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Interview Hartmut Heinze: Modularsystem für Tangerine Dream

Ein Modularsystem für Tangerine Dream

15. April 2023

Auf die Berliner Firma Projekt Elektronik bin ich bei den Recherchen zu meinem zweiteiligen Feature über Tangerine Dream gestoßen. In den 70er-Jahren produzierte Hartmut Heinze mit seinem Team maßgeschneiderte Sequencer und Modularsysteme für die Elektronikband. Dabei verbesserten die Entwickler bestehende Modular-Konzepte mit den neuesten Bauteilen und Operationsverstärkern, die damals zur Verfügung standen. Und sie ermöglichten den Musikern durch eine aufwändige Zentralverkabelung komplexe Änderungen von Sequenzen und Klängen in Echtzeit durch einfaches Umlegen von Schaltern. Die Firma hatte ihren Sitz zuerst in Berlin Mitte, später dann in Friedenau. Heute ist Projekt Elektronik in Tegel beheimatet und hat sich auf Magnetfeldmessung spezialisiert. Die hochpräzisen Messgeräte und Magnetfeldsonden des Unternehmens werden zum Beispiel eingesetzt, um die magnetische Strahlung von Luftfracht zu überprüfen.

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Fast mittelalterlich wirkt der Eingang zu den Berliner Borsig-Werken. Im Hintergrund der Borsig-Turm von 1921, einst Berlins erstes Hochhaus. In der Nähe befindet sich der Firmensitz von Projekt Elektronik. (Foto: Costello)

Hartmut Heinze, Jahrgang 1945, arbeitet noch immer in seiner Firma. Er war zunächst etwas skeptisch wegen eines Interviews. Er ließ sich aber dann doch überzeugen, dass seine enge Zusammenarbeit mit Tangerine Dream und der grundlegende Beitrag von Projekt Elektronik, diese Musik auch live reproduzieren zu können, unbedingt eine Darstellung und Würdigung verdienen. Anfang März fuhr ich in den Berliner Norden, wo sich die Firmenräume in der Nähe des Borsigturms befinden. Im Netz findet man tatsächlich nur sehr wenige Informationen zu Projekt Elektronik. So bietet dieses exklusive Interview interessante Einblicke in die Technik, legt aber auch Zeugnis ab von grenzenloser Begeisterungsfähigkeit für eine Idee. Und ist nicht zuletzt ein weiterer Baustein für die Geschichte von Tangerine Dream.

Hartmut Heinze von Projekt Elektronik hat vor gut 40 Jahren Tangerine Dream mit Synthesizer-Modularsystemen und Sequencern ausgestattet (Foto: Costello)

Ein Moog-System von den Rolling Stones

Costello
Lieber Hartmut Heinze, wie hat sich der Kontakt zu Tangerine Dream ergeben?  Das muss um 1974 herum gewesen sein – haben Sie da noch Erinnerungen?

Hartmut Heinze
Ich hatte immer Kontakt mit Frank Jürgen Krüger, der später bei Ideal war. Und ich meine, über ihn ist der Kontakt zu Christoph Franke hergestellt worden und zwar bei irgendwelchen Musikveranstaltungen in der Alten Mensa in der TU. Bei einem Konzert von Amon Düül oder so. Damals standen im Hansa Studio 1 in der Nestorstraße drei schwarze Geräte. Das war ein Moog IIIP Synthesizer, der ursprünglich den Stones gehört hatte.

Costello
Ja, Mick Jagger hatte es nicht so mit den Synthesizern. Das portable Moogsystem IIIP wurde von den Rolling Stones erst an die Hansa Studios verkauft und dann hat es 1973 Christoph Franke von Hansa erworben.

Hartmut Heinze
Jedenfalls wusste Christoph ganz genau, was das ist. Er hat mich dann irgendwann gefragt, können wir diese mal in Gang setzen und reparieren. An den Netzteilen war etwas nicht in Ordnung, also habe ich sie repariert. Und dann habe ich zum ersten Mal gehört, was diese schwarzen Geräte an Tönen erzeugen. Eben diese synthetischen Töne und der Kontakt mit Christoph ging weiter. Christoph hatte vom Hersteller die Pläne bekommen. Er hatte plötzlich die Pläne von Moog. Original, DIN A1 – diese großen Formate. Die hätte ich nie bekommen. Und nun hatten wir den Zugang zu dieser Technik. Diese Technik war mir nicht fremd. Ich hatte mich schon während des Studiums ich war ja auch am Lehrstuhl mit tätig viel mit analoger Simulation auseinandergesetzt. Das wurde früher eingesetzt zur Lösung von Differentialgleichungen, indem man sie zeitlich simuliert hat. Und dafür braucht man hoch präzise elektronische Einheiten als Integratoren, als Verstärker, als Summierer.

Die „drei schwarzen Geräte“ werden wieder gebaut. Moog hat das transportable Modularsystem IIIP in einer kleinen Serie wieder aufgelegt (Foto Moogmusic)

Anfänge mit Quadrophonie

Costello
Da war Ihnen die Materie also durchaus vertraut?

Hartmut Heinze
Ja, das war alles sehr logisch. Und es war auch eine Krönung solche Pläne, wo man überall hochgenaue Bauteile sieht, Widerstände, die auf den Promille genau sind. Und sich da reinzuarbeiten, da reinzufließen und zu merken, das beherrscht man und kann es sogar verändern.

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Costello
Nachdem Sie den Moog wieder flott gemacht hatten, wie ging es dann weiter?

Hartmut Heinze
Die ersten Geräte gingen an Christoph. Er war speziell an Sequencern und Rhythmus interessiert. Ausschlaggebend war damals ein Konzert von Pink Floyd. Umma Gumma war ein angesagtes Album, aber natürlich auch Dark Side of the Moon. Bei Konzerten setzten Pink Floyd damals eine Quadrophonie-Anlage ein und dann haben sie dieses dong, dong dong, dong im Kreis rumlaufen lassen. Ich weiß das, weil wir daraufhin auch eine Quadrophonik-Lautsprecheranlage gebaut haben, um den Sound umlaufen lassen zu können. Man kann dann vom Synthesizer aus mit den VCAs die Anlage so ansteuern, dass der Klang im Raum herumläuft. Das hatte nur den Nebeneffekt, dass etlichen dabei schwindlig geworden ist.

Projekt Elektronik präsentiert die Rückseite des großen Modular-Synthesizers mit der innovativen Zentralverkabelung.

Hartmut Heinze (rechts) und ein Kollege vor dem großen Modularsystem in den Projekt Elektronik-Räumen in der Friedrichstraße (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Projekt Elektronik ein Sequencer für Christoph Franke

Costello
Wie sah die Zusammenarbeit in der Praxis aus?

Hartmut Heinze
Christoph war damals in diesem ehemaligen Kino in der Spandauer Altstadt mit vier Emporen. Und ich war vormittags in der Firma und nachmittags und die Nächte war ich dann bei ihm. Bei Coca Cola, Pizza und auch so etwas (imitiert das Ziehen an einem Joint). Christoph hatte damals diese Sache, dass er mit dem Sequencer eine Art digitales Echo erzeugte dong dodong dodong – das ging durch alle Knochen durch.

Costello
Das war dieses Doppeltriggern eines einzelnen Steps?

