägel auf.

Das Remix-Album Love and Dancing war aus der Not geboren, sollte aber ungeahnten Einfluss haben.

„Love and Dancing“ – Das Remix-Album

Ein Jahr, nachdem „Dare!“ auf den Markt gekommen war, wurde „Love and Dancing“ veröffentlicht. Martin Rushent hatte das Rohmaterial von „Dare!“ ausgeschlachtet für eines der allerersten Remix-Alben. Der Grund war, dass sie schlicht nicht genug Zeit gehabt hatten, um B-Seiten aufzunehmen.  Martin Rushent hörte zu dieser Zeit Grandmaster Flash und spielte Phil Oakey einige Sachen davon vor: „Es gefiel ihm, also schlug ich vor, einen Remix von ‚Love Action‘ zu machen, indem wir es zerstückelten und mit Effekten versahen, und uns auf diese Weise Virgin vom Hals schaffen konnten!“ („The Story of Human League ‚Dare‘ and ‚Love and Dancing'“ , Classic Album Sundays)

Nachdem Oakey allerdings mehrere Remixe am Stück gehört hatte, war er sich nicht mehr so sicher, ob er das Ganze als Human League-Album veröffentlichen wollte. Schließlich kam man überein, dass Rushent  „Love and Dancing“ in eigener Regie veröffentlichte. Als Anspielung auf Barry White’s “Love Unlimited Orchestra” wurde als Bandname „The League Unlimited Orchestra“ gewählt.  Es war ein ziemliches Projekt, wie sich Martin Rushent später erinnerte: „Es wurde auf einem Pult gemischt, ich hatte die Mehrspuraufnahme von Dare, einen Harmonizer auf Send One, überall Delay-Lines und Phaser, und ich schnippelte in dem Material herum… Es gab Tausende von Edits auf dem Master und es dauerte ewig.“ (Tom Flint: Martin Rushent: Producer, SoS)

Das Album wurde billiger als normale Platten angeboten, weil die Band besorgt war, einige Fans könnten auf die Wiederveröffentlichung bekannter Titel säuerlich reagieren.  In der Rückschau wird „Love and Dancing“ von einigen Kritikern sogar noch mehr Einfluss zugebilligt, als „Dare!“: „Die Sounds waren ihrer Zeit weit voraus und beeinflussten nicht nur eine Generation von New-Wave-Tanzkünstlern, sondern fanden ihren Weg in die Electroclash-Szene des letzten Jahrzehnts.“ (Classic Album Sundays)

Human League – Dare! – Epilog

Eingangs erwähnte ich, dass Human Leagues „Dare!“-Album für viele Synthipop-Bands den Boden bereitet hat. Bands, die später übrigens oft einen nachhaltigeren Erfolg hatten, als Human League selbst. Wenn ich etwa an die Pet Shop Boys denke, an OMD oder die Eurythmics und ganz speziell an Depeche Mode. Bei The Human League folgte auf „Dare!“ das Album „Hysteria“, das es in Großbritannien immerhin noch auf Platz 3 brachte. Bemerkenswert ist die Singleauskopplung „The Lebanon“ – Gitarren waren auf einmal wieder in Mode.

What do you know about what young people want?

Die Band hatte die Arbeit an „Hysteria“ zunächst wieder gemeinsam mit Martin Rushent begonnen. Aber irgendwie war den Musikern der schnelle Ruhm zu Kopfe gestiegen. Oakey soll mehr mit seinem Motorrad beschäftigt gewesen sein, als mit der Musik. Als Rushent in gewohnter Weise in Seelenruhe die Drums programmierte, beschwerte sich die Band, dass er nicht zu Potte käme. Als Rushent sinngemäß sagte, es dauert eben, solange es braucht, aber dann ist es auch top, fuhr ihm Susan Ann Sulley über den Mund: „Ja, aber was weißt Du schon darüber, was junge Leute wollen?“ (SoS) Das war für Martin Rushent, der der Band gerade erst zu Platin-Ruhm verholfen hatte, dann doch ein bisschen zu viel. Er bot Ihnen seine Kündigung an, ließ die drei verdattert im Studio zurück und verschwand.

1986 kam dann „Crash“ heraus mit der Single-Auskopplung „Human“, die es in den USA noch einmal auf Platz 1 schaffte. Es folgte noch eine Handvoll Alben, denen aber größerer kommerzieller Erfolg versagt blieb. Und auch die Kritiker monierten, dass The Human League keine neuen Tricks gelernt hätten.

Augen zu und durch… und am Ende viel Geld

In den 90ern hatten The Human League eine schlimme Zeit: „Wir wurden gemieden wie Leprakranke“, berichtet Phil Oakey. (Der Spiegel) Eine Zeitlang konnte man in England The Human League sogar für Betriebsfeiern buchen.

Mit dem Revival der 80er waren The Human League dann wieder im Geschäft. Inzwischen sind sie wieder regelmäßig auf Tournee. Phil Oakey und seine beiden Sängerinnen ziehen live immer noch ein Publikum an, das auf Zeitreise gehen möchte. Über eine dieser Tourneen berichtete Joanne Catherall 2011 im Spiegel: „Das Publikum bei diesen ‚Achtziger-Jahre-Revival-Tourneen‘ ist schon, nun ja, besonders. Wir haben mit Culture Club, ABC und Howard Jones eine Achtziger-Hit-Tournee gemacht, und ehrlich gesagt: Der einzige Grund dafür war das Geld. Augen zu und durch… und am Ende viel Geld.“

Wie heißt es noch mal in „The Things that dreams are made of“?

