Test: Sonicware ELZ_1, Desktop-Synthesizer

3. Oktober 2018

Beängstigend-bezaubernde Bits

Der Sonicware ELZ_1, erdacht in Japan von Herrn Ju Endo, ist zunächst ein sechsfach polyphoner digitaler Desktop-Synthesizer, wie im Titel bereits erwähnt. Nicht erwähnt wurde, dass er satte neun verschiedene Oszillator-Typen zur Auswahl hat, wovon einer auch noch in drei Geschmacksrichtungen vorkommt.

Sonicware ELZ_1

Sonicware ELZ_1

Der Lautsprecher auf der rechten Seite lässt es bereits vermuten: Mit vier AA-Batterien lässt sich der Sonicware ELZ_1 auch netzunabhängig betreiben und lädt so zu spontanen Jams oder musikalischen Ergüssen im Freien ein (ein Zeitvertreib, der sich mir persönlich im elektronischen Bereich einfach nicht als wertvoll erweisen möchte), also z. B. zur unvermeidlichen Akustikgitarre am Lagerfeuer.

Sonicware ELZ_1

Herr Yo Endo, Erfinder und Entwickler des Sonicware ELZ_1

Vorgestellt wurde der Sonicware ELZ-1 bereits auf der NAMM 2018, wobei die Präsentation mehr als schieflief und so vielleicht ein falscher Eindruck von den Möglichkeiten des Sonicware ELZ_1 entstand. Der Präsentator lud auch bereits im Gearslutz-Forum Asche auf sein Haupt und musste zudem zugeben, das Gerät 10 Minuten vor der Präsentation das erste Mal gesehen zu haben.

Nach Deutschland geholt hat dieses wunderbare Tool die b4distribution, von der wir auch ein erstes Exemplar erhalten haben.

Designstück mit Abstrichen

Jetzt steht das 39,9 cm x 13,3 cm x 5 cm große Gerät auf dem Tisch (und hat damit Maße, die einen 19-Zoll-Rack-Einbau mit 3 HE erlauben würden) und wirkt mit seiner aufgeräumten Oberfläche und dem stabilen Aluminium-Gehäuse bereits optisch sehr ansprechend. Am auffälligsten ist wohl die drei Oktaven umfassende „Klaviatur“, die auf einfache Mikroschalter zurückgreift.

Das reicht vielleicht, um ein paar Melodien und Akkorde zu spielen, zum ernsthaften Einspielen ist das aber definitiv nichts. Folgerichtig gibt die Klaviatur dann auch kein MIDI-Signal aus, wenn das Gerät im USB-Device-Modus ist und über die DAW angesteuert werden kann. Dabei versteht der Sonicware ELZ_1 lediglich Note-On/Off und bei einigen Oszillator-Modellen die dazugehörige Velocity. Kein Pitchbend, kein Aftertouch und auch keine MIDI-Clock zum Synchronisieren des LFOs mit dem Song-Tempo.

Sonicware ELZ_1

Schick, schick – simples Design, simple Bedienung

Die größten Kritikpunkte sind damit aber auch schon genannt und nun können wir uns mit dem beschäftigen, was der Sonicware ELZ_1 kann. Aufgebaut ist der kleine digitale Synth wie ein klassisch Subtraktiver: Oszillator → ADSR-Hüllkurve → Multimode-Filter → Effektsektion. Vor dem Oszillator findet man dann noch einen Arpeggiator mit sieben Modi (Up, Down, Up Down, Down Up, Up & Down, Down & Up sowie Play Order). Zumindest kann hier die Geschwindigkeit in BPM angegeben werden und die Notenteiler bis hinunter zu einer 1/64 Note angegeben werden. Es gibt auch triolische und punktierte Werte, leider sind diese auf Viertel- und Halbe-Triolen beschränkt. Und auch bei den punktierten Werten stehen nur punktierte Viertel, Achtel und Sechzehntel zur Auswahl.

Modulationen per Oszillator

Die meisten Oszillatoren bieten, genau wie das Multimode-Filter, auch die Möglichkeit, einige Parameter zu modulieren. Zur Verfügung stehen wahlweise ein LFO und eine Hüllkurve (die nichts mit der o. g. ADSR zu tun hat).