Hartmut Heinze
Ja, das waren so spezielle Punkte, die wir bei seinen Sequencern erstmal gemacht haben. Und auch, dass sie längere Sequenzen spielten. Nicht nur 8 Steps sondern 64, die konnten einfach hintereinander geschaltet werden, so dass man sagen konnte 16, 32 und so weiter. Man konnte jede Tonhöhe wie das auch beim klassischen Moog ist verändern. Der große Unterschied war: Wir haben gleich feste Schalter eingeführt, so dass sie einstellen konnten, eine Oktave höher, zwei Oktaven höher. Die waren genau eingestellt, sonst hätten sie immer diese wie soll ich sagen schlechte Stimmung gehabt. Dadurch, dass wir diese festen Schritte eingeführt haben einmal für die 12 Halbtöne und dann für die 5 Oktaven war es praktisch möglich, dass sie live auf der Bühne während des Spielens eingreifen konnten und sie schieben einfach mal einen Ton eine Oktave höher.

Die Module von Projekt Elektronik haben den gleichen Formfaktor wie die Moog-Module (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Transponieren im Handumdrehen

Costello
Dadurch konnten Tangerine Dream komplexe Tonfolgen praktisch per Schalterumlegen transponieren?

Hartmut Heinze
Ja. Als Musiker ich sehe das jetzt rein von der technischen Seite aber als Musiker, da wissen Sie schon, wenn ich jetzt an der Stelle eine Quinte höher gehe das merken alle. Die Hälfte, die da zuhört, träumt ja auch davon oder hat sogar einen eigenen Synthi zu Hause. Die fragen sich doch: Was geht da vorne ab, hält der durch oder bricht das zusammen? Das habe ich nicht gewusst damals, das habe ich erst im Laufe der Zeit erfahren. Viele Zuhörer sind selber Musiker mit Synthesizern und wissen um diese Probleme. Und diese wahnsinnig hohe Konzentration, das auf der Bühne zu bringen. Beim Moog mussten sie jeden Ton einstellen. Und das kann man live nicht, das erreichen Sie nicht während des Spielens so, dass der Klang einen genauen Halbton oder eine Oktave oder eine Terz höher wird. Aber wenn sie einen Schalter haben, dann gehen sie fünf Schalterstellungen höher und es ist eine Quinte oder vier höher und es ist eine Quarte. Das war ein Thema, das damals schon deutlich bei Tangerine Dream war, was Peter Baumann dann später wieder aufgegriffen hat. Dadurch konnten sie beim Spielen Veränderungen vornehmen und haben den Ton getroffen. Ich persönlich fand das toll, dass wir es hinbekommen haben. Aber dass es eine elementare Bedeutung hatte, ist mir erst lange Zeit später deutlich geworden. Als Leute kamen und sagten, wie habt ihr das gemacht das war so noch nie da.

Der Firmenname Projekt Elektronik verweist auf die an den Universitäten in den 70er Jahren aufkommenden Projektgruppen (Foto: Costello)

Projekt Elektronik was hinter dem Namen steckt

Costello
Woher kommt eigentlich der Name Projekt Elektronik?

Hartmut Heinze
Der Ursprung ist Anfang der 70er-Jahre entstanden in den Universitäten, die Projektgruppen. Gerade in der Physik an der TU und an anderen Universitäten auch. Dahinter stand: Wir Studenten wollen selber bestimmen, was wir lernen wollen und wir wollen etwas selber begreifen. Und nicht von Profs einfach vorgelegt bekommen, das müsst ihr jetzt machen. Da ist diese Eigendynamik entstanden, da kommt das her, speziell von der Physik, Hardenbergstraße, physikalische Institute. Da war der Julius Caesar, da war der Michael Adolph, beide kamen von dort und sie hatten die Arbeit in Projektgruppen erlebt, wo man nicht nur etwas abarbeitet, sondern selbstständig die Aufgabenstellung sinnvoll ausführt und auch die Verantwortung dafür trägt. Und dafür aber auch dann diesen Stolz hat: Ich habe etwas geschaffen und nicht nur etwas erledigt. Im Sinne von Job oder von Berufung. Und direkt davon hat sich der Name unserer Firma abgeleitet.

An die schweren Kästen des Modularsystems von Projekt Elektronik waren Rollen montiert, um den Transport zu erleichtern.

Teil des Modularsystems für Peter Bauman. Es war auf Räder montiert und wurde vor Auslieferung auf seine Transporttauglichkeit überprüft. (Alle Fotorechte: Projekt Elektronik)

Rütteltest nahe Checkpoint Charlie

Costello
Und bei Tangerine Dream ging es dann weiter mit der Frage: Könnt ihr uns einen kompletten Modularsynthesizer hinstellen?

Hartmut Heinze
Das hat eine Vorgeschichte und das war die Australien-Tournee, die noch mit dem Moog IIIP-Synthesizern durchgeführt wurde. Beim Verladen ist irgendetwas passiert und als Christoph diese in Betrieb nahm, hat er einen heftigen Stromschlag bekommen. Danach kamen sie zu mir und sagten, wir brauchen einen Synthesizer, der einen halben Meter runterfallen kann und danach noch funktioniert. Gleichzeitig tauchte auch Peter Baumann mit seinen Wünschen auf. Wir arbeiteten damals noch in der Friedrichstraße, in Nummer 31, Hinterhof. Es ist uns klar geworden, es muss ein Gerät sein, das nicht in einem Holzkasten steckt. Da ist dann aus Edelstahl ein Rahmen hergestellt worden, der ist richtig geschweißt worden. Und wurde eben für die Moog Mechanik ausgelegt, die Befestigung ist alles 1 zu 1 von Moog, die Platten und die Abstände. Er war dann noch auf Rädern und hatte an der Seite Griffe, weil er sinnvollerweise von vier Personen getragen wurde, da er schon ziemlich schwer geworden ist.

Zwischen gesichtslosen Neubauten hat sich der wunderschöne Altbau in der Friedrichstraße 31 erhalten. Im Hof befand sich der erste Firmensitz von Projekt Elektronik. Und schräg gegenüber befindet sich immer noch eine Polizeiwache. (Foto: Costello)

Ob wir ihn nun wirklich aus einem halben Meter haben fallen lassen, das weiß ich nicht mehr so genau. Als er endlich fertig war, haben wir einen Rütteltest gemacht auf Kopfsteinpflaster und haben rund um die Friedrichstraße diese schwarze Kiste rumgeschoben. Holterdiepolter! Die Firma war damals glaube ich nur 100 m vom Checkpoint Charlie entfernt. Jedenfalls auf dem Rückweg steht da die Polizei und sagt: „Halt stop, was ist hier los! Wem gehört das?“ Kann man auch verstehen: abends im Dunkeln vier Gestalten mit schwarzem Gerät auf dem Bürgersteig. Aber sie waren ganz nett: „Ach da kommt Musik raus? Das kann ja jeder sagen.“ Und dann sind sie mit uns zusammen in die Firma rein, wir starteten den Synthesizer und zeigen, es kommen wirklich Töne raus. Tja, und zwei Tage später haben wir den Synthesizer ausgeliefert. Ich habe ihn dann lange Zeit nicht gesehen.

Unweit des ehemaligen Firmensitzes von Projekt Elektronik in der Friedrichstraße liegt der berühmte Checkpoint Charlie – während der deutschen Teilung ein Grenzübergang der Alliierten nach Ost-Berlin. Vielleicht interessierte sich die Polizei auch deswegen für die Männer von Projekt Elektronik, die eine große schwarze Kiste auf Rädern über das Kopfsteinpflaster schoben. (Foto: Costello)

100 Leitungen für den Sequencer

Costello
Und was für Module waren da schlussendlich drin?