Everybody needs love and adventure
Everybody needs cash to spend
Everybody needs love and affection
Everybody needs two or three friends

Zitate lieber übersetzt oder im Original?

Ich habe im Bericht zu „Dare!“ zum ersten Mal alle englischen O-Töne eingedeutscht – die Originalstellen findet ihr über die Quellenangaben. Bei Übersetzungen sollte man einerseits nah am Original bleiben, aber ganz ohne ein paar Freiheiten geht es auch nicht, weil es sonst teilweise fürchterlich klingt. Bei dem Zitat im Fazit habe ich auf die Übersetzung allerdings verzichtet, weil es sonst seinen ganzen Charme eingebüßt hätte. Ich selbst bin etwas im Zwiespalt, weniger bei den atmosphärischen als bei den technischen O-Tönen, bei denen man im Deutschen zuweilen zu einer Präzisierung gezwungen wird, die das englische Original manchmal gar nicht hergibt. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen, ob ihr den leichteren Lesefluss, wenn der ganze Text deutsch ist, begrüßt, oder ob ihr lieber die Original-Zitate lesen wollt.

Fazit

Zur 30-jährigen Jubiläumsausgabe von Dare! merkte ein Kritiker der BBC an, dieses Album sei so perfekt – selbst wenn es The Human League dabei belassen hätten, wäre ihr musikalisches Erbe damit komplett gewesen. Jetzt hat das Album bald 40 Jahre auf dem Buckel und ist immer noch ein Klassiker. Die Kompositionen sind gut, Phil Oakeys Stimme ist großartig und Produzent Martin Rushent sorgte mit seiner Computergesteuerten Produktion für den notwendigen „cutting edge“. Es ist Pop-Musik im besten Sinne, aber eben nicht komplett weichgespült. Susan Ann Sulley und Joanne Catherall hätten heute wohl keine Chance, auch nur die erste Runde bei DSDS zu überstehen. Aber gerade ihre eben nicht ganz perfekten Stimmen tragen zur Erdung von Dare! bei. „It was all cups of tea and fish and chips“, sagt Jo Callis: „For all the make-up and bizarre hairstyles, there’s a definite element of ee-by-gum about Dare. Which I love.“ Da hat er meine volle Zustimmung. Aber was zum Teufel bedeutet „ee-by-gum“?

Forum
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    Ted Raven  AHU

    Obwohl es mir eigentlich zu poppig/schnulzig-soft sein sollte, ist Dare bis heute eines meiner Lieblingsalben. Synth Pop und Synth Wave sind Musikrichtungen, die ich früher selbst gemacht habe und auch heute noch sehr gerne höre.

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      costello  RED

      Wie Phil Oakey selbst sagt: Eine Zeitlang waren sie völlig weg vom Fenster. Auch bei mir stand die Platte im hintersten Winkel. Inzwischen kann ich diese Musik wieder sehr gut hören. Die beiden ersten Human League-Alben mag ich sowieso. Und was nach Dare kam, hat mich damals schon nicht sonderlich vom Hocker gerissen.

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    swissdoc  RED

    It’s just a quick Google away. According to the urban dictionary it is just another yorkshire slang word meaning oh my god.

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      costello  RED

      Danke Swissdoc, die Frage hatte ich auch mehr aus stilistischen Gründen ans Ende des Fazits gestellt ;-)

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    TobyB  RED

    Super! :) Dare! ist schon ein Klassikeralbum. Ich hab so bei Human League immer so den vagen Verdacht das deren Label Virgin(?) manchmal mehr an die Verkaufszahlen als an den Act gedacht haben. Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie man einen Sprung von Rushent zu Moroder und dann zu Jimmy Jam und Terry Lewis macht. Crash als Album klingt für mich nach Janet Jackson für ü30 ;) Wohlgesonnen könnte man es auch als eines der unscheinbarsten DX7 Performances betiteln. Höhepunkt ist dann I need your loving. Wo ich ich dann immer denke, da hör ich Midnight Star o.ä.

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      Willemstrohm  AHU

      Virgin steckte zu der Zeit in einer tiefen Krise und musste eine Menge Verträge mit Musikern und Bands kündigen. Es war tatsächlich das Album „Dare“, welches das Label wieder in die Gewinnzone brachte. Das Motorrad, von dem Costello da schrieb, mit dem sich Oakey so gern beschäftigte, müsste das gewesen sein, welches er von Richard Branson geschenkt bekam, weil er diesem quasi den Allerwertesten rettete mit dem Album.

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      costello  RED

      Virgin hat schon genau aufs Geld geschaut, deshalb wären Human League ja beinahe schon vor „Dare“ wieder weg vom Fenster gewesen. Sie hatten im Virgin-Mitgründer Simon Draper wirklich einen Verbündeten, gegen Nik Powell. Und Draper konnte auch auf die Unterstützung Bransons zählen, was wohl den Ausschlag gab, dass sie weitermachen durften. Und für Virgin hat es sich ja – wie Willemstrohm schreibt – wirklich ausgezahlt.

