Interview: Siggi Müller, Synth-Enthusiast und Score-Profi, Teil 1

30. Juni 2018

Als Deckards Dream nicht aufwachen wollte

Siggi Müller

Siggi Müller

Schöne neue Welt! Und das meine ich in diesem Fall wirklich positiv, denn ohne Facebook und Internet hätte ich Siggi Müller wahrscheinlich nie persönlich kennengelernt. Und das, obwohl sich unsere Lebenswege sicher das ein oder andere Mal bereits gekreuzt haben. Nicht nur dass Siggi Müller einen Katzensprung von mir entfernt wohnt, sondern während er in den 80ern erfolgreich seine Karriere als Filmmusik-Komponist startete, suchte ich in dieser Zeit verzweifelt nach Komponisten, die mir meine ersten Filme vertonten. Aber auch in den 90ern, als ich bei SENATOR FILM arbeitete, war ich für den einen oder anderen Film verantwortlich, für den er die Musik beigesteuert hatte. Und auch danach, als mich meine Synthesizer-Leidenschaft zu AKAI PROFESSIONAL führte, war Siggi im regen Austausch mit meinen Kollegen für sein umfangreich ausgestattetes Tonstudio. Und doch hat es nochmals 20 weitere Jahre gedauert, bis wir uns endlich kennenlernten.

Der Grund des Treffens: Deckards Dream

Anlass war die Vorstellung des Yamaha CS80 Hardware-Clones DECKARDS DREAM. Leser hatten uns darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Klassiker als nahezu identische Kopie im 19″-Format durch die Black Corporationauf den Markt gebracht werden sollte. Das klang nach einer kleinen Sensation, aber ich wollte so lange nicht darüber berichten, bis wir ein finales Exemplar selbst einmal anspielen konnten. Nach Monaten der Suche nach einem Käufer, immerhin kostet ein Exemplar 3.749USD, schickte mir unser Studio-Redakteur Felix Thoma einen Link zu einem Facebook-Account, auf dem sich soeben ein stolzer Besitzer mit seinem frisch erworbenen Deckards Dream abgelichtet hatte: Siggi Müller. Doch als ich die Facebook-Seite selbst inspizierte, entdeckte ich weit mehr als einen Musiker mit seinem CS80-Klon. Ich sah mich konfrontiert mit einer der umfangreichsten Synth-Sammlungen, die ich je gesehen hatte.

Siggi Müller

Siggi in seinem Synthesizer-Paradies

Von da ab dauerte es nur noch Stunden und Siggi Müller und ich hatten  einen persönlichen Termin vereinbart – welch Glück, dass er aus meiner „Ecke“ kam. An einem sonnigen März-Tag machte ich mich auf nach Starnberg zu seinem beeindruckendem Anwesen in Hanglage. Wir hatten sofort beide das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen. Nach einem gemütlichen Frühstück mit frischen Croissants, Butter-Brezen und Kaffee ging es dann in sein faszinierendes Studio, um uns dem Deckards Dream zu widmen. Pustekuchen! Deckard war schlecht drauf und wollte nicht anspringen – und auch nach penibler Fehlersuche gelang es uns nicht, den Replikanten aus seinem Dämmerschlaf zu wecken. Nun gut, es waren ja noch „ein paar“ andere Synthesizer im Raum, über die es sich zu sprechen lohnte.

Viel Spaß nun mit dem ersten Teil eines Interviews mit einem hochinteressanten Musiker und sympathischen Menschen, dessen Lebensweg ein spannendes Buch füllen würde.

Siggi Müller

Siggi 2018 im Gespräch mit AMAZONA.de

Peter:
Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen, dein Vater wollte doch, dass du Elektriker oder Techniker wirst.

Siggi:
Mein Vater, der aus dem tiefsten bayerischen Wald stammt, war bei der Bundeswehr und daher auch sehr streng.

Peter:
Hat der denn auch Musik gemacht?

Siggi:
Mein Vater hat mehr bayerische „Stubenmusik“ gemacht. Er hat Zither und Gitarre gespielt. Zu meinem zehnten Geburtstag hat er mir ein Akkordeon geschenkt und damals konnte noch keiner ahnen, was er damit anrichtet. Als Kind wollte ich immer Astronom werden. Ich hatte einen Onkel in Amerika, der ein Spiegelteleskop besaß, welches er mir sogar eines Tages schenkte. Mein Vater hat damals richtig geschimpft, da er meinte, ich bin die ganze Nacht draußen, beobachte den Sternenhimmel und sitze am nächsten Tag müde in der Schule. Dann durfte ich das also auch nicht mehr machen und bekam von ihm zum Ausgleich das Akkordeon geschenkt.

Siggi Müller

Siggi mit väterlichen Akkordeon

Siggi:
Abends, wenn meine Eltern in mein Zimmer geschaut haben, habe ich mich immer schlafend gestellt und als sie selbst im Bett waren, bin ich heimlich aufgestanden und habe leise auf dem Akkordeon geübt. Ich konnte zum damaligen Zeitpunkt noch keine Noten lesen, das habe ich erst viel später gelernt. Damals gab es die Sendung „ARD Nachtprogramm“ und wenn es vom saarländischen Rundfunk kam, hörte ich dort französische Akkordeonspieler und wollte sofort spielen wie die. Der einzige Unterschied war, dass sie sog. Knopfakkordeons hatten im Gegensatz zu meinem einfachen Pianoakkordeon. Das wusste ich aber damals nicht. Man muss wissen, dass man auf einem Knopfakkordeon bestimmte Läufe leichter spielen kann als auf einem Diskantakkordeon. Ich habe also mit meinem Instrument unbewusst eine Technik entwickelt, das Ganze nachzuspielen, ohne dass ich wusste, was genau ich da tue. Meine Eltern lebten zu dieser Zeit in Günzburg in der Nähe von Ulm. Dort gab es jedes Jahr eine lokale Messe, genannt „Nordschwabenschau“.

Forum
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        Coin  AHU

        Dieses Thema rundet die ganze Geschichte nur noch ab.
        Das ganze Interview liest sich super, so ehrlich und ungezwungen.
        Siggi kommt sehr sympathisch rüber.
        Man hat das Gefühl alles zu erfahren.
        Und das wollen Fans doch : )
        Mich hat er jedenfalls als Fan gewonnen.
        Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg!

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