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Tangerine Dream: Ihre Geschichte, ihre Musik, ihre Synthesizer

Wie aus Krautrockern Elektro-Pioniere wurden

28. Januar 2023

Tangerine Dream gaben am 29. August 1981 ein Gratiskonzert am Berliner Reichstag. Ganze Völkerscharen von Menschen – darunter der Autor –  pilgerten an diesem Samstag über die Straße des 17. Juni und den Tiergarten zum Platz der Republik. Am Ende hatte sich die große Freifläche auf der westlichen Seite der Berliner Mauer mit einer kaum übersehbaren Menschenmenge gefüllt. Berichte sprechen von 60.000 bis 100.000 Konzertbesuchern. Die Band schien endlich auch in Deutschland ihre verdiente Anerkennung gefunden zu haben. Sieben Jahre zuvor war ihr bahnbrechendes Album Phaedra veröffentlicht worden, das mit treibenden Sequencer-Linien und atmosphärischen Mellotron-Passagen den Klang der Berliner Schule mit definierte. Das fünfte Album der Gruppe war zugleich das erste, das bei Virgin erschien. Phaedra verkaufte sich phantastisch in Großbritannien – über eine Million Exemplare – und kletterte bis auf Platz 15 der Albumcharts. In sieben Ländern sollte das Album Goldstatus erlangen. In Deutschland wurde es dagegen kaum beachtet. 

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Special: Tangerine Dream

Der Reichstag hat sein Äußeres verändert – vor allem durch die Kuppel von Sir Norman Foster. Die große Freifläche ist geblieben, auf der sich 1981 beim Tangerine Dream-Konzert eine riesige Menschenmenge versammelte. (Foto: Costello)

Tangerine Dream – Pioniere der elektronischen Musik

Als „Weltraum-Musik“ hat man die Musik von Tangerine Dream bezeichnet, als kosmische Musik, sogar als akustische Science Fiction. Die Gruppe mixte unbekümmert atonale Experimente mit teils sehr eingängigen Melodien, sie übertrug die Improvisationsfreude von Westcoast-Bands wie Grateful Dead auf die Elektronik, ihre Sequencer-Muster spiegelten den klassischen Minimalismus eines Terry Riley oder Steve Reich. Wobei Tangerine Dream in den Anfangsjahren oft mit desolater Technik und driftenden Oszillatoren kämpfen mussten. Tangerine Dream haben den Boden bereitet für Musikrichtungen wie Ambience, Trance und ja – auch New Age. Der Gründer von Tangerine Dream, der 2015 verstorbene Edgar Froese, konnte mit solchen musikalischen Schubladen zeit seines Lebens nie etwas anfangen. In einem Interview mit dem Rolling Stone gab er zu Protokoll: „Lieber Dance als Trance.“ Und zum Thema New Age: „Das ist noch weiter weg, völlig jenseits meines Horizontes.“ Auf die Nachfrage, ob er überhaupt New Age hören würde, wurde Froese deutlich: „Nie. Nach zwei dicken Stücken Sahnetorte müsste ich kotzen – und meinen Teppich möchte ich schon sauberhalten.“ Ironischerweise gab es in den 90er-Jahren – also nach der „klassischen Phase“ von Tangerine Dream – fünf Grammy-Nominierungen in der Sparte New Age.

Edgar Froese 2007 in Eberswalde (Foto: Ralf Roletschek, GNU Free Documentation License)

Fünfzehn Jahre nach dem Konzert am Reichstag sollten die Besucher der Love Parade um die unweit gelegene Siegessäule raven. Sie hätten vielleicht mit dem Namen Tangerine Dream nicht viel anfangen können. Eher schon mit Kraftwerk, die als Urväter von Electropop und Techno gelten. Beide Gruppen – Tangerine Dream und Kraftwerk – sind Pioniere der elektronischen Musik und haben eine herausragende Bedeutung für ihre popkulturelle Entwicklung weltweit. In Deutschland standen Tangerine Dream manchmal etwas im Schatten der Düsseldorfer. Diese waren kürzer und prägnanter in ihrem musikalischen Ausdruck. Die Berliner holten dagegen weiter aus: Der Stern Alpha Centauri –  der Name eines ihrer wegweisenden Alben – ist ja schließlich auch 4,37 Lichtjahre von uns entfernt.

Tangerine Dream – Inspirationsquelle für viele

Als Edgar Froese starb, gab es ausführliche Nachrufe in der New York Times, in der Washington Post, im Guardian und Le Monde. Im Ausland wurde die Einzigartigkeit von Tangerine Dream teilweise stärker gewürdigt als im Inland, wo noch 2021 ein taz-Artikel mit dem etwas unsensiblen Titel „Die neben Kraftwerk“ erschien. Eine der letzten Arbeiten Froeses vor seinem Tod war eine Kollaboration mit Jean-Michel Jarre bei dessen Album Electronica 1: The Time Machine. Jarre hatte den Song Zero Gravity für Tangerine Dream geschrieben, den diese dann gemeinsam mit Jarre realisierten. Edgar Froese war mit dem Ergebnis sehr zufrieden, weil er Zero Gravity für eine gelungene Synthese zweier Pioniere der elektronischen Musik hielt. Nach Edgar Froeses Tod widmete Jarre sein 17. Studioalbum Electronica 1: The Time Machine dem Mitbegründer der „Berliner Schule“. In der Track Story zu Zero Gravity spürt man, welchen tiefen Respekt Jarre für den Kollegen aus Deutschland hat:

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Der Filmkomponist Hans Zimmer hat sich auf Tangerine Dream bezogen, bei David Bowie finden sich auf seinen Berliner Alben Low und Heroes ganz deutliche Anklänge an die Ambient-Welten von Tangerine Dream. Bowie und Froese waren befreundet, Bowie wohnte sogar einige Zeit bei Froese in der Schwäbischen Straße im Bayerischen Viertel, bevor er sein Domizil in die Schöneberger Hauptstraße verlegte. Auch Brian Eno, Depeche Mode, der deutsche DJ Paul van Dyk oder Jim Jup von Belbury Poly bezeichnen Tangerine Dream als wichtigen Einfluss. Für Jim Jup haben Tangerine Dream neben Wendy Carlos und Klaus Schulze besondere Bedeutung für sein Schaffen: „Ich glaube, es ist die Tatsache, dass sie eine Technologie erforschten, die damals unfassbar gewesen sein musste, und musikalischen Ideen freien Lauf ließen, für die es noch keine vorverfassten Strukturen gab.“ (groove.de) Das britisch-finnische Trance-Projekt Above & Beyond hat von dem Jarre/Tangerine Dream-Titel Zero Gravity einen ziemlich heftigen Trance-Remix vorgelegt:

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Beim Starmus-Festival auf Teneriffa spielten im Sommer 2011 Tangerine Dream gar mit Brian May zusammen. Und wenn man sich den Opener zum Netflix-Hit Stranger Things anhört, dann klingt dieser nicht zufällig wie eine Hommage an Tangerine Dream. Die Macher Kyle Dixon und Michael Stein von der texanischen Synthesizerband Survive hatten die Berliner Musikgruppe wiederholt als ihre wichtigste Inspirationsquelle bezeichnet. Im Gegenzug haben Tangerine Dream den Stranger Things-Soundtrack gecovert.

David Bowie bei einem Auftritt im Jahr 1996 auf dem Festival in Balingen

David Bowie – hier bei einem Auftritt im Jahr 1996 auf dem Festival in Balingen – war Tangerine Dream-Fan und mit Edgar Froese persönlich befreundet. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Lars Halter)

Tangerine Dream – ein Werk von über 100 Alben

Ende 2022 wurde AMAZONA.de Chefredakteur Peter Grandl aus dem Umfeld von Edgar Froeses zweiter Frau Bianca Froese-Acquaie angeschrieben. Ob es nicht an der Zeit für einen Artikel über Tangerine Dream sei. Dies deckte sich hundertprozentig mit meinen eigenen Planungen, nur leider klappte die Kontaktaufnahme bisher weder telefonisch noch per E-Mail. Sicher wird dieses Special bei eastgate music (dem offiziellen Tangerine Dream Shop) zur Kenntnis genommen und vielleicht klappt es ja im Nachhinein noch mit einem Interview, was mich sehr freuen würde.

Dass es bisher keinen AMAZONA.de Artikel zu Tangerine Dream gab, liegt wohl auch daran, dass die Beschäftigung mit der Gruppe einen schnell einschüchtern kann. 1967 gegründet, bis heute aktiv, umfasst die Diskographie der Band weit über 100 Platten, sogar die Zahl 200 habe ich gelesen. Eine Menge, die schlicht nicht mehr rezipierbar ist. Wer hier nicht kapitulieren will, muss sich weise bescheiden. Statt eines atemlosen Ritts durch die gesamte Band-Historie, lege ich den Schwerpunkt auf die frühen Jahre bei den Labeln Ohr und Virgin, die künstlerisch die ergiebigsten waren und für die Entwicklung der elektronischen Musik den größten Einfluss ausübten. Da würden wohl auch die allermeisten Fans zustimmen – die Musikkritik ohnehin. Spätere Werke werde ich nur vereinzelt erwähnen, wenn ihnen besondere Bedeutung zukommt. Und natürlich gehe ich – wo es sich anbietet – auch auf Equipment und Produktionstechnik ein.

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Ein Konzert für den Weltfrieden

Zurück zum Reichstag-Konzert im Jahr 1981. Da waren nun sicher sehr viele Tangerine Dream Fans im Publikum. Wie sich aber schnell zeigen sollte, wollten zahlreiche Konzertgänger offenbar einfach einen schönen Spätsommertag mit Musik genießen. Das Motto des Konzerts lautete „für nukleare Abrüstung und Weltfrieden“. Anfang des Jahres 1981 war der Republikaner Ronald Reagan ins Weiße Haus eingezogen, der in den USA ein gigantisches Aufrüstungsprogramm startete. Durch den sogenannten NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 sollte die Sowjetunion bewegt werden, ihre neuen Atomraketen vom Typ SS-20 abzubauen. Im Falle eines Scheiterns wollten die USA ihrerseits nukleare Mittelstreckenraketen in Westeuropa stationieren. Vor allem in der Bundesrepublik lehnten große Teile der Bevölkerung das Wettrüsten ab; eine neue Friedensbewegung entstand. Hunderttausende gingen auf die Straße und protestierten. Oder besuchten – was natürlich noch angenehmer war – ein Friedenskonzert.

Bald wurden hier und da Baumwolldecken ausgebreitet und die mit Nudelsalat, Buletten und Weißweinflaschen gefüllten Picknickkörbe ausgepackt. Joints wurden gedreht. Und überall wurde gut gelaunt gebrabbelt und gelacht. Voices in the net beklagt denn auch, dass ein im Jahr 2003 veröffentlichtes Bootleg dieses Konzerts die „mit Sicherheit geräuschvollste TD-Publikumsaufnahme aller Zeiten“ darstellt. Es war am Ende etwas mehr Volksfest, als Konzert. Dies war umso bedauerlicher, weil Tangerine Dream eine „völlig einzigartige Setlist hatte, einschließlich einiger Kompositionen, die nur an diesem Ort live gespielt wurden.“

Special: TRangerine Dream

Der PPG Wave Computer 360 (oben) sorgte 1981 vor dem Reichstag für die harschen Digitalklänge. Der blaue PPG Wave 2 stand bei Froese damals oben. Durch seine analogen Filter klang er geschmeidiger als der 360. (Foto mit freundlicher Genehmigung von psv-ddv)

Schneidende Sounds aus dem Wavecomputer

Ich weiß noch, dass ich damals vor allem durch einzelne metallische Klänge elektrisiert wurde, die die puckernden Sequencer-Linien und satten Analogsounds wie ein eiskaltes Skalpell durchschnitten. Das war der Sound von Wolfgang Palms 1981 brandneuem PPG Wave 2.  Und vom Wave Computer 360, der bereits 1979 auf den Markt gekommen war und in der Synthesizerwelt für ein mittleres Erdbeben gesorgt hatte. „Durch das Fehlen von analogen Filtern wirkten die digitalen Wave-Sounds für viele Musiker ungewohnt und rau. Rohe digitale Klänge lange vor dem DX7 von 1983.“ (amssynths) Auf der Bühne standen Edgar Froese, Bandgründer und über Jahrzehnte das Mastermind von Tangerine Dream, und seine damaligen Mitstreiter Christoph Franke und Johannes Schmoelling hinter ihren State of the Art-Keyboards. Edgar Froese bediente ein Korg Polyphonic Ensemble PE-2000 (ausschließlich für Stringsounds), einen PPG Wave 2 und einen PPG Wave Computer 360 mit zusätzlichen PPG 340/380-Modulen in den Racks hinter sich. Dieses gerne als „Kühlschrank“ bezeichnete Set – Thomas Dolby etwa sprach vom „refrigerator-sized 340/380“ –  bestand aus insgesamt drei 19‘‘-Einheiten. Die „Generator Unit“ 340A enthielt die Voice-Boards und den Wavetable-Speicher, die „Processor Unit“ 340B die Steuer-CPU und die Peripherie. Beide Module zusammen entsprachen der Klangerzeugung des Wave Computer 360, wobei es eine bedeutsame Abweichung gibt.