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    Willemstrohm  AHU

    Was Costello macht, ist immer gut.
    Feature über ein Album der für mich wichtigsten Band (egal, ob Mark I oder II). Selten waren Poproduktionen so schön transparent wie bei diesem Album. So konnte man beim Durchhören der Songs Songwriting und Produktion hören und lernen. Ging mir jedenfalls so.
    Kleine Fun Facts nebenbei – 1. die Eltern der Mädels ließen es nur deswegen zu, dass die Töchter in so jungen Jahren in dieser Band singen durften, weil sie Phil Oakey für schwul hielten und sie so nicht befürchteten, dass er ihnen nachstellen würde.
    2. der bekannte New Yorker Musikjournalist Lester Bangs verstarb beim Hören von Dare.
    3. wo hier auch Tears for Fears fiel…. Ian Stanley wirkte in den 90ern auch bei Human League Produktionen mit
    4. Human League (vor allem in der frühen Phase der ersten 3 Alben hielten es wie Queen – nur en contraire) – während Queen auf frühe Alben (nach dem ersten) explizit drucken ließ, dass diese Band keine Synthesizer verwendete bei den Aufnahmen, ließen Human League auch extra vermerken, das keine Gitarren verwendet wurden. (Hing eigentlich damit zusammen bei Queen, dass ein Musikjournalist beim ersten Album Synthesizer gehört haben will, wo gar keine waren).
    5. „Don’t you want me“ war wirklich das schrecklichste Lied des Albums … hehehehe … aber egal.
    6. „Seconds“ beschreibt den Mord an Kennedy, im Prinzip nur den Moment der Schüsse. Nach wie vor eine endgeile Nummer.
    7. Bei der Auskopplung von „The Sound of the Crowd“ und dem Auftritt dazu bei Top of the Pops gab es einen Skandal. Man sah erstmals gepiercte Brustwarzen im TV (bei Phil Oakey). Im noch sehr prüden GB der frühen 80er ein No Go, so etwas in einer Sendung für Jugendliche zu zeigen.

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      costello  RED

      Danke Willemstrohm und danke auch für die wunderbaren Fun Facts. Das mit Lester Bangs ist wirklich heftig. Also bei mir klingelten nur die Ohren, aber nach Sterben war mir nicht zumute. Ich hatte mir allerdings auch keine Überdosis Drogen reingezogen. Ja, der Gitarrenhass ist legendär, aber dann bei Lebanon in die Vollen. Im Übrigen bewundere ich genau wie Du diese wahnsinnige Durchhörbarkeit des Albums. Man weiß wirklich was passiert. Und ist fasziniert.

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        Willemstrohm  AHU

        Hehehe, ja der Gitarrenhass. Den haben viele Synthpopper. Aber irgendwann nimmt man wahr, wie symbiotisch Gitarren mit Synths auch für Synthtracks sein können. Hab‘ mir gestern auch wieder ’ne neue Klampfe bestellt.
        Mein neues Credo lautet daher: Die Gitarre ist der Synthesizer der Zukunft. Das Revival der Gitarre im Pop steht an.

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          costello  RED

          Da passt es, dass ich gerade an einem Making of zu Violator sitze, was rechtzeitig zum 30. Geburtstag des Albums im März erscheinen soll. Als Produzent Flood Martin Gore bat, zu „Enjoy the Silence“ auf der Klampfe zu spielen, lehnte der zunächst ab: „‚There’s far too much guitar on this record already’ :-))

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            gaffer  AHU

            @Costello: klar, ist extrem OT, aber wie hast du beim Zitat 3 Anführungszeichen hinbekommen und am Ende nur eines? 🤣

            Auch zum Album noch einen Satz. Mich nervte es extrem damals, aber so viele begeisterte Stimmen dazu. Ich werde es mir nich mal anhören. Und ich hörte in der Zeit ausschliesslich diese Musik.

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          TobyB  RED

          Ich finde Gitarre und Electronic gehen gut zusammen. Zu meinen wirklichen Lieblingsalben zählen The Lightning Seeds und Electronic. Wobei Johnny Marr für mich das Non Plus Ultra einer zeitlosen Pop Gitarre darstellt. Und Ian Broudie die Elemente Electronic, Songwriting und Gitarre sehr klasse zusammen führt.

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            Willemstrohm  AHU

            Hab gerade ’ne Electronic Phase. Vor allem deren ganz frühe Phase interessiert mich. Und ja, Marr hat ein verdammt nochmal goldenes Händchen für Pop und sehr interessante Harmonien auf Lager. Interessant, dass dessen Mentor Billy Duffy von The Cult war, der auch eine ganz eigene Handschrift und ’nen schönen Gretsch Sound pflegt.

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              TobyB  RED

              The Cult gehen auch immer :) Billy Duffy dürfte einigen das Gitarre spielen beigebracht haben. Marr sollten sich mal die Kollegen aus der Gitarren Redaktion annehmen. Die Liste seiner Solo, Band und sonstiger Aufnahmen ist lang. Alleine das Kapitel Electronic hat einige Anekdoten parat. Sein Ausstieg bei den Smiths ist gradlinig und konsequent.

