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Making of: Peter Gabriel SO Album von 1986

22. September 2019

Peter Gabriel - Nicht einfach SO

Peter Gabriel - SO

Peter Gabriel – SO (1986)

Die Musikwelt ist voll mit Alben, die von Kritikern und Fachsimplern aller Art in verschiedenen Kanons gekürt worden sind: „500 beste Alben aller Zeiten“, „1001 Alben, die vorm Sterben gehört gehören“, „100 beste Alben der 60er/70er/80er/usw.“, nur um ein paar zu nennen. Liest man sich durch diese Listen durch, stellt man immer wieder fest, wie relativ die Schnittmenge zwischen Kritiker- und Publikumslieblingen manchmal sein kann. Aber keine Sorge: Wir werden hier keine Grundsatzdiskussion starten. Der Gedanke jedoch überkam diesen Autor als er – wohl nicht zum ersten Mal – realisierte, wie gekonnt Peter Gabriel auf SO, seinem fünften Studioalbum von 1986, künstlerischen Anspruch mit Pop im Sinne von „Zugänglichkeit“ zu verbinden wusste. Denn in unserer Making-of-Reihe geht es heute um jene Platte mit dem schlichten “Antititel” (O-Ton Gabriel), die in all den vorhin erwähnten Best-of-Listen vorzukommen pflegt, so wie manche ihrer Songs es im populären Liedgut seit über dreißig Jahren tun.

SO – This is the picture

Es war 1985 und somit das halbe Jahrzehnt vorbei; manche Helden aus dem Prog- bzw. Artrock-Milieu der 70er Jahren hatten den Dekadenwechsel nicht nur mit wenigen Blessuren überstanden, sondern waren geradezu erfolgreicher als sonst, dank cleverer Klang- und Imageanpassungen. The Moody Blues, Yes, Rush, Genesis – alle lernten, ihre Songs radiokompatibel zu verkürzen, zogen leichte Staubmäntel und New-Wave-Krawatten an und machten Videos für das bereits etablierte Musikfernsehen.

Indes hatte Peter Gabriel auch zehn Jahre nach dem Verlassen seiner Mutterband den Beinamen „Ex-Genesis“ noch nicht abschütteln können. Er führte zwar eine nach seinen eigenen Regeln und Launen beständige Solokarriere und konnte sich auf die Gunst von Kritik und Fanbase verlassen, aber der in Zahlen messbare Erfolg stellte sich langsamer ein als bei vielen Zeitgenossen. Mit anderen Worten: Die Nische, in der der Künstler Gabriel sein Schaffen präsentierte, wuchs stetig, blieb aber trotzdem eine Nische – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung.

In seiner Musik, stets elaboriert und kompromisslos zugleich, hatten perkussive Elemente aus dem afrikanischen Raum im Laufe der Jahre eine immer dominantere Präsenz eingenommen. Währenddessen pflegte er seinen kleinen Akt der Verweigerung weiter, seine Alben nicht zu betiteln. Eine Geste, die in ihrer Kauzigkeit nur damit vergleichbar wäre, als englischsprachiger Sänger sein Werk ins Deutsche zu übersetzen, neu aufzunehmen und zu veröffentlichen – was er natürlich auch tat!

Das Doppelalbum Plays live (1983) – auf Tour aufgenommen, aber im Studio geschminkt und ziemlich glattgebügelt – klang letztendlich so, als versuche jemand eine bestimmte Schaffensphase abzuschließen, um eine neue einzuleiten.

Ein Partner namens „Dan“

Bei der Planung des Weges, der nach einem Jahr Studioarbeit letztendlich in SO münden würde, hatte sich Peter Gabriel einige Optionen offen gehalten – zum Beispiel, die Wahl des Produzenten. Bisher im Studio von so unterschiedlichen Namen wie Bob Ezrin (u. a. Stammproduzent im Hause Alice Cooper), Steve Lillywhite oder King-Crimson-Vorsteher Robert Fripp betreut, war vielleicht nur in Gabriels Kopf klar, in welche Richtung es diesmal gehen sollte. So gesehen, erschien eine eventuelle Kollaboration mit dem experimentierlustigen Bill Laswell genauso nachvollziehbar wie eine mit der New Yorker Funkkanone Nile Rodgers, so die Anwärter, die im Raum standen. Ohne Streit durfte sich aber am Ende ein Dritter freuen: der Frankokanadier Daniel Lanois.

