Interview: Siggi Müller, Synth-Enthusiast und Score-Profi, Teil 2

1. Juli 2018

Pop, Koks und Besinnung

Siggi in seinem Studio in den 90ern

Wir trafen Siggi Müller privat zu Hause, wo er im ausgebauten Tiefgeschoss seines Hauses, umgeben von Dutzenden Synthesizern, Filmmusik für TV und Kino komponiert. In Teil 1 unseres Gesprächs hat uns Siggi ausgiebig von seinen ersten erfolgreichen Schritten in der 80er Pop-Szene erzählt – hier knüpft nun der zweite Teil an, da in der Pop-Szene jener Tage Koks nicht nur von Falco besungen, sondern auch wirklich in Mengen konsumiert wurde.

Peter:
Waren die Drogen in der Szene damals normal?

Siggi:
Der Studiobesitzer war ja auch so, der hat gekifft und gekokst. Koks war damals ganz normal, da hat kein Hahn nach gekräht. Das waren die 80er.

Peter:
Die Münchner Schickeria!

Siggi:
Die 80er waren die Zeit von Kokain. Ich bin immer in die Reitschule mitgegangen zum Essen, um meistens neue gut aussehende Mädels kennenzulernen, die von den Plattenfirmen angeschleppt wurden. Damals war es ja üblich, die vorne auf die Bühne hinzustellen und der Rest kam ja von Studiosänger-innen eingesungen vom Band. Also, gekokst wurde dort immer auf dem Klo. Ich habe dann die Werbung neu vertont, komplett mit Blasersätzen aus dem AKAI S1000. Ich habe Stunden damit verbracht, Aufnahmen zu sampeln und neu zusammenzuschneiden. Ich muss mal schauen, ob ich da noch irgendwo eine Aufnahme habe. Keiner hat es gemerkt, dass das am Ende keine richtige Blasmusik war. Ich erinnere mich, dass ich danach damals als „Samplekönig“ bezeichnet wurde. Das klappte wahrscheinlich auch deshalb so gut, da mir Volksmusik nicht fremd war.

Peter:
Und natürlich die passende Technik.

Siggi:
Ja genau, das Musische mit der Technik zu verknüpfen, denn die 80er waren diese glückliche Zeit, wo genau der Wechsel zwischen Technik einsetzten und Musik machen stattfand. Das ging Hand in Hand. Ich habe damals auf jeden Fall richtig gutes Geld verdient.

Peter:
Du hast dann Werbefilme gemacht?

Siggi:
Ja, du weißt, damals haben die noch viel Geld für Werbung ausgegeben.

Peter:
GEMA gab es auch dafür?

Siggi:
Ja, da gab es auch GEMA dafür.

Siggis Studio heute

Peter:
Aber du kamst ja von dieser Bandgeschichte, Werbung heißt natürlich Geld zu verdienen, aber hast du nicht gedacht: „Ich und meine Musik, ich muss da noch nen Charterfolg machen?“

Siggi:
Nein, gar nicht, ich habe damals gemerkt, dass es mir richtig Spaß macht, Musik zu bewegten Bildern zu schreiben.

Peter:
Also du hattest gar nicht mehr den Wunsch, einen Top-Pop-Song und Charterfolg zu machen?

Siggi:
Nein, überhaupt nicht. Weißt du, das war damals die Zeit, als ich guten Kontakt zu diesen ganzen Plattenfirmen hatte. Ich habe dann auch noch Sommerplatten gemacht, mit diesen ganzen südamerikanischen Traditionals, Copacabana usw.

Siggi live 1982 mit Elka Orgel, Micromoog, Elektro Harmonix EH-400

Peter:
Damals wollte ja jeder so was machen.