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            costello  RED

            Das Video The Lebanon ist übrigens oben schon im Beitrag enthalten. Mit Hinweis „Gitarren waren wieder in Mode“. 😉

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              Willemstrohm  AHU

              Gerade in Sheffield. Gar nicht mal so lange danach kam ein komplett gitarrenlastiges Album namens „Hysteria“ (nicht verwandt und verschwägert mit dem HL Album) raus. Das der Sheffielder Hardrock/Metal Band Def Leppard. Hat sich nur schlappe 20 Mio. mal verkauft.

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                costello  RED

                Aus den beiden Sheffielder „Hysteria“-Alben könnte man glatt eine 250.000,- Euro-Frage bei Günther Jauch schnitzen ;-)

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    Willemstrohm  AHU

    Was „Don’t you want me“ auch so populär machte, war im Übrigen das auch für heutige Verhältnisse noch sehr aufwendig produzierte Musikvideo dazu. Ein „Film im Film“ quasi. Regie führte übrigens der Regisseur Steve Barron, der später beim Film „Electric Dreams“ Regie führte. Der Film war typische Teeniekacke, ist aber deswegen erwähnenswert, weil der Titelsong daraus ein veritabler Hit für Moroder und Oakey wurde. Das Album hingegen, welches die Beiden aufnahmen, ist hingegen übel gefloppt.

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    Willemstrohm  AHU

    Schöner Satz übrigens aus dem Artikel:

    „Human League bewiesen mit „Dare!“, dass man ganz ohne Gitarren sehr eingängige Musik machen kann. Und dass Synthesizer weder nach teutonischen Robotern noch nach „Outer Space“-Geblurbse klingen müssen.“

    Das ist die Essenz, der Kern dessen, der den Erfolg des britischen Synthpops zu dieser Zeit und noch für einige Jahre später beschreibt und trifft. Entweder wabberten und mäanderten dort bis dato in Progrockmanier die ewig gleichen Synthdudeleien rum oder man kopierte Kraftwerk und Co. Und DAS änderte sich mit diesem Album. Straight, tanzbar, schnörkellos auf die Bedürfnisse der Jugend ausgerichtet, ohne dabei zu seicht zu werden. Intelligent gestricktes Konsumprodukt, musikalisches Warholika für die 80s.

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      costello  RED

      ja, das stimmt. Wobei auch am Ende des Jahrzehnts die deutschen Vorbilder durchaus noch wirkten. Depeche Mode hatten sich für Violator bewusst François Kevorkian geholt, weil er Kraftwerks Electric Café abgemischt hatte. Und trotz der vielen Bluesgitarren: „World in my Eyes“ klingt wie eine Hommage an Kraftwerk. Und bei „Waiting for the Night“ hatten Alan Wilder und Produzent Flood nach eigenem Bekunden sich vorher reichlich Tangerine Dream reingezogen.

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    iggy_pop  AHU

    „Wer auf die beiden ersten Human League-Alben „Reproduction“ und „Travelogue“ abgefahren war, der lief Gefahr, beim ersten Kontakt mit „Dare!“ einen Hörsturz zu erleiden.“ — Das kann man so sagen: Nach so einem verstörenden Titel wie „Black Hit of Space“ plötzlich das vehement losbolzende „Don’t you want me?“, das nach vehementem Intro in Pop-Fahrwasser abdriftet… das fand ich schon überaus irritierend.

    Für mich waren Human League mit den beiden Tanten keine interessante Band mehr — was nicht verwundert, denn ich mag keine Popmusik, die nicht wenigstens ein kleines bißchen widerborstig geblieben ist.

    „lads with long coats“ — zehn Jahre später nannte man die dann wohl „anoraks“.

    Daß irgendwelche Verstrahlten meinen, 10.000 US$ für einen Roland MC-8 ansetzen zu können, zeigt nur, wie groß die Kluft zwischen ihnen und der Realität ist — eine Null kann man da locker streichen, und das ist noch großzügig bemessen.

    Der MC-8 entspricht in seiner Bedienung einer eingehenden Prostatauntersuchung — es soll Leute geben, die sowas lieben.

    „Er prankte“? — hättest Du nicht besser „er verarschte ihn“ oder „spielte ihm einen Streich“ schreiben können — der Anglizismus wirkt an der Stelle seltsam fehl am Platze, im Sinne von „(Bären-)Pranke“… „sleek production“ mit Doppel-E. Da leckt nix („to leak“).

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      costello  RED

      Und ich habe noch überlegt, ob „wurde mit der Einführung von MIDI obsolet“ vielleicht zu hart formuliert ist. :))

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        iggy_pop  AHU

        Der MC-8 war eigentlich schon bei seiner Einführung obsolet — es gibt eine schöne Geschichte von Suzanne Ciani, wie sie ihr erstes Album komplett auf dem MC-8 programmierte und alle Daten beim Backup verloren waren, weil der MC-8 äußerst pingelig war, was die Pegel der Datencassette anging. Fürderhin machte sie eine geradezu religiöse Zeremonie daraus, mit ganz fest einzuhaltenden Ritualen, damit der MC keinen Blödsinn mehr machte. Muß beängstigend gewesen sein. Musik für Registrierkassen.

        Wer auf dem Ding firm war, konnte natürlich für eine Weile gut an Jobs kommen und sich einen Namen machen — nicht zuletzt Hans Zimmer.

        Entwickelt wurde der MC-8 m. W. nicht von Roland, sondern von einem Amerikaner, der eine einkanalige Version davon entworfen hatte, welche bei Roland auf Interesse stieß und zum MC-8 ausgebaut wurde.

