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Interview: Siggi Müller, Synth-Enthusiast und Score-Profi, Teil 1

30. Juni 2018

Als Deckards Dream nicht aufwachen wollte

Siggi Müller

Siggi Müller

Schöne neue Welt! Und das meine ich in diesem Fall wirklich positiv, denn ohne Facebook und Internet hätte ich Siggi Müller wahrscheinlich nie persönlich kennengelernt. Und das, obwohl sich unsere Lebenswege sicher das ein oder andere Mal bereits gekreuzt haben. Nicht nur dass Siggi Müller einen Katzensprung von mir entfernt wohnt, sondern während er in den 80ern erfolgreich seine Karriere als Filmmusik-Komponist startete, suchte ich in dieser Zeit verzweifelt nach Komponisten, die mir meine ersten Filme vertonten. Aber auch in den 90ern, als ich bei SENATOR FILM arbeitete, war ich für den einen oder anderen Film verantwortlich, für den er die Musik beigesteuert hatte. Und auch danach, als mich meine Synthesizer-Leidenschaft zu AKAI PROFESSIONAL führte, war Siggi im regen Austausch mit meinen Kollegen für sein umfangreich ausgestattetes Tonstudio. Und doch hat es nochmals 20 weitere Jahre gedauert, bis wir uns endlich kennenlernten.

Der Grund des Treffens: Deckards Dream

Anlass war die Vorstellung des Yamaha CS80 Hardware-Clones DECKARDS DREAM. Leser hatten uns darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Klassiker als nahezu identische Kopie im 19″-Format durch die Black Corporationauf den Markt gebracht werden sollte. Das klang nach einer kleinen Sensation, aber ich wollte so lange nicht darüber berichten, bis wir ein finales Exemplar selbst einmal anspielen konnten. Nach Monaten der Suche nach einem Käufer, immerhin kostet ein Exemplar 3.749USD, schickte mir unser Studio-Redakteur Felix Thoma einen Link zu einem Facebook-Account, auf dem sich soeben ein stolzer Besitzer mit seinem frisch erworbenen Deckards Dream abgelichtet hatte: Siggi Müller. Doch als ich die Facebook-Seite selbst inspizierte, entdeckte ich weit mehr als einen Musiker mit seinem CS80-Klon. Ich sah mich konfrontiert mit einer der umfangreichsten Synth-Sammlungen, die ich je gesehen hatte.

Siggi Müller

Siggi in seinem Synthesizer-Paradies

Von da ab dauerte es nur noch Stunden und Siggi Müller und ich hatten  einen persönlichen Termin vereinbart – welch Glück, dass er aus meiner „Ecke“ kam. An einem sonnigen März-Tag machte ich mich auf nach Starnberg zu seinem beeindruckendem Anwesen in Hanglage. Wir hatten sofort beide das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen. Nach einem gemütlichen Frühstück mit frischen Croissants, Butter-Brezen und Kaffee ging es dann in sein faszinierendes Studio, um uns dem Deckards Dream zu widmen. Pustekuchen! Deckard war schlecht drauf und wollte nicht anspringen – und auch nach penibler Fehlersuche gelang es uns nicht, den Replikanten aus seinem Dämmerschlaf zu wecken. Nun gut, es waren ja noch „ein paar“ andere Synthesizer im Raum, über die es sich zu sprechen lohnte.

Viel Spaß nun mit dem ersten Teil eines Interviews mit einem hochinteressanten Musiker und sympathischen Menschen, dessen Lebensweg ein spannendes Buch füllen würde.

Siggi Müller

Siggi 2018 im Gespräch mit AMAZONA.de

Peter:
Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen, dein Vater wollte doch, dass du Elektriker oder Techniker wirst.

Siggi:
Mein Vater, der aus dem tiefsten bayerischen Wald stammt, war bei der Bundeswehr und daher auch sehr streng.

Peter:
Hat der denn auch Musik gemacht?

