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Test: Doepfer, Dark Time, Hardware Step-Sequencer

10. September 2011

1A Hardware-Sequenzer

Stand der Dinge bei der modernen Musikproduktion sind heute High-Tech Mehrprozessor-Minilaptops mit hochkomplexen DAWs, unendlicher Spurenanzahl, Bearbeitungsmöglichkeiten, Automation, digitalen Instrumenten und Effekten inklusive Echtzeitmanipulation über programmierbare Controller.

In diesem Umfeld betritt die Firma Doepfer aus Gräfelfing bei München – bekannt insbesondere durch ihr umfangreiches Modularsystem und diverse Synchronisationsgeräte – mit ihrem neuesten Produkt die Bühne: dem Dark Time, einem monophonen Hardware Step-Sequencer, der bis zu 16 Töne hintereinander abspielt – und anschließend wieder von vorne anfängt. Das alles einstellbar über Schalter und Drehknöpfe. Noch Fragen?

Geschichtliches

In der Urzeit der elektronischen Klangerzeugung per Synthesizer, also den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, waren softwaregestützte Komposition und Musikaufzeichnung noch pure Science Fiction. Man suchte zunächst nach Möglichkeiten, die damals in der Entwicklung begriffenen frühen Synthesizer, noch größtenteils in der Form großer Modularsysteme, Töne jenseits des flüchtigen Keyboardspiels beizubringen. Man baute mittels vorhandener Komponenten daher kleine Geräte, mit denen sich kurze Klangfolgen (Sequenzen) mittels Knöpfen und Schaltern erstellen ließen, diese manipulierbar machten und über Steuerspannungen einen Synthesizer zur Tonerzeugung anregen konnten. Jenseits der hergebrachten Struktur traditioneller Instrumente entstand Musik, wie man sie zuvor noch nicht nur gehört hatte, und zwar nicht nur in der Klangfarbe des Synthesizers, sondern eben auch in neuer Form, der Sequenz.

Die EMS-Linie im Song „On The Run“ auf Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“ Album ist ein bekanntes Beispiel. Stilbildend war der Sequencer dann auch für wichtige Elemente späterer elektronischer Musikrichtungen wie insbesondere Techno und Trance, die auf den exakten, hypnotischen, repetitiven Klangfolgen regelrecht aufbauen.

Der Ansatzpunkt von Doepfer für den Dark Time ist es nun, dem Musikschaffenden die Möglichkeit zu geben, durch direkten Echtzeiteingriff und die besondere Form des Step-Sequencers abseits bekannter musikalischer Pfade Neues entstehen zu lassen, die kreative Live-Improvisation zu fördern und über die Einbeziehung diverser Schnittstellen die einfache und direkte Verbindung zum restlichen Equipment herzustellen.

Mal schauen, ob das gelungen ist.

Übersicht Doepfer Dark Time

Nach dem Auspacken kommt ein sehr kompakt wirkende Gerät zutage, das deutlich kleiner ist, als man es von Bildern und Videos erwarten würde. Auf nahezu jedem Flecken der Oberfläche finden sich Regler und Knöpfe. Das schwarzlackierte Metallgehäuse mit braunen Holzseitenteilen und silberbekappten Composite-Knöpfen erinnert ein wenig an Moog. Es macht einen sehr soliden Eindruck, lediglich für die Unterseite wären Antirutschbeläge aus Gummi etc. wünschenswert, weil das Gerät sonst einfach nur auf den Seitenteilen steht, die kaum Halt bieten.

Der Dark Time verfügt über jede Menge Anschlüsse: USB, MIDI I/O, CV 1/2 I/O, Gate 1/2 I/O sowie Clock I/O, Reset I/O, Start/Stop I/O.

Im Lieferumfang befinden sich auch ein USB-Kabel, vier Miniklinkenkabel (laut Bedienungsanleitung sollen es nur zwei sein), ein Steckernetzteil sowie besagte Anleitung (welche aufgrund der zahlreichen kleineren Schreibfehler einen ganz eigenen Charme besitzt).

Funktion

So ganz „Plug and Play“ ist der Dark Time nicht, man sollte sich definitiv die Zeit nehmen, die Gebrauchsanweisung möglichst vollständig zu studieren, um sämtliche Möglichkeiten auszuschöpfen. Ohne sie nachzuerzählen, hier eine Übersicht über die wichtigsten Funktionen:

Es gibt zwei Reihen von jeweils 8 Knöpfen und zugehörigen Schaltern, die die 16 maximal möglichen Schritte einer Sequenz darstellen. Die Knöpfe sind für die Tonhöhe da, die Schalter ermöglichen das Ein/Ausschalten oder Überspringen eines Steps sowie das Anhalten- oder Weiterlaufenlassen der Sequenz an dieser Stelle.