Siggi:
Genau, das war alles mit dem neuen „Uz-Uz-Uz“-Style unterlegt. Nicht mehr handgemacht, sondern wie es halt damals so war, mit den fetten Beats unterlegt, so in Richtung House. Die Platten waren richtig erfolgreich, wurde auch rauf und runter gespielt, aber es gab hier kaum GEMA, weil es ja keine Eigenkompositionen waren, das war mehr so ein Remix. Ich habe ja alles gemacht. (lacht)

Peter:
Du hast dann gar nicht mehr gedacht, ich bin der Siggi Müller, gründe eine Band und will mit denen in die Charts?

Siggi:
Das war ja gar nicht mein Interesse. Ich war immer irgendwie ein Produzententyp. Wenn ich mir Platten angehört habe, habe ich mich immer gefragt, wie hat der das hinbekommen? Das war auch damals die Zeit von Trevor Horn. Ich habe mir immer gedacht, um Gottes willen, wie hat der bloß diesen Sound gemacht, der Hammer. Aber ich wusste natürlich, der hat nen Synclavier und nen Fairlight, alles für mich nicht erreichbar. Ich fragte mich immer, wie geht so was?

Peter:
Das Studio in München damals, hattest du dir da eine Wohnung gesucht, wo du dir ein Studio einrichten konntest?

Siggi:
Ich war immer im Mediapool Studio.

Peter:
Und da gab es keinen Fairlight oder ähnliches?

Siggi:
Da gab es kein Synclavier, keinen Fairlight. Aber eben ein paar S1000 waren da, 1 MB Speichererweiterung für die hat damals über 2000 DM gekostet.

Siggi Anfang 90er als Endorser von Emagic zwischen Gerhard Lengeling (links) & Chris Adam (rechts)

Peter:
Ich weiß noch, 4 MB Erweiterung für den Emulator III kosteten 4.000 DM!

Siggi:
Viel später bin ich dann zu E-MU gegangen, also von AKAI weg, da ich die viel besser vom Sound fand. Die Filter waren auch viel besser, beim AKAI hattest du immer diese Key-Klick-Geräusche, wenn du die Taste losgelassen hast.

Ich bin dann damals immer für zwei Tage von Ulm nach München gefahren und habe im Studio übernachtet. Was mich immer gereizt hat, da ich nie so der Bühnentyp war, war das Produzieren im Studio. Ich stand zwar vorher mit meiner Formation auf der Bühne und hatte auch nie ein großes Problem damit, aber das war einfach nicht so interessant für mich. Technik, neuer Sound, Produzieren, das hat mir einfach immer mehr Spaß gemacht. Und was mir am Ende des Tages am meisten Spaß gemacht hat, war dramaturgische Musik zu bewegten Bildern zu machen.

Forum
      • Profilbild
        lena  

        Daumen nach oben!!!! (Ich hätte es vielleicht nicht ganz so krass ausgedrückt, aber mit der PC wird es schon oft sehr übertrieben)

      • Profilbild
        TobyB  RED

        Hallo Tom,

        für sowas bin ich zu alt :-D Ich kenn hier drei Orte weiter ein Tonstudio, welches von einer „FKK World“ eingerahmt ist.

  1. Profilbild
    Trance-Ference  

    Ich stimme meinen Vorrednern zu, ein tolles Interview was sich spannend liest…besonders wie das so in den 80ern war.
    Die Synthsammlung von Siggi ist schon enorm. Da kann man glatt neidisch werden :-D

  2. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Danke für das sehr sympathische Interview!! Das Lesen hat viel Spass gemacht.
    Sigi Müller’s Antworten erinnern mich mal wieder daran, warum ich trotz Erfolgs die professionelle Filmmusikproduktion in den 90gern an den Nagel gehängt habe.
    Den leider unlängst verstorbenen Rainer Boldt kannte ich auch, das war Einer von den Guten.

  3. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU 2

    Jupp, der 2. Teil gefällt mir auch sehr gut.
    Hoffe er hat bald Zeit für eine weitere Fortsetzung.
    Würde bestimmt gut ankommen ;-)

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