Siggi:
Mein Vater hat mehr bayerische „Stubenmusik“ gemacht. Er hat Zither und Gitarre gespielt. Zu meinem zehnten Geburtstag hat er mir ein Akkordeon geschenkt und damals konnte noch keiner ahnen, was er damit anrichtet. Als Kind wollte ich immer Astronom werden. Ich hatte einen Onkel in Amerika, der ein Spiegelteleskop besaß, welches er mir sogar eines Tages schenkte. Mein Vater hat damals richtig geschimpft, da er meinte, ich bin die ganze Nacht draußen, beobachte den Sternenhimmel und sitze am nächsten Tag müde in der Schule. Dann durfte ich das also auch nicht mehr machen und bekam von ihm zum Ausgleich das Akkordeon geschenkt.

Siggi Müller

Siggi mit väterlichen Akkordeon

Siggi:
Abends, wenn meine Eltern in mein Zimmer geschaut haben, habe ich mich immer schlafend gestellt und als sie selbst im Bett waren, bin ich heimlich aufgestanden und habe leise auf dem Akkordeon geübt. Ich konnte zum damaligen Zeitpunkt noch keine Noten lesen, das habe ich erst viel später gelernt. Damals gab es die Sendung „ARD Nachtprogramm“ und wenn es vom saarländischen Rundfunk kam, hörte ich dort französische Akkordeonspieler und wollte sofort spielen wie die. Der einzige Unterschied war, dass sie sog. Knopfakkordeons hatten im Gegensatz zu meinem einfachen Pianoakkordeon. Das wusste ich aber damals nicht. Man muss wissen, dass man auf einem Knopfakkordeon bestimmte Läufe leichter spielen kann als auf einem Diskantakkordeon. Ich habe also mit meinem Instrument unbewusst eine Technik entwickelt, das Ganze nachzuspielen, ohne dass ich wusste, was genau ich da tue. Meine Eltern lebten zu dieser Zeit in Günzburg in der Nähe von Ulm. Dort gab es jedes Jahr eine lokale Messe, genannt „Nordschwabenschau“.

Siggi Müller

Peter:
Wie alt warst du damals?

Siggi:
Damals war ich ungefähr 14 Jahre alt. Auf der „Nordschwabenschau“ präsentierten sich die ganzen Handwerker und Geschäfte aus der Region. Ein Musikgeschäft namens „Musikhaus Lederle“ hat dort Hammond Orgeln ausgestellt und die habe ich mir mal genauer angesehen. Das einzige Problem war, dass mein Akkordeon ja auf der linken Seite keine Tasten hatte, sondern die Knöpfe für die Bässe und Akkorde, also wusste ich nicht, was ich bei der Orgel mit der linken Seite anfangen soll. Das Gute an diesen Heimorgeln war, dass die auf der linken Seite eine Einfinger- Automatik hatten. Mit der rechten Hand war ich ja super fit. Alle Stücke, die ich so kannte, habe ich auswendig gespielt und wenn ich eine neue Melodie gehört habe, konnte ich die immer gleich nachspielen. Dann habe ich mich auf der Messe an eine Orgel gesetzt und einfach losgespielt. Plötzlich stand eine Traube von Menschen um mich herum und die Leute meinten „Schau mal, wie toll der kleine Junge da die Hammond Orgel bedienen kann“. Auf einmal sind durch meine Aktion die Umsätze der Firma „Lederle“ auf der Messe gestiegen. Der Seniorchef gab mir dann freie Eintrittskarten für alle weiteren Messetage, da er genau wusste, dass meine Aktionen seine Umsätze steigern werden. Nachdem die Ausstellung vorbei war, hat er mir angeboten, dass ich jederzeit in sein Geschäft kommen darf, um auf allen Geräten zu spielen, sooft ich will. Das war Ende der 70er Jahre, als die ersten Synthesizer heraus kamen. Er hatte in seinem Laden nicht die teuersten Geräte, keinen Yamaha CS80, sondern so was wie Korg 800DV oder die Solina Strings von ARP.

Peter:
Wie bist du dann mit deinen 14 Jahren immer zu dem Laden gekommen? Mit dem Rad?

