Test: Cranborne Audio Camden EC2, Mikrofonvorverstärker, Kopfhörerverstärker

16. Oktober 2020

Newcomer mit Potenzial

cranborne audio camden ec2 test

Cranborne Audio Camden EC2, Mikrofonvorverstärker, Kopfhörerverstärker

Wenn ich den Cranborne Audio Camden EC2 so vor mir ansehe, dann schwant mir Übles. Zum einen sollte so ein Test ja immer die Basics beinhalten, also Ausstattung, Maße, Gewichte, Messwerte und die Verarbeitung. Zum anderen ist es natürlich wichtig, auf die klanglichen Eigenschaften einzugehen. Allerdings ist der Camden EC2 so vollgepackt mit interessanten Features, dass mir hier einfach der Test zu lang wird, wollte ich alle Aspekte des Geräts erfassen. Somit kann ich schon einmal positiv feststellen: Für 1.361,- Euro bekommt man hier eine ganze Menge geboten.

cranborne audio camden ec2 test

Kurz zum Hersteller: Das noch recht junge britische Team rund um den Geschäftsführer Sean Karpowicz hat sich einen „modernen Ansatz für Vintage Audio“ zum Ziel gesetzt. Dabei möchte man das erreichen, was sich schon viele Unternehmen als Ziel gesetzt haben: besten Klang und interessante Features zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Schauen wir uns das 1 HE, 19 Zoll Gerät also einmal an.

Cranborne Audio Camden EC2: Worum handelt es sich?

Der Camden EC2 ist ein zweikanaliger Mic/Line/Instrument-Preamp mit speziellen „Mojo Analog Saturation Circuits“, also Schaltkreise, die das Signal auf Wunsch sättigen und mit einer röhrenartigen Wärme versehen sollen. Dazu sind im Gerät zwei hochwertige Kopfhörerverstärker eingebaut und diese mit unabhängigen Line-Mixern, die ein direktes Monitoring der beiden Camden-Vorverstärker über Kopfhörer ermöglichen. Darüber hinaus gibt es die Link-Outputs: Schließen Sie Ihr Instrument über den Hi-Z-Eingang an einen Vorverstärker an, verbinden Sie den ¼“ Link-Ausgang dieses Vorverstärkers mit Ihrem Instrumentenverstärker/Effektpedal und nehmen Sie das Signal mit dem zweiten Vorverstärker auf (Reamping).

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Und abschließend haben wir noch entsprechende Buchsen, um das Signal über das C.A.S.T. System zu anderen Cranborne Audio Geräten zu senden. Dabei überträgt C.A.S.T. vier symmetrische Kanäle über ein klassisches Netzwerkkabel (CAT5, CAT6, CAT7). Mit den von Cranborne Audio verfügbaren Breakup-Boxen kann das Signal über 100 Meter weit übertragen werden – beispielsweise perfekt für Onstage-Kopfhörermixe.

Verarbeitung und Ausstattung

Rein haptisch ist der EC2 nicht nur für ein „schnödes“ Rack-Gerät sehr gut verarbeitet. Alle Schalter liegen satt in der Hand, haben kaum Spiel und die Drehregler bieten einen sehr guten Widerstand. Der Gain-Regler hat 12 Rasterpositionen, was einem guten Kanalabgleich für Stereobetrieb geschuldet ist. Ich hätte gerne noch eine feinere Rasterung gehabt, denn gerade impulsive Instrumente, wie die E-Gitarre, sind sonst schnell im roten Bereich. Mit einer feineren Abstufung könnte man sicher noch ein paar Dezibel mehr rausholen.

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Auch alle Buchsen und Stecker sind fest verschraubt und bieten die Grundlage für ein langes, problemloses Studioleben. Es tut mir fast leid, auf einen Wackelkontakt an der Buchse des ersten Kopfhörerverstärkers hinzuweisen. Ich bin sicher, dass dies nur ein Thema meines Testgerätes ist – erwähnen muss ich es trotzdem.