Hartmut Heinze
Das waren tatsächlich unsere Module. Wir haben sie in den Maßen natürlich von Moog kopiert, um für Moog Module kompatibel zu bleiben. Unsere sind auch schwarz, sie haben die gleichen Maße, wir haben auch gleiche oder ähnliche Bezeichnungen verwendet. Nur der Sequencer, der hieß dann nicht mehr Sequencer, sondern Timecontroller bzw. Voltage Store Unit. Die Verkabelung der VSU, das sehen sie noch auf den alten Aufnahmen von damals, war sehr aufwändig. Da sehen Sie, wie viele Leitungen von jeder Einheit nach außen geführt sind. Es sind an die hundert Leitungen, die nach außen gehen und in den Kabelbäumen natürlich weitergeführt werden. Dafür würde man heute ein 64-poliges Flachbandkabel nehmen, gleich mit Stecker konfektioniert und hat dann lauter Verbindungen. So wird es zum Beispiel von Moon Modular gemacht. Da zeigt sich, wie die Technik die nächsten Schritte umsetzt. Und trotzdem der Respekt vor dem, was Moog damals geschaffen hat. Also wieder dieselben Maße. Wieder schwarz.

Eine Voltage Store Unit und ein Time Controller bilden zusammen den leistungsfähigen Sequencer von Projekt Elektronik.

Voltage Store Unit und Timecontroller bilden gemeinsam den Sequencer (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Costello
Und der Timecontroller?

Hartmut Heinze
Der Timecontroller besitzt eine eigene Clock, mit der man den Rhythmus einstellen konnte. Und die VSU konnte anwählen, an welchen Timecontroller gehen die Signale und davon gab es mindestens zwei, wenn nicht sogar vier und damit war es ganz einfach, eine Taktlänge von 64 Schritten zu erreichen.

Costello
Wie sieht es mit dem Keyboard aus?

Hartmut Heinze
Das Originalkeyboard war von der Fa. Wolfgang Palm, es ist wieder in Ordnung. Ich habe es in Berlin vor ein, zwei Jahren gesehen. Das Keyboard hat diese vier Wheels, wo Sie von Hand weiche Übergänge erzeugen können.

Das große Projekt Elektronik-Modularsystem für Peter Baumann kurz vor der Fertigstellung. Auch das Keyboard von Wolfgang Palm ist gut zu erkennen. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Projekt Elektronik – neue Leiterplatten in zwei Tagen

Costello
Wie muss ich mir die Werkstatt von Projekt Elektronik damals in der Friedrichstraße vorstellen? Hatten Sie ein kleines Team? Saßen Sie selbst am Tisch und haben gelötet?

Hartmut Heinze
Wir waren damals zu Viert: Michael Adolph, der war wie ich auch Geschäftsführer. Dann gab es einen Julius Caesar und Andreas Bahrdt. Wir haben im Team alle Fronten hergestellt, die Bedruckung gemacht. Wir hatten einen Raum, wo wir mit Chemie geätzt haben. Ich habe teilweise nur von Hand skizziert, wir brauchen jetzt so und so eine Leiterplatte, dann wurde daraus ein Schaltplan erstellt und ein Layout hergestellt. Teilweise habe ich nach zwei Tagen eine fertige Leiterplatte gehabt. Dann haben wir bestückt bis oft in die Nacht hinein und ausprobiert ja, es funktioniert!

Costello
Da ist es wichtig, dass alle richtig gut zusammenarbeiten.

Hartmut Heinze
Sonst hätte es gar nicht geklappt. Wir haben ein Zusammenspiel gehabt, das war einfach irre gut. Zu der Zeit waren Leiterplatten noch mit langen Fertigungszeiten verbunden und auch teuer aber das haben wir alles selber angefertigt. Es ging sehr viel Zeit in die Justage, damit sie eben die Steuerspannung bekommen, die sie brauchen für eine Oktave. Das war genau 1,000 Volt, welches sie schon auf vier oder fünf Stellen genau einstellen müssen. Alle Einheiten müssen warmgelaufen sein, also man kann nicht einfach einschalten, sondern das muss eine halbe Stunde vorher passieren. Es wurden auch sehr viele Schaltungsüberlegungen umgesetzt und besondere, neue Bauteile verwendet. Wir wollten eine ganz deutliche Stabilität zu erzielen. Das war immer das Hauptproblem. Wenn ich jetzt zwei Oszillatoren habe und der eine würde um ein Tausendstel wegdriften, ein Tausendstel von der Spannung, die man für eine Oktave braucht. Der eine jetzt bei 500 Hz und der andere ist auch bei 500 Hz, wenn einer jetzt um ein Tausendstel wegläuft, dann hören sie so ein jiehjiehjiehjieh-Gejammer und das will keiner hören.

Hüllkurven-Module und Verstärker der Berliner Firma Projekt Elektronik

Die Hüllkurvengeneratoren und VCAs des Projekt Elektronik-Modularsystems (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Modernste Bauteile und OpAmps

Costello
Haben Sie im Vergleich zum Moog-Vorbild modernere Bauteile verwendet?

Hartmut Heinze
Ja, das konnte man gar nicht mehr mit den früheren Bauelementen machen und auch auf die Frage, welche Operationsverstärker man einsetzt, hatten wir den Vorteil, dass wir neuere Technik einsetzen konnten als die von Moog und damit stabilere Technik. An der Rückseite des Gerätes konnte man den Halbton noch mal trimmen und auch jede Oktave noch mal separat trimmen. Wichtig, wenn man zum Beispiel in eine andere Temperaturumgebung kam. Und da habe ich dann für alle 5 Oktaven und für alle 12 Halbtöne noch Trimmer eingebaut. Dadurch konnte die Band nach dem Warmlaufen hören, wie harmonisch sind die Halbtöne und die Oktavschritte. Es war für uns schon klar, wir müssen auf höhere Genauigkeit justieren, als das vorher noch bei Moog der Fall war.

Costello
Sonst haben sich aber schon deutlich am Moog orientiert?

Hartmut Heinze
Ja, ganz klar! Moog ist derjenige, der das in die Welt gesetzt hat. Es bleibt bei Schwarz, es bleibt bei den Maßen, es bleibt bei den Befestigungen, bei den gleichen Gewinden. Oder hier: Das ist derselbe Rahmen, den hat Moog auch, die Leiterplatten sehen genauso aus, haben auch dieselben Stecker. Wo man dann sieht, das ist nicht einfach etwas anderes, sondern das baut auf.

Das Modularsystem von Projekt Elektronik hat einen ganzen Block von VCO's

Der massive Oszillator-Block von Peter Baumanns Modularsystem. Vorn ist im Anschnitt das Keyboard von Wolfgang Palm zu erkennen, das vier Wheels besitzt. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Projekt Elektronik Oszillatoren und Filter

Costello
War Moog auch das Vorbild für die Oszillatoren?

Hartmut Heinze
Nein, nicht bei den Oszillatoren, das haben wir bewusst nicht wie Moog gemacht. Wolfgang Palm in Hamburg hatte damals den besten Oszillator, den es gab. Und daran haben wir uns angelehnt. Das Typische für Palm-Oszillatoren ist, wenn Sie Ihre Synthesizer einschalten und Sie hören gleich einen Ton und der läuft und läuft und läuft und auf einmal bleibt er stehen. Das merkt man so richtig und dann bleibt er auf diesem Ton stehen. Wolfgang Palm hat das hinbekommen. Wir haben dann etwas Ähnliches versucht, ob wir nun genauso gut wie er waren, das weiß ich nicht. Aber so wie bei Moog, dass die Stimmstabilität praktisch von außen beeinflusst wird, das haben wir verbessert. Musiker hören so etwas heraus, ob das eine Quarte oder Quinte ist und auch, ob etwas zwischen beiden Halbtönen passiert.