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          costello  RED

          Das war eine der weisen Entscheidungen von Herrn Kakehashi, bei den Kanälen draufzusatteln. Ein Verkaufsschlager wurde die MC-8 dadurch nicht, aber Roland punktete wenigstens im Profilager. Arme Suzanne Ciani!

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    0gravity  

    Wiedereinmal ein sehr interessantes „Making Of“, vielen Dank dafür.
    Das wird sogar möglicherweise dazu führen, dass ich mir diese Platte zum ersten mal in Gänze anhören werde.
    Nachdem ich damals, kurz vor erscheinen von „Dare“, „Travelogue“ für mich entdeckt hatte, ging „Don’t You Want Me“, bis auf die paar Takte Intro, gar nicht und ich habe deshalb die ganze Platte ignoriert.

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      costello  RED

      Ja, zwischen „Travelogue“ und „Dare“ liegen wirklich Welten. Inzwischen bekenne ich mich zu meinen „guilty pleasures“. „Dare“ ist lupenreiner Pop, aber Stücke wie „Seconds“, „Darkness“, „I’m the law“ haben noch ein zweites Gesicht. Ich fand die Balance damals noch ganz gelungen. Auf Crash war sie – wie Toby oben schreibt – dann gekippt.

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        0gravity  

        „Guilty Pleasure“, den Ausdruck, kannte ich noch gar nicht, trifft aber das Gefühl ganz gut, das ich z.B. hatte als ich damals „Give Me…“ von Abba gehört habe ;)
        Über die Jahre bin ich aber deutlich toleranter geworden, was die Musik angeht die andere hören :) und es ist mir inzwischen völlig Wurscht was andere davon halten was ich höre.
        Von daher werde ich mir „Dare“ (hoffentlich) weitgehend vorurteilsfrei anhören können.

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        TobyB  RED

        Mahlzeit ;) Nicht das der Eindruck aufkommt ich hätte was gegen RnB der 80er. Im Gegenteil. Das nimmt einen großen Teil der Plattensammlung ein. Nur der Sound von Jam Lewis passt nicht zu Human League. Das können andere besser und originärer. Für mich gehörten Human League immer zu Northern Soul mit Maschinen. Auf Crash verleugnen sie ihre Wurzeln und biedern sich an. Funfact, wenn überhaupt wird Human als Encore auf Konzerten gegeben. Wobei einmal so ein 80ies Weekender in UK und man ist mit dem Thema durch.

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          Willemstrohm  AHU

          Jo, das Problem ist, dass sowohl Jam & Lewis als auch Moroder (siehe Aibum mit Oakey) wohl zu der Kategorie Produzenten gehören, die wenig Entscheidungsprozesse den Musikern überlassen. Die ziehen ihre Konzepte durch. Oakey schilderte es wohl so, dass im Prinzip schon alles vorproduziert war, als er in die Studios kam. Der wurde da im Prinzip nur auf die Rolle des Sängers reduziert. So wie es Jam & Lewis wohl mit allen ihren Sängern und Kunstprodukten so tun.

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    camarillobrillo  

    Danke für diese Bericht, costello!
    Mein Human League Einstieg war so gegen 1983/84 mit 12/13 Jahren etwas verspätet mit „Travelogue“. Was für ein Album! „Travelogue“ hat mich vom ersten Ton an („The Black Hit Of Space“) fasziniert, und das hält bis heute an.
    Ich habe mich dann über „Reproduction“ bis zu „Dare!“ voran gearbeitet und war erst einmal schwer enttäuscht von dem Album. Das war mir alles irgendwie viel zu sauber. Ich habe sehr lange gebraucht, mir die Platte schön zu hören. Am Ende hat dann doch die Einsicht gesiegt, dass das zwar zu viel Pop war, aber wenigstens mit Instrumenten, die ich mochte – insofern immer noch viel interessanter als das, was meine Klassenkameraden gehört haben ;-)

    Ich kann aber – ebenfalls bis heute – „Dare!“ nicht unabhängig von „Penthouse and Pavement“ hören und betrachten. Das sind für mich zweieiige siamesische Zwillinge die vor(!) der Geburt getrennt wurden.

    Die weitere Entwicklung von Human League fand ich dann eher traurig. Mit Hysteria konnte ich mich durchaus noch anfreunden, aber Crash war einfach nur noch furchtbar – danach habe ich es nicht mehr versucht. (OK, Willemstrohm, ich werde Secrets mal eine Chance geben…)

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      costello  RED

      Danke Camarillobrillo, mir ging es genauso wie Dir. Travelogue fand ich großartig, Dare zunähst sehr gewöhnungsbedürftig. Was Du über Heaven 17 sagst, dem stimme ich absolut zu. Ich habe Penthouse & Pavement deshalb auch einen eigenen Absatz gegeben und das Video einbezogen. Was Heaven 17 damals gemacht hat, fand ich phantastisch. Aber Phil Oakey stand eben mehr auf Slade und ABBA.