Lanois, selbst Gitarrist und gelegentlicher Partner von Brian Eno bei dessen Klangeskapaden, hatte in den Monaten davor Gabriel bei der Entstehung vom Soundtrack zum Alan-Parker-Film Birdy beigestanden. Die Zufriedenheit des Hausherrn mit den Ergebnissen der gemeinsamen Arbeit erleichterte ihm dann die Entscheidung und so wurde „Dan“ eingeladen, doch in Südengland für das anstehende neue Projekt zu bleiben.

Was aus Lanois damals den richtigen Mann für diese Aufgabe machte, hatte womöglich mit folgender Beobachtung Peter Gabriels zu tun: „Eine der Sachen, die ich bei Daniel Lanois lernte, ist der absolute Respekt für den Zauber des Moments. Ich denke, eins der Dinge, die Daniels Aufnahmen so stark machen, ist das reale Bewusstsein darüber, wann die Performance gut ist.“
So anerkennend die Worte über die besonderen Fähigkeiten seines Kompagnons klingen, waren bestimmte Neigungen Gabriels, gewisse Dinge wie die Fertigstellung von Texten bzw. Gesangparts aufzuschieben, der Ursprung von Reibung und brachialen Reaktionen im Studio. Der Level an Frust (aber auch an Selbstbewusstsein!) bei Lanois muss hoch gelegen haben, um ein Telefongerät an einem Baum zu zerschmettern und so eine ständige Ablenkungsquelle seines Auftraggebers zu beseitigen. Oder Letzteren am Arbeitsplatz einzusperren und die Studiotür zuzunageln, sodass das für den Tag angepeilte Arbeitspensum erfüllt werden konnte.

Dass diese kritischen Vorfälle dann nur in der Anekdotensammlung beider Freunde eine Rolle spielen sollten, liest man spätestens an der Tatsache ab, dass für „US“, das Nachfolgealbum zu SO, Lanois noch einmal mitproduzieren durfte.

Jahre später reflektierte Daniel Lanois über den streckenweise langwierigen Entstehungsprozess von SO:„Ich weiß nicht, ob Peter ausdrücklich Hits haben wollte, aber er wollte nicht herumexperimentieren nur des Experimentierens wegen. Er wollte etwas Direkteres.“
Aber, für Schlussfolgerungen und Rückblicke sind wir eigentlich noch nicht so weit – wir haben noch gar nichts aufgenommen!

SO – Im Studio

Das erste, was man im Booklet der CD-Ausgabe von SO zu lesen bekommt, ist: „Recorded between February and December 1985 at Ashcombe Studios, near Bath, England, originally released on 19th May 1986.“ Und obwohl de Erwähnung der ruralen Gegend um Bath bei Kennern automatisch Assoziationen mit der State-of-the-art-Einrichtung erweckt, die Gabriel als zentralen Bestandteil seines Real-World-Projektes erbauen ließ, war Ashcombe nur deren Vorläufer. Oder in anderen Worten, Peter Gabriels Heimstudio auf dem Land.

Das Ashcombe House Studio – so der ursprüngliche Name – war im viereckigen umgebauten Kuhstall eines gemieteten Bauernhauses zusammengestellt worden. Vom Kontrollraum aus hatte man den idyllischen Blick aufs Tal … jedoch nicht auf den Aufnahmeraum, denn beide waren durch eine Wand aus allerlei technischem Gerümpel getrennt. „Wir hatten keine Videoverbindung. Für das Aufnehmen von Bass, Schlagzeug und Gitarre waren die Musiker typischerweise im Aufnahmeraum; wiederum, wenn es um die Overdubs – Gesang inklusive – ging, dann wurde es im Kontrollraum gemacht. Das Studio war sehr handgestrickt – sehr schlicht in Sachen akustische Behandlung, aber irgendwie klang es ziemlich echt.“ Wer diese Beschreibung der groben Abläufe in Ashcombe House abgibt, ist kein geringerer als Kevin Killen, 1985 junger Toningenieur von SO und heute mehrfacher Grammy-Gewinner seines Fachs, mit belegbaren Verdiensten bei Zeitgenossen wie U2, David Bowie, Elvis Costello, Tori Amos und Bon Jovi.

Die Vorproduktion des Albums begann im Februar 1985 mit einer dreiköpfigen kreativen Zelle, bestehend aus Gabriel, Lanois und Gitarrist David Rhodes, seit jeher eines der treuesten Mitglieder des Gabriel‘schen Musikerkreises – die drei Musiker beschäftigten sich mit- und bastelten an den Skizzen herum, die Peter Gabriel in die Runde brachte.

Den Arbeitskreis sollten später alte Bekannte aus Gabriels Tourband ergänzen, wie Schlagzeuger Jerry Marotta oder der unersetzbare Tony Levin am Bass sowie der Franzose Manu Katché, ein Neuzugang, der mit seiner vielseitigen Schlagzeug- und Perkussionsarbeit in den kommenden Jahren eine wichtige Figur an der Seite Gabriels bleiben sollte.