Siggi:
Der Laden war ca. 20 Minuten Fußweg von meinem Elternhaus entfernt, auf dem Marktplatz in Günzburg. Nach der Schule bin ich immer in den Laden gegangen und habe dort so zwei bis drei Stunden verbracht. Ich habe auf den ersten Korg Synthesizern experimentiert, MS10, MS20 und MS50. Und weil ich für die ganze Elektronik dank auch der vielen Elektronikbaukästen, die ich zu Weihnachten immer bekam, ein Händchen hatte, stand mein Entschluss fest, dass ich Musiker werden will. Mein Vater fand das gar nicht lustig: „Solange du die Füße unter meinem Tisch hast, wird gemacht was ich sage – wenn du Musiker wirst, sind wir geschiedene Leute.“

Peter:
Wie ging das dann weiter? Hast du deine Schule abgeschlossen?

Siggi:
Ich hatte nach der Realschule in Günzburg die Fachhochschule in Krumbach besucht. Dann wollte mein  Vater, dass ich eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker mache. „Ein Beruf mit Zukunft!“ sagte er immer. Das habe ich dann auch durchgezogen. Ich musste für den Abschluss des Gesellenbriefes zur Firma Blaupunkt nach Augsburg ziehen, da die ursprüngliche Ausbildungsstätte „Pleite“ ging. Dort habe ich in Oberhausen, im Nuttenviertel, für 120 DM monatlich, in einer kleinen Wohnung ohne Heizung gelebt, mich von Tütensuppen ernährt und musste jeden Pfennig dreimal umdrehen. Nebenbei habe ich weiterhin Musik gemacht, Akkordeon gespielt und bin zum Üben mit den Synthies und Orgeln am Wochenende ins „Musikhaus Lederle“ gegangen. Der Herr Lederle hat auch oft am Sonntag in der Werkstatt gearbeitet und während dieser Zeit durfte ich mich in der Keyboardabteilung rumdrücken. Nach der Ausbildung zog ich wieder zu meinen Eltern zurück.

Peter:
Durch die Ausbildung hast du bestimmt davon profitiert, dass du deine Geräte selbst reparieren kannst?

Siggi:
Naja, vieles was ich damals gelernt hatte, habe ich heute schon wieder vergessen. Aber es stimmt, einiges bei meinen alten Synthesizern konnte ich schon selber reparieren, da das Lesen von Schaltplänen, messen, löten, Bausteine wechseln ja gelernt hatte. Nach der Ausbildung habe ich dann bei einer Firma in Neu-Ulm gearbeitet, die unter anderem CD-Player aus Taiwan importierten und diese mit ihrem eigenen Logo versehen hatten. Die nannten sich ICS, das war damals so eine Billigmarke.

DSI-Family und Matrix 12 bei Siggi im heutigen Studio

Peter:
Da hast du als Techniker gearbeitet?

Siggi:
Ja, ich habe damals als Techniker 2.600 DM verdient. Es war ein „nine to five“ Job, bei dem ich nach einem halben Jahr die Krise bekam, da ich solche Jobs hasse, jeder Tag war gleich. Daher habe ich dort heimlich gekündigt, weil ich mich nicht getraut hatte, es meinen Eltern zu sagen.

Peter:
Warst du damals schon volljährig?

Siggi:
Nein, nicht ganz, ich war so 16, 17 Jahre alt und habe auch in diesem Alter das Elternhaus verlassen, da ich mich mit meinem Vater zerstritten hatte. Leider hat er das mit der heimlichen Kündigung herausgefunden, da mir selbst ein Fehler unterlaufen ist. Ich hatte bereits angefangen, nebenbei in einem Musikhaus in Ulm zu arbeiten und als mich meine Mutter eines Tages um 8.00 Uhr wecken wollte, damit ich zum Schichtdienst gehe, habe ich ihr gesagt, dass ich noch weiterschlafen kann, da wir mit der Schicht in dieser Woche erst um 10.00 Uhr anfangen. Der Dienstbeginn bei „Musik & Service“ in Ulm war nämlich um 10.00 Uhr. Sie hat mir das irgendwann nicht mehr geglaubt und sofort gemerkt, was los ist und ich musste zugeben, dass ich meinen Job als Techniker gekündigt hatte. Mein Vater hat sofort gefragt ,was ich im Musikhaus verdienen würde und als ich ihm sagte 1.300 DM, also exakt die Hälfte meines alten Gehaltes, meinte er: „Du spinnst doch, Junge! Du bist total verrückt!“ Daraufhin habe ich mein Elternhaus verlassen, habe mir eine eigene Wohnung in Neu-Ulm gesucht und mir durch das Spielen in Bands und im Ulmer Theater etwas dazu verdient. Nachdem ich volljährig war, habe ich meiner Schwester dann noch ihren alten Opel Kadett für ca. 500 DM abgekauft, der hatte damals gerade noch ein Jahr TÜV. Ich habe dann angefangen, mich selbst durchzuschlagen.