Wavetables von der Minikassette

Betriebssystem und Wavetables sind anders als beim Serienmodell per Mini-Kassetten austauschbar, was die Möglichkeiten beträchtlich erweiterte. Diese Flexibilität wurde freilich mit einer hohen Anfälligkeit erkauft: „Das Laufwerk ist ein Philips LDB4051, das eine Minikassette aus einem Diktiergerät verwendet, um bis zu 64 kByte Daten pro Seite aufzuzeichnen … Natürlich sind diese Minikassetten im Laufe der Zeit ausgefallen, was das Booten eines 340/380-Systems schwierig macht.“ (amssynths)

Eine der drei 19‘‘-Einheiten habe ich noch nicht erwähnt: Ergänzt werden die beiden Module um den PPG 380 „Event generator“. Das war ein ausgefeilter 16-Spur-Sequencer, der pro Schritt den Zugriff auf Timing, Dynamik und Tonhöhe erlaubte. Bei Tangerine Dream kam dem 380-System noch eine weitere Aufgabe zu: In Keyboards fand ich die Information, dass Edgar Froese mit dem PPG 380 auch die Lightshow der Gruppe gesteuert haben soll. Weitere Racks hinter Froese waren mit Sequencer-Modulen gefüllt – Spezialanfertigungen von Helmuth Grothe.

Neben dem großen Modularsysten von Moog wurde auch der Minimoog von Tangerine Dream eingesetzt

Chris Franke spielte einen Minimoog, einen Prophet-5, ein Elka Rhapsody Stringensemble, einen ARP Odyssey Mk III und ein großes Modularsystem, das von zwei Moog 960 Sequencern bekrönt wurde. Das Modularsystem bestand damals jeweils zur Hälfte aus Moog-Modulen und Modulen der Berliner Firma Projekt Elektronik. Im 2. Teil dieses Specials werde ich auf Projekt Elektronik noch näher eingehen. Johannes Schmoelling hatte einen Minimoog und einen Oberheim OB-X in seinem Rig und praktisch die selben Racks hinter sich wie Edgar Froese.

Der Oberheim OB-X

Tangerine Dream – der Exit-Sound

Ich erinnere mich, dass die gespielten Stücke insgesamt sehr zugänglich waren, die Melodien catchy, der Klang manchmal regelrecht poppig. Vom meditativen und auch experimentellen Stil der frühen Alben aus den 70er-Jahren war Tangerine Dream damals schon ein gutes Stück entfernt. Änderungen der klanglichen und rhythmischen Struktur hatten sich früher oft nur allmählich vollzogen. Themen konnten sich manchmal über die Dauer einer halben Plattenseite entwickeln. 1981 kamen Tangerine Dream bedeutend schneller auf den Punkt. Im Jahr des Konzerts erschien bereits das 11. Studioalbum der Gruppe – Exit. Auf dem Album präsentieren Tangerine Dream „neue, schlanke Keyboards für stromlinienförmige Melodien, zusammen mit stampfenden Drums (gekoppelt mit Drum-Machines), die sich immer sicherer in Richtung definierter Rockstrukturen bewegen.“ (Pitchfork)

Auf dem Album setzten Tangerine Dream auch Instrumente ein, die sie nicht mit auf die Bühne schleppten: „Der ‚frequenzmodulierte‘ Gong (bei Kiew Mission) wird auf unserem Synclavier erzeugt und das rosa Rauschen wird von einem der digitalen Sequencer gesteuert. Die Instrumente, die wir bei der Aufführung der Stücke verwenden, sind nicht unbedingt die, die wir für die LP benutzt haben. Auf der Bühne verwenden wir jetzt den PPG2 und Rosa Rauschen vom Minimoog“, berichtete Edgar Froese im Januar 1982 im Electronics & Music Maker Während des Konzerts  am Reichstag stellten Tangerine Dream drei Songs des Albums Exit vor, das bereits im September veröffentlicht werden sollte. Neben Remote Viewing und dem hymnischen Choronzon, das das Konzert beendete, spielte die Gruppe auch den späteren Exit-Opener Kiew Mission.

Special: Tangerine Dream

Exit erschien im September 1981. Beim Konzert am Reichstag stellten Tangerine Dream bereits mehrere Songs des Albums vor.

Live at Palast der Republik

Der Song Kiew Mission passte optimal zum Motto des Konzerts: Es sind Satzfragmente zu hören, von einer russischen Schauspielerin eingesprochen, die von Völkerverständigung handeln: Asien, Afrika, Europa / Australien, Amerika, das ist das Land / verstehen, verstehen, fragen / antworten, sprechen, denken/ Mit Freunden unterhalten / Meinungen  austauschen. Das Thema von Kiew Mission ist Dialog statt Konfrontation. Im Pressetext zum Exit-Album schrieb Froese damals: „Die Worte sind an die Menschen in Russland gerichtet. Es ist eine sehr spirituelle Botschaft, von der wir hoffen, dass sie die Situation hierzulande entspannt. Wenn du jetzt in Europa bist, wirst du sehen, dass alle Leute über den Dritten Weltkrieg reden. Als Musiker können wir unsere Musik nutzen, um etwas über die positive Seite zu sagen und hoffen, dass unsere Botschaft ankommt.“ voices in the net

Der deutsche Bundestag sollte Ende 1983 der Stationierung von Pershing-II-Raketen und Cruise-Missile-Marschflugkörpern auf dem Gebiet der Bundesrepublik zustimmen. Heute wissen wir, dass die harte Haltung des Westens für Gorbatschows Reformprozess von Glasnost und Perestroika mindestens Geburtshilfe geleistet hat. Weil das Wettrüsten die Sowjetunion immer stärker wirtschaftlich überforderte. Der eigentliche Grund für die Wende von 1989 war – so wird der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zitiertdass dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow schlicht ‚der Bimbes‘ ausgegangen sei. (Die Zeit)

Tangerine Dream gaben am 31. Januar 1980 zwei Konzerte im Palast der Republik  (Bildlizenz: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Berlin, Palast der Republik — um 1990 — 2“ / CC BY-SA 4.0)

Der politische Hintergrund des Konzerts am 29. August 1981 dürfte aber auf der anderen Seite der Mauer – in Ost-Berlin –  mit Wohlwollen registriert worden sein. Normalerweise bedeuteten Konzerte am Reichstag (also in unmittelbarer Hörweite Ost-Berliner Rockfans) Alarmstufe rot für Volkspolizei und Stasi. Wenn junge ostdeutsche Musikfans damals in die Nähe der Mauer vordrangen und versuchten, Auftritten von Genesis, Pink Floyd oder David Bowie zu lauschen. Mit Tangerine Dream hatte die DDR dagegen weniger Probleme – vielleicht auch, weil die Gruppe praktisch nie Texte verwendete. Tatsächlich waren Tangerine Dream sogar ein Jahr zuvor eingeladen worden, um im Rahmen der „DT64 Jugendkonzerte“ zwei Konzerte im Palast der Republik zu geben. DT64 war damals das Jugendradio der DDR. Die beiden Konzerte wurden vom Rundfunk der DDR mitgeschnitten und das ostdeutsche Plattenlabel Amiga presste davon eine Lizenz-LP. Erst 1986 erschien der Mitschnitt auch im Westen unter dem Titel Pergamon – Live at the ‚Palast der Republik‘ GDR. Wohl das einzige Album einer westdeutschen Musikgruppe, das in der DDR aufgenommen und produziert wurde. 

Special: Tangerine Dream

Die Titelmusik zum Tatort „Das Mädchen auf der Treppe“ ist ein Remix  des Songs  White Eagle vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1982.

Tangerine Dream – Musik für Filme

Doch kehren wir noch einmal zurück zum Konzert auf dem Platz der Republik. Das zweite Lied des Abends Moorland wurde zwei Jahre später (zusammen mit dem Titel Daydream) als Filmmusik für die Tatort-Folge „Miriam“ verwendet. Die Krimiserie Tatort galt damals ähnlich wie die Tagesschau oder auch die Show „Wetten dass..?“  als Lagerfeuer der Nation, an dem sich in den Vor-Streamingzeiten die ganze Familie versammelte. Wer dafür den Soundtrack lieferte, war eindeutig im Mainstream angekommen. Und das sollte sogar schon der zweite Beitrag der Band zum Dauerbrenner Tatort sein. Tangerine Dream hatten 1982 für die Folge „Das Mädchen auf der Treppe“ die Musik geschrieben. Die Folgen mit dem Duisburger Ermittler Horst Schimanski, der von Götz George gespielt wurde, waren besonders beliebt. Die Berliner benutzten einen Remix ihres Songs White Eagle. Der Klang wird vor allem von Schmoellings Roland Jupiter-8 und einem ARP Odyssey geprägt.

Johannes Schmoelling gilt als großer Fan des Roland Jupiter-8

Der eingängige Song mit seinem arpeggierenden Synthesizersound gehört bis heute zu den berühmten Tatort-Musiken. Tangerine Dream, die lange Zeit im Ausland mehr Beachtung fanden, als in ihrer Heimat, war dieser Erfolg und die damit verbundene Anerkennung zu gönnen. Auch wenn sich Edgar Froese, der keine kommerzielle Musik schreiben wollte, später „augenzwinkernd für diesen Betriebsunfall“ entschuldigte. Dass Tangerine Dream durchaus eine Ader für Filmmusik hatten, zeigte sich auch an zwei weiteren Stücken, die die Gruppe an jenem Spätsommertag aufführten: Scrap Yard und Trap Feeling vom Soundtrack für Thief, einem amerikanischen Neo-Noir-Krimi von 1981, bei dem Michael Mann Regie führte.

Auch ein Arp Odyssey MKIII wurde auf dem Song White Eagle eingesetzt.

Und noch ein weiteres Stück, das Tangerine Dream vor dem Reichstag spielten, landete später auf einem Soundtrack zu einem Film von Michael Mann: Weird Village wurde erst 1983 im Studio aufgenommen und gelangte auf den Soundtrack zum Horrorfilm The Keep. Wohl kein zweites Mal wurde die Geduld  der Tangerine Dream-Fans so auf die Probe gestellt. Die Veröffentlichung des Albums wurde immer wieder wegen rechtlicher Probleme und Streitigkeiten des Filmproduzenten mit der Plattenfirma Virgin verschoben, bis es schließlich 1997 (!) erscheinen konnte.  

Mit dem Soundtrack zu The Sorcerer (1977) begann die lange Beschäftigung von Tangerine Dream mit dem Thema Filmmusik.

Der Eröffnungstitel des Konzerts Alien Voices findet sich wiederum auf dem Soundtrack zu Wavelength, einem Science Fiction-Film aus dem Jahr 1983, bei dem Mike Gray Regie führte. Begonnen hat die Soundtrack-Tätigkeit von Tangerine Dream 1977 mit der Musik zu William Friedkins US-Thriller The Sorcerer mit dem Weißer Hai-Star Roy Scheider in der Hauptrolle. Während der Film an der Kinokasse floppte und auch keine guten Kritiken bekam, ist der Soundtrack hörenswert und war insgesamt auch erfolgreicher. Er erreichte immerhin Platz 25 in den UK-Charts. In den achtziger Jahren sollten Tangerine Dream Filmmusiken für mehr als 30 Filme komponieren.