Am Ende erreichte die Liste der auf SO gastierenden Musiker ein gutes Dutzend und das Gewicht derer Beiträge ging von subtil (das HiHat-Filigran von Stewart Copeland, um auf „Red rain“ den Klang des Regens nachzuahmen) bis absolut entscheidend wie der liebkosende Gesang von Kate Bush beim Arbeitslosen-Drama von „Don‘t give up“.

Auf seine Gesamtlänge klingt SO homogen und ausbalanciert, was die unterschiedlichen Stimmungen angeht. Dass diese Homogenität auch einem schier endlosen Editierungsprozess geschuldet ist, der von fast unerträglicher Detailverliebtheit (oder war es nur Unentschlossenheit?) geprägt war, ist die andere Seite der Medaille. Exemplarisch dafür steht der Live-Favorit „In your eyes“, an dessen Entstehung der assistierende Ingenieur David Stallbaumer mit ziemlich genauen Zahlen zurückblickt: „Ich glaube, wir hatten – Kevin (Killen) könnte es bestätigen – 96 verschiedene Versionen von ‚In your eyes‘, alle mehrspurig; es standen also Hunderte von Takes zur Auswahl. Für die Übersicht brachten wir die ganzen Informationen auf ein riesiges Wanddiagramm und fügten dann die Endversion, Takt für Takt auf 2“-Band zusammen. Danny (Lanois), Peter und die anderen hörten zu und sagten einfach: ‚OK, Takt 1, Take 37. Der gefällt uns. Nehmen wir!‘ – so lief‘s. Die Rhythmusspur wurde also aus 8, 15 und 30 cm Stücken 2“-Band regelrecht zusammengeschnitten.“ Kevin Killens Kommentar dazu: „Wir hätten noch monatelang an dem Song arbeiten können.“

Einen optimalen Einblick in diesen eigenartigen Kreativprozess bietet die exklusiv in der SO – 25th Anniversary Deluxe Box vorhandenen „DNA“-Disk. Darauf sind Mitschnitte aller SO-Stücke vertreten, dank derer man den jeweiligen (teilweise sehr kurvigen) Weg von der ersten Skizze bis zur Endversion verfolgen kann. Den Gedanken hinter der Veröffentlichung des interessanten Archivmaterials erklärt Richard Chappell, Chefingenieur bei den Real World Studios:

Es dauerte nicht lange, bis Vertreter aus den höheren Etagen von Virgin und Geffen, für den Vertrieb des Albums auf beiden Seiten des Atlantiks zuständig, sich einen Überblick von dem Material verschaffen wollten. Die für diesen Anlass gefertigten Vorab-Mixes hinterließen einen so guten Eindruck, dass ab diesen Punkt keine weiteren Overdubs oder Modifizierungen an den Songs vorgenommen wurden, ohne auf diese halbfertigen Fassungen zurückzugreifen.

Im Februar 1986, zwölf Monate und £ 200.000 später, war das von Ian Cooper in den Londoner Townhouse Studios gemasterte Werk schließlich fertig. Obwohl … was heißt denn hier „fertig“? Womöglich hält es Peter Gabriel mit Leonardo Da Vinci und dessen „Kunst ist nie fertig, nur aufgegeben“.

SO – Equipment

Im sogenannten „live room“ in Ashcombe House stand eine aufgebaute PA-Anlage, die auch als Echokammer benutzt wurde; im Kontrollraum stand Peter Gabriels Keyboard-Arsenal bereit: ein E-Mu Emulator II, ein Fairlight CMI Series II (an zu knappen Sampling-Möglichkeiten sollte das Projekt ja nicht scheitern!), ein Prophet-5 von Sequential Circuits und ein Yamaha CP70 Grand Piano, ohne dessen eigentümlichen Klang es die 80er Jahre Klavier-technisch womöglich nicht gegeben hätte. Und ja: Auch eine Handvoll Gitarren und Perkussionsinstrumente lag herum.
Um die Musik dann auf Band zu bannen, machte man sich folgendes Kernequipment zunutze: Eine Studer A80 Bandmaschine diente als Maschine A während der ersten Aufnahmesessions; wiederum war auch eine weitere, jedoch modifizierte A80 als Maschine B im Einsatz. Beide Geräte waren durch einen Adam Smith Synchronizer verbunden

Peter Gabriels ursprünglichen Songskizzen – bloße Akkordfolgen auf Klavier oder Synth, mit einem Pattern seiner Linn 9000 unterlegt – wurden auf Maschine B abgespielt. Auf Maschine A wurden gleichzeitig die Performance der Band und ein Rough-Mix der Demos als Referenz aufgenommen.