Peter:
Der Kontakt zu deinem Vater ist dann ganz abgerissen?

Siggi:
Wir hatten danach fast 20 Jahre lang kaum Kontakt, da er ja mit meinen „Lebensweg“ nicht einverstanden war.

Neu im Siggi-Synthpark, der Arturia MatrixBrute

Peter:
Hast du noch Geschwister?

Siggi:
Ja, ich habe noch zwei jüngere Geschwister, die sind alle bzw.  waren in sozialen Berufen wie z.B. Krankenpfleger tätig. Ich war immer das komische Kind, das schwarze Schaf in der Familie.

Peter:
Hattest du damals schon eigenes Equipment um zu Hause Musik zu machen?

Siggi:
Ich hatte ganz wenig eigenes Equipment zu Hause. Die ersten Geräte, das ich mir leisten konnte, waren ein Roland String Organ RS-09, ein Micromoog und den Minisynthesizer EH-400 von Electro Harmonix mit Folientastatur. Da ich aber in dem Musikhaus in Ulm gejobbt hatte, durfte ich abends immer einen Synthi mit nach Hause nehmen und ihn „studieren“. Das hatte mir einen guten Ruf als Keyboardverkäufer eingebracht. Ich habe dann auch noch viel in Bands gespielt und nebenbei angefangen, meine erste Pop-Platte zu machen.

Peter:
Das heißt du bist weniger „live“ aufgetreten, sondern hast angefangen, eine eigene Platte zu produzieren?

Siggi:
Ganz genau. In dieser Zeit waren bei Ulm die ganzen Amerikaner stationiert und in den Kasernen gab es ein paar farbige Musiker, mit denen ich mich angefreundet habe und mit denen ich musiziert habe.

Peter:
Gab es ein Studio in der amerikanischen Kaserne?

Siggi:
Nein, leider nicht. Da ich die Geräte mir ja über die Nacht ausleihen konnte, habe ich im Keller meiner damaligen Wohnung in Neu-Ulm ein kleines „temporäres“ Studio eingerichtet und nach und nach Sachen dazu gekauft, das war Mitte der 80er. Wir hatten damals eine Formation mit drei Leuten, Dante Thompson am Bass, Michael Bierler am Schlagzeug und ich am Keyboard.

Siggi Müller (r) mit der Formation TBM

Peter:
Wie hieß die Formation?

Siggi:
TBM, Thompson – Bierler – Mueller. Müller mit ue, da die Amis keine Umlaute kennen. So kreativ waren wir damals! (lacht)
Wir waren richtig erfolgreich mit unserer Soul Musik im Milli Vanilli Style. Dante, ein gut aussehender Farbiger, war unser Sänger. Vom Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart gab es eine Hitliste mit den meist gespielten Songs und da waren wir ganz vorne dabei.

Dante Tompson von TBM

Peter:
Habt Ihr euren Song an den Sender geschickt oder gab es eine Platte?

Siggi:
Es gab eine Platte, die in Berlin aufgenommen wurde. Eines Tages traf ich in einem Café in Neu-Ulm den Besitzer mit viel Geld. Wir hatten damals einen kleinen Hit auf Kassette „Rock my world“, der gefiel den Leuten und lief in dem Café rauf und runter. Da meinte er, lass uns doch eine Plattenfirma gründen und in Berlin das Ganze in einem Studio richtig „ausproduzieren“. Wir haben dann das Label „No-Go-Records“ gegründet und die Single in Berlin aufgenommen. Ich habe mir das genau angesehen, wie die das im Studio so gemacht haben und dachte mir, das kann ich zukünftig auch selber machen. Was ich dann auch in meinem kleinen Kellerstudio tat.