Special: Tangerine Dream

Der Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese auf dem Cover seines Soloalbums Ages (ursprünglich eine Doppel-LP) von 1978

Edgar Froese – Der Bandleader

Tangerine Dream erlebten im Laufe ihrer Geschichte viele Umbesetzungen. Fixpunkt der Gruppe war immer der Bandgründer Edgar Froese. Er wurde am 6. Juni 1944 im ostpreussischen Tilsit geboren. Heute heißt die Stadt Sowetsk, gehört zur russischen Oblast Kaliningrad, direkt an der Grenze zu Litauen. Als Egar Froese seinen ersten Atemzug tat, landeten gerade die Alliierten in der Normandie – es war der D-Day. Edgar Froese war Halbwaise – sein Vater wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Die Mutter floh noch vor Kriegsende mit ihm nach Berlin. Der Junge musste früh auf eigenen Beinen stehen, da die Familie – wie praktisch alle Flüchtlinge – mittellos war. Mit 12 lernte er Klavier, später kam Gitarre dazu. Er bekam ein Stipendium für Hochbegabte für die Berliner Akademie der Künste, wo er Malerei und Bildhauerei studierte. Gleichzeitig interessierte er sich für Philosophie und Psychologie und absolvierte ein Abendstudium in diesen Fächern. Weil ihm „der Staub der Universitäten“ nicht behagte, stürzte er sich mit Anfang 20 auf die Musik. Eine blonder Hühne, der direkt dem Zeitalter des sagenumwobenen Wikingers Ragnar Lodbroks entsprungen schien. 1965 wurde Froese Lead-Gitarrist der Band „The Ones“. Von der Gruppe gibt es eine einzige Veröffentlichung Lady Greengrass auf dem Star-Club-Label, die an frühe Pink Floyd-Aufnahmen erinnert.

Weekend Happenings bei Dali

Über einen ehemaligen Kommilitonen lernte Froese den Maler Salvador Dali kennen, der damals in seinem Anwesen in Portlligat an der Costa Brava alle zwei Wochen eine buntgemischte Truppe von Künstlern und Schauspielern zu „Weekend Happenings“ empfing. Froese spielte 1967 mit „The Ones“ im Garten des Meisters. Leider sind davon keine Mitschnitte überliefert. Die psychedelischen Klänge – Froese galt als großer Fan von Jimi Hendrix – begeisterten Dali. Er soll ausgelassen getanzt und ausgerufen haben: »Oh, I love this rotten religious music!« Diese Begegnung mit dem zwirbelbärtigen Meister des Surrealismus war für Froeses weitere musikalische Entwicklung folgenreich, wie Edgar Froeses zweite Frau Bianca Froese-Acquaye berichtet: „Bei einem Spaziergang durch den Olivenhain erzählte Dali Edgar von seinen Träumen, denn Dali verarbeitete hauptsächlich seine Träume in den Bildern und beschäftigte sich sehr mit dem Unterbewusstsein. Ich denke manchmal, dass Edgar auch dadurch inspiriert wurde, seiner Band den Namen Tangerine Dream zu geben.“ evolve-magazin)

Special: Tangerine Dream

Am Halleschen Ufer 34 befand sich bis 1969 in den unteren Räumen der Zodiac Club. Darüber war Deutschland berühmtestes Theater beheimatet – die Schaubühne. Heute ist hier das Theater Hebbel am Ufer untergekommen. (Foto: Costello)

Tangerine Dream – Konzerte im Zodiac Club

Die Begegnung mit Dali muss Edgar Froese ermutigt haben, konsequenter als bisher eigene musikalische Wege auszuprobieren. Er trennte sich von „The Ones“ und gründete 1967 Tangerine Dream. Der Name ist offenbar vom Beatles-Song Lucy in the Sky with Diamonds inspiriert, in dem John Lennon von tangerine trees and marmalade skies singt. Die erste Besetzung von Tangerine Dream bestand aus Edgar Froese an der Gitarre, dem Bassisten Kurt Herkenberg, dem Schlagzeuger Lanse Hapshash, dem Flötisten Volker Hombach und dem Sänger Charlie Prince. Die Gruppe trat bei verschiedenen Studentenveranstaltungen auf – etwa in der Mensa der TU Berlin. Vor allem aber im Zodiac Club am Landwehrkanal in Kreuzberg, den der Joseph Beuys Schüler Conrad Schnitzler und Hans-Joachim Roedelius gegründet hatten. Der Club bestand aus zwei Bereichen, von denen einer schwarz, der andere weiß gestrichen war, und hieß eigentlich Zodiak Free Arts Lab. Das verwies bereits im Namen auf die experimentelle und avantgardistische Ausrichtung. Free Jazz, Psycedelic Rock oder Geräuschhaftes – alles ging, alles war erlaubt, solange es nur nicht nach konventioneller Pop-Musik klang.

Die Schaubühne ist 1981 zum Lehniner Platz umgezogen, der Zodiac Club musste schon 1969 nach diversen Drogenrazzien schließen. Das Politische ist dem Ort erhalten geblieben, auch wenn es heute nicht um Vietnamkrieg und Studentenrevolte geht, sondern um Gentrifizierung und bezahlbaren Wohnraum. (Foto: Costello)

In dem Gebäude am Halleschen Ufer befand sich damals auch die Berliner Schaubühne, die unter ihrem Leiter Peter Stein (ab 1970) die deutsche Theaterlandschaft ähnlich revolutionieren sollte, wie die im Club spielenden Bands die Musikszene mit ihren phonstarken und oft nächtelangen improvisierten Konzerten. Hier traten bis zur Schließung des Zodiac Clubs im Jahr 1969 neben Tangerine Dream unter anderem Ash Ra Tempel, The Agitation (später Agitation Free) und Klaus Schulze auf, der da noch bei einer Band namens Psy Free trommelte. Diese Konzerte waren eine der Keimzellen für eine Musikrichtung, die später als Krautrock bezeichnet werden sollte. Wobei die frühen Tangerine Dream den Einfluss von US-Gruppen wie Grateful Dead oder Jefferson Airplane nicht ganz verleugnen konnten. Auf den Essener Songtagen konnte sich Tangerine Dream erstmalig einem größeren deutschen Publikum vorstellen. Neben einheimischen Größen wie Amon Düül und Floh de Cologne traten hier auch internationale Bands wie The Fugs und Frank Zappas Mothers of Invention auf.

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Kompromisslos experimentell – das erste Album von Tangerine Dream Electronic Meditation.

Tangerine Dream – das Debütalbum Electronic Meditation 

Im Jahr 1969 löste sich die Gruppe in ihrer bisherigen Besetzung auf. Edgar Froese suchte nach neuen Mitstreitern und holte Conrad Schnitzler und den Schlagzeuger Klaus Schulze in die Band. Beide hatte er im Zodiac Club kennengelernt. Die Musik wurde nun deutlich experimenteller, als noch mit der ersten Tangerine Dream-Formation. Die Band nahm eine ihrer Improvisationen auf, bei denen gespielt wurde, bis irgendwann das Band von der Spule lief. „Es war sehr exotisch“, erinnert sich Froese im Interview mit Sound on Sound: „Klänge wurden mit Alltagsgegenständen erzeugt – zum Beispiel ein mit trockenen Erbsen gefülltes Sieb, eine alte Rechenmaschine, zwei alte Eisenstangen und hartes Pergamentpapier, alles mit einem Mikrofon aufgenommen und durch Hall und Delays geschickt, um ungewöhnliche Klänge zu erzeugen. Die Ergebnisse waren nicht immer musikalisch verwertbar – es war alles ganz anders als der kommerzielle Pop-Sound.“ Der zweite Titel der Platte ist programmatisch: Journey through a burning brain. An manchen Stellen klingt diese Musik aufregend neu, manchmal allerdings auch nach Kabelbruch.

Um ehrlich zu sein war die Band selbst überrascht, als sich Rolf-Ulrich Kaisers legendäres Ohr-Label im Vertrieb der Metronome für diese Musik interessierte. Zumal die Aufnahmequalität alles andere als optimal war, wie Froese einräumte: „Technisch war das Studio sehr spärlich ausgestattet. Da wir nicht viel Geld hatten, wurden alle entstandenen Sounds direkt auf eine Revox-Viertelzoll-Maschine gemastert. Das war ziemlich rau und abenteuerlich. Wir hätten uns nie träumen lassen, dass jemand diese Aufnahmen auf Vinyl pressen würde …“ Klaus Schulze nannte Electronic Mediation „das erste elektronische Album“. Sound on Sound Dabei war es noch mit konventionellen Instrumenten produziert. In den Album-Credits wird Conrad Schnitzler an Cello, Violine und „Additator“ (eine Rechenmaschine) aufgeführt, Klaus Schulze an Schlagzeug und Metallstöcken und Edgar Froese an 6- und 12-saitiger Gitarre, Klavier und Farfisa-Orgel. Vielleicht sorgte die Verwendung der Orgel dafür, dass Electronic Meditation manchmal ein wenig Ähnlichkeit mit dem Pink Floyd Sound der Post-Syd Barret-Periode besitzt. Als bei Umma Gumma die mit viel Echo versehenen Gitarren mit Rick Wrights elegischem Orgelspiel kontrastierten.

Special: Tangerine Dream

Auf Alpha Centauri setzten Tangerine Dream erstmalig einen Synthesizer ein: Den VCS3 von EMS.

Nun mit Synthesizern: Alpha Centauri

Stabilität war Tangerine Dream freilich nicht vergönnt. Noch bevor 1970 Electronic Meditation veröffentlicht wurde, verließ Klaus Schulze die Band. Mit dem hochtalentierten Christoph Franke fand Froese einen vollwertigen Ersatz. Franke, Jahrgang 1953 und gebürtiger Berliner, stammte aus einer Musikerfamilie, war ausgebildeter Bläser, bevor er sich in der von ihm gegründeten Band „Agitation Free“ dem Schlagzeug zuwendete. „Ich mochte Jazz, ich mochte Rock, ich mochte indische Musik. Ich war so ziemlich für alles offen, was ich antreffen konnte. Gleichzeitig hatte ich aber auch ein klassisches Studium – ich studierte Trompete, Geige, Klavier und Komposition, Harmonie und so weiter. Ich traf Edgar im Berliner Studio. Er hatte gerade Klaus verloren und brauchte einen Schlagzeuger.“ Sound on Sound Beide haben zusammen gejammt und stellten schnell fest, dass sie gut harmonierten. Doch dann verließ auch noch Conrad Schnitzler die Band, worauf Froese und Franke den gelernten Orgelbauer Steve Schroyder als Keyboarder dazuholten.

Im Studio von Dieter Dierks in Stommeln bei Köln nehmen die drei das Album Alpha Centauri auf. Unterstützt wurden sie dabei vom damaligen Roadmanager Roland Paulyck am Synthesizer und Udo Dennebourg, der Flöte spielte. Neben Lotusflöte, Zither und Hammondorgel ist auf Alpha Centauri tatsächlich zum ersten mal ein richtiger Synthesizer zu hören: Der VCS3 von EMS.  Laut Froese war dieser eine Leihgabe des WDR. Auf Sound on Sound berichtet das Mastermind von Tangerine Dream von der Begeisterung der Band „für alles Neue, für ungewöhnliche Geräte, die noch nie für eine Rock- oder Pop-Produktion verwendet wurden … Die Ergebnisse dieser Aufnahme klingen nach heutigen Maßstäben dürftig, aber damals hielten wir sie für sensationell. Chöre wurden auf Gitarren mit einem Flaschenhals aus Eisen produziert, Wassergeräusche wurden mit hoher und niedriger Geschwindigkeit aufgenommen und dann mit dem Elektrosound gemischt. Die Rückwärtsstimme auf einem Stück bin ich, der die Rückseite eines Fährtickets von Dover nach Calais vorliest.“ Die Einbeziehung ungewöhnlicher Umweltgeräusche praktizierte Tangerine Dream auch live: So schloss die Gruppe 1970 bei einem TV-Konzert im österreichischen Kapfenberg ein halbes Dutzend Flipper-Automaten an die Verstärker an. Das österreichische Fernsehen übertrug das Konzert, die Zuschauer waren etwas überfordert.