Bei aller Betrachtung der aufwendigen Produktionsarbeit rund um SO darf man nicht vergessen, dass es sich dabei auch um ein Sänger-Album handelte. Und aus ebendiesen Bereich steht uns eine Anekdote zur Verfügung, die es verdient hat, geteilt zu werden: Für die Aufnahme seiner Gesangsparts übte sich Gabriel in Genügsamkeit und war davon überzeugt, ein schlichtes SM57 von Shure würde ganze Arbeit leisten. Mitproduzent Lanois und Toningenieur Killen bestanden dagegen auf dem Einsatz eines ungleich ausgefeilteren/feineren/teureren Neumann U47. Um den Chef für seinen Vorschlag zu gewinnen, wählte Lanois den Weg der Verführung und schlug ihm einen Blindtest vor. Beide U47-Verfechter bauten also eine Reihe verschiedener Mics auf, unter denen sich die zwei “duellierenden” Geräte befanden. Gabriel, der draußen hatte warten müssen, kam mit aufgesetzter Augenbinde herein und sang in jedes einzelne Mikrophon, bis er eine Entscheidung fallen konnte – zugunsten des Neumanns. Ein Fall von “mehr ist mehr”? Da wird man sich wahrscheinlich auch nie einig sein …

Sledgehammer

„Sledgehammer“, das Stück auf SO, das den Namen seines Autors in ungeahnten Verkaufs- und Popularitätshöhen schoss, bediente gleich zwei Klischees – zum einen die Geschichte des Musikers, der sich im fortgeschrittenen Stadium seiner Karriere vom bisher getragenen stilistischen Korsett befreit, um den Idolen seiner Sozialisierungsjahren zu huldigen; in diesem Fall der Musik der amerikanischen Soulschmiede Stax, vor allem in der Person des großen Otis Redding. Zum Zweiten, war da die fast vergessene bzw. in letzter Minute aufgenommene Idee, die es gerade noch aufs Album schafft und am Ende für dessen Erfolg richtungweisend wird.

Eigentlich war die Musik (Skizzen, Parts, Grooves, keine richtigen Songs, wohlgemerkt!) für SO praktisch schon im Kasten, als Peter Gabriel seine Musiker um ein paar Versuche an dieser „Idee, für das nächste Album“ bat. Daraufhin spielten sie auf die Schnelle zwei Versionen ein und packten ihr Zeug zusammen mit dem Gedanken „Das wird eh niemand zu hören bekommen“, so Tony Levin, ganz prophetisch.

Einige Entwicklungsphasen später stieg Drummer Manu Katché mit dem Auftrag ins Team ein, „Sledgehammer“ (oder dem, was es werden sollte) einen schmissigen Rhythmuspart zu verpassen. Seine Performance ebnete ihm schließlich die Beteiligung an weiteren Aufnahmen zum Album.
Mit SO bereits ein halbes Jahr in der Mache flogen Lanois und Gabriel Anfang September 1986 nach New York, um das als Stax-Hommage gedachte Stück mit einem passende Bläsersatz ausstaffieren zu lassen. Und da wo „großes Budget“ auf „Kindheitsträume“ trifft – genau da stand kein Geringerer als Wayne Jackson, Mitglied der ruhmreichen Memphis Horns und – womöglich wichtiger – trumpeter-in-chief  bei Otis Redding in den 60er Jahren. Schenkt man Jackson Glauben, ließ die Performance seines Trios die zwei Zugereisten vor lauter Begeisterung „wie Feen im Studio hin und her rennen“.

Wie alle Songs auf SO ging auch „Sledgehammer“ durch einen langen Wandlungsprozess bis zur definitiven Form. Betrachtet man jedoch seine Wirkung aus der Distanz, drängt sich der Eindruck auf, der Song wurde erst vollständig, als er ein visuelles Korrelat erhielt.
In einer Zeit, in der die Erfolgschancen einer Single stark davon abhingen, wie präsent das dazugehörige Videoclip auf MTV war, ging Peter Gabriel für Sledgehammer aufs Ganze: Er beauftragte gleich eine Produzentin, einen Regisseur und zwei Animationsfirmen mit der Realisierung eines Kurzfilms, der den Song mit den sexuellen Anspielungen zwischen plump und sarkastisch untermalen sollte. Im April 1986 schlug das bunt-surreale Ergebnis des kostspieligen Unterfangens wie ein Blitz ein und heimste von allen Seiten Lob und Auszeichnungen ein. Am wichtigsten jedoch schaffte es das, was vier Soloalben und eine prestigeträchtige Laufbahn davor nicht konnten: In kürzester Zeit aus Peter Gabriel einen Namen für jedermann zu machen.