Costello
Für die Filter wurden ARP-Bausteine verwendet?

Hartmut Heinze
Bei dem reinen Filter-Modul. Wir haben aber zwei verschiedene Filter eingebaut. Der zweite ist ähnlich wie bei Moog. Der hat einfach einen eigenen Sound, den jeder Musiker sofort heraushört. Weil das Moog-Filter ein Vierfachfilter ist und das ARP-Filter ist nur ein Zweifachfilter. Von daher hat der ARP nicht so eine scharfe Höhenunterdrückung oder Oberwellenunterdrückung. Wenn Sie jetzt ein Filter auf eine Frequenz einstellen: Das Zwei- und Vierfache und Achtfache der eingestellten Frequenz kommt bei ARP stärker durch als bei Moog. Moog hat mehr diesen kräftigen dumpfen Klang.

Costello
Konnte die Filtercharakteristik einfach umgestellt werden?

Hartmut Heinze
Ich meine wir hatten unterschiedliche Module …

Interview Hartmut Heinze, Projekt Elektronik

Das Filtermodul von Projekt Elektronik. Mit den 24 Schaltern des Modul 190 konnten vorverkabelte Routingmöglichkeiten für die Signale abgerufen werden. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Projekt Elektronik das Geheimnis der Zentralverkabelung

Costello
Wenn ich das höre: Das war doch ein riesiger zeitlicher Aufwand. Konnten Sie sich da überhaupt noch um andere Kunden kümmern?

Hartmut Heinze
Nein, in diesem Jahr (1976) waren wir fast nur für Tangerine Dream tätig. Da sind ja mehrere Geräte entstanden. Für Edgar Froese sind Geräte entstanden, für Peter Baumann das große Gerät. Kaufmännisch gesehen haben wir uns da nicht besonders schlau verhalten, um es mal milde auszudrücken. Sondern es standen einfach Fragen im Raum, die ganz spannend und absolut brennend waren und wo Sie sich überlegen: Haben wir heute Abend noch eine Lösung oder erst übermorgen. Und dann können Sie nicht loslassen. Und schon kommt die nächste Frage und die nächste. Der Peter Baumann ist ja auch jeden zweiten Tag da gewesen und fragte, können wir so oder so etwas machen. Und Peter machte dann auch deutlich: Diese vielen Kabelstrecken das ist eine Behinderung, das ist das falsche Prinzip. Das passt nicht mehr. Das war zu Anfang halt so, dass man gesagt hat, hier habe ich ein Modul und da ein Modul und wenn dieses Modul jenes steuern soll, wenn der Modulationsoszillator den Hauptoszillator steuern soll, dann muss ich da eine Strippe stecken. Und das ist etwas, was man live kaum bedienen kann. Oder wenn, dann gehören Nerven dazu, das ist nur bewundernswert. Und Peter sagte, Moment mal, da müssen wir eine Vorverkabelung machen. Also Modulationsoszillatoren liefern ihre Signale per Vorverkabelung an jeden Oszillator und jedes Filter usw. Es entstanden Anwahlfelder, wo Sie nur Schalter 7 einschalteten und verbanden vom Modulationsoszillator 1 das Signal auf ihren Oszillator. Die Musiker konnten also beim Live-Konzert sagen, ich überlagere eine Modulation oder nicht, wo Sie sonst erst eine Strippe hätten stecken müssen.

Costello
Das war im Prinzip eine Zentralverkabelung?

Hartmut Heinze
Das war eine Zentralverkabelung, die ziemlich aufwändig war. Wir mussten die Module noch zusätzlich mit Steckern ausrüsten. An der Front befanden sich dann diese Kippschalter, die Sie auf den Fotos sehen. 24 glaube ich insgesamt.

Costello
Peter Baumann musste sich nur merken, welcher Schalter was macht?

Hartmut Heinze
Das hatte er nach kurzer Zeit im Kopf. Jetzt muss ich Nummer 7 nehmen oder Nummer 11.

Costello
Jeder dieser Kippschalter wäre eine Strippe gewesen.

Hartmut Heinze
Genau.

Viele Schalter ersetzen beim Modular-Synthesizer von Projekt Elektronik die sonst üblichen Patchkabel.

Kippschalter statt Patch-Kabel. Projekt Elektronik ermöglichten es Tangerine Dream, ihre immer komplexer werdenden elektronischen Klänge auch live zu reproduzieren (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Fans rätseln – warum hängen an den TD-Systemen keine Patch-Kabel?

Costello
Sie wissen schon, dass das einige Fans damals schwer irritiert hat. Da steht ein riesiges Modularsystem. Aber: Wo sind die Strippen? Geht das noch mit rechten Dingen zu?

Hartmut Heinze
Ja, da war dann die Frage – wird da ein Bandgerät genutzt? Das habe ich nie so richtig begriffen. Denn ich war ja ganz mit der Technik beschäftigt. Das Meiste spielte sich ja in meiner Firma ab. Das war damals ein Zusammenspiel, das könnte ich heute gar nicht mehr reproduzieren. Aber dann kam immer wieder Peter Baumann und sagt: „Hier wäre noch das und das.“ Bei Peter ist das dann irgendwie explodiert. Der hat so eine Riesenvorstellung gehabt wie das nicht mehr ein kabelsteckbarer Moog ist, sondern wie der Synthesizer im Prinzip zum Steuerpult wird. Das dann im nächsten Schritt über die Digitalisierung mit Tastenbedienung funktioniert, wo im Vorstadium Schalter eingesetzt werden. Und deswegen waren die Fans da und sagten: „Wie geht das, das geht doch gar nicht.“ Das war einfach noch nicht in den Köpfen drin.

Costello
Sie wussten es dafür ganz genau!

Hartmut Heinze
Ich bin erst lange Zeit danach regelrecht erschrocken, was wir da gemacht habe. Das da etwas elementar Neues in die Welt gesetzt worden war. Was die Sache besser bedienbar macht und sicherer macht. Da kann man noch was besser machen, da gibt es noch etwas Neues. Und zur Geburt dieser Sache gehören zwei: Einer der mit dem Lötkolben und den Bauteilen kommt und einer, der mir erklärt, was eine Quarte ist. Ich wusste nicht, was eine Quarte ist. Ich musste sie erst fragen. 

An das Tangerine Dream-Konzert im großen Amphitheater von Orange im Südosten Frankreichs  erinnert sich Hartmut Heinze gerne zurück (Bildlizenz: Jeanlouiszimmermann /Wikimedia Creative Commons /Vue aérienne du Théâtre Antique côté Ouest. 2007)

Mit Tangerine Dream auf Tournee

Costello
Sie waren auch bei Tourneen dabei. Als Problemlöser.

Hartmut Heinze
Probleme musste ich da nicht lösen. Ich bin da einfach mitgefahren.

Costello
Ihre Synthesizer waren einfach zu gut gebaut?