Auf Alpha Centauri setzten Tangerine Dream den EMS VCS3 ein.

Christoph Franke hat – vielleicht ein bisschen selbstgefällig – später über das Album geurteilt: „Alpha Centauri war ein Übergangsalbum von Tangerine Dream, die eine sehr laute Gruppe waren, zu einer sehr ruhigen, meditativen Gruppe. Wissen Sie, ich liebte Avantgarde-Musik. Ich brachte Edgar alle meine Stockhausen- und Ligeti-Platten und lehrte ihn, dass es mehr als Hendrix und Pink Floyd in der Musik gibt“. Sound on Sound So ruhig ist Alpha Centauri nebenbei bemerkt nicht. Frankes Schlagzeugspiel auf Fly and Colision of Comas Solas klingt wie ein einziges orgiastisches Drumfill in Dauerschleife. Im Titelstück Alpha Centauri ertönt genau bei Minute 18 eine Stimme: „Der Geist der Liebe erfüllt den Kosmos.“ Bald schon sollte die Musik von Tangerine Dream genau dieses Label tragen: Kosmisch.

Special: Tangerine Dream

Das frühere Electronic Beat Studio befand sich in den Räumen einer Berufsschule in der Pfalzburger Straße 30 in Berlin Wilmersdorf. Dort ist heute die Nelson-Mandela-Schule untergebracht. (Foto: Costello)

Das Electronic Beat Studio

Der Einsatz des VCS3 auf Alpha Centauri war noch etwas erratisch, einfach weil Tangerine Dream nur sehr wenig Zeit hatten, sich mit dem Instrument vertraut zu machen. Ein wichtiger Katalysator für den Einsatz von Elektronik war das 1968 gegründete Electronic Beat Studio, das für die Geschichte der „Berliner Schule“ eine große Rolle spielen sollte. Dabei trafen mehrere glückliche Zufälle zusammen. Konrad Latte, Holocaust-Überlebender und Leiter des Berliner Barock-Orchesters, hatte im Keller einer Berufsschule in Berlin-Wilmersdorf Proberäume und ein kleines Studio eingerichtet. In Lattes Orchester spielte damals die Mutter von Christoph Franke Geige. Und weil die Rockband des Sohnemanns im Hauskeller ziemlichen Lärm machte, hatte sich Latte nach geeigneten Räumlichkeiten umgesehen.

Special: Tangerine Dream

Costello an der Rückseite der Nelson-Mandela-Schule, wo sich der Zugang zum Keller und dem einstigen Electronic Beat Studio befindet. (Das Foto hat Rudi Schindler gemacht, der nette Hausmeister der Schule.)

Später fragte er dann den Schweizer Avantgarde-Komponisten Thomas Kessler, ob dieser nicht Lust hätte, die Leitung des Studios zu übernehmen. Kessler hatte an der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin unter anderem bei Boris Blacher Komposition studiert und betrieb seit 1965 ein eigenes elektronisches Studio. Thomas Kessler nahm das Angebot gerne an und richtete in der Pfalzburger Straße in Wilmersdorf das Electronic Beat Studio ein. Es gab einen großen Regieraum und über ein paar Stufen erreichte man den etwas tiefer gelegenen Aufnahmeraum. Kessler experimentierte mit Mikrofonen und mehreren Revox-Bandmaschinen. Und er sparte die nötige Summe zusammen, um 1971 in London Putney bei Electronic Music Systems einen Synthi A zu erstehen. Später sollte auch ein modulares Moog-System dazukommen.

Special: Tangerine Dream

Der Synthie A von EMS (Foto: Costello)

Kessler war inspiriert von Avantgarde-Musikern wie Karlheinz Stockhausen und dem Franzosen Pierre Schaeffer, der mit Tonbändern und verfremdeten Alltagsgeräuschen arbeitete und dafür den Begriff Musique concrète geprägt hatte. Kessler tüftelte aber nicht nur für sich alleine hin, sondern wollte experimentierfreudige Bands bei ihren musikalischen Abenteuern unterstützen. Musiker wie Klaus Schulze, der jüngst verstorbene Manuel Göttsching (Ash Ra Tempel), Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius (Cluster, Harmonia), Michael Hoenig (Agitation Free und 1975 mit Tangerine Dream auf Australientournee als Vertretung für Peter Baumann) und Edgar Froese erkundeten hier die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung. Auch die kommenden Alben von Tangerine Dream sollten diese Einflüsse immer deutlicher widerspiegeln. „Anfangs hatte die Gruppe noch freien Bluesrock in Berliner Kaschemmen gespielt und verwandelte sich erst im »Electronic Beat Studio« von einer Rockband in Vordenker der elektronischen Musik.“ (Der Spiegel)

Special: Tangerine Dream

Diese Gedenktafel erinnert an Konrad Latte und Thomas Kessler als Gründer des Electronic Beat Studios. (Foto: Costello)

Dass die Erinnerung an diese Urzelle der Berliner Schule nicht verloren geht, ist das Verdienst von Elektronikmusiker und AMAZONA.de Autor Bernd Kistenmacher und Filmkomponist Hans Zimmer. „Hans, der aus dem Taunus stammt, ist stark von Tangerine Dream beeinflusst, außerdem ein großer Synthesizer-Sammler“, berichtete Bernd Kistenmacher dem Tagesspiegel. „Er beobachtet sehr genau, was in Sachen elektronischer Musik in Berlin so los ist, kennt viele Leute persönlich. Ich habe ihm erzählt, was ich hier vorhatte und er sagte sofort ja.“Auf ihre gemeinsame Initiative hin erinnert seit Dezember 2020 eine Gedenktafel an der heutigen Nelson-Mandela-Schule an das Electronic Beat Studio. „Ein kleiner Ort in Berlin-Wilmersdorf, den kaum jemand auf dem Schirm hat und der dennoch legendär ist“, schreibt Bernd Kistenmacher. „Durch die Gedenktafel wird er nicht in Vergessenheit geraten. Genauso wie die Berliner Schule für elektronische Musik selbst. Ob man sie nun mag oder nicht …“ Vielleicht wird dort ja mal irgendwann ein kleines Museum eingerichtet. Kistenmacher, der selbst zur „Zweiten Berliner Schule“ zählt, hat ein ganzes Buch über die Berliner Schule geschrieben und Interviews mit unzähligen Zeitzeugen geführt. Dass er immer noch einen Verlag dafür suchen muss, finde ich ziemlich traurig.

Special: Tangerine Dream)

In der einstigen Tonregie des Electronic Beat Studios lagert die Nelson-Mandela-Schule heute ihre Bücher. (Foto: Costello)

Tangerine Dream – Peter Baumann stößt dazu

Das Jahr 1971 brachte für Tangerine Dream weitere Veränderungen. „Nachdem persönliche Probleme mit Steve Schroyder auftraten, wurde er 1971 durch den Berliner Peter Baumann ersetzt“, heißt es bei Wikipedia relativ neutral.  Christoph Franke hat es etwas weniger charmant ausgedrückt: Schroyder sei „zu zugedröhnt gewesen, um zu spielen.“ Als neuer Keyboarder wurde der Berliner Peter Baumann (Jahrgang 1953) in die Band geholt. Das sollte sich als eine sehr glückliche Konstellation für Tangerine Dream erweisen, wie sich Christoph Franke erinnert: „Als Peter dazukam, wurde die Gruppe stabiler, und er begann ernsthaft mit Keyboards und Synthesizern zu arbeiten. Peter war in einer Band namens Burning Touch an der amerikanischen Schule in Berlin gewesen. Er spielte Orgel und war sehr an Popmusik interessiert. Er sprach sehr gut Englisch und interessierte sich für den Surrealismus. Sein Weg in die neue Musik führte also über die Kunst, auch wenn sein Vater Komponist war.“ Sound on Sound

Peter Baumann selbst erzählt in einem Gespräch mit the vinyl factory, dass sie sehr schnell eine gemeinsame Ebene fanden. Und das, obwohl er sich selbst für einen eher schwachen Keyboarder hält. „Ich hatte nie formellen Unterricht, kann also nicht auf konventionelle Weise spielen. Für mich geht es in der Musik um Klang und Stimmung, um das Erlebnis und nicht um eine Aneinanderreihung von Noten. Edgar und Christoph waren viel bessere Spieler als ich, aber sie merkten, dass ich aus dem gleichen Holz geschnitzt war. Ich erinnere mich, dass es sich anfühlte, als ob wir schon seit Jahren zusammen gespielt hätten.“

Special: Tangerine Dream

Dieses Cover zeigt die klassische Tangerine Dream-Formation: Edgar Froese, Peter Baumann und Christoph Franke (von links nach rechts)

Kreativität – das scheue Reh

Dass die Mitglieder von Tangerine Dream untereinander gut harmonierten, war essentiell bei der speziellen Produktionsweise der Band: „Es war alles komplett improvisiert“, erinnert sich Peter Baumann. „Das war bei allen Alben so. Wir hatten nie eine Ahnung, was wir tun würden, wenn wir ins Studio gingen.“ Angesichts der teuren Studiomieten hätten andere Bands wohl eine peinlich genaue Vorbereitung vorgezogen. Nicht so Tangerine Dream, wo alles der Eingebung des Augenblicks folgte: „Wir haben dies und das und das ausprobiert. Es ging nie darum, einer vorgefertigten Struktur zu folgen. Wir mussten nie fragen: Sollen wir es so oder so machen? Es war intuitiv. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals eine große Diskussion über die Musik selbst gab. Es hat sich einfach so ergeben. Es war immer ein Prozess des Eintauchens.“ thevinylfactory

Edgar Froese war überzeugt: „Kreativität ist scheuer als ein Reh. Sie sucht die Nähe zu den Menschen, die authentisch nach dem Zeitlosen in der Kunst suchen, dort lässt es sich nieder.“ Und er führt weiter aus: „Eine immer wiederkehrende Signatur von interessanten Werken in der Musik ist ihre Zeitlosigkeit. Wir waren nie Herdentiere, die kommerziellen Stilen oder zeitgemäßen Songstrukturen hinterher gelaufen sind. Das macht das Arbeiten im noch unbekannten Terrain oft mühsam und man hat am Anfang mit sehr viel Gegenwind zu rechnen. Am Ende des Tages weiß man allerdings, dass der Weg der richtige war.“  Generalanzeiger

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Kein Rhythmus, keine Drums – das ruhig dahinfließende Album Zeit ist eines der meditativsten von Tangerine Dream.

Tangerine Dream – die Alben Zeit und Atem

Froese, Franke und Baumann – für viele Fans ist das die klassische Tangerine Dream Besetzung. Das erste Gemeinschaftsprojekt war das Album Zeit, das im Frühjahr 1972 produziert wurde und komplett experimentell ist. Der erste Song Birth of Liquid Plejades fängt wie moderne E-Musik an. Das Kölner Celloquartett beginnt mit einem einzelnen Celloton, bald ertönen Glissandi, die anderen Celli setzen ein, die Töne ballen sich zu atonalen Clustern, bevor ein Moog-Synthesizer sich modulierend einmischt. Den Moog spielte Florian Fricke von Popol Vuh, der zur Produktion eingeladen wurde, weil er damals bereits ein großes (und sehr teures) Moog-Modularsystem besaß. Archie Patterson bezeichnet Zeit auf allmusic als Tangerine Dreams „reinsten Ausdruck von ‚Weltraummusik‘, dieses Doppelalbum ebbt und fließt mühelos von einem Toncluster zum anderen. Fast klassisch im Aufbau, ist die Musik so strukturiert, dass sie sich in Abschnitten entwickelt, während ein Thema buchstäblich mit dem nächsten verschmilzt.“ Interessant ist, dass es keinen Rhythmus, keinen Beat auf diesem ruhig dahinfließenden Album gibt. Keine tickende Uhr, keine Stundenglocke. Das Album folgt der Philosophie, dass „die Zeit bewegungslos ist und letztlich nur in unserer Vorstellung existiert“, wie Paul Russel in den Liner Notes zur Neuveröffentlichung 2002 angemerkt hat. Christoph Franke sagt, dass Zeit aus „Träumen und Meditation“ geboren wurde: „Nach drei Jahren aggressiver Musik, die aus der Frustration über Lehrer, das klassische System, Gitarrenrock und jede andere politische Sache entstand, kamen wir in diese neue Phase, in der wir die feineren Dinge erforschten. Frickes Moog auf diesem Album war der Schlüssel.“ Sound on Sound

Special: Tangerine Dream

Von John Peel zum Album des Jahres gekürt, erweckte Atem die Aufmerksamkeit von Virgin-Boss Richard Branson.