SO – Big time

Am 19 Mai 1986 fand SO endlich den Weg in die Plattenläden und von da sehr schnell in die Haushalte von Millionen Musikliebhabern weltweit. In den für Statistiker alles entscheidenden Billboard-Charts belegte das Album nur Platz 2, am Ende wurde die Beute durch eine fünffache Platin-Zertifizierung jedoch recht ergiebig. Die drei Millionen abgesetzter Exemplare zuhause in Großbritannien (Platz 1) waren kaum bescheidener.
Monate später startete Peter Gabriel seine “This Way Up”-Tour durch die USA und Europa, die sich über ein knappes Jahr erstreckte und in Griechenland ein feierliches Ende fand, so wie es der Konzertfilm Live in Athens 1987 dokumentiert. Kuriosität am Rande: Die Tour bestand aus 93 Konzerten – genauso viele wie die Wochen, die SO in den US-Charts nach Veröffentlichung verbrachte.
Zusammen mit Paul Simons Graceland (auch aus dem Jahr 1986) gilt Peter Gabriels fünftes Studiowerk als eines der gelungensten und kommerziell erfolgreichsten Projekte in Sachen Crossover von Pop- und Weltmusik. 1987 waren beide Alben sogar bei der Grammy-Verleihung in der Kategorie “Bestes Album” nominiert – am Ende des Abends durfte aber Paul Simon mit einem breiteren Lächeln den Saal verlassen.

Fazit

Auch wenn eine bewusste Suche nach Hits von allen an der Entstehung von SO beteiligten Künstlern relativiert bis abgestritten wird, ist eines klar: Peter Gabriel fand zu jenem Zeitpunkt seiner Laufbahn für sich die Formel, um eingängige, massenkompatible Musik zu produzieren, ohne dabei den Anspruch auf Raffinesse und Komplexität aufzugeben.
Hört man heute das Album, kommen einem die Bilder vom „Sledgehammer“- bzw. „Don‘t give up“- bzw. „Big time“-Video unweigerlich in den Kopf, denn SO war Musik UND Bild – ein Gesamtkunstwerk wie aus dem Lehrbuch. Für die Umsetzung seiner ganzheitlichen Vorstellung griff Gabriel auf allen technologischen Ressourcen zurück, die ihm damals zur Verfügung standen und schöpfte sie für etwas Zeitloses aus. Wer macht denn heute noch SO etwas?

Forum
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    swissdoc  RED

    Im Rahmen seiner Back To Front / So Anniversary Tour habe ich das Album 2014 live hier in Zürich erleben können. War leider nicht so der Bringer. Man hatte sich mehr erwartet. Siehe auch die Kritiken in NZZ und Tagesanzeiger von damals. Don’t Give Up hat ohne Kate Bush nicht so richtig funktioniert. Auch haben die Visuals bzw. die lustigen Leuchten nicht so gepasst. Videos gibt es beim JungenRohr.

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      Cristian Elena  RED

      So ist die Sache mit der Nostalgie: Die Erwartungen sind manchmal zu hoch und die Enttäuschungen damit vorprogrammiert. Ich war damals (in Frankfurt) nicht dabei – nicht, weil ich es schon besser gewusst hätte, sondern, weil ich die Ticketpreise als etwas übertrieben empfand.
      ABER: Die DVD/BluRay zur Tour finde ich im Rahmen des machbaren/möglichen sehr gelungen.

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        swissdoc  RED

        Das ist keine Sache der Nostalgie gewesen. Ich habe Peter Gabriel in jungen Jahren gar nicht gekannt/gemocht. Aber es gibt da ein paar nette Nummer, die man als fleissiger Arte/3sat Seher so mitbekommen hat. Solsbury Hill auf dem Fahrrad, immer schön im Kreis. Oder Downside Up, wieder im Kreis aber auf dem Kopf. Da half dann das auf dem Rücken liegen und singen auch nicht.
         
        Aber es macht dennoch Spass, einige der „grossen“ Künstler, wenn auch spät, live zu erleben. Damals, als die Karrien jung waren, lutschte man noch am Daumen und später waren andere Dinge wichtiger.