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Auf die Ausstattung und die technischen Daten gehe ich nicht zu tief ein – wie oben erwähnt, würde das den Rahmen des Berichts bei Weitem sprengen. Alle Details inklusive der Eingangswiderstände und Rauschabstände finden Sie auf der Herstellerproduktseite im Bereich „Tech Specs“. Folgende Fakten sind aber definitiv eine Erwähnung wert:

  1. Das Gerät kratzt an den theoretischen Limits modernen Verstärkerbaus: 129,5 dBu Dynamikbereich und Verzerrungen im zehntausendstel Prozentbereich weisen auf eine sehr neutrale und detailreiche Wiedergabe hin
  2. Beide Preamps können Line-, Instrument- (HI-Z) und Mikrofonsignale verarbeiten – inklusive Highpass-Filter, 48 Volt Phantomspeisung und Phasenumkehr (180 Grad)
  3. Vintage Mojo Funktion: Dabei kann man jeden der beiden Preamps einen Übertrager- (Thump) oder Röhren-basierenden (Cream) Klang hinzufügen.
  4. Reamping-Option durch das Verbinden der Kanäle über Link. Dabei kann man beispielsweise auch einen externen Effekt zwischen die Preamps schalten.
  5. CA.S.T. Verbindung, um vier analoge Kanäle symmetrisch mit entsprechenden Devices zu verbinden.
  6. Stereo Line In, um eine externe Quelle einzuspielen und im System zu mischen.
  7. Mixeroption, um die Preamp, C.A.S.T. oder Line-In Signale mit den Kopfhörerverstärkern zu mischen.

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Hier könnte es noch lange so weitergehen, aber wie erwähnt: Das wäre hier viel zu viel Input. Deswegen schlage ich vor: Hören wir uns das Gerät aus Great Britain einfach mal an. Denn was nützt die beste Ausstattung, wenn der Klang nicht überzeugt.

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Klang – die Preamps

Die Camden Preamps klingen zunächst sehr clean – was ich wirklich sehr positiv meine. Tendenziell hell, detailreich und sehr stark in der Beurteilung der Transienten. Der Detailreichtum ist wirklich beeindruckend und auch die Schnelligkeit und Impulstreue können überzeugen. Schon so ist der Cranborne Audio Camden EC2 ein sehr überzeugender Preamp mit sehr guten klanglichen Eigenschaften.

Eine Einschränkung darf nicht unerwähnt bleiben: Der Cranborne Audio Camden EC2 ist kein High-Gain-Preamp. Weit in den roten Bereich hineingedreht klingen die Verzerrungen einer E-Gitarre sehr hart und fast schon digital. Bemerkenswert ist aber, wie „heiß“ man den Camden anfahren kann und allenfalls eine steigende Sättigung erlebt.

Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass die sehr klare Wiedergabe sehr neutrale Monitore verlangt. Bei tendenziell hellklingenden Speakern kann das auch mal ermüdend sein – was aber definitiv nicht das Problem des Camden EC2 ist: Er verschweigt hier nichts.

Hier ein Beispiel mit einem Passus aus Stephen Kings „The Stand“ und einem Sennheiser e865 Kondensator-Mikrofon und dabei wurde kräftig zuerst mit Cream und dann mit Thump gespielt:

Und hier noch ein Beispiel mit der Telecaster über HI-Z: Zuerst mit gedrehter Phase und dann mit Highpass-Filter:

Klang – Preamps mit Mojo

Jetzt kommt Zauber in die Sache. Bei meiner Fender Thinline Telecaster erweitert sich das klangliche Spektrum durch den Camden EC2 enorm! Bei „Cream“ mischt sich zunehmend Mojo, eine Art Fauchen im Hintergrund in den Klang, der dann auch sehr schön mit dem Sustain mitgeht. Sehr interessant und lädt definitiv zum Experimentieren ein.

Bei „Thump“ wird dem Signal eine zunehmende Wärme hinzugefügt – aber anders als mit einem Equalizer. Die Wärme kommt mit dem Zunehmen der tiefen Frequenzen um die 100 Hz mit gleichzeitiger sehr harmonischer Verzerrung. So klingt die E-Saite meine Telecaster schon fast wie bei einem E-Bass.

Tatsächlich macht das Spiel mit dem Mojo beim Cranborne Audio extrem viel Spaß und jeder Dreh am Regler bietet eine neue Grundlage für tolle Klänge und charakterstarke Harmonien.

Klang – Kopfhörerverstärker

Ich habe den Cranborne Audio Camden EC2 mit zwei Kopfhörern getestet: Einmal mit dem Philips Fidelio X2HR mit nur 30 Ohm Impedanz und der Beyerdynamic DT-1990 Pro mit 250 Ohm. Etwas „Höherohmiges“ habe ich leider nicht zur Hand – dazu muss man aber sagen, dass die im Studio auch immer weniger genutzt werden. OK, ab und an kommen einem noch 600 Ohm Hörer auf die Ohren. Aber auch wenn diesen immer wieder nachgesagt, besser zu klingen – meist macht der zu schlappe Preamp dann einen Strich durch die Rechnung.