Für beide Reihen lässt sich die Tonhöhe einzeln jeweils um eine Oktave rauf-, runter- oder gar nicht transponieren. Über den „Range“-Regler kann der Tonumfang der Drehregler auf eine, zwei oder fünf Oktaven eingestellt werden, die mit den CV-Spannungen 1V, 2V und 5V korrespondieren. Die Tonhöhe ist weiter mittels „Quantize“ bei „On“ auf Halbtonschritte skalierbar oder bei „Off“ praktisch stufenlos (in 1024 Schritten) zu regeln und wirkt sich auf CV, nicht jedoch MIDI aus.

Mittels der „Direction“-Schalter kann man die Laufrichtung der beiden Reihen einzeln einstellen und bei Bedarf auch jeweils eine Zufallsabfolge wählen.

„Link“ erlaubt die Betriebsmodi „1-16“ (die 16 Schritte erfolgen seriell), „1-8 Combi“ (nur die Steps 1-8 spielen und 9-16 steuern die Tonlänge der darüber liegenden Schritte) sowie „2x(1-8)“ (beide Reihen spielen parallel, also 2-stimmig).

„Start“/„Stop“ erklären sich von selbst, mit „Reset“ lässt sich der Startpunkt an den Anfang zurückversetzen.

Der Dark Time kann neben der internen Clock auch extern über MIDI, USB oder Click synchronisiert werden, wobei für die externen Varianten diverse Teiler wählbar sind. Mittels über den MIDI-Eingang zugespielter Note-On Befehle (Tastentöne) lassen sich die Sequenzen sogar in Echtzeit transponieren. Der Dark Time dient zudem bei Bedarf auch als einfaches MIDI-Clock-to-Sync-Interface.

Schließlich gibt es je einen Regler für Geschwindigkeit („Clock“) und Notenlänge („Pulsewidth“), die über den „Function“-Taster auch für den Teiler und zur Einstellung eines Shuffles verwendet werden.

Rote Leuchtdioden zeigen den aktuellen Schritt in der Sequenz sowie den Puls der Clock an. Auf Wunsch kann man das Gerät auch mit blauen und weißen LEDs bekommen, gegen einen Aufschlag von 25 Euro. Preisdifferenzierung nennt man das in der BWL.

Praxis

Kommen wir nun zu praktischen Anwendung:

Wer, wie der Autor dieses Testberichts, mit Noten groß geworden und die Einteilung der Skala in die zwölf Grundtöne pro Oktave gewohnt ist, wird angesichts der zehnstufigen Beschriftung zunächst etwas verwirrt sein. Das gibt sich aber schnell.

Weil für jede wichtige Funktion ein eigener Knopf oder Schalter vorhanden ist, kann man – einige Übung vorausgesetzt – viel schneller und direkter als mit jedem Computerprogramm (nämlich tatsächlich an mehreren Stellen gleichzeitig in Echtzeit) die Sequenz nach Lust und Laune manipulieren, Melodien nach Belieben auf- und abwallen lassen, unterbrechen, umkehren, umlenken und im ungebremsten, organischen Fluss auf die Töne einwirken. Das bietet in dieser Form keine Softwarelösung, auch nicht mit Controller.

Vertracktere, komplexe Anordnungen, 32tel, Flams, Triplets oder ähnliches, die man selbst von TR-808 und Nachfolgern gewohnt ist, sind aber systembedingt nicht drin, geschweige denn längere programmierbare Sequenzen als die 16 Schritte. Da ist die Vorgabe schon klar: Beschränkung auf das Wesentliche.

Eine interessante Möglichkeit ist die Steuerung anderer Parameter über CV. Hier wird der Dark Time zur rhythmischen Beeinflussung des Sweep-Parameters eines Moog Phasers verwendet:

Ebenfalls unter Einsatz des 2*(1-8) Modus ist diese Sequenz entstanden, wo die zweite Reihe des Sequencers die Cutoff-Frequenz des Filters manipuliert:

Interessante, ständig wechselnde Kombinationen ergeben sich auch beim polyphonen Einsatz (Chroma Polaris):

Intern synchronisiert läuft der Dark Time flüssig und verzögerungsfrei, bei der Synchronisierung via USB gab es dann aber einige Unregelmäßigkeiten, insbesondere im Random-Modus lief es teilweise nicht mehr synchron. Ein Totalabsturz ist in diesem Zusammenhang auch zu vermelden, da half nur Stromstecker und USB-Kabel rausziehen, einen An-/Ausknopf hat der Dark Time nämlich nicht.