Peter:
Aus was bestand denn dein Studio? Welches Aufnahmegerät hattest du?

Siggi:
Ein Kassettenteil mit acht Spuren, ich glaube es war von Tascam. Damals war ich ein großer Fan von Teddy Riley und den beiden Produzenten von Janet Jackson, Jimmy Jam und Terry Lewis, die haben einen Sound gemacht, der mir wahnsinnig gut gefallen hat.

Peter:
Das hast du alles mit deinem 8-Spur Kassettenteil gemacht? Welche Synthesizer hast du benutzt?

Siggi:
Alles mögliche, was in dem Laden, wo ich arbeitete, gerade verfügbar war, aber vor allem produzierte ich mit dem Casio FZ 1, einem Rackmodul von Roland U-110 und einem Korg Poly-61. Der FZ 1, das war zu der Zeit der erste 16-Bit Sampler.

Peter:
Alles ohne Computer? Hast du noch keinen Atari drangehängt?

Siggi:
Doch, das hat dann damals langsam angefangen mit dem Atari.

Peter:
Wie hast du die Plattenaufnahme dann gemacht? Wie hast du das gemastert? Mit einem Kassettenrecorder?

Siggi:
Ja, genau, um es dann im Café vorher auch zu testen!

Peter:
Und mit der Kassette bist du dann zur Plattenfirma gegangen und hast gesagt „Macht mal ne Pressung draus!“?

Ein spielbereiter Moog Voyager XL

Siggi:
Ja, das habe ich gemacht. Damals gab es auch die ersten CD-Brenngeräte. Ich habe das Ganze gebrannt und das war quasi mein Master. Die Plattenfirma hat dann aber noch Geld in die Hand genommen und es in ein Mastering-Studio gegeben. Da haben die alles noch ein bisschen aufgeblasen.

Peter:
Wurde davon eine Platte oder eine CD gemacht?

Siggi:
Eine CD! Es gab auch noch ein paar Platten, aber das war genau die Zeit des Wechsels von Platte zu CD. Viele wollten nach wie vor die Platte haben, aber wir haben hauptsächlich CDs produziert.

Peter:
Die habt ihr dann an die Plattenfirmen und Radiostationen geschickt?

Siggi:
Ganz genau! Dann passierte es, dass uns jemand in Stuttgart gehört hat und meinte: „Hey, das ist amtliches Zeug!“ Die Radiostation hat das dann gespielt und wir waren ganz vorne in deren Charts.

Peter:
Die CD hast du noch? Die musst du mir unbedingt vorspielen!

Siggi:
Klar, ich gebe dir später eine mit. Das lief richtig super für uns.

Peter:
Wer hat gesungen?

Siggi:
Der Dante war an den Leadvocals und der Michael hatte die ganzen Backingvocals eingesungen. Ich weiß noch, dass wir damals auch so ne Radio-Tour mitgemacht haben mit zusätzlichen Tänzern. Wir haben damals einige Scheiben verkauft.

Peter:
Also konntet ihr etwas Geld damit verdienen?

Siggi:
Ja, das lief ganz gut! Reich sind wir nicht geworden, aber ich konnte mir davon ein paar neue Geräte für mein Studio kaufen.

Peter:
Und alle hast du in deinen Keller gestellt?

Siggi:
Ja, ich habe alles in meinen Keller gestellt. Irgendwann bin ich dann nach München gekommen, weil jemand in München die Platte gehört hat. Es war ein Studiobesitzer in der Leopoldstraße.

Siggi entspannt im Nebenstudio am Elka Synthex

Peter:
Wie hieß das Studio noch mal?

Siggi:
Mediapool, aber das gibt es nicht mehr. Der damalige Studiobesitzer hat das Studio verkauft und ist dann nach London gegangen. Heute entsteht dort, so weit ich weiß, die Musik u.a. zur ARD Serie „Sturm der Liebe“.

Peter:
Der hatte bei dir angerufen?