Hartmut Heinze
Oder wir hatten keine Situation, wo etwas beschädigt wurde. Wenn Sie für den Notfall da sind, dann muss der Notfall ja nicht eintreten. Ich erinnere mich an ein phantastisches Konzert in Orange in Frankreich in diesem alten Amphitheater. Das hatte Radio Luxembourg organisiert. Alle möglichen berühmten Bands kamen dahin und abends nach Einbruch der Dunkelheit hatte jeder eine Stunde. Und da haben die dann ihr Equipment hingestellt und dann spielten die ersten, Licht aus, die nächsten an die Geräte ran und so ging das bis zwei Uhr nachts. Das war hammermäßig, 5 Bands an einem Abend. Ich habe allerdings einen Fauxpas begangen, als ich einen Stecker bei voller Lautstärke in die Lautsprecheranlage gesteckt habe und da hat’s im ganzen Theater einen Riesenknall gegeben.

Costello
Sie waren mit Tangerine Dream auch in Übersee?

Hartmut Heinze
Ja, bei der US-Tournee, die in Los Angeles startete. Das war eine ganz elementare Erfahrung – die machen ihr Konzert in Los Angeles, kommt gut an, gleich abends in der Presse und da waren natürlich Presseleute da, mit Sekt und großer Feier und draußen der Pool und das ganze Haus voll und abends kamen weitere Künstler vorbei, die in der Nähe wohnten und sagten: „That’s great!“ Und dann habe ich etwas erlebt, was ich in Deutschland noch nie erlebt hatte: Die Amerikaner freuen sich für jemanden, der Erfolg hat. So offen und so ehrlich und wünschen ihm weiter Erfolg, dass er die Kraft hat und sein Ding durchzieht. Dieses „Do your own thing!“ oder „Make your way!“ In Deutschland habe ich es in dieser Form nicht erlebt. Das hat mich damals sehr beeindruckt – dieses Gönnen können. Ich gönne Dir Deinen Weg und ich gönne Dir Deinen Erfolg! Und bleibe weiter erfolgreich! 

Während der US-Tournee von Tangerine Dream besuchte Hartmut Heinze San Francisco (Foto: Costello)

Kontakt mit Tom Oberheim

Costello
Hatten Sie auch Kontakt mit der US-Synthibauerszene?

Hartmut Heinze
Als ich damals in den USA mit Tangerine Dream war, hatte ich Kontakt mit Tom Oberheim. Während die Musiker auf Tournee waren, bin ich zwei Wochen nach San Francisco geflogen und habe mir San Francisco angesehen. Alles, was Steve McQueen abgefahren ist, bin ich auch abgefahren. Im Ford Mustang. Und Tom fragte mich, warum bleibst Du denn nicht hier? Ich besorge Dir einen Job. Irgendwann kommt der mit so einem Stapel Briefe, kannst doch hierbleiben. Habe ich so schnell nicht gerafft, ich hatte ja hier in Berlin die Firma. 

In USA gab es Geschäfte, dort konnte man alle möglichen elektronischen Geräte mieten. So was habe ich in Deutschland damals noch nicht gesehen. Auch deutsche Oszillographen und solches Equipment. Ja, Amerika war gut.

Hätten die Modularsysteme von Projekt Elektronik auch in Serie gehen können? (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Costello
Weil Sie Tom Oberheim erwähnten: Kam Ihnen denn auch mal die Idee, die Synthesizer-Fertigung größer aufzuziehen?

Hartmut Heinze:
Tangerine Dream waren dann viel mit den Instrumenten unterwegs, waren viel auf Tournee. Und ich hatte niemanden, der aus der musikalischen Ebene Impulse setzte. Wenn ich hier keinen Musiker habe …

Costello
Ihnen fehlte der Sparringspartner?

Hartmut Heinze
Ich habe dann gemerkt, ohne solche Leute wie Peter, Christoph und Edgar geht’s nicht weiter. Weil natürlich dann auch viele Fragen von außerhalb kamen, kann man hier, kann man da? Und das war dann wirklich die Frage, wie viel investiere ich und wie viel geht davon dann wirklich weg. Und auf der anderen Seite ist es natürlich auch so: So eine Band macht für sie nicht unbedingt große Promotion.

Costello
Ihre Synthesizer waren schließlich ein Alleinstellungsmerkmal für Tangerine Dream.

Hartmut Heinze
Natürlich!

Als Projekt Eketronik später nach Friedenau in die Stubenrauchstraße umzog, war es nur ein Steinwurf zum damaligen Studio von Peter Baumann in den Askania Höfen in der Bundesallee (Foto: Costello)

Die digitale Offensive

Hartmut Heinze
Und der zweite Punkt: Es hat gar nicht lange gedauert, da erschien in einer Musikzeitung damals eine ganzseitige Anzeige von Yamaha: 11 Ingenieure, 11 Millionen Dollar. Unsere Investition in Synthesizer. Und zwar nur digital. Und da habe ich gesagt: Dagegen komme ich nicht an. Erstens: Digital ist nicht meine Seite, wäre ich völlig abhängig gewesen von Leuten, die entscheiden, welchen Rechner nimmt man, welche Programme, welche Sprache. Und dann kommt ja dazu: Das eine ist die reine Software-Sprache, das andere aber sind die Anwenderbegriffe, wie gehen Anwender da ran. Das wäre überhaupt nicht mein Gebiet gewesen. Und da habe ich gesagt: Wenn ihr das macht, dann macht Yamaha das weiter. Und dann fing die Zeit an, wo alles nur noch digital war. Oberheim hatte damals schon Synthesizer mit Controllern und aus allen Ecken kamen sie jetzt mit digitalen Synthesizern. Und es hieß auch: analog, ach nee. Und so weiter. Mit der Digitaltechnik konnten sie speichern und den Sound auch einfach wie ein Tonband ablaufen lassen.

Costello
Und da waren Sie raus aus der Sache?

Hartmut Heinze
Das war gar kein Thema von rausgeschmissen werden. Sondern das war ganz klar – das kann ich aus zwei Gründen nicht: Ich habe nicht mehr die Musiker. Es kamen ja immer wieder Anfragen von ganz unterschiedlichen Menschen mit ganz unterschiedlichen Wünschen. Und dann müssen Sie auf die Wünsche eingehen können. Wenn die jetzt aber rein musikalisch reden, dann brauchen Sie jemand, der das transformieren kann. Und das wäre idealerweise Peter, Christoph oder Edgar gewesen. Und die waren aber weg. Die haben ihre Geräte gehabt, ihre Tourneen, ihre Konzerte gemacht. Und dann das Ding von Yamaha: Jetzt geht die digitale Welt los. Da war klar, da bin ich nicht dabei.

Zu den drei Tangerine Dream-Musikern Edgar Froese, Christoph Franke und Peter Baumann (hier von links nach rechts auf der Coverrückseite von Ricochet) hatte Hartmut Heinze auch persönlich einen guten Draht

Grundfragen der Existenz – philosophische Gespräche  mit Edgar Froese

Costello
Wie war Ihr persönliches Verhältnis zu den Tangerine Dream-Musikern?

Hartmut Heinze
Ich war der Kumpel von der Elektronik. Ich kann es nicht besser ausdrücken. Durch die Zusammenarbeit hat sich automatisch eine sehr gute menschliche Beziehung ergeben. Sie hatten Respekt vor meiner Arbeit und stellten Fragen und wenn ich etwas gemacht habe, haben sie gesagt, das ist es und das ist es noch nicht.

Costello
Konnten Sie mit der Musik von Tangerine Dream etwas anfangen?