Sonicware ELZ_1

Somebody’s watching me – das Notchfilter hat ein Auge auf die Kerbe

Das Multimode-Filter beherrscht LPF, HPF, BPF, Peak EQ, LO EQ, HI EQ und einen Graphic-EQ. Alle klingen recht ordentlich, haben aber auch das Problem, dass die Filterfrequenz in nur 50 Werten gerastert ist, was hörbaren Sprüngen Vorschub leistet. Werden die Filter allerdings vom Filter-LFO oder -Hüllkurve moduliert, treten keine Sprünge auf. Die einzelnen Sektionen des ADSRs können bis zu fünf Sekunden lang sein; ein Delay-Faktor verzögert den Einsatz bis zu 130 Sekunden. Zudem kann auch noch die Resonanz moduliert werden.

Synth-Engines links, Speicher und System-Einstellungen rechts

Synth-Engines links, Speicher und Systemeinstellungen rechts

Jeder der Synth-Bereiche ist durch einen eigenen Schalter erreichbar, etwaige weitere Seiten (wie beispielsweise Modulationen) werden durch nochmaligen Klick auf die Bereichstaste aufgerufen. Fünf extrem fein gerasterte Encoder stellen dann die angezeigten Parameter ein. Das mittig platzierte Display, das zur Abwechslung mal hochkant verwendet wird, bietet eine gestochen scharfe Darstellung und ist auch noch Winkel von 45 Grad gut lesbar. Besonders bei der grafischen Repräsentation der Oszillatoren sind die Veranschaulichungen gut gelungen und folgen alle einem stringentem Stil.

Leider nicht modulierbar: der SiGRINDER

Leider nicht modulierbar: der SiGRINDER

Es können bis zu 128 Presets abgespeichert werden. Zwei der Oszillatoren (DNS Explorer und SiGRINDER) können auch mit eigenen Samples betrieben werden, die über die 3,5 mm Aux-In-Buchse eingespielt werden. Der Sonicware ELZ_1 verfügt über zwei unsymmetrische 6,3 mm Klinkenausgänge, auf denen das Stereosignal liegt. Dessen Lautstärke ist unabhängig von der Kopfhörer/Lautsprecher-Lautstärke einstellbar. Der Lautsprecher selber reicht, um eine Idee vom Sound zu kriegen und ist mit 96 dBA in 2 cm Abstand recht laut. Die Feinheiten des Klangs gibt er aber unmöglich wieder. Er neigt zudem noch dazu, bei sehr FM-lastigen Sounds grausig zu übersteuern.

Klangbeispiele
Forum
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    Maxi  

    Trotz der aktuellen Defizite eine enorme Leistung, als Einzelkämpfer ohne etablierte Company im Rücken so ein Gerät auf die Beine zu stellen und zu versuchen, es in den Markt zu drücken. Respekt! Umso schlimmer, wenn dann das Messedebüt danebengeht. Bin gespannt, was aus dem „gadget synth“ (offizielle Bezeichnung) und seinem Entwickler wird. Amazona, bitte bleibt an diesem Thema dran!

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    Atarkid  AHU

    Tolles Ding! Und nachdem es ja noch ganz am Anfang seines Daseins steht, kann bestimmt der eine oder andere Kritikpunkt beseitigt werden. Ist auf jeden Fall eine spannende Sache der man ruhig mehr Aufmerksamkeit schenken sollte…

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    mdesign  

    da das ding ja volldigital ist, verstehe ich nicht, warum das sound-konzept nicht in eine app eingeflossen ist. auf das praxis-untaugliche plastik-spielzeuggehäuse hätte ich gerne verzichtet.

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    lightman  AHU

    Schöner Test und richtig gute Soundbeispiele. Ich war seinerzeit einer der Unentwegten, die sich einen MSX Computer leisteten, zuerst ein Philips VG-8020, dann kam der Yamaha CX5MII/128 dazu, der mich mit seinen FM-Möglichkeiten von Anfang an faszinierte. Den Yamaha habe ich noch, er kommt auch fürs Musikmachen zu Einsatz. Daneben habe ich einen Panasonic FS-A1, der MSX2-kompatibel und mit dem MegaFlashROM-Cartridge auch SCC-fähig ist. Feine Teile.

    Der ELZ-1 ist wohl Japans Antwort auf den OP-1, was schon mal gut ist, mit all den Soundformungsmöglichkeiten gefällt mir der ELZ-1 im ersten Ansatz aber besser, weil er verschrobener klingen kann, geht stellenweise in Richtung Gotharman deMOON. Die stark eingeschränkte MIDI-Anbindung ist aber unverständlich, da darf Meister Ju gerne nachbessern.