Siggi:
Genau, er hat die Platte gehört und gefragt, wer die gemacht hat. Er hat dann diesen Typen von No-go Records angerufen und der meinte: „Das hat alles der Siggi gemacht.“ Er stand voll auf diese „schwarze“ Musik und hatte damals die ganzen Kontakte zu den Plattenfirmen.

Peter:
Wie alt warst du da?

Siggi:
So 25-26 Jahre alt.

Siggi ist auch ein Freund der Roland Boutiques

Peter:
Du bist dann erst mal zu nem Gespräch nach München gefahren?

Siggi:
Ja, ich bin zu nem Gespräch nach München gefahren. Das war so absurd! Da gab es damals einen Typen, der war der auch Produzent von Terence Trent d’Arby. Das war so ein durchgeknallter Typ. Ich bin dann zu ihm in das Rainbow Studio gefahren, das gibt es heute auch nicht mehr.

Peter:
Das kenne ich noch!

Siggi:
Der damalige Studiobesitzer von Mediapool hat mir gesagt: „Fahr da mal hin und stell dich vor, die produzieren da gerade ne neue Nummer im orientalischen Style.“ Also bin ich dort hingefahren und als ich in das Studio kam, sind mir schon die Marihuana-Wolken entgegengekommen. Das saß ein langhaariger Typ an nem Atari Computer und hat sich einen Joint nach dem anderen gerollt. Ich dachte mir, was geht denn hier ab? Dann saß da noch ein Tonmeister an nem riesigen Mischpult., auch mit so langen Haaren. Voll hippiemässig. Irgendwo im Hintergrund habe ich noch ein Schlagzeug gehört. Da spielte einer ziemlich schlecht Schlagzeug, das war dann dieser Typ. Ich dachte mir, die spinnen doch alle hier, alles voll mit Marihuana-Nebel, ist das quasi das Künstlerleben?

Peter:
Das war dann dein Vorstellungsgespräch?

Siggi:
Ja, das war mein Vorstellungsgespräch. Ich bin extra 1,5 Stunden mit meinem Passat von Neu-Ulm nach München dafür gefahren. Dieser „durchgeknallte“ Produzent meinte dann: „Ach, wer bist denn du?“ „Ich bin der Siggi und wollte nur mal schauen.“ Dann ging das irgendwie weiter und ich habe denen bei der Aufnahme zugeschaut. Es stand ein riesiger Gong in dem Aufnahmestudio und er meinte: „Ich will den Gong lauter hören!“ Aber der war ja schon so laut, die waren alle völlig gaga dort, vollkommen unter Drogen. Dann ging es weiter: „Jetzt rufen wir den Schneeberger an!“ Der Schneeberger war zu der Zeit der Kokslieferant für die Münchner Schickeria, habe ich mir sagen lassen. Dann kam dieser Schneeberger tatsächlich und hat seine Lieferung gebracht. Der Produzent hat sich eine riesige Line gelegt und sein Kollege am Mischpult meinte: „Du…, wenn du dir das jetzt reinziehst, ich hole dich nicht raus aus dem Schlamassel und besorg keinen Krankenwagen, ich habe damit nix zu tun.“ Daraufhin war er ganz brav und meinte plötzlich: „Wir brauchen unbedingt ein paar Nutten!“ Dann hat er Nutten bestellt, die aber dann sofort abgezogen sind, nachdem sie die ganzen Drogen sahen. Für mich war das eine Welt, so etwas habe ich noch nie erlebt. Raus aus Neu-Ulm und rein in dieses komische München. Um halb vier in der Nacht bin ich zurückgefahren und habe mich gefragt: „Was war das jetzt?“. Das war alles einfach nur noch durchgeknallt!

Peter:
Danach hast du beschlossen, die Zelte abzubrechen?

Siggi:
Der Studiobesitzer hat am nächsten Tag angerufen und gelacht: „Das war schon ne wirre Geschichte gestern, gell?“ „Ja, das kann man wohl sagen!“ „Du, ich hätte ein paar Jobs für dich. Hättest du Lust, die zu machen?“

Peter:
Hast du dann gleich mit dem Gedanken gespielt umzuziehen?