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      Willemstrohm  AHU

      Jo, das Problem bei Human League war einfach, dass mit Martyn Ware der Hauptsongschreiber weg war. In Sachen Soundgestaltung spielte Ian Craig Marsh die zweite gewichtige Rolle. Oakey war vor allem Texter und Sänger. Als klassischer Frontman war er zu statisch und spröde um Massen mitzureißen. Philip Adrian Wright kam zu Human League, um die Bühnenshow zu tunen mit seinen Diashows, auch er entwickelte sich mit der Zeit erstmal zum Musiker und hatte von Synths auch nicht sonderlich viel Ahnung. Nach dieser „Umstrukturierung“, dem Split, mussten ein neues Konzept her und Songwriter, um Alben zu füllen. Darin liegt natürlich auch das Problem. Der Vergleich mit der Urbesetzung muss zwangsläufig in die Hose gehen. Mit fast jedem neuen Album kamen andere Songwriter und andere Produzenten dazu. Insofern wird einiges verwischt im Gesamtwerk. Die klassischen Human League Elemente finden sich aber irgendwo immer auf jedem Album. Selbst bei den schwächsten.

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        costello  RED

        Adrian Wright war tatsächlich zunächst keine große Stütze. Susan Sulley lästerte über ihn: „Sein schüchterner Partner Philip Adrian Wright sah auf der Bühne wie ein Depp aus.“ Ich finde aus den gegebenen Umständen haben beide Bands damals etwas ziemlich Gutes gemacht.

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        camarillobrillo  

        @Willemstrohm: „Jo, das Problem bei Human League war einfach, dass mit Martyn Ware der Hauptsongschreiber weg war.“
        Ich denke, das Hauptproblem war, dass m.E. *alle* Beteiligten die Pfade von Human League Mk I in Richtung mehr Pop verlassen wollten. Das haben dann sowohl Human League Mk II als auch Heaven 17 ja auch getan – in etwas unterschiedliche Richtungen. Am Ende hat es aber leider bei beiden nicht gereicht, mich bei der Stange zu halten. Denn auch wenn die ersten drei Heaven 17 Alben m.E. viel besser waren als die Human League Alben derselben Zeit – insbesondere durch die klare politische und sozialkritische Haltung – und auch besser gealtert sind, mit „Teddy Bear, Duke & Psycho“ haben mich Heaven 17 genau so verloren wie zuvor bereits Human League.

        Ich überlege dennoch, mir Heaven 17 im April anzuschauen ;-)

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          Willemstrohm  AHU

          Ob sie es wollten, weiß ich nicht, aber zumindest mussten sie es, wenn sie weiter mit Plattenvertrag in der Tasche mukken wollten. Auch in der Urbesetzung mit HL wollten sie Musik für Massen machen. Nur eben anders. Schließlich finden wir in den frühen Werken ja auch schon Coverversionen von einer Schnulze oder einem Aufguss ehemals poulären Glam Rocks. („You’ve lost that loving feeling“, „Only after dark“)
          Dann kamen auch noch andere Dinge dazu. Wo du „Teddy Bear, Duke & Psycho“ ansprichst. Für das Album entdeckten sie einfach das Sampling für sich und bauten sich so die Tracks zusammen, die dabei aber organisch klingen sollten. War wohl in erster Linie eine technische Herausforderung, die sie angegangen sind.

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          dAS hEIKO  

          Heaven 17 tendierte dann ja auch deutlich in Richtung Soul, R&B. Temptation hätte auch eine Tina Turner Nummer werden können. Und bei GoGo Brown muß ich an „Cotton-Club-Musik“ der 20er/30er denken.
          Das die tHL-Songs nach der Trennung oft nur einer Hookline auf ein Tape gespielt entsprungen sein sollen, merkt man einigen Nummern eben auch an. Dass man Rushent so verärgert hat, machte die Sache nicht besser.
          Ich fand es aber immer gut, dass es beide Bands gab.

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            Willemstrohm  AHU

            Interessanterweise haben Ware/Marsh damals mit B.E.F. Tina Turner produziert. Kurz vor ihrem Solo Durchbruch in den 80ern. Auch Terence Trent D’Arby, einer der Shooting Stars der 80er (der allerdings auch schnell wieder abstürzte) bekam Starthilfe von Martyn Ware als Produzent. Glenn Gregory ist auf dem 1. Album auch in den Backing Vocals zu hören.
            Wie gesagt, viele Songs von Human League wurden auch später schon sehr intelligent gestrickt. Vom seichten Zeugs mal abgesehen, welches du da auf jedem Album findest.

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              camarillobrillo  

              Glenn Gregory ist übrigens nicht nur bei Terence Trent D’Arby, sondern auch bei Tina Turners „Let’s stay together“ zu hören.

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    Willemstrohm  AHU

    „Aber Phil Oakey stand eben mehr auf Slade und ABBA.“

    Glenn Gregory wiederum konnte Phil Oakey nicht wirklich komplett ersetzen, wirkte immer ’nen Tacken blasser (obwohl er ja ursprünglich Sänger von Human League werden sollte). Glenn Gregory tourte zu der Zeit der frühen Human League übrigens mit den Jungs musikaisch rum, die im Kern aus denen bestanden, die später mit Wang Chung erfolgreich wurden.
    Übrigens gab es auch noch die „Fascination“ EP zwischen „Dare“ und „Hysteria“. War auch ordentliches Material drauf.