    Was App und Plugin betrifft, sage ich nur: Laaangweilig! ;)

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    Green Dino  

    Wow! Super interessante Synthesemöglichkeiten! Und das Notch Filter guckt so süss^^
    Din Midi Eingang gibt’s aber auch nicht – oder hab ich irgendwo einen Miniklinke-Adapter-Eingang übersehen?

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      Son of MooG  AHU

      MIDI gibt’s nur über USB, dazu noch kein MIDI-Pitch-Bend & -Velocity. Damit ist das Teil für mich erledigt; schade eigentlich…

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        lightman  AHU

        Jup, hab ich auch gerade auf der Produktwebsite gesehen, echt zu schade. Vielleicht kann man da ja firmwaremäßig noch was über den AUX In machen (mit dem üblichen Miniklinke zu DIN-Adapter). Ansonsten wärs das dann auch für mich gewesen.

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    Ted Raven  

    Unter den Pluspunkten ist die sechsfache Polyphonie aufgeführt.

    In einer Zeit, in der andere digitale Synthesizer wegen „nur“ 32facher Polyphonie abgewertet werden, halte ich es für entweder ein Versehen oder Messung mit zweierlei Maß, eine sechsfache Ployphonie als positiv zu bewerten. Sobald ein Sound eine etwas längere Releasephase hat, sind bei normalem Spiel sechs Stimmen deutlich zu wenig.

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    lightman  AHU

    Weil wir gerade von Chiptunes reden, lt. Wikipedia ist Ben Daglish am 1. Oktober an Krebs gestorben. Er war einer meiner drei C64 Musik-Helden zusammen mit Rob Hubbard und Martin Galway, ewig schade um ihn. Er war unter anderem für die geniale Musik zum Spiel The Last Ninja bekannt und komponierte dafür einen zuzsammenhängenden Soundtrack, der bei vielen Fans mit zum Besten gehört, was der SID hergeben kann. Kann man sich hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=_miL3Kd6E6w .

    Auf Wiedersehen, Ben.

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      t.goldschmitz  RED

      Das stimmt auch mich traurig.
       
      + Einer der einflussreichsten Musiker auf dem 64er und ganz sicher der Grund, warum die Synths bei mir am Ende doch Oberhand über die Gitarre gewommen haben…

      Cheers,
      Ben

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      Filterspiel  AHU

      Ich war zu der der Zeit immer hin- und hergerissen, zwischen dem was Jarre mit dem damaligen Stand der Technik erreichen konnte und dem, was der C64 mir bot. Da waren die o.g. „Helden“ dann wegweisend. Traurig, einen von ihnen zu verlieren.

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    Coin  AHU

    Mit nem anständigen Editor Plugin schaue ich mir das Gerät gern genauer an.
    Der Sound ist ja schon ganz gut.

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    Wellenstrom  AHU

    Der Track ganz am Anfang der Soundbeispiele avanciert hier für mich schon persönlich zum kleinen Hit.
    Ist ein ziemlicher Geniestreich, wenn man die fehlenden Kapazitäten/Ressourcen eines Kleinstbetriebes/Entwicklers im Hinterkopp hat. Ich würde dem Dingen schon einen 80s Specialpreis für das drollige Display (siehe das süße Notch Filter) verleihen. Sehr humorvoll und dabei auch für so alte Säcke wie meinereiner ein bissken eine Erinnerung an ganz frühe Vektorgraphikgames aus jener Zeit.

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    Green Dino  

    Hmm, ohne Din Midi Eingang ist ja natürlich doof…
    Und wenn über USB nur Note On/Note Off und bei einigen OSC Modellen auch Velocity geht, würde man mit einem USB Host to Midi Converter auch nicht unbedingt viel weiter kommen.
    Vielleicht kommt da ja noch was in einem zukünftigen Firmware Update…

    Sind eigentlich nur die Filter in 50 Schritten geraster und andere haben mehr Schritte, oder wie ist das?

    „Fünf extrem fein gerasterte Encoder stellen dann die angezeigten Parameter ein.“

    „Das Multimode-Filter beherrscht LPF, HPF, BPF, Peak EQ, LO EQ, HI EQ und einen Graphic-EQ. Alle klingen recht ordentlich, haben aber auch das Problem, dass die Filterfrequenz in nur 50 Werten gerastert ist, was hörbaren Sprüngen Vorschub leistet.“

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      t.goldschmitz  RED

      Ja, die Rasterungen sind für verschiedene Parameter auch unterschiedlich.
      FM-Level bei der 8-Bit-FM hat z.B. 100. Der Dig-Parameter beim DNA-Explorer hat 1000 Schritte.

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