Hartmut Heinze
Damit kann ich sehr viel anfangen. Das hat sich auch gerade im Kontakt mit Edgar verstärkt. Weil mit Edgar haben wir uns oft gar nicht über Technik und Musik unterhalten, sondern über die Gesetze des Universums – das waren so Fragen. Und das ging in alle möglichen Richtungen bis ins Religiöse. Grundfragen der Existenz. Und das war mit Edgar so ein Pingpong. Das waren ganz spannende Gegenpole zu anfassbarer Hardware mit Lötgeräten und Kabeln, aber auch was sie auf der Bühne machten. Das war eine völlig andere, darüber liegende Ebene. Da kamen auch viele Dinge rein aus dem Fernöstlichen. 

Costello
Wie fällt Ihr Fazit aus – mit über 40 Jahren Abstand?

Hartmut Heinze
Das waren Begegnungen der besonderen Art. Das sind Glückstreffer, wenn Sie das auf der persönlichen Ebene sehen. Wenn Sie mal das Wirtschaftliche abkoppeln. Das hat ja auch geklappt, wir sind dabei nicht pleite gegangen. Wir konnten das auch nicht kalkulieren, wir konnten auch nicht sagen, wann wir fertig sind. Aber zu dem Termin, wo sie ihr erstes Konzert machten, waren wir dann auch pünktlich fertig. Aber wir haben diese Sache ganz zu Ende gebracht. Und die musste erst mal in die Welt hinein und dann hat es lange gebraucht, bis dann die Erkenntnis kam: Das Ding ist gut gewesen. Und das ist ein neuer Status und dann merken Sie, da haben Sie jetzt etwas umgesetzt, das ist wichtig. Sie sind an einem Prozess beteiligt, aber das geht nur durch das Zusammenspiel.

Interview Hartmut Heinze, Projekt Elektronik

Hartmut Heinze studiert Fotos der Module für Tangerine Dream und ist selbst beeindruckt, wie viel Verkabelungsaufwand Projekt Elektronik damals betrieben hat (Foto: Costello)

Analoge Renaissance

Costello
Und das Thema Synthesizer?

Hartmut Heinze
Für viele Menschen ist es ihre Hauptaufgabe, einen Samen zu setzen. Ich setze die Samen in den Boden und ich gieße sie und dann ist mein Job getan. Und dann kommen die, die machen die Pflege und dann kommen die, die die Ernte machen. Als ganz elementare Aufgabe. Und das merken Sie, wenn Sie den Samen eingesetzt haben und der ist jetzt definiert, dann ist nichts mehr. Dann schauen Sie, wo ist das nächste Thema, wo sie was machen müssen. Das spielte damit rein, wie mir hinterher klar geworden ist. Auch als Trost, dass es nicht weitergeht. Es ist für mich nicht einfach gewesen, das einfach loszulassen. Und dann zu sagen: Okay, Du hast es in Gang gesetzt und das war jetzt wichtig. Was mir dann aufgefallen ist, dass ich immer wieder solche Prozesse erlebte. Aber viele Sachen sind dann irgendwann einfach auch abgeschlossen. Und dann kommt eine Zeit, wo die digitale Synthese in der Übersättigung ist. Das ist so präzise, da fehlt die Vibration, wie Edgar gesagt hätte. Die führen kein Eigenleben. Auch wenn das manchmal nur minimal ist und man lange hinhören muss. Musiker hören das. Gemerkt habe ich das ziemlich genau nach 28, 29 Jahren. Dann auf einmal bin ich hier wieder plötzlich überschüttet worden mit Anfragen und Leute besuchten mich. Hast Du nicht noch Unterlagen? Die brauchst Du doch nicht mehr. Und es gab durchaus auch unangenehme Gespräche – warum verschenkst Du das denn nicht? u.ä.

Costello
Analog war wieder schwer angesagt.

Hartmut Heinze
Da war ein ganz immenses Interesse. Da sind Leute aus Italien, aus Portugal gekommen. In Lissabon gab es eine Förderung für Leute, die Synthesizer bauen. Von der Stadt her. Und die haben dann Module gebaut und zu Niedrigstpreisen angeboten. Und dieses Lebendige, was als Ungenauigkeit in analoger Technik zu Tage tritt, das war auf einmal wieder gefragt. Vielleicht mit ein paar zusätzlichen Effekten und Einstellmöglichkeiten. Aber das ist ein bekannter, natürlicher Rhythmus. Da kamen auch viele Anfragen, willst Du nicht wieder einsteigen. Aber das hätte ich mit meinen jetzigen Mitarbeitern gar nicht machen können.

Heute interessieren sich viele Synthesizerenthusiasten für die speziellen Designs, die Projekt Elektronik in den 70er-Jahren entworfen hat (Foto mit freundlicher Genehmigung von Projekt Elektronik)

Costello
Haben Sie noch Kontakt?

Hartmut Heinze
Ja, ich hatte zu Christoph noch vor Corona Kontakt, weil er den Stand von Peter übernommen hat. Und meinte, ob ich nicht nach USA kommen kann. Ja, da hätte ich erst das Geschäft hier verkauft haben müssen. Das habe ich aber noch nicht.

Weil Sie mich aber vorhin nach meinem Fazit gefragt haben: Für mich ist das eine ganz besondere Zeit gewesen, wo wir hocheffektiv etwas geschafft haben, kaum Fehler und hochspielerisch und nur kreativ tätig waren und uns nicht um Gesetz, Verordnungen und Normen haben kümmern müssen, sondern um Fragen, wie genau erzeugen wir eine Quinte. Und dann eben auch Peter Baumann erlebt, wenn man so etwas und so etwas macht, dann kann man noch einen Schalter dazu machen. Und wo er dann merkte, jetzt kann man das Gerät so bedienen, wie er das wollte. Deshalb sind Fotos typisch, wo eben nur noch eine rote Strippe zu sehen ist.

Costello
Lieber Hartmut Heinze, ganz herzlichen Dank!

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Forum
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    Tomtom AHU

    Hartmut Heinze hat echte Pionierarbeit geleistet, ist dabei gleichzeitig bodenständig und realistisch geblieben. Sehr sympathisch! Vielen Dank, lieber Costello, für diese wieder mal faszinierende Zeitreise, die ja quasi als Nebenprodukt zu deinen TD Artikeln entstanden ist und dabei gleich mit uralten Vermutungen aufgeräumt hat, dass Tangerine Dream damals ihre Modularburgen nur zu optischen Zwecken auf der Bühne stehen hatten!

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      costello RED

      Danke Tomtom! Ja, die Tonband-Legende wird dadurch wirklich widerlegt. Soundänderungen und das Transponieren komplexer Tonfolgen war mit den Geräten von PE problemlos möglich. Rund 10 Jahre später haben das dann die Atari ST-Rechner möglich gemacht. Kleiner Spoiler: Das war auf der USA-Tour 1988 mit Ralf Wadephul. Dieses Interview gibt‘ dann in 14 Tagen.🙂

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        exTDRalf

        Nachdem ich Cotellos Monster-Artikel (aber keine Zeile dürfte fehlen!) „MAKING OF SPECIAL: ELP Brain Sald Surgery“ noch mal ausgiebigst studiert habe fiel mir auf dass dort ja von ganz ähnlichen Modifikationen am MOOG die Rede ist (Kapitel EMERSONS MOOG-Synthesizer). Also das, was „voltage controlled“ ist, statt per Poti als feste Steuerspannung per Schalter bereit zu stellen. Der Ansatz scheint mir sehr ähnlich, außer natürlich was den Sequencer betrifft. Und ich könnte mir vorstellen dass der gute Emmo die Patchkabel wegen der Optik durchaus geschätzt hat… 😀
        Meine Frage: War das eine Geheimentwicklung exklusiv für Herrn Emerson oder hätte auch TD das schon „ab Werk“ haben können? Weiß da jemand was darüber?