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          Cristian Elena  RED

          – „als fleissiger Arte/3sat Seher“ > kenn‘ ich (vor allem an jedem 1. Mai ;-) )

          – ich habe auch die meisten großen Acts zu ihren vermeintlichen „großen Jahren“ verpasst – generationsbedingt, aber auch, weil sie damals selten den Weg in meine Heimat fanden. Aber bei einigen habe ich es in Deutschland nachholen können, zwar spät aber zum Glück nicht zu spät;

          – mit „Nostalgie“ meinte ich, man ist versucht zu denken, X oder Z könnten zig Jahre später besondere Musikstücke so frisch wie damals auf die Bühne bringen und dann … Aber manchmal klappt’s ja.

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      psv-ddv  AHU

      Ging mir genauso. Habe mir gegen innere Widerstände (Vorahnung) in Berlin das 2014er Konzert (oder war’s 2015?) angesehen. Der Funke sprang leider nicht über.

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      Organist007  

      mich haben die Versionen von SO eher positiv überrascht, die band war in super Spiellaune.
      Am besten haben mir aber die älteren Nummern von Gabriels Soloscheiben 1-4 gefallen (No self Control, games without frontiers etc.)

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    costello  RED

    Ein großartiges Album, das aber ähnlich wie Bowies Let’s Dance den Weg zum kommerzielleren Sound beschritt.Wobei ich die Bläserarrangements recht geschmackvoll fand. Insgesamt bleibt aber PG III – Melt mein Favorit. Die Anniversary Tour habe ich in Berlin gesehen, Sound und Stimmung waren super. Danke für den schönen Making of-Artikel :-)

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    psv-ddv  AHU

    Toll! Wieder so ein schönes Amazona Sonntags Event. Danke für die gelungene Reportage zu einem meiner Lieblingsalben. Klanglich eine unglaublich gute Produktion und die perfekte Synergie von Kommerz und künstlerischem Anspruch. Auch wenn die Mischung an kleinen technischen Schwächen leidet. Wenn man sich Graceland heute anhört wirkt das Album doch etwas aufgeblasen im vergleich zu So. Der Grammy hätte damals nach England gehen müssen. Aber es ging wohl bei der Entscheidung eher um Politik als um Musik. Na ja, Kubrick hat mit Shining auch keinen Oscar gewonnen…

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    psv-ddv  AHU

    Bist Du Dir mit der Linn 9000 sicher? Zeitlich könnte es hinkommen. Gabriels Bruder hat die Linn damals über Syco Systems in England vertrieben aber auf den Bildern sehe ich immer nur die Linndrum. Manchmal zusätzlich eine LM-1 und den Friendchip SRC um das Ganze mit Fairlight, Bandmaschinen und der Pultautomation zu synchronisieren.

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      Cristian Elena  RED

      Weil ich selbst vor Ort nicht sein konnte ;-) , verlasse ich mich auf die Aussage von Kevin Killen, der 2014 meinte, es sei eine Linn 9000 gewesen. Aber eine kleine Verwechselung seinerseits wäre nach all den Jahren nicht auszuschließen, oder?

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        psv-ddv  AHU

        Ja, könnte sein, zumal Herr Killen ja eher der Mischpult als der Drumcomputer Fraktion zuzuordnen ist. Da ich leider, leider, leider damals auch nicht dabei war, bleibt nur Peter Gabriel zu fragen. Ich werde mal klingeln, wenn ich wieder in Bath bin. :)

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          Hectorpascal  AHU

          Gib Peter mal ein Küsschen von mir. ;)
          Bei „So“ geht es mir wie mit 9/11. Ich weiß genau wann und wo ich war und wie ich gefühlt habe als ich die Kassette in der Hand gehalten habe. 1986, Bosnien (damals Ex-Jugoslawien) in Prijedor während der Durchreise nach Montenegro.

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            psv-ddv  AHU

            Werd’s versuchen :) Bin wirklich ab und zu in Bath und wollte schon immer mal die Studios besichtigen. Peter Gabriel zu küssen stand nicht auf der Liste (bis eben). Genügend Grund dafür hätte ich auch. So viele Erinnerungen sind mit seiner Musik verknüpft… Also: Küsschen und dann gleich nach der Linn 9000 fragen. Bin gespannt was er davon hält…

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              Hectorpascal  AHU

              Ernsthaft, wir waren 1991 mit der Oberstufe in Wales/Cardiff und ich konnte den Busfahrer nicht zu einem kleinen Umweg nach Bath überreden. Normalerweise tun die alles für einen Kasten German Beer. Ich wette Peter hätte uns aufgemacht und sein Studio gezeigt. Heute wäre das auf jeden Fall eine Pilgerfahrt für mich und Pflicht bei einem erneuten Wales-Besuch. Da ich ausdrücklich nicht religiös bin (im klassischen Sinn) steht Peter Gabriel für mich an Gottes Stelle. Da bin ich bestimmt nicht der einzige. „From Genesis To Revelation“. Mit „So“ hatte er für mich seine eigene selbsterfüllende Prophezeiung geliefert. Eine dieser tief sitzenden Botschaften, die viele in sich tragen und irgendwann wahr werden. Eine der magischen Quellen wahrer Kunst.