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      costello  RED

      Bei „Faszination“ und Hysteria“ war ich auch noch dabei. Was mir an „Dare“ halt so gut gefällt, ist, dass es wie aus einem Guss wirkt. Ich finde auch die Abfolge der Stücke gut gewählt. Dass der größte Hit – mit dem größten Abschreckungspotential für alte Fans – ganz zum Schluss kam, war vielleicht ganz gut so. Sound of the Crowd wiederum hätte auch auf Travelogue sein können.

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        Willemstrohm  AHU

        Yep, das mit „Sound of the Crowd“ sehe ich auch so. Auch „I am the Law“, mit dystopischem Comic Bezug hätte noch auf einem der ersten Alben sein können. War wohl auch der erste Song nach dem Split. der für das Album geschrieben wurde.

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    MPC-User  

    Moin.

    „Der extrem fette Linn-Sound eröffnet das „Dare!“-Album: Die ersten beiden Takte von „The Things that Dreams are made of“ sind Linn pur, mit einem schönem Hall auf der Snare“

    Der schöne Hall liegt auf der Clap!
    Oder ich irre und die Clap ist ne Snare🙂

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      costello  RED

      Da hast Du genau hingehört. Das ist keine Snare, das sind die Hand Claps der LM-1. Dafür war die Maschine ja sogar berühmt.

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    Willemstrohm  AHU

    Gibt übrigens noch ’nen Fun Fact, den ich vergas, zu erwähnen. Für Phil Oakey war der wichtigste Mitmusiker (wichtiger als er selbst) in diesen Zeiten aus seiner Sicht Jo Callis. Guter Songwriter, der auch seine Instrumente gut beherrschte (auch die Synths, die er erlernen musste – siehe, was Costello dazu schrieb.). Und hier schließt sich wieder ein Kreis. Wir hatten ja das Gitarren und Synthesizer Rumgehacke zwischen Queen auf der einen Und HL auf der anderen Seite. Beide änderten ja ihre Meinung. Synthesizer wurden bei Queen in den 80ern ja bekanntlich sehr gern eingesetzt, die Gitarren bei HL. Die Herren Roger Taylor (Queen) und Jo Callis (Human League) produzierten gemeinsam einen Song für den Ex-Undertones Sänger Feargal Sharkey (der im Undertones Song „My Perfect Cousin“ noch ironisch Human League in einer Textzeile erwähnte).
    Loving you
    https://bit.ly/3cvxzoe

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    dAS hEIKO  

    Dare! war von Anfang an ein Herzenskauf. Ich liebte die „Mode“, dass die verwendeten Syntheizer gerne auf dem Albumcover genannt wurden. Obwohl es keine großartigen Hits hat, kann man es (fast) am Stück durchhören. Wie man das in den 80ern halt noch gemacht hat. Der Klang der Band war mit diesem Album glasklar. Der Weggang der Gründungsmitglieder wurde mMn erst mit dem Album Luxury Gap zur Konkurrenz. Wobei ich aus heutiger Sicht Heaven17 mehr Ernsthaftigkeit nachsagen würde. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Oakey (wie man auch in Dokumentationen hören kann) sehr von sich eingenommen war und sein Best-of-the-Best-Anspruch nicht ganz zum musikalischen Können passen wollte.

    Da ich dank dieses Berichts nun weiß, wer Jo Callis ist, ist mir auch klar, warum auf dem Folgealbum Hysteria mit The Lebanon ein waschechter Gitarrensong seinen Platz fand.

    Dass es um die Band immer ruhiger wurde lag vielleicht auch an Oakeys Vorstellungen wie die Band zu klingen hatte. Mit den beginnenden 90ern war der Sound aber eben auch angestaubt. Techno stand vor der Tür. Human hielt sie noch etwas über Wasser. Die Ballade finde ich aber eher nervig.
    Dass sie keinen kommerziellen Erfolg mehr hatten stimmt. Dennoch war immer wieder dieser eine Song mit auf einem Album, der ganz klar als League war: Heart like a Wheel(1990) und Tell me wehn(1995).
    @costello:Schöner Bericht.

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      costello  RED

      Danke für Dein Feedback! Hat Human League also doch noch ein paar Fans. Dass die Synths auf dem Cover genannt sind, macht es auch für den Autor einfacher, darüber zu schreiben ;-) Bei Depeche Modes Violator ist die Spurensuche zum Beispiel ungleich schwerer.

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    Willemstrohm  AHU

    „Was nicht zuletzt daran liegt, dass Oakey (wie man auch in Dokumentationen hören kann) sehr von sich eingenommen war und sein Best-of-the-Best-Anspruch nicht ganz zum musikalischen Können passen wollte.“

    Wo soll das gewesen sein? Nee, Oakey war sich eigentlich immer seiner eigenen musikalischen Grenzen bewusst. Hat sich in Interviews eigentlich nie besonders hervorgehoben und Human League immer als Kollektiv betrachtet. Immerhin war er Co-Autor der meisten Songs, Texter, Sänger und übernahm die Verantwortung. Nebenher pokerte er auch ganz gut, wenn es um Produktionsbedingungen ging. Gegen die Stadt Sheffield setzte sich durch, dass die ihm ein eigenes Studio finanziert. Ihm ist klar, welchen Stellenwert der Name dieser Band in Sheffield hat.
    Zum finanziellen Misserfolg/Erfolg in den 90ern. Das von Ian Stanley produzierte Album „Octopus“ (1995) hate in UK Goldstatus und warf einen Single Hit ab und weitere 2 Top 40 Singleauskopplungen. Erfolg ist relativ.