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          iggy_pop AHU

          Das war eine Eigenentwicklung von Moog, die in eine Reihe von Systemen verbaut worden war — diese Systeme waren bei einem Konzert in New York eingesetzt worden, live auf der Bühne (Moog Quartet Concert in the Park, hieß es, glaube ich), und diese per Schalter anwählbare Vorverdrahtung sollte die Bedienung auf der Bühne leichter machen.

          Eines dieser Systeme landete dann bei Herrn Emerson und wurde von ihm bis zum Umfallen erweitert.

          Die PE-Schaltungen dienten weniger als „Presets“ für Klänge, sondern eher zum schnelleren und flexibleren Routing von Steuerspannungen und Triggern, damit beim Livespiel eine größere Flexibilität möglich war, bei deutlich weniger glitching als bei den Moog 960 Sequenzern (unquantisiert und ohne aufwendige Trigger-Busses).

          Ist zumindest meine Vermutung, was weiß ich schon.

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      costello RED

      Danke Axel, ich war von Hartmut Heinze und seiner Persönlichkeit sehr beeindruckt. Diese Zeit damals mit TD war sehr prägend für ihn und er gibt ehrlich zu, dass es ihm nicht leichtgefallen ist, das dann loszulassen und sich neuen Aufgaben zuzuwenden.

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        Kazimoto AHU

        „…ihm nicht leichtgefallen ist, das dann loszulassen…“
        Geschweige denn für TD. Ich bin immer noch erstaunt über deren Wirken und meiner Unkenntnis.

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          THo65

          Hallo Kazimoto, da kann ich dir auch Froese-Biografie „Force Majeure“ empfehlen. Nicht so technisch wie die Reportagen von Costello, viel über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten von damals. Inkl. der Gemeinsamkeiten mit Bowie.

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            Kazimoto AHU

            Danke für den Tip aber so richtig Fan werde ich nicht mehr. Ich packe TD einfach in die kultig bis nerdige deutsche Schublade. Trotzdem schön zu lesen, auch die Erfahrung über Umgang mit Erfolg in den USA. Die größte Bürde von TD war womöglich eine deutsche Band zu sein. Das gilt wahrscheinlich nicht nur für TD. Irgendwas stimmt mit uns nicht. 😂

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    liquid orange AHU

    Danke für das hervorragende Interview. Beeindruckend wie die das damals angegangen sind, erst die Kunst, dann die Kohle. Ist heute leider oft umgekehrt…

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      costello RED

      Ja, dieser Idealismus ist schon toll. Aber die PE-Ingenieure wurden auch ganz schön unter Strom gesetzt. Hartmut Heinze schreibt ja, wie das bei Peter Baumann damals förmlich explodiert ist.

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    Bernd-Michael Land AHU

    Sehr schöner Artikel -Danke!

    Ein Voltage Store Unit nebst zugehörigen Timecontroller, ein Ringmodulator und noch irgendein Modul (VCA?) von Projekt-Elektronik, haben wir noch rumliegen.
    Das kann bei Interesse auch erworben werden.

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      costello RED

      Danke Bernd-Michael! Deine Lobesrede auf den PE-Sequencer hatte ich ja im TD-Artikel Teil 2 zitiert. 🙂

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    THo65

    Lieber Costello, warum hast du das Interview nicht noch mindestens 5 Stunden weiter geführt?
    Eine echte Zeitreise, vielen lieben Dank dafür.
    Unglaublich, was Hartmut und seine Truppe damals so bewerkstelligt haben. Die hätten eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Moog werden können, gerade auch mit Wolfgang Palm an Bord.

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      Kazimoto AHU

      Er war Realist. Yamaha war bereits an FM dran und Roland und andere haben analoge in großen Stückzahlen hergestellt. Viele sind pleite gegangen. Alles richtig gemacht. Tolles Interview! 👍

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        THo65

        Hast du recht. Aus kaufmännischer Sicht alles richtig gemacht. Trotzdem eine reizvolle Vorstellung….

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        THo65

        Auch wenn ich dafür wohl mein Haus verkaufen müsste.
        Unglaublich, wieviel Gelder damals aufgewendet wurden und auch zur Verfügung standen.

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    THo65

    Mich würde ja noch interessieren, was aus dem Modularsystem geworden ist. Hat Peter Baumann das System nach seinem Ausstieg bei TD mitgenommen?

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      costello RED

      Es ist so, wie Iggy unten richtig geschlussfolgert hat: Das Baumannsystem hat jetzt Franke. Das meint Hartmut Heinze, wenn er sagt, dass „Christoph…den Stand von Peter übernommen hat.“ Möglicherweise wollte Franke damit auch auftreten und hatte deshalb Hartmut Heinze kontaktiert, ob er es wieder fitmachen könnte. Das System ist ja immerhin gut 45 Jahre alt.

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      costello RED

      Hi Sven, Du hattest 2016 auf sequenzer.de mal gefragt, ob jemand mehr Infos zum PE-System hätte. Ich hoffe, Du hast in dem Interview ein paar Antworten bekommen. 🙂

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        Sven Blau

        Ja, das war ich.

        Stephen hatte mich ja damals schon mit vielen Infos versorgt.
        Und mit deinem Interview konnte ich die Lücken weiter schließen.

        Jetzt fehlen eigentlich nur noch Interviews mit Chris Franke (vielleicht könntest du über Hartmut einen Kontakt herstellen?) und mit Peter Baumann.

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          iggy_pop AHU

          Ich glaube, Chris Franke meidet die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser — und hüllt sich in Schweigen.

          Peter Baumann dürfte vermutlich zugänglicher sein, aber ebenso unerreichbar. Außerdem sind die Leute meist gar nicht mehr an „Benzingesprächen“ (Asmus Tietchens) interessiert.

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            Sven Blau

            Benzingespräche – muss ich mir merken.

            Ach der gute Asmus, immer für nen lockeren Spruch zu haben. Habe ihn mal in Leipzig auf ner Lesung mit Konzert (zusammen mit Roedelius) erlebt.

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    Patrick

    Super story wieder! Projekt Elektronik verdient respect fur das umsetzen von Ideen in tastbares. Das waren bestimmt sehr spezielle zeiten damals…

  7. Profilbild
    iggy_pop AHU

    Danke sehr. Mir geht es wie einigen Vorrednern: Ich hätte gerne noch mehr aus dem Nähkästchen gelesen.

    Das PE-System steht allem Anschein nach bei Chris Franke in LA. Anfang der 1990er stand es (gerüchtehalber) zum Verkauf, und die halbe Synthesiserwelt stand Schlange, um es zu kaufen.

    Auf Muff… äh, Modwigglers gibt es einen ausführlichen Bericht zu diesem System von Ed Buller:

    https://modwiggler.com/forum/viewtopic.php?t=18904&hilit=projekt+elektronik

    Ed wollte sich damals gerne so ein System von Hartmut Heinze bauen lassen, klappte aber nicht. Das hat er dann später nachgeholt.

    Andreas Bahrdt war auch bei Projekt Elektronik? Interessant, wie sich die Kreise schließen: Bahrdt baute ein computerbasiertes Synthesisersystem — ähnlich wie Baumanns vom Emu Audity inspiriertes System — für Patrick Mimran und Peter Baumann. Seine Website ist auch noch irgendwo aktiv.

    Costello?