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            TobyB  RED

            Hallo Hector und PSV-DDV,

            ich würd in Bath eher nach den Spuren von Tears for Fears suchen ;-) Ihr beiden müsst nach Box Mill, das sind von Bath noch mal 6 Meilen. Keine Sorge für Bierversorgung ist unterwegs gesorgt. Der Weg am Avon ist einfach zu finden, am Jan Austen Centre einfach den Avon Richtung Ashley lang. In Ditteridge scharf rechts abbiegen und aufpassen, dass ihr nicht am RW Studio vorbeilauft. Bin den ganzen November in Swindon. Falls wer mit mag :-)

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              psv-ddv  AHU

              Noch ein guter Programmpunkt! Haben TFF nicht sogar mal im Ashcombe House bei PG aufgenommen? Bin mir nicht ganz sicher aber irgend eine Verbindung gab es da. Sollte ich im November auf der Insel ein melde ich mich bei Dir Toby. Dann können wir gemeinsam den Stars auf die Senkel gehen :)

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                TobyB  RED

                Hallo PSV-DDV,

                sie haben. Bath ist voller Tonstudios. In Bath und Umgebung gibts einige. Was will man da sonst auch machen ;-) Jeden Abend in den Pub ist auch nicht gut. The Korgis haben im Ashcombe House auch ihre Hits aufgenommen, Everybody’s Got to Learn Sometime und If I Had You, da sollte es bei der Generation New Wave und Rave klingeln.
                Stars auf den Senkel gehen :-D Nix, Rock ’n‘ Roll Pub leertrinken mit den Stars. The Raven als Pub ist gut, da gibts auch Lager und Franziskaner. Essen kann man gut in der Marlborough Tavern. Da gibts jedenfalls keine Burger und Fritten. Von Swindon ist das nicht weit.

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                    TobyB  RED

                    Morsche Hector,

                    nach einem Arbeitstag mit englischen Kollegen und viel Zeter und Mordio über den Brexit, kann man sich einen schönen Abend machen. Und gute Musik findet in UK/I in den Pubs statt. Ich hab z.b. schon UB40, The Move mit Trevor Burton, Brian Auger, Jeff Lynn, Status Quo, Napalm Death, The Streets in Pubs gesehen. Vor teilweise grade 50 Leuten. Mein persönliches Highlight war eine Krautrock, Schuhstarmusikband aus Birmingham mit dem Namen Einstellung. Wenn du mal erlebt hast wie der Pub singt, gehst da freiwillig hin. Zum anderen englische Hotels selbst mit 5 Sternen… da möchte ich nicht drin versauern. Und jeden Abend Doctor Who gucken ist auch nichts ;-)

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    calvato  

    *hachz*…. was für ein tolles Album!!
    Die Songs, die Produktion, die Sounds, die Gastmusiker…. derart geschmackvoll bis zum heutigen Tag… ich hatte auch gar nicht präsent, dass Daniel Lanois das Ding produziert hat, dessen Soloalbum „For the Beauty of Wynona“ ich zutiefst bewundere—-

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      Cristian Elena  RED

      In Sachen Produktionen hatte Lanois bereits 1984 1.-Liga-Luft geschnuppert und zwar mit Brian Eno als Mitproduzent von U2s „The unforgettable fire“. Aber die Arbeit auf SO etablierte seinen Namen endgültig unter den gesuchten Produzenten.

      ¿Mal das einzige Album seines Bandprojekts Black Dub gehört? Wärmstens empfohlen!

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    analogrieche  

    Eines meiner absoluten Lieblingsalben. Danke für den interessanten Bericht! Und das beste Geschenk ever meiner damaligen Freundin war eine Karte für die SO-Tour. Soweit ich mich erinnere habe ich Gabriel & Co damals im Stadion Offenbach-Bieber (Kickers OF) gesehen. Das sprang der Funke noch über.

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    TobyB  RED

    SO, ist laut iTunes nach Depeche Mode The Remixes 81-XX mein Top4 Album. In Your Eyes würd ich mit auf die Insel nehmen.

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    Organist007  

    Danke für den ausführlichen Artikel !