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    Tomstone  

    Hi! Ich will nicht so alt sein.Hilfe!
    39 Jahre bei Dare, 40 Jahre bei Vienna. Es kommt mir vor, als wenn ich erst gestern aus dem Plattenladen, so was gab es damals, rauskam mit den LPs in der Hand und völlig happy mit dem Fahrrad nach Hause fahre. Das ist grausam. Solche Artikel sollten Warnhinweise enthalten.
    „Dieser Artikel kann Sie uralt machen. Bitte legen Sie keinesfalls Ihren Personalausweis daneben!“

    gruß
    Tom

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      costello  RED

      Du sollst Dich beim Lesen dieses Artikels selbstverständlich wieder so jung und happy fühlen, wie damals, als Du beschwingt aus dem Plattenladen rauskamst und nach Hause geradelt bist :)

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    MHSMike  AHU

    Vielen herzlichen Dank für diesen wirklich tollen Artikel über Dare und Human League insgesamt.
    Diese Platte, die ganze Musik von Human League haben mich Anfang der 80er ungemein geprägt und mein Musikempfinden deutlich breiter gemacht. Damals hatte ich so gut wie keine Infos zu dieser Band und natürlich gar keine Ahnung wie die Musik entstanden ist.

    Das konnte ich nun nachholen. Besten Dank !

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      costello  RED

      Danke für Dein nettes Feedback! Wenn Du bei Synthesizermusik nicht nur auf Human League festgelegt bist, gibt es am kommenden Samstag eventuell einen weiteren interessanten Bericht für Dich. Es geht um ein Album mit einer Rose auf schwarzen Grund, das 30-jähriges Jubiläum feiert ;-)

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    Willemstrohm  AHU

    Wer Bock darauf hat, zu erfahren, wie diese Sheffielder Szene um ’77 klang, dem lege ich das (klanglich durchaus suboptimale) Album „The golden hour of the future“ ans Herz. Da haben wir es mit frühen Demo Tapes von dem zu tun, was dann später zu The Human League wurde. Adi Newton von Clock DVA war zeitweise auch Bestandteil dieses Sheffielder Kollektivs. Einiges von dem, was da zu hören ist, spielt schon sehr raffiniert mit Einflüssen von Brian Eno, Pink Floyd, Disco Music, Kubrick & Carpenter, Filmmusik und deutscher Elektronik.

    https://bit.ly/39sGhBE

    Wie anders diese Band war, sah man damals übrigens auch bei Alfred Biolek:

    https://bit.ly/2wsMejn

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    Saxifraga  

    Tja, meine Lieblingsplatten sind Reproduction und Penthouse and Pavement. Mit reinem Pop und Liebesschnulzen kann ich meist nix anfangen.
    Der Punk in meiner Jahrgangsstufe 1981(?) meinte das sei ihm zu depressiv! lmao
    Aber Thatcher u. Kohl, Falkland Krieg u. Aufrüstung mit Pershing waren ja auch depremierend. Hätte ich damals gewußt das Trump und Boris möglich sind, wäre ich vielleicht besser drauf gewesen? Ne, eigentlich nicht. Die Menscheit ist deprimierend und das haben Human League und Heaven 17 richtig eingefangen.
    ’nen langen Mantel hab‘ ich nie getragen, aber wie ich heute weiß war ich wohl ein Unterschichtskind.

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      costello  RED

      „Reproduction“ war schon eher düster, aber bei „Penthouse and Pavement“ musste man schon genau auf die Texte achten, um da etwas deprimierend zu finden. Ansonsten kenne ich kein Synthesizeralbum, dass dermaßen funky klingt und so gut abgeht. wie der Erstling von „Heaven 17“. Play to win…

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        TobyB  RED

        Beide Alben sind ja nun entweder in der Callaghan oder in der Thatcher Ära zu zuordnen. Wobei Callaghan kann sich den Winter of Discontent an die Backe heften und Anfänge des Unionbusting und Thatcherismus finde ich persönlich angewidert interessant aber nicht zielführend. Man kann Maggie noch nicht mal ihre Neoliberalität vorwerfen. Sie hat die Flexibilisierung der Arbeitsmarktgesetze durchgesetzt, Staatsunternehmen in großem Umfang privatisiert und der Einfluss der britischen Gewerkschaften gebrochen. Und mit dem EU Cherry Picking begonnen. War also von ihrem Standpunkt konsequent. Und aus dem Spannungsfeld kommen beide Alben und gehen trotz inhaltlicher Überschneidungen beide ihren eigenen stilistischen Weg, siehe Blind Youth und auf der anderen Platte, (We Don’t Need This) Fascist Groove Thang. Der große Unterschied ist bei beiden die Präsentation. Was ich bei Heaven 17 gut finde, sie kommen nicht staatstragend daher. Bei Human League war es diese Melancholie.

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    Piet66  RED

    Wunderbarer Artikel, lieber Costello – vielen Dank dafür!

    Hier noch eine hörenswerte Version von „Don’t You Want Me“ von synthsandstuff alias Jan-Pieter Geersing, eingespielt auf einem Jupiter-6.

    https://youtu.be/JrV58cVohzU

    Viel Spaß damit.

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