Nach Zeit sollten Tangerine Dream noch ein weiteres Album auf dem Ohr-Label veröffentlichen: Atem. Fans sprechen von den „pinken Jahren“ der Band, weil das Logo ein rosa Ohr war. Diese endeten, als John Peel, Moderator bei BBC One und Fan ausgefallener Musik, Tangerine Dream den Ritterschlag erteilte. In seiner Playlist Ende 1973 kürte er Atem zum „Album Of The Year“. Atem brachte die Wiederkehr der Percussion, die sich im Titelstück schon nach wenigen Momenten in Form eines stampfenden Rhythmus auf den Toms ankündigt. In Fauni Gena zwitschern exotische Vögel über schwermütigen Mellotron-Linien. Das Mellotron wurde zum ersten Mal eingesetzt und die Band kämpfte mit unregelmäßigen Loops, Stimmproblemen und fehlenden hohen Frequenzen. „Rückblickend ist der Sound schrecklich“, urteilt Christoph Franke. „Man muss sich das Album unbedingt mit ‚historischen Ohren‘ anhören!“

Report Tony Banks, Mellotron 400

Neben dem mit Doppelmanualen ausgestatteten Mellotron Mk II haben Tangerine Dream später auch das einmanualige M 400 eingesetzt. Die Gruppe ist bekannt dafür, dass sie die Bandrahmen mit eigenen Sounds bespielen ließ. (Foto mit freundlicher Genehmigung von CML Musikstudio GmbH)

Tangerine Dream wechseln zu Virgin

Wenn Jim Brenholts auf allmusic schreibt, Atem „sei melodiöser und weniger dissonant als die anderen frühen Werke von Tangerine Dream“, ist das nur die halbe Wahrheit. Das Album hat noch genügend verstörende Momente. Mein Anspieltipp wäre der Album-Closer Wahn – der hat durchaus das Potential, den durchschnittlichen Top of the Pops Zuschauer ordentlich zu erschrecken. Aber wäre es anders gewesen, hätte es John Peel sicherlich nicht gefallen. Und dessen Power-Airplay hatte Folgen: Richard Branson wurde auf die Band aufmerksam und zeigte sich an einer Zusammenarbeit interessiert. Doch fast wäre nichts daraus geworden. Peter Baumann verließ die Gruppe und begab sich für einen längeren spirituellen Trip nach Indien und Nepal. Es lag also in den Händen von Edgar Froese und Christoph Franke, die Sache am Köcheln zu halten. Sie nahmen in Berlin frisches Material auf, um es Branson vorzulegen. Erst 1986 wurde Green Dessert veröffentlicht (als 27. Album), aber es ist tatsächlich das Missing Link zwischen Atem und Phaedra.  Auf dem Titelsong sind noch Drums und auch Edgars Gitarre zu hören, aber in Astral Voyager übernimmt bereits der Sequencer. Franke experimentierte hier auch mit einer Drummachine – einem Eko ComputeRhythm. Branson muss das Material zugesagt haben und nach der Rückkehr Baumanns aus Asien konnte die Gruppe einen  5-Jahresvertrag bei Virgin unterzeichnen. Das Label war zwar noch ganz frisch am Markt, hatte mit Mike Oldfields Tubular Bells aber schon einen Megaerfolg eingefahren. 

Special: Tangerine Dream

Phaedra gilt als Meilenstein der elektronischen Musik. Das Cover-Artwork stammt von Edgar Froese.

Tangerine Dream – Phaedra als Meilenstein

Die erste Arbeit für Virgin war das eingangs bereits erwähnte Album Phaedra. Es wurde 1973 im Manor Studio (oft auch The Manor genannt) in Oxfordshire aufgenommen und im darauffolgenden Jahr veröffentlicht. Einen Teil des Vorschusses der Plattenfirma hatte Christoph Franke in den Erwerb eines modularen Moog-Synthesizers gesteckt. Er ist auf dem knapp 18-minütigen Titeltrack zu hören, wo er die frühen Weltraum- und Ambientklänge von Tangerine Dream mit treibenden Synthesizer-Arpeggios unterlegt. Gegen Ende des Tracks gleitet das Sequencer-Pattern stufenlos immer weiter nach oben – ein starker Effekt, der vor allem der Tatsache geschuldet war, dass die Oszillatoren des Moog-Systems nach 15 Minuten stark zu driften begannen. Edgar Froese erinnerte sich an eine extrem nervenaufreibende Produktion: „Phaedra war das erste Album, bei dem viele Dinge strukturiert werden mussten. Der Grund dafür war, dass wir zum ersten Mal den Moog-Sequencer verwendeten. Allein das Stimmen des Instruments dauerte jeden Tag mehrere Stunden, weil es damals noch keine Presets oder Speicherbänke gab. Wir arbeiteten jeden Tag von 11 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Am 11. Tag hatten wir gerade mal 6 Minuten Musik auf Band. Technisch gesehen ging alles schief, was schief gehen konnte. Die Bandmaschine ging kaputt, das Mischpult fiel wiederholt aus und die Lautsprecher wurden durch die ungewöhnlich tiefen Frequenzen der Bässe beschädigt. Nach 12 Tagen waren wir völlig kaputt. Glücklicherweise brachte ein Neubeginn nach einer zweitägigen Pause auf dem Lande den Durchbruch.“ Sound on Sound

Special: Tangerine Dream

Das Cover der Videodokumentation „Revolution of Sound“ von Margarete Kreuzer zeigt im Hintergrund das große Modularsystem von Tangerine Dream.

Beim zweiten Song Mysterious Semblance at the Strand of Nightmares schält sich aus Wind- und Brandungsgeräuschen eine betörende Melodie heraus. Edgar Froese spielte ein zweimanualiges Mellotron, während seine damalige Frau Monika an einem Phaser herumschraubte. Das dritte und letzte Stück des Albums – Movements of a Visionary – überrascht mit verfremdeten Atem- und Percussiongeräuschen, das Zwitschern einer kosmischen Vogelvoliere geht bald in ein Sequencer-Muster über. Der Moog spielt dieses Mal in höheren Tonlagen als auf dem Titeltrack, mit einem holzähnlichen Marimbaton. Edgar Froese, der neben modernen Komponisten wie Stockhausen und John Cage vor allem auch Johann Sebastian Bach sehr schätzte, frohlockte: „Soweit ich weiß, hatte noch niemand den großen Moog-Synthie als ersten Sequencer benutzt. Das wurde zu unserem Markenzeichen. Es wurde mit Bachs Idee des Bass-Kontinuums assoziiert.“ (groove)

Die Mühen der Produktion sollten sich auszahlen. Der Kritiker von allmusik John Bush urteilt: „Phaedra ist eines der wichtigsten, künstlerischsten und aufregendsten Werke in der Geschichte der elektronischen Musik. Als musikalischer Meilenstein ist Phaedra heute vielleicht noch kraftvoller als zum Zeitpunkt seiner ersten Aufnahme und hat den Test der Zeit bestanden.“ In einer User-Kritik wird deutlich, wie komplett neu und aufrüttelnd diese Musik damals gewirkt haben muss: „Ich war so überwältigt, wie ich noch nie zuvor überwältigt war. Ich habe schon Musik gehört, die mich wegen der guten Musikalität beeindruckt hat oder die mir auf Anhieb gefiel, weil ich die Lieder oder Melodien mochte. Ich habe Musik gehört, weil sie mich auf die eine oder andere Weise bewegt hat. Aber hier war es Musik, die Klänge nachahmte, die ich in meinem Gehirn hatte und die ich nie zuvor akustisch ausgedrückt hatte. Eine Art organischer/ elektronischer/psychologischer Kopftrip, der auf eine Art und Weise extrem cool war, mit der ich vorher nie in Kontakt gekommen war.“

Special: Tangerine Dream

Mit pulsierenden Sequencer-Linien festigte Rubycon den mit Phaedra eingeschlagenen Pfad und gilt als eines der besten Alben von Tangerine Dream.

Tangerine Dream – der Rubycon ist überschritten

Für Tangerine Dream begann mit dem Erfolg von Phaedra eine neue Ära. Virgin-Boss Richard Branson hatte mit Tangerine Dream neben Mike Oldfield ein zweites Paradepferd für Instrumentalmusik im Stall. „Es lag etwas in der Luft“, erinnert sich Peter Baumann. „Was ich an Instrumentalmusik wirklich liebe, ist, dass es keine lineare Erzählung gibt, sondern nur reine Erfahrung und reines Gefühl. Die Gefühle sind immer im Moment – immer frisch und immer einzigartig. Jedes Mal, wenn ich Phaedra anhöre, ist es eine andere Platte. Ich befinde mich in einer anderen Stimmung, in einem anderen Raum. Dort.“ (the vinyl factory)

1975 überschritt die Band den Rubikon – wie einst Cäsar 49 v. Chr. Allerdings löste das sechste Tangerine Dream-Album keinen Bürgerkrieg aus. Nachdem bisher noch  jedes Album der Gruppe in eine etwas andere Richtung gegangen war, festigte Rubycon den musikalischen Ansatz von Phaedra. Insofern waren tatsächlich die Würfel gefallen. „Als die Band das Manor-Studio zum zweiten Mal betrat, waren wir durch den Erfolg von ‚Phaedra‘ belastet“, räumte Edgar Froese später ein: „Es gab einen Druck, es noch einmal zu tun, aber man muss darauf hinweisen, dass Simon Draper (Virgin-Mitgründer, Anm. d. Verf.) und Richard Branson bei Virgin uns nicht unter Druck gesetzt haben, kommerziell zu sein. Die Haltung war, dass Tangerine Dream bei den Aufnahmen machen konnten, was sie wollten, was für eine Plattenfirma sehr ungewöhnlich war.“ Das Album besteht aus lediglich zwei langen Stücken – Rubycon Part 1 und Part 2.  Im ersten Teil setzen nach einer atmosphärischen Einleitung bei Minute sieben die Sequencer ein, über die dichte Klangwolken treiben, während ab und an eine zarte pastorale Oboen-Melodie aufblüht. Part 2 beginnt wie ein gespenstischer Luftalarm mit verhallten Sirenen, dann sind Chöre in dem Inferno zu hören, die wie eine Space-Variante von Ligetis Requiem klingen. Und dann kommen verlässlich die pulsierenden Sequencer-Linien.

Bei Elektronikbands praktisch Standard: der semimodulare ARP 2600

Die Band hatte sich inzwischen zusätzliches Equipment angeschafft: Einen ARP 2600, eine modifizierte Elka-Orgel, ein Fender Rhodes Piano und es gab einen zweiten großen Moog Synthesizer. Christoph Franke konnte ihn relativ preiswert bei Moody Blues abstauben, die von der mangelnden Stimmstabilität des Synthesizers komplett genervt waren. „Plötzlich hatte ich also zwei dieser Boxen und war auf der Bühne von einem elektronischen Altar umgeben“, schwärmte Christoph Franke. Die Band steckte damals den Löwenanteil der Phaedra-Tantiemen in neues Equipment: „Ich ließ Orchesterinstrumente von der BBC für mein Mellotron aufnehmen, damals eine sehr luxuriöse Angelegenheit“, erzählte Edgar Froese Sound on Sound  „Das größte Problem war die unbeständige Stromversorgung in The Manor – Stromausfälle, die uns zwangen, die Aufnahmen zu unterbrechen, um die Synthesizer an die Stromgeneratoren anzuschließen. Der Moog spielte auch manchmal zufällige Sequenzen ab, weil der Strom, der die Oszillatoren antreibt, instabil war“. Rubycon schloss an den Erfolg von Phaedra an und überzeugt bis heute: „Die etwas veraltete Klangpalette überschattet nie die Stimmung: unheimliche Psychedelik ohne die Paisleys – Pink Floyd ohne den Rock“, schreibt allmusic-Kritiker Glenn Swan. Die meisten Tangerine Dream Fans würden wohl Rubycon einen Stammplatz unter den zehn, vielleicht sogar fünf besten Alben der Gruppe zubilligen. „Das definitive musikalische Statement Tangerine Dreams“, urteilt Musikexpress.