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Der Kopfhörerverstärker im Cranborne Audio Camden EC2 ist ein feines Teil – auch hier merkt man, dass der Hersteller hier sehr viel Arbeit reingesteckt hat. Extrem rauscharm, dynamisch und auch hier tendenziell auf der hellen, detailreichen Seite. Es spielt zwar meist bei Preamps weniger eine Rolle, aber da das Gerät stereotauglich ist, kann ich auch der räumlichen Abbildung ein sehr gutes Zeugnis ausstellen.

Klang – im Vergleich

Aber mit was will man den Cranborne Audio Camden EC2 vergleichen? Mit einem Channelstrip oder einem Preamp? Ich glaube, man kann da nur einzelne Funktionen von anderen Geräten aus dem Ärmel ziehen, damit Sie, verehrte Leser, ein Gefühl für die klangliche Qualität bekommen.

An einen SPL Crescendo oder Crescendo Duo kommt er nicht ganz heran. Die 120 Volt Technik liefert ein dermaßen in Stein gemeißeltes Klangbild – nein, in dieser Liga spielt der EC2 nicht, wobei man in Sachen Detailreichtum sicher auf Augenhöhe ist.

test spl crescendo

Vergleicht man das Gerät mit den Preamps in der 500,- Euro Klasse, wie in diesem Test, dann bringt der Cranborne sicher mehr Lebendigkeit und Auflösung ins Klanggeschehen. Auch gewinnt er mehr, wenn er heiß angefahren wird.

Sehr ähnlich verhält er sich zu einem Superanalogue Channel des SSL SiX: Sehr neutral und hochauflösend – stets ein verlässliches Tool beim Beurteilen des Klangs der Quelle.

In Sachen Kopfhörerverstärker schlägt der Camden EC2 die meisten Audiointerfaces spielend – hier merkt man einfach die Konstruktionstiefe der Preamps. Nach oben hin ist auch hier wieder SPL der Benchmark: Die Phonitor Kopfhörerverstärker sind einfach eine Klasse für sich.

Klang – Zusammenfassung

Der Cranborne Audio Camden EC2 erntete bei mir mehr als einmal anerkennend hochgezogene Augenbrauen. Sowohl die trockenen Preamps als auch die vielfältigen Möglichkeiten mit dem Mojo-Regler liefern genauso überzeugende Ergebnisse wie die sehr guten Kopfhörerverstärker. Nicht nur preisbezogen, sondern auch ein paar Stockwerke höher liefert der Cranborne Audio Camden EC2 wirklich ab.

Fazit

Da hat mich die recht junge britische Firma mit dem Cranborne Audio Camden EC2 wirklich positiv überrascht. Die zunächst unkonventionelle Ausstattung mit klassischem Preamp, den klangformenden Mojo-Funktionen und den tollen Kopfhörerverstärkern formen zusammen mit den Mixing-Optionen und der C.A.S.T. Option ein in sich stimmiges Gerät. Klanglich hat mir das Gerät auch sehr gut gefallen: In allen Disziplinen liefert der EC2 gehobenen Studiostandard – sehr gut. Alles in allem darf man somit dem Marketing der Firma Cranborne Audio wirklich recht geben, wenn sie schreiben, der Camden EC2 ist ein Complete Studio Front End!

Plus

  • sehr guter Klang
  • gute Verarbeitung
  • sehr gute Funktionsvielfalt
  • Mojo-Option mit tollen Klanganpassungen

Minus

  • Gain-Regler etwas grob gerastert
  • Wackelkontakt an einer Kopfhörerbuche beim Testgerät

Preis

  • 1.290,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    8-VOICE  AHU

    „Mojo Style“ Ich höre dieses Wort in der letzten Zeit viel… Wenn ich das in den Googleübersetzer eingebe, kommt: Slowenisch erkannt „Bergwerk“ – ??? :-)

  2. Profilbild
    Armin Bauer  RED 1

    Hi Jörg,
    ich hatte ja neulich den Camden 500 im Test und war sehr begeistert, sowohl vom Sound, als auch vom Preis-/Leistungsverhältnis.
    Hier beim Camden EC2, inkl. 2 guten Kopfhörerverstärkern und C.A.S.T. plus LEDs für Level und die Schaltfunktionen liegt das 19″ Teil tatsächlich nochmals weiter vorn.
    Bin gespannt, was Cranborne noch in Zukunft vorstellen wird.
    Grüße Armin

    • Profilbild
      Jörg Hoffmann  RED

      Hi Armin, ja, ich bin von deren Geräten auch sehr positiv überrascht. Nicht nur fürs Geld bekommt man bei denen echt gute Klangqualität und Ausstattung.

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