    Soundtechnisch war SO sicherlich ein Quantensprung, von der Ausrichtung her wurde mir Gabriel aber zu mainstreamig und zu kommerziell (aber immer noch um Lichtjahre besser als seinerzeit Genesis)

    Meine Favoriten sind klar PG 2-4 und seine Filmmusiken (Birdy, letzte Versuchung Christi)
    US und Up haben mir auch besser gefallen als SO.

    Auch habe ich NIE verstanden, weshalb sich Gabriel von Larry Fast getrennt hat und sich diesem Afrika/Third World Ding zugewandt hat.
    Die Besetzung mit Larry Fast und Marotta war mir die Liebste.
    Die back to front Tour habe ich auch gesehen, die Live Versionen von So waren recht gut.

    1987 habe ich ihn auch Live gesehen, das war nicht zu toppen. Ein wahnsinnskonzert !
    Rückblickend ist aber für mich Steve Hackett der wahre Hüter des Genesis Erbes und wohl auch der Musikalischste, sein letztes Konzert war überragend.

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      Cristian Elena  RED

      Gern geschehen!

      Das „Afrika-Ding“ zeichnete sich eigentlich schon etwas auf „Melt“ („Biko“ ist das selbsterklärende Beispiel) und dann viel deutlicher auf „4“.

      Ich glaube, auf den zwei SO-Nachfolger verlässt er sich – kompositorisch – ein bisschen zu sehr auf die Formel.

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        TobyB  RED

        Ich glaube das er sich kompositorisch darauf verlässt kann man so nicht sagen, immerhin von SO bis US vergingen sechs Jahre(?), wenn ich das noch richtig erinnere. Dazwischen war WOMAD und Weltmusik. Und US war wiederrum ganz anders als SO. Aber ich fands „zeitgemäß“ sehr gut. Obwohl das zeitloseste Element war und ist für mich das Duduk Spiel von Levon Minassian. Über die modischen Ergüsse von William Orbit kann man streiten, für mich ist das auf US unütz. Mittlerweile habe ich eine Duduk und hab die schon in Trance verbraten, kommt gut! Doof das es die immer nur ein einer Tonart gibt. Live habe ich Gabriel dann 1994 in Roskilde erlebt. Ich weiß nur noch das Konzert war eine dieser Gänsehaut Momente. Ich glaube vorher gabs Paradise Lost, Clawfinger und danach The Specials und Underworld. Aber das war schon ein besonderes Erlebnis, alle Arrangements wurden noch mal angefasst und die Zugabe mit als ein Stück gespieltes Don’t Give Up, In Your Eyes und Biko war einfach genial.

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          Cristian Elena  RED

          Kleine Korrektur: WOMAD gab’s schon zu Zeiten von „4“.

          Um konkreter zum Thema „Formel“ zu werden: „Blood of Eden“/“Don’t give up“ „Steam“/“Big time“, „Come talk to me“/“In your eyes“ – so höre ich zumindest US (was in Sachen Produktion für mich „in Würde gealtert“ ist).

          Die “Secret World Tour”-Tour war eine echte Welttour, die es 1993 bis nach Südamerika schaffte. Damals spielte er nicht nur in der Stadt Argentiniens, in der ich gerade studierte (mein einziges PG-Konzert bisher) , sondern -und das wurde ihm damals dort hoch angerechnet – bestand darauf, ein drittes Konzert weit im Landes Inneren, wo sich zu jener Zeit keine internationalen Acts verirrten, mit der selben Bühnenproduktion wie sonst aufzutreten. Als ihm klar gemacht wurde, dass die Kosten zu hoch werden würden, beschloß er, auf seine persönliche Gage (oder zumindest einen Teil davon) zu verzichten.

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            TobyB  RED

            Ich verstehe was du meinst. Man könnte wohlmeinend sagen, dass die sechs Beispiele musikalisch verwandt sind. Oder überspitzt recycled. Vermutlich hat die Zugabe in Roskilde so funktioniert. ;) Was ich an US nicht so schön finde hab ich oben aufgeführt. Dennoch würde ich das Live Album Secret World zu den besten Livealben zählen.

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    moogist  

    Toll – wieder so ein toller und kenntnisreicher Text (wie schon bei Collins „Face Value“)! Ich besitze die Platte und habe Deinen Bericht mit allergrößtem Interesse gelesen! Bin schon sehr gespannt, über welche Alben hier weitere Texte von Dir erscheinen werden! Wenn ich mir was wünschen dürfte – Tears for Fears „The Seeds Of Love“…

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      Cristian Elena  RED

      Vielen Dank für das enthusiastische Feedback, welches gleich eine Herausforderung darstellt.

      Mal gucken, was kommt. Über die Alben von TFF (zumindest über zwei von denen) gibt es Einiges zu erzählen – sie stehen also auf der Liste.

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