Stromschlag in Australien

Tangerine Dream haben ihre Musik immer auch live dargeboten, was aufgrund der eingesetzten Elektronik und deren Empfindlichkeit damals ein schwieriges Unterfangen war. Auf einer Australientournee geriet Chris Franke sogar in Lebensgefahr, als sein Moog-Modularsystem beim Transport schwer beschädigt wurde. Dummerweise wurde das große Gehäuse, in dem die Module eingebaut waren, auf dem Kopf stehend verschickt: „Nach 48 Stunden im Flugzeug lösten sich die schweren Transformatoren und fielen durch die Schaltkreise. Als ich das Gerät in Australien zum ersten Mal an das Stromnetz anschloss, bekam ich einen heftigen Stromschlag. Es gab keinen Ton mehr von sich, und ich brauchte zwei Tage, um es zu reparieren und Material aus Deutschland einzufliegen. Das war ein Albtraum – ich hätte dabei fast mein Leben verloren“. (Sound on Sound) Und auch dann, wenn es nicht gerade lebensbedrohlich wurde, verschlangen die Touren viel Geld, wie Edgar Froese berichtete: „Der Transport war ein Alptraum, wir gaben 30 Prozent unserer Einkünfte für Versicherungen und Reparaturen der Instrumente aus.“ (groove)

Special: Tangerine Dream

Die ehrwürdige Kathedrale von Reims war Schauplatz eines denkwürdigen Live-Konzerts von Tangerine Dream. (Foto: Vassil, Wikipedia, Creative Commons)

Der Bann des Papstes

1974 gaben Tangerine Dream ein vielbeachtetes Konzert in der Kathedrale von Reims, von dem inzwischen auch ein offizieller Mitschnitt vorliegt. Die Gruppe zeigte sich in Hochform und auch die Technik spielte mit. Eigentlich waren nur 3.000 Zuschauer zugelassen, aber Tangerine Dream waren nach der Veröffentlichung von Phaedra so populär geworden, dass sich am Ende vermutlich die doppelte Anzahl von Besuchern in diesem Meisterwerk der französischen Gotik drängelte: Franzosen – aus Paris wurden eigens Bustouren organisiert – Belgier, Niederländer und Deutsche. Andy Warhols Muse Nico (die auch mit Velvet Underground zusammengearbeitet hatte) gab eine Soloeinlage, wobei sie sich nur auf dem Harmonium begleitete. Und Tangerine Dream spielten ein langes Konzert, bei dem das tief beeindruckte Publikum lange auf dem Boden der eiskalten Kirche ausharren musste. Nach der Show hatte das Innere des Gotteshauses etwas gelitten. Pater Bernard Goureau nahm die jungen Konzertbesucher in Schutz: „Es stimmt, dass die Jugendlichen Marihuana geraucht haben, um besser mit den Klängen von Tangerine Dream und dem ganzen Spektakel in Verbindung zu treten; es stimmt auch, dass andere, um einem natürlichen Bedürfnis nachzukommen, gegen die Säulen der Kathedrale uriniert haben; und schließlich stimmt es auch, dass man Paare in küssender Umarmung gesehen hat, die sich gegen die Kälte schützen wollten. Aber es ist auch wahr, dass etwa 6.000 junge Leute, die drei Stunden lang im Dunkeln auf dem Boden saßen, die Musik genossen haben und mit weit weniger Anstand noch viel größeren Schaden hätten anrichten können.“ redbullacademy Das Oberhaupt der katholischen Kirche sah das nicht so locker. Edgar Froese berichtete, dass Papst Paul VI Auftritte der Gruppe in katholischen Kirchen für die Zukunft streng untersagte. Die internationale Presse berichtete über das Konzert. So hieß es in der New York Times vom 10. Januar 1975 etwas ironisch: „Die Kathedrale von Reims ist wohl kaum der erste Ort, von dem die Konservativen sagen, er sei von Rockhorden entweiht worden. Aber wenigstens hat noch niemand in New York eine Reinigungszeremonie für die Carnegie oder Avery Fisher Hall gefordert.“ redbullacademy

Stay tuned!

Im zweiten Teil des Specials erfahrt ihr unter anderem, in welchen Kirchen Tangerine Dream auftreten durften, nachdem sie sich den Unmut des Papstes zugezogen hatten, was eine Berliner Firma für Messtechnik mit dem Tangerine Dream-Sound zu tun hat, für welches populäre Videospiel Tangerine Dream die Musik lieferte und von welchem Kraftwerk-Song die Gruppe eine Coverversion aufgenommen hat …

Zum Schluss des ersten Teils noch ein echtes Bonbon für Tangerine Dream Fans: Das geniale Bandportrait des legendären s-f-beat-Moderators Wolfgang Kraesze für den Sender Freies Berlin aus dem Jahr 1976: Signale aus der Schwäbischen Straße. Essential stuff!

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Forum
  1. Profilbild
    bluebell AHU

    Ich muss sagen, dass mich Rubicon weitaus mehr in den Bann zieht als Phaedra. Ob es daran liegt, dass ich Phaedra erst nach Rubycon entdeckt habe, ist schwer zu sagen. Ich finde Rubycon hypnotischer und auch vom Klang angenehmer, da mit weniger blechernem Hall.

  2. Profilbild
    Jens Hecht RED

    Wirklich sehr, sehr schöner Artikel! Hatte mir vor kurzem erst ’ne kleine Doku über Tangerine Dream angesehen aber der Artikel hat nochmal richtig Spass gemacht zu lesen. Sehr informativ auch, ganz dickes Lob!
    Freu mich jetzt schon auf den zweiten Teil :D

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Herzlichen Dank für diesen Artikel.
    “Das Mädchen auf der Treppe“ hat mich als 9-jähriger damals kalt und heiß erwischt. Was war das für eine unglaubliche Ästhetik?
    Wer diesen Tatort kennt, weiß was ich meine. Man könnte streckenweise denken, es wären Szenen passend zur Musik gedreht worden, einem Musikvideo ähnlich.
    Die grauen Industriekulissen, drückende Stimmung, ein stiller, tanzender Tanner mit Tenniemädchen im Arm, dazu immerwieder diese Sequenzen… Gänsehaut.
    Betriebsunfall? Vielleicht, Leider….
    Das einem echten Fan das nicht gefällt kann schon sein..

    https://m.youtube.com/watch?v=c8JOYdYhoXk

    • Profilbild
      swissdoc RED

      Die Schimanski-Tatorte hatten oft sehr spezielle und eigens komponierte Musik von deutschen Bands dabei. Aber eh grosses Kino. Ich sage nur zwei Eier im Glas am Anfang von Duisburg Ruhrort. „Das Mädchen auf der Treppe“ – episch!

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        @swissdoc Warst du schonmal in Ruhrort? Duisburg ist schön und inspirierend. Mein ich ernst! Hafenrundfahrt im größten Binnenhafen der Welt? 😂

    • Profilbild
      TobyB RED

      TD haben für einige Filme die OST gemacht, ich find „Das Mädchen auf der Treppe“ insofern ein Paradebeispiel, weil die Bild und Ton hier extrem gut zusammenspielen und sich verstärken. Das war weder von Tangerine Dream noch Schimanki ein Betriebsunfall. Mein TD Soundtrack kommt vom Film Thief(Michael Mann), Der Einzelgänger, 1981. Der Film ist so lala, aber die Musik ist klasse.

    • Profilbild
      costello RED

      Weil das „Mädchen auf der Treppe“ hier so viel Interesse weckt – In einem Interview hat sich Johannes Schmoelling ausführlich zur Entstehung geäußert: „Peter Adam, dem Regisseur dieser Tatort Folge, lag die Tanzszene mit der Hauptdarstellerin Katja in einer Diskothek sehr am Herzen. Die Verlorenheit dieser jungen Frau nach dem Verlust der Mutter mussten wir musikalisch ausdrücken. Leider gab es keine Bilder, sodass Christoph und ich uns einen Rhyhmus imaginieren mussten. Chris programmierte die Percussion und der Arpeggiator meines Roland Jupiter 8 war synchronisiert. So kam die erste tiefe Sequenz zustande, in dem ich in Quarten oder Quinten oder Oktaven die Tasten bewegte. Die Tonfolge a – f – g – h – kam einfach so, ich fand sie irgendwie spannend, ohne zu wissen wohin die Reise geht.
      Die nächste Sequenz kam von Christoph. Er hatte sie mit seinen Arp Odysseys produziert, wobei er das Rollende der Sequenz, 16tel Noten und 32tel, mit seinen Delays erreichte. Darin war er ein wahrhafter Meister. Er wusste immer welche Delay Zeiten sich eigneten. Das war sein Stil.
      Die Streicher hatte ich auf dem Sequential Circuit Prophet 5 von Chris gespielt. Jetzt musste die Bassequenz harmonisiert werden… Zum Schluss spielte ich die Melodie: auch hier wieder mein Jupiter 8. Er ist ein Klangwunder bis heute…“

        • Profilbild
          costello RED

          @Dirk Matten Ja, ab etwa 1:40 – das klingt sehr nach PPG. Die Sequenzen haben zwar auch etwas kühl-metallisches, aber das haben sie damals wohl mit ARP und J8 gemacht.

          • Profilbild
            AMAZONA Archiv

            @costello Es war ein PPG Wave 2, ein Vorserienmodell mit anderen (mehr) Funktionen aufgedruckt als beim späteren Serienmodell. Ich habe noch das Flightcase von Froeses ehemaligem PPG.

            Das Mellotron war erst ein Mk. 5, dann wurde es ergänzt mit einem Novatron Mk. 5 (#127A), welches später bei Reinhard Lakomy landete. Ein Mk. 2 haben die Moody Blues verwendet, Genesis, oder King Crimson.

            Die Platte heißt „Green Desert“, nicht grüner Nachtisch.

            Glibberbipp. Mit Waldmeistergeschmack.

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              costello RED

              Wow, nach über einem Jahr wieder ein Lebenszeichen von Iggy :) Danke wie immer für Korrekturen/Ergänzungen. Im zweiten Teil bist Du einer von den bösen Buben, die spekulieren, ob TD auch mal live ein Band mitlaufen ließen…

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              SynthNerd AHU

              JAAA, er lebt noch und es ist nicht der alte Holzmichel ! *g*

              Dann ist wenigstens einer meiner zwei Lieblingskommentatoren erhalten geblieben. Darauf gönne ich mir jetzt einen ganz kleinen Glenmorangie 🙂

              (btw: beim Golfkrieg ging es also nicht um den Nachtisch? *grübel*)

  4. Profilbild
    Nvelope

    Sehr guter und hochgradig informativer Bericht über Tangerine Dream – ich war begeisterter Fan dieser damals völlig neuen Musik, die anstatt Worten und Text Sequencer-Rythmen und ausdrucksstarke Melodiebögen benutzte, was mich seinerzeit von den Socken riss. Ich nahm nie Drogen – diese Musik war meine Droge!
    Erst heute wissen wir durch unverkennbare Einflüsse in so vielen Neuerscheinungen quer über verschiedene musikalische Genres hinweg, wie bahnbrechend diese Electronic-Musiker gedacht, komponiert und musiziert haben!