    • Profilbild
      costello RED

      Hi Iggy, mit dem Baumann-System liegst Du richtig, das sagt ja auch Hartmut Heinze, Christoph habe „den Stand von Peter übernommen“. Aus dem Brief von Heinze an Ed Buller hatte ich die zweite Adresse von Projekt Elektronik in der Stubenrauchstraße, gleich bei mir in der Nähe in Friedenau. Hatte das Haus im 2. TD-Artikel abgebildet. Die Fotos auf modwiggler sind teilweise identisch mit denen in meinen Artikel. Ich durfte dann zusätzlich noch die, wo Heinze und seine Mitstreiter drauf sind, ablichten. Zu Andreas Bahrdt – da habe ich leider keine Einzelheiten.

  8. Profilbild
    herw RED

    @costello: Super Interview mit ganz viel Atmosphäre; vielen, lieben Dank

  9. Profilbild
    Sven Blau

    Auch find ich interessant, dass Hartmut Heinze mit Effjott Krüger befreundet war. Dass sich verschiedene Musiker in gemeinsamen Dunstkreisen bewegen, grad in Berlin, überrascht ja nicht. Aber ein Musiker und ein Physiker? Coole Sache.

    • Profilbild
      iggy_pop AHU

      Das ist in der Tat interessant, denn Effjott Krüger war für mich immer nur der Gitarrist in einer m. M. n. eher langweiligen NDW-Kapelle. Wieder was dazu gelernt.

      Andererseits war sein Bruder eine Weile Schlagzeuger bei TD, bevor er mit Iggy Pop auf Tour ging.

  10. Profilbild
    ach herrjemine

    Was für eine Zeitreise, grossartig! Ganz lieben Dank für diesen Artikel costello.
    Ich würde das was Du über die Werke von Hartmut Heinze recherchiert hast, als fehlenden Baustein der Synthesizer Historie bezeichnen.
    Auch wenn Teile dieser historischen Fakten schon in Expertenkreisen kursierten.
    Es ist noch mal was anderes Herrn Heinze zu Interviewen, das nebst historischem Kontext in eine Sinn stiftende Form zu bringen und es zu veröffentlichen. Danke!!

  11. Profilbild
    MichBeck

    Wow, was für ein unfassbar interessantes Interview. 😍

    Keine Ahnung, wie lange ich das jetzt gelesen habe, aber in dieser Zeitspanne war ich komplett weg. Irgendwo in den 70ern, in einer Hinterhof-Werkstatt in West-Berlin.
    Hab sogar die Lötzinn-Dämpfe und irgendwas anderes süßliches riechen können.

    Vielen Dank Hartmut Heinze und Costello für diesen Beitrag. Top!

    • Profilbild
      costello RED

      Danke MichBeck für Dein tolles Feedback. Ich bin die Orte des Geschehens ja auch noch mal abgelaufen, auch wenn sich das Kopfsteinpflaster in der Friedrichstraße heute rar macht ;)

  12. Profilbild
    TobyB RED

    Toll!, Danke Mr. C. Wie MichBeck schreibt, ich hab Kolophonium und Lötzinn in der Nase. Die Augen sind müde vom Kalibrieren aufs Tausendstel :-D

    • Profilbild
      costello RED

      Hi Toby, ein wenig Kalibrierung muss schon sein, weil es sonst – wie es Hartmut Heinze so schön doppeldeutig ausgedrückt hat – eine „schlechte Stimmung“ gibt. :)

  13. Profilbild
    costello RED

    Erstmal ganz lieben herzlichen Dank für euer tolles Feedback. 🙂 Und dann noch eine Ergänzung – weil ich nicht weiß, ob ihr alle Amazona auf Facebook folgt. Da hat Andy King, der an einer riesigen Liste des kompletten TD-Equipments von 1968 bis heute arbeiten, etwas zum Moog IIIP-System geschrieben, das hier – als Alternativmeinung – interessant ist. Ich habe seinen englischen Text mal eben durch deepl gejagt: „Tolles Material, vielen Dank. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass die Geschichte, dass TDs Moog IIIP von den Rolling Stones stammt, ein kompletter Mythos ist. Stattdessen wurde er ursprünglich 1967 von Bruce Hatch in den USA gekauft. Über einen Zeitraum von zwei Jahren baute er ihn um und lieh ihn später seinem Musikerfreund Doug McKechnie, der damit 1969 und 1970 live spielte (u.a. 1969 in Altamont – er und der Moog sind in dem Dokumentarfilm Gimme Shelter zu sehen – daher rührt wohl auch das Gerücht, er habe etwas mit den Stones zu tun). Später brauchte Bruce Geld, und so landete der Moog schließlich in den Hansa-Tonstudios in Berlin (im Besitz der Gebrüder Meisel, die dachten, sie könnten damit einen Hit landen). Hier sah ihn Chris Franke. Der Hansa-Ingenieur ermöglichte es Chris 1972, nachts auf dem Moog zu üben (obwohl niemand eine Ahnung hatte, wie man ihn bedient, da es nicht einmal ein Handbuch gab).“

  14. Profilbild
    costello RED

    Und hier kommt die Fortsetzung des Posts von Andy King: „Jedes einzelne angepasste Modul des Hatch-Modulars entspricht genau dem, was Chris 1974 benutzte. Erst als Chris ihn erweiterte, begann er, einige der ursprünglichen Custom-Module durch die neuesten Versionen zu ersetzen, die er bei Bob Moog bestellt hatte.“ Ich habe Andy daraufhin geantwortet, dass die Herkunft des Moogsystems von den Stones damals Hartmut Heinzes Kenntnisstand war, der zum Beispiel auch durch den Artikel in der Los Angeles Times gestützt wird, den ich im Interview verlinkt habe. Darauf antwortete Andy King: “ kein Problem – um das klarzustellen, vor zwei Jahren hätte ich auch gesagt, dass er von den Stones stammt. Inzwischen sind jedoch hochauflösende Fotos von Bruce‘ und TDs Original-Moog aufgetaucht, und es ist offensichtlich, dass jedes Modul, jeder Knopf und jeder Schalter identisch ist (er war ein absolutes Unikat, kein anderer IIIP sah je so aus). Jagger und Richards benutzten beide ihren Moog – Mick trat in dem Film Performance mit ihm auf. Aber es ist natürlich nicht derselbe Moog, den TD 1973 gekauft hat. Ich habe an einer PDF-Liste des TD-Equipments die letzten 10 Jahre gearbeitet (die ihr Bühnen- und Studio-Equipment von 1968-2023 abdeckt) – Version 4 wird im Herbst fertig sein. Alles Gute..“ Wie gesagt, als Ergänzung für die Musikarchäologen bestimmt ganz interessant.

    • Profilbild
      iggy_pop AHU

      Für Chris Franke wird eine Welt zusammenbrechen — hat er doch in zahlreichen Interviews erklärt, daß er das System vom Hansa-Studio übernommen hat, welche wiederum das System von den Stones gekauft hatten.

      Naja, wenigstens ist die Herkunft des zweiten Franke-Systems eindeutig geklärt: Es gehörte den Moody Blues (die es ziemlich doof fanden und sich deshalb davon trennten).

  15. Profilbild
    radltomi

    Wow, wirklich beeindruckendes Interview und sehr interessanter Einblick hinter die Kulissen.
    Vielen Dank und beste Grüße.

  16. Profilbild
    krautkopf

    sowas könnte ich stundenlang lesen!
    oder in Dokus mir anschauen. gibt viel zu wenige gute Filmberichte über sowas!
    danke für den Artikel, Costello!

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