Siggi:
Am Anfang bin ich gependelt, dann wo ich größere Filmjobs hatte, bin ich nach München gezogen.

Peter:
Was waren deine ersten größeren Jobs?

Siggi:
So 1990 habe ich angefangen, bei ihm Werbejobs zu machen. Ich hatte aber schon ein paar Jahre vorher für Radiosender Jingles und Werbungen gemacht, also ungefähr vor 30 Jahren.

Voll integriert bei Siggi, der Novation Peak

Peter:
Warst du da mit deiner Band noch unterwegs?

Siggi:
Nein, wir waren nicht mehr zusammen, wir hatten uns getrennt. Am Anfang habe ich viel für die Agentur Heye in München, die McDonalds, Disney und Mercedes als Kunden hatten, gemacht. Ich habe in dieser Zeit wahnsinnig viele Werbefilme gemacht. In München habe ich mir einen guten Ruf als Soundprogrammierer und Keyboardtechniker erarbeitet. Ich habe damals zusammen mit der Agentur Grey eine Werbung gemacht, an die du dich bestimmt noch erinnern kannst. Fairy Ultra, mit Villa Riba und Villa Bacho. Die einen spülen mit Fairy Ultra, die anderen mit einem herkömmlichen Spülmittel. Diese Werbung gab es eine Zeit lang auch in Österreich. Das gleiche Prinzip, nur mit Altkirch und Neukirch. Neukirch hatte natürlich Fairy Ultra, Altkirch das normale Spülmittel. Dieser Film wurde in zwei Dörfern mit verschieden Blaskapellen gedreht. Dann war der Film fertig und kurz vor der Veröffentlichung fiel ihnen auf, wir haben ja gar keine Rechte für diese Musik. Der Regisseur hat den Film einfach gedreht und sich gar nicht um die Rechte für die Musik gekümmert. Er kam dann zu mir: „Siggi, du musst uns unbedingt retten!“ Ich war damals durch den Casio FZ1, wo ich alle möglichen Sample-Techniken trainiert hatte, quasi ein Meister am Sampler, ich kannte jede Funktion. Bei dieser Werbung habe ich mit mehreren S1000 gearbeitet, das war Anfang der 90er.

Peter:
Hast du die ganzen Bläsersätze gesampelt?

Siggi:
Ich hatte dafür 48 Stunden Zeit, die hatten nämlich schon die ganzen Mediazeiten gebucht. Sie waren total panisch und meinten: „Egal was es kostet, bitte rette uns!“ Ich habe mir dann die Aufnahmen angesehen und musste mich an den Bewegungen der musikalischen Darsteller orientieren. In Neu-Kirch wirkten alle fitter und schneller, in Altkirch langsamer. Ich weiß noch, ich bin die ganze Nacht im Studio gesessen, völlig zugedröhnt mit Kokain.

DenTeil 2 unseres Interviews mit Siggi Müller findet Ihr HIER.

Dank viel Platz im Studio, leichter Zugang zu den Anschlüssen.

Forum
      • Profilbild
        Coin  AHU

        Dieses Thema rundet die ganze Geschichte nur noch ab.
        Das ganze Interview liest sich super, so ehrlich und ungezwungen.
        Siggi kommt sehr sympathisch rüber.
        Man hat das Gefühl alles zu erfahren.
        Und das wollen Fans doch : )
        Mich hat er jedenfalls als Fan gewonnen.
        Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg!

  1. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU

    Klasse Interview :-).
    Wäre sicher auch als Buch ein Hit!
    Kommt echt sympathisch rüber…freu mich gleich den 2.Teil zu lesen

  2. Profilbild
    efsieben

    Soeben entdeckt und mit Freude gelesen! Gleich beim Namen habe ich gedacht den kennste doch irgendwoher und ja klar der war ja bei T.B.M. dabei die mit dem Andy zu tun hatten. Dem hatte ich schließlich so einige Tips gegeben was es mit Label und Verlag so auf sich hat.
    Ja und mit Dante, Andy Sammy und Anderen die sich im Cafe D’art rumgetrieben haben war man auch so einige Male in Ulm unterwegs, wenn man mal wieder die alte Heimat besuchte.

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