  5. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Mein Gott, das ist ja wie ein Backflash auf Acid! 😂 Geile Vibes im Video „Signale aus der Schwäbischen“. O-Ton am Ende: „Alles live…., braucht man das noch in 50 Jahren? In 50 Jahren ist alles vorbei“. Eine echte Prophezeiung. 😎

  6. Profilbild
    Thomy

    Was für ein toller Bericht!! Danke!!
    Rubycon war die erste LP, die ich von TD zu Ohren bekam. Sofort hatten mich diese hypnotischen Sequenzen gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen.
    Bei „Das Mädchen auf der Treppe“ wünsche ich mir manchmal, dass die Zeit wieder zurückgedreht wird. Die Musik passt zum Tatort…der Tatort zur Musik. Eine perfekte Symbiose zur richtigen Zeit, zu perfekter Kulisse.
    Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass TD mein Leben und mein musikalisches Denken erheblich bereichert hat.
    Bin dankbar und froh, diesen Zeitgeist miterlebt zu haben.

    Freue mich sehr auf den zweiten Teil

  7. Profilbild
    Herr_Melin

    Extrem cool, danke! Es war das Froese-Soloalbum „Stuntman“, das mich irgendwann in den 80ern in die elektronische Musik gezogen hatte. Auf dem Sleeve waren einige Instrumente abgebildet und ich dachte „was ist DAS denn?“ Es folgte ein halber Regalmeter an weiteren Platten und Jahre als Außenseiter in der Schule, denn außer mir konnte niemand etwas mit dieser Musik anfangen. Außer meinem späteren, älteren Schwager, der ein großer Kiffer und damit automatisch Schulze und TD-Fan war …

    Irgendwann um 2010 herum wollte ich witzigerweise auch mal ein Buch über die Berliner Schule schreiben – mich hatte extrem gewundert, dass es sowas bis dahin noch nicht gab. Es scheiterte leider ausgerechnet an Edgar bzw. daran, dass ich damals viel für KEYBOARDS geschrieben hatte. Die Kollegen da hatten ihn mit einer wirklich unfairen, unverschämten Plattenkritik für immer vergrätzt. Als Froese erfuhr, aus welchem Stall ich da kam, schickte er mir den Wortlaut dieser Rezension und die Sache war gestorben. Und ohne – ausgerechnet! – ihn hätte das Projekt in meinen Augen keinen Sinn gehabt. Jammerschade, aber wenn ich das jetzt so lese, habe ich da wohl Glück gehabt.

    TD und Froese haben mein Leben absolut geprägt. Noch heute wache ich ab und zu mit seiner Musik im Kopf auf.

    Ich freue mich riesig auf den zweiten Teil dieses Artikels (und gerne auch auf mehr!).

  8. Profilbild
    Lumm

    Tolle Arbeit und Recherche, dieser Artikel. Interessante Hintergründe eines Projektes, dessen Einflüsse in die heutige Musik vielleicht Viele nicht auf dem Schirm haben. Werde auf jeden Fall mal schauen, ob ich wenigsten ein paar der über 100 TD-Alben durchhöre 😀.

  9. Profilbild
    teletom

    Ein toller, sehr interessanter Artikel!
    Vor allem die Infos zu den eingesetzten Synthesizern fehlten mir bisher.
    Vielen Dank dafür!

  10. Profilbild
    THo65

    Vielen Dank für den super-recherchierten Artikel.
    Hier lese ich auch über die technischen Dinge, die ich in der (auch lesenswerten) Biografie „Force Majeure“ vermisse.
    Freue mich auf die nächsten Teile…!!!

  11. Profilbild
    Bernd Kistenmacher AHU

    Liebe Freunde,

    ich freue mich sehr, dass mein Thema auf soviel Interesse stößt. Wer wesentlich mehr auf 900 Seiten darüber erfahren möchte, dem sei mein Buch „Ferne Ziele – Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik“ empfohlen, dessen Veröffentlichung für den Sommer dieses Jahres geplant ist. Mehr Informationen dazu wird es bald auf meiner Website berndkistenmacher.com geben.
    Stay tuned!

    Bernd Kistenmacher

    • Profilbild
      costello RED

      @Bernd Kistenmacher Lieber Bernd, das freut mich sehr, dass es jetzt mit der Veröffentlichung Deines Buches klappt. Eine ausführliche Behandlung des Themas ist wirklich überfällig. Falls Du eine Rezension auf Amazona wünschst – Du weißt, wer sich für das Thema interessiert ;)

  12. Profilbild
    costello RED

    Ganz lieben, herzlichen Dank für euer tolles Feedback! Ich habe viel Arbeit in den Doppelteiler gesteckt, hatte aber auch ganz viel Spaß – unter anderem bei meiner kleinen Fototour durch Berlin. Teil 2 bringt noch viele Lieblingsalben wie Ricochet, Stratosfear, Tangram oder Force Majeure und auch nochmal viele Infos zum Equipment. Ich gehe sogar der ketzerhaften Frage nach, ob bei den Live-Konzerten wirklich immer alles live war. Nächsten Samstag gibt’s mehr :)

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      bluebell AHU

      @costello Lass Dich bloß nicht abhalten :)

      Ricochet war meine „Einstiegsdroge“ – dank meinem Schulfreund, der eine große Schwester hatte, die Ricochet hatte.

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    theissen66

    Toller Artikel – freue mich auf die Fortsetzung.

    Warum wird immer geschrieben, auf „Zeit“ gäbe es keinen Rhythmus? Das stimmt doch überhaupt nicht. Selbst im Titelstück kann man (langsam) mitzählen. Ich habe den Eindruck, der Begriff wird fälschlicherweise gleichgesetzt mit dem, was allgemein von einer sogenannten „rhythm section“ (also Instrumentenklasse wie Drums, Percussion, Sequenzer – und auch dann nur in einem eher konservativen Gebrauch) geliefert wird.

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      costello RED

      @theissen66 Hallo theissen66, da hast Du wohl recht, dass das einem eher konservativen Begriff von Rhythmus entspricht. Genau genommen sind auch das Auf- und Abschwellen des Leslies oder die Filter-Blubbergeräusche von Frickes Moog rhythmisch strukturierte Ereignisse. Aber aufs Ganze gesehen, fließt diese Musik doch eher ruhig dahin und auch die Harmoniewechsel folgen nicht dem Schema „1-2-3-4 und neuer Akkord“. Ich würde vielleicht eher von einem Atem, als einem Rhythmus der Musik sprechen.“

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    St@rex

    Vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Ich war einer von denen, die 1980 das Konzert in Ost-Berlin erleben durften. Ich kannte damals als 16-jähriger natürlich schon TD aus dem Radio – aber Live war das dann nochmal etwas anderes…

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        St@rex

        @costello Das war es, zumal ich da auch das erste Mal einen Showlaser im Einsatz gesehen habe. Heute ziemlich normal, war es damals etwas völlig Neues…

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    Tomtom AHU

    Ich hab die Musik von TD seit den frühen 80ern verfolgt, dann natürlich die ganzen Klassiker der 70er nachträglich quasi aufgesogen! Ich mochte besonders den Sound von Exit bis zum Poland Konzertmitschnitt, den ich mir damals als Doppelalbum zu Weihnachten gewünscht und auch gekriegt habe. In den 90ern habe ich TD dann irgendwann aus den Augen verloren, nur um sie nach Froeses Tod für mich wieder zu entdecken. Dabei mag ich auch die Post-Froese Veröffentlichungen der „neuen“ TD um Thorsten Quaeschning sehr! Das aktuelle Album Raum läuft bei mir in Dauerschleife.

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      costello RED

      @Tomtom Thorsten Quaeschning hat in einem Interview gesagt: „Dann hat man natürlich bei Tangerine immer das Problem oder die Bürde, das Vermächtnis weiterzutragen. Allerdings auch mit der Aufgabe, nicht nostalgisch zu klingen“. Ich finde, das kriegen sie wirklich gut hin. „Raum“ höre ich auch sehr gerne. Aber natürlich hat diese Musik heute nicht mehr den gleichen Impact, wie seinerzeit „Phaedra“, „Rubycon“ oder „Ricochet“, was alles Pionieralben für die elektronische Musik waren. Ich konnte auf die späten TD im zweiten Teil deshalb auch nur knapp eingehen. Mal sehen, ob es Bedarf an mehr Infos gibt :)

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        Tomtom AHU

        @costello Ja natürlich, den gleichen Impact wie die frühen Pionierwerke hatten eigentlich keine TD Veröffentlichungen seit den 70ern mehr. Dennoch finde ich auch, dass die „neuen“ TD die Balance sehr gut halten zwischen Wiedererkennungswert und sanftem Fortschritt. Aber ich bin eh total parteiisch seitdem eins meiner eigenen Stücke u.a. zusammen mit einem KS und TD Stück auf einer Grenzwellen Compilation zu hören ist. Damit habe ich wohl alles erreicht, was ich als Fan erreichen konnte.

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    Tomtom AHU

    Auch die Zusammenarbeit von Jerome Froese mit Claudia Brücken (xPropaganda) fand ich sehr gelungen! Ich wünschte Jerome würde die Band seines Vaters weiter begleiten. Schließlich war er ja lange Jahre selbst Mitglied und auch schon auf dem Albumcover von Atem zu sehen.

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    Tai AHU 3

    Wow, so viele Kommentare (ausschliesslich postitive, wenn ich mich nicht irre) zu einer Musik, die ich von Anfang an mitbekam, die mich aber nach zwei, drei Alben nicht mehr anmachte. Das hängt nicht mit dem damals neuen Ansatz ab Phaedra zusammen, sondern die Faszination des Neuen war einfach weg. Hängt bei mir persönlich mit zwei Dingen zusammen, bei denen ich sofort zurückziehe. Religion und Weltraum. Das eine interessiert mich nicht, das andere hat seine Faszination nach 72 ebenfalls verloren.

    Warum finden diese Auftritte in den Anfängen immer in Planetarien und wenn der Erfolg da ist mindestens in Kathedralen statt? Ist mir unerklärlich und erscheint mir oft nur als Posing. Aber ich werde gleich mal den Streamingdienst meiner Wahl anwerfen und noch ein letztes mal genau hinhören. Freunde werden Berliner Schule und ich aber sicher nicht mehr werden.

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      costello RED

      @Tai Lieber gaffer, danke für Deinen Kommentar. Das mit den Planetarien ist lustig, von Klaus Schulze ist dazu folgender Satz überliefert: „ich bin mir nicht sicher, dass ein Planetarium der ideale Ort für Musik ist, denn die hemisphärische Form erzeugt Echos und Klangreflektionen aus jeder Richtung.“ Ja und die Kirchen – das hat manchmal schon etwas von musikalischem Gottesdienst, zumal die Moog-Modularsysteme ja auch noch wie Altäre aussahen. Wobei der Auftritt in Coventry, wo die Deutschen die Kathedrale im 2.Weltkrieg zerstört hatten, und TD als erste dt. Band auftraten – das hatte schon etwas von Völkerverständigung. Im 2. Teil widme ich mich an einer Stelle der Philosophie von Edgar Froese, und die ist eigentlich sehr sympathisch und pragmatisch und gar nicht pseudo-religiös. Die Berliner Schule muss man nicht unbedingt mögen, aber etwas über sie zu wissen, wenn einen elektronische Musik an sich begeistert – das finde ich schon wichtig.

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    SynthNerd AHU

    Für mein Interesse an elektronischer Musik und elektronischen Instrumenten war TD absolut prägend. Es war das erwähnte Konzert für DT64 am 31.01.1980 in (Ost-)Berlin, das im Radio gesendet wurde und so als Aufnahme auf dem Spulentonbandgerät meines Bruders landete. Danach erschien das halbe Konzert als LP bei Amiga und später unter dem Titel Pergamon bei einem anderen Label. Seither nutzte ich meine Reisen nach Ungarn in den 80’s, um dort LPs von TD einzusammeln. Es folgten (in zufälliger Reihenfolge) CYCLONE, force majeure, TANGRAM, EXIT, ENCORE (live), LOGOS, SEQUENCE. Als CDs folgten Rockoon, Melrose, live miles, Tournado und eine Best Of. Offenbar sind die frühen Weke etwas an mir vorbei gegangen. Sourcerer hatte ich wohl mindestens mal als Tonbandmitschnitt. Am meisten gehört habe ich damals PERGAMON, LOGOS und ENCORE. Die späteren Sachen waren mir tendenziell zu poprockig. Underwater Sunlight gefiel mir davon noch am ehesten.

