Wieviel Hall braucht Dein Song?

12. März 2018

Wieviel Hall braucht Dein Song?

Einer der wichtigsten, wenn nicht DER wichtigste Effekt beim Arrangieren, Produzieren und Mixen ist der Hall. Im Prinzip finden wir diesen ominösen Hall dauernd und überall in unserem Alltag, doch wie entsteht er und wie lässt er sich für unseren Musikzwecke beeinflussen? In unserem Einsteiger Know How Hall fassen wir die wichtigsten Informationen dazu zusammen.

Wie eingangs bereits erwähnt, sind wir überall und zu jeder Zeit mit Hall bzw. den Rauminformationen zu dem Raum, in dem wir uns befinden, konfrontiert. Bestes Beispiel: Sprecht oder singt einmal bei Euch im Badezimmer, draußen an der frischen Luft oder sofern ihr nicht gerade vor Ort seid, stellt euch vor wie es wohl im Grand Canyon klingen würde.

Die wichtigsten Faktoren des Hallsignals sind im Prinzip schnell erklärt. Dieses besteht zunächst aus dem Direktsignal, d.h. dem Signal, dass eure Ohren direkt von der Schallquelle aus trifft. Danach folgen die frühen Reflexionen, diese erreichen eure Ohren mit ganz leichter Verzögerung nach dem Direktsignal. Als dritte im Bunde folgen wiederum etwas später die späten Reflexionen. Obwohl es letztlich nur diese drei Bestandteile sind, ist das Nachahmen von Hall nicht ganz einfach, denn die drei genannten Bestandteile entscheiden sich teils sehr deutlich und kleinste Veränderungen wirken sich oftmals sehr stark auf das Hallsignal aus.

Blick auf die Accutronics Hallspirale

Als es noch keine Plug-ins oder digitale Effektgeräte gab, nutzte man Metallfedern um Hall zu erzeugen. Das zu verhallende Signal wurde durch eine oder mehrere Metallfedern geschickt, diese wurden hierdurch zum Schwingen angeregt und am Ende der Feder saß ein Tonabnehmer, der das nun verhallte Signal wieder abnahm. Wie so vieles im Bereich des Recordings war dies zu jener Zeit mit einigen Einschränkungen verbunden, denn der Federhall war recht anfällig in Bezug auf Erschütterungen oder Körperschall und neigte vor allem bei perkussiven Klängen sehr schnell zum Scheppern. Auch gab es keine Parameter die großartig verändert werden konnten.

Ebenfalls auf mechanischem Wege erzeugten die sogenannten Hallplatten ihren Hall. In einem Rahmen wurde eine Stahlplatte befestigt, die zum Schwingen angeregt wurde. Hierdurch entstand ein relativ natürlicher Halleffekt, der durch Annäherung einer Dämpfungsplatte variiert werden konnte. Allerdings waren Hallplatten aufgrund ihrer Größe und des Gewichts sehr teuer und nur stationär in Tonstudios einsetzbar. Berühmtester Vertreter der Hallplatten ist die EMT 140. Daher rührt also auch das Preset „Plate“, das heutzutage in allen Halleffekten zu finden ist.

Nicht jeder kann (bzw. muss) sich zu Hause einen Hallraum einrichten

Die digitale Technik sorgte ab Mitte der 70er Jahre dafür, dass der Effekt Hall deutlich einfacher produziert werden konnte. Zwar waren diese bei ihrer Einführung noch sehr kostspielig, im Laufe der Jahre gab es allerdings schnell auch Geräte für den Homestudio-Bereich. In digitalen Hallgeräten – wie auch in den heutigen Plug-ins – berechnet ein Computer bzw. DSPs nach bestimmten Algorithmen die Reflexionen für das Direktsignal und fügt dies dem Originalsignal zu. Erster Vertreter der digitalen Hallgeräte war das EMT 250.

Im Bereich der algorithmischen Reverbs ist die Auswahl groß

Eine Firma, die unweigerlich mit dem Thema Hall verbunden ist, ist Lexicon. Das Lexicon 480L gilt heutzutage als Klassiker und findet sich noch in vielen professionellen Studios, ist seit einigen Jahre aber auch in Form eines Plug-ins erhältlich. Wahlweise von Lexicon selbst oder als Nachbildung eines anderen Klassikers, dem Lexicon 224 von Universal Audio.

lexicon 960L

Ein weiterer Lexicon Klassiker: 960L

Ein weiterer Schritt bzw. eine andere Form der Nachbildung ist der Faltungshall. Hier wird eine Impulsantwort eines Raums erstellt, im Prinzip ein Fingerabdruck eines echten Raumes, aufgenommen mit einem Mikrofon. Das Mikrofon zeichnet nach Aussenden eines Signals die „Antwort des Raumes“ auf und diese wird wahlweise in ein Hardware-Gerät oder in ein Plug-in importiert. So erhält man einen sehr realistischen Abdruck des Originalraumes. Hierfür nutzt man in der Regel bekannte Konzerhallen, Tonstudios oder andere besondere Orte. Der Nachteil des Faltungshall ist u.a. der hohe Speicherbedarf und letztlich sind die Impulsantworten recht statisch.

Egal wie und wo man den Effekt Hall auch einsetzt, es wird eine Weile dauern, bis man den „richtigen“ Hall für seine Einsatzgebiete gefunden hat. Der Umgang ist nicht ganz einfach und geht weit über das einfache Dry-Wet-Verhältnis hinaus, aber letztlich ist der Hall so was wie das Salz in der Suppe, richtig dosiert schmeckt es erst richtig gut.

Dass man Hall nicht immer nur klassisch einsetzen muss, zeigt euch unser Workshop mit dem Thema „Kreativer Einsatz von Halleffekten“. Hier schauen wir mal über den Tellerrand hinaus und zeigen für was und wie man Halleffekte auch kreativ einsetzen kann.

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