    Leider habe ich nur ein einziges Konzert noch zu Lebzeiten von Edgar Froese live erlebt. Das war Ende Mai 2014 im Berliner Admiralspalast. Zu den Karten kam ich eher zufällig und bin sehr froh, diese letzte Gelegenheit nicht verpasst zu haben.

    Zum Artikel sage ich jetzt einfach nur noch ein ganz großes DANKE! 🙂

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      SynthNerd AHU

      @SynthNerd Es muss natürlich heißen SORCERER – nicht SOURCERER.
      Wer irgendwann vor langer Zeit mal Maschinencode disassambliert hat ahnt, wie der typo zustande kam :-)

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    AMAZONA Archiv

    TD ist bei mir anscheinend sowas wie ein blinder Fleck. Klar kenne ich die gängigen Sachen aber nachdem ich mir den Wiki-Eintrag gegeben habe, mein Gott, was kommt da zusammen? Höre gerade Ambient Monkeys, sehr geil für einen guten Trip, davon hatten TD offensichtlich einige. Grand Theft Auto V, dafür hat TD die Musik gemacht? Da spielt man mal ein Spiel nicht und dann so eine Nachricht? Muss ich nachholen. Peter Baumann ist heute 70 geworden, das nur so zufällig nebenbei. Gratulation an unbekannt! Und dankeschön auch an Costello, sollte etwas zu umfangreich sein, einfach dich machen lassen. Küsschen nach Bärlin!

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      costello RED

      Hi Kazimoto, Teaser für Spielemusik richtig aufgelöst :) Da hat Edgar Froese ganz locker mit The Alchemist und Oh No zusammengearbeitet. Liebe Grüße nach…Duisburg?

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        AMAZONA Archiv

        @costello Ja klar! 😂 Und alle die was passendes zum Sequenzen basteln suchen, bin vor kurzem auf eine Plugin-Schmiede gestoßen deren Delay ich sehr mag: HY-Plugins. Das HY-Delay4 ist super anzupassen und hat etliches an Board. Cross-Feedback, Effektketten und auch vieles andere wie Waveshaper, Ducker etc. Für den TD-Style dazu die Sequenzer HY-RPE2 und HY-SEQ32. Check it out man!

  20. Profilbild
    desmondo

    also gleich vorneweg: Ich bin ziemlicher Laie, was TD angeht, aber ich habe begeistert diesen Bericht gelesen (und saß dafür sicher eine Stunde auf dem Klo…-das ist Rückzugsgebiet…).
    Total interessant fand ich, wie sich das ganze mit der Band entwickelt hat und was für Probleme es auf Tour gab und was in den Interviews so geredet wurde und und und. Jean Michel Jarre, Vangelis, Kraftwerk und so hatte ich in den 80ern zwar schon etwas auf dem Schirm, aber TD war mir eher unbekannt, leider. Aber das kann ich ja jetzt alles nachholen. Danke dafür. 😀

  21. Profilbild
    Filterspiel AHU

    Irgendwann in den ’90ern sollte Tangerine Dream vor Emerson, Lake and Palmer in der Kassler Stadthalle spielen, (ich sage gezielt vor, und nicht als Vorband) leider wurde daraus nichts und es gab „nur“ Emerson, Lake & Palmer. Dabei wäre die Kombi für meinen Musikgeschmack einfach nur göttlich gewesen.

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      SynthNerd AHU

      @Filterspiel Auch bei elektronischer Musik gehen die Geschmäcker weit auseinander, aber ich kann da nur zustimmen 🙂

  22. Profilbild
    0gravity

    Herzlichen Dank an Costello für diesen tollen Artikel. Ganz großes Kino. Ich freue mich schon auf Teil 2.
    Was im Artikel ja angedeutet wird und auf Tangerine Dream sicherlich auch ein Stück weit zutrifft oder zutraf: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“
    Dazu passt auch wie ich mit Tangerine Dream in Berührung kam, nämlich während eines Schüleraustauschs mit Frankreich Ende der 70er Jahre.
    Während mein Gastschüler und bestimmt auch eine Handvoll seiner Klassenkameraden Platten von TD, Schulze, AshRa, und Popul Vuh besaßen gab es an meiner Schule in D in meinem Jahrgang niemanden, der auch nur mit den Namen etwas hätte anfangen können.

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    ach herrjemine

    Wunderbar! Danke für diese ganz hervorragende Übersicht über das (frühe) Schaffen von Tangerine Dream, costello!
    Dein Bericht schliesst bei mir einige peinliche Bildungslücken.
    Sehr erhellend finde ich insbesondere Deine Einordnung der musikhistorischen Bedeutung der Band. Ich hatte TD Jahrzehnte lang zwar durchaus wahrgenommen, war jedoch nie weit genug in die Musik eingetaucht um sie richtig einzuordnen. Das wird sich nun, nicht zuletzt ausgelöst durch Deinen Artikel, gründlich ändern. Voller Vorfreude auf Teil 2, nochmals danke!

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    Saxifraga

    Mein erstes Album war Tangram Set 1&2.
    Nach Alan Parsons „Tales of Mystery and Imagination“ and JMJ Oxygen meine dritte selbst gelaufte Platte. Man war ich begeistert. Bis heute meine Lieblingsplatte!
    Einige Zeit später kaufte ich Zeit. Die größte Enttäuschung aller Zeiten. Damals konnte man noch nicht alle Platten probehören und Zeitschriften in Westdeutschland brachten fast nix über elektronische Musik. Leisten konnte ich mir das damals eh nicht. Nach diesem tollen Artikel werde ich sie mal wieder auflegen und sehen, ob mir diese Musik jetzt was sagt.
    Ich hab‘ sie damals bei 45 abgespielt, damit es nicht so lange dauert. :D

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      costello RED

      @Saxifraga Hi Saxifraga, zwischen Tangram und Zeit liegen wirklich Welten. Die Kombi mit Alan Parsons und Jarre dagegen passt sehr gut. Die teilweise fast heroisch klngenden Melodiebögen mit den Military Drums beim Set 1 müssten zum Beispiel auch Vangelis-Fans ansprechen. Auf Zeit muss man sich als Zuhörer wirklich einlassen. Alles eine Frage des Augenblicks und des jeweiligen Gemütszustands.

  25. Profilbild
    LeHubs

    Tolle Reportage über eine der Gruppen meiner Jugend. Damals saß ich immer vor dem WDR Radio und hörte die Sendung „Schwingungen“ – oft mit Tangerine Dream. „Dream“ passte auch zu meinen Synth-Phanasien: schwere, teure Systeme – unbezahlbar. Der Elektor-Verlag brachte damals ein Buch mit Schaltplänen für ein großes, modulares System raus raus. Tolle Zeit. Tolle Erinnerungen. Tolle Band.
    P.S. Und danke an den Autor dafür, dass hier nicht nur Jimmy Hendrix endlos zelebriert wird.

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    a.jungkunst AHU

    Ich weiß nicht, wie viele Artikel ich schon über Tangerine Dream gelesen habe, aber ich studiere sie immer noch gern und dieser hier ist sehr lebendig und nicht zu ausufernd geschrieben, prima! Ich hatte mich damals schon theoretisch mit Synthesizern beschäftigt, aber nach dem Lesen eines Artikels in der damals verlegten Zeitschrift SOUNDS und dem Folgen eines Live-Konzerts in der Reihe „Nachtmusik im WDR“ im November 1972 war ich nicht nur von Synthesizern fasziniert, sondern auch von Tangerine Dream. Ich besorgte mir mittels meines kargen Taschengelds das Album „Zeit“ und stellte schnell fest, dass einzig die Seite 4 mit dem Titelstück dem Nachtmusik-Konzert entsprach. Aber auch die Seiten 1 – 3 zogen mich in ihren Bann und bis heute kenne ich kein vergleichbares Album. Das Folgealbum „Atem“ gab mir den Rest zum Beginn meiner Leidenschaft, der ich heute noch erlegen bin. Das, was diese Band in den 70ern geschaffen hat, ist noch heute der Ausgangspunkt meines persönlichen Schaffens. Diese TD-„Erbsensuppenzeit“ (O-Ton Froese) ist für mich deren beste, weil sie für mich nicht nur von der neuen Technik lebte, sondern auch von TDs emotionalem und forschendem Umgang damit.

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    Glenn

    TD ist ja auch für bekannte Musiker, von denen man es nicht unbedingt erwartet, sehr wichtig. Für Steven Wilson ist z. B. „Zeit“ sein „favourite album of all time“.
    Er hat auch 2 Stücke vom Album „Phaedra“ 2018 remixed (Phaedra und Sequent C‘), genauso wie TD ein Stück von ihm 2020 remixed haben: King Ghost.

    Im übrigen ist es wie immer: Ich bin total begeistert von diesem neuen Costello-Artikel und warte gespannt auf den 2. Teil.

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    Jeanne RED

    Vielen Dank für den Artikel. Mein Lieblingsalbum ist mit Abstand „Zeit“, leider kann ich den Platten spätestens nach „Rubycon“ nichts mehr abgewinnen.

    Schön auch die Erwähnung Ligetis (einer meiner Lieblingskomponisten) – auf „Atem“ kann man auch nochmal deutlich den Einfluss von Ligeti hören (vergleiche „Wahn“ mit Ligeti’s „Aventures“).

    Freue mich schon auf den nächsten Teil ^_^

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      costello RED

      @Jeanne Hi Jeanne, habe mir gerade Room 03 angehört. Sehr coole Mischung aus Ambient und Industrial. :) Wenn ich mir euer Instrumentarium ansehe, ist das sehr ähnlich den frühen experimentellen TD-Sachen – wenn auch mit anderen klanglichen Ergebnissen. Ligeti ist großartig. Erst vor kurzem Lux Aeterna mit dem DSO-Chor hier in Berlin in der Philharmonie gehört. Das ist auch kosmische Musik – kommt aus dem Nichts und verlischt dann wieder.

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        Jeanne RED

        @costello Danke fürs anhören ;) Es ist vielleicht aufschlussreich (da nicht „ohrenfällig“), dass ich in meiner Kindheit zu ungefähr demselben Zeitpunkt das erste Mal Musik von Faust, Esplendor Geométrico und Morbid Angel gehört habe 😂

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            Jeanne RED

            @Tai Hi! Nein, selber gefunden! Kultursendungen im Privatfernsehen (!) sei Dank.

            (Bei meinen „Erzeugern“ kann man nur beileiden, sowohl musikalisch, als auch.)

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              Kazimoto AHU

              @Jeanne Morbid Angel, lange nicht mehr gehört, war eine der Lieblingsbands meines besten Freundes. 💀🤟

  29. Profilbild
    fran_ky

    „Richard Barnes Plattenboss“. Wird Sir Richard Branson ärgern.😀
    Es ist interessant zu sehen, wie die Musikjournalisten die neue Musik zu analysieren und die Spontanität ihrer Entstehung rational zu erklären (Kontrapunktisch etc) suchten. Man muss sich vorstellen, was ein Musiker empfindet, der im Verbund mit anderen gerade etwas spontan geschaffen hat und dann erklären soll was in ihm vorging. Für mich war retrospektiv erstaunlich, wie die damals oft als Maschinenmusik (Musik auf Knopfdruck) abgetane Musik von TD – heute noch mehr- den grossen Anteil ihrer Spontanimprovisation zeigt.
    Die „Virgin Years“ waren für mich die prägendste Zeit von TD. In den folgenden Jahren habe ich mich entfremdet.

  30. Profilbild
    richard AHU

    Toller Bericht, danke. Ich habe TD tätliche erst sehr spät war genommen, was vor allem meiner späten Geburt geschuldet sein dürfte ;-) Entdecke aber immer wieder viele Elemente in ihrer Musik die ich zu dieser frühen Zeit noch gar nicht vermutet hätte.

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