Ein weiteres Problem war die Tatsache, dass die Gate-Spannung fix auf 5V eingestellt ist, diverse ältere Synthesizer brauchen hier aber mehr. Für den in den Klangbeispielen teilweise verwendeten SH-2 half dann eine zugeschaltete Batterie aus (positive Spannungen addieren sich), natürlich ist das aber keine vernünftige (Dauer-)Lösung.

Bei eingestellter Quantisierung ändert sich die Tonhöhe ab und zu, vermutlich weil der Regler zu nah am „Umbruchpunkt“ der Rasterung steht. Hier wäre eine Art eingebaute Toleranz bei eingestellten Tönen sinnvoll, d.h. ein Tonhöhensprung würde erst bei einer größeren Änderung erfolgen, um unbeabsichtigte Transposition zu vermeiden.

Die Firmware ist übrigens mittels USB aktualisierbar, so dass man in Zukunft Fehlerbehebung und Funktionserweiterungen erwarten kann.

Fazit

Der Dark Time ermöglicht spielerisch die Komposition abstrakter, repetitiver Musik jenseits konventioneller Denkwege. Der minimalistisch-reduktionistische Ansatz ist den üblichen Softwarelösungen bei der Komposition typischer Synthesizer-Sequenzen in Echtzeit mit Direktzugriff klar überlegen, und der Dark Time ist auch im Verbund mit diverser Hard- und Software, insbesondere unter Live-Bedingungen, sehr zu empfehlen. Einige Mängel bestehen momentan noch, man darf aber darauf hoffen, dass sie durch Software-Updates ausgeräumt werden.

Plus

  • intuitives Kompositionswerkzeug
  • diverse Anschluss- und Steuerungsmöglichkeiten
  • hohe Verarbeitungsqualität

Minus

  • noch mängelbehaftet
  • systembedingte Beschränkungen
  • fehlender An/Aus-Schalter

Preis

  • 459,- Euro (rote LEDs)
  • 475,- Euro (blaue und weiße LEDs)
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    mhagen1  

    Vielen Dank für den Testbericht! Ich verwende den Dark Time schon seit einigen Monaten. Die hier beschriebenen Bugs (z.B. die Tonsprünge bei Quantisierung) sind mittlerweile behoben. Updates und einen hervorragenden Support gibt es bei Doepfer: http://www.....index.html

    Der Dark Time ist für mich ein sehr intuitiv bedienbarer und kreativ einsetzbarer Sequencer mit sehr vielen nützlichen Schnittstellen, die es problemlos möglich machen, den Sequencer in eine DAW-Umgebung einzubinden. Oldschool meets the future!

    In Kombination mit dem Dark Energy oder anderen (halb)modularen Analogsynths (MFB, Vermona etc.) lassen sich tolle Sequenzen und Sounds erzeugen. Selbst Softsynths können über USB direkt mit dem Dark Time angesteuert werden. Genial!

  2. Profilbild
    c.hatvani  AHU

    Ich habe den DT bereits seit letzten Dezember und finde ihn sehr inspirierend. Die neueste Firmware ist allerdings Pflicht, denn seit Dezember hat sich die Software dermaßen weiterentwickelt, daß man schlicht ein anderes Gerät vor sich hat. Abstürze und das Synchron-Problem im Random-Betrieb sind mir auch bekannt, in der aktuellen Firmware jedoch schon lange behoben.

    Übrigens kann man mit dem A-165 Modul aus dem A-100 Modularsystem die unterschiedlichen Gate-Standards zum DT kompatibel machen. Für Moog-Synths mit S-Trigger braucht man ein Spezialkabel, das man von Doepfer auch bestellen kann.

  3. Avatar
    AMAZONA Archiv

    „Selbst Softsynths können über USB direkt mit dem Dark Time angesteuert werden. Genial! “

    Das kann mann eigentlich mit jedem sequenzer machen…

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    Demian

    Hallo.
    Gibt es die Scale-Funktion schon? Verstehe ich das richtig, dass man dann die Melodie Transponieren kann und sie bleibt der Tonart treu? Das wäre ein sehr interessantes Feature

  5. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    In dem Test habe ich Hinweise auf folgende Schwächen vermisst:

    16-Step-Mode + 1-Shot-Sequenz
    ————————————-
    Wenn im 16-Step-Mode (Link = 1-16) eine 1-Shot-Sequenz (1 Schalter der unteren Reihe auf Stop, alle anderen auf Continue) eingestellt wird, dann verhält sich der Dark Time wie folgt: obere Reihe (A) wird durchlaufen, Reihe B wird bis zum Stop-Step durchlaufen, und dann wird nochmal Reihe A einmal komplett durchlaufen! Erst dann wird die Sequenz gestoppt. Man erwartet hier, dass die Sequenz in Reihe B stoppt.

    Combi-Mode (Link = 1-8 Combi)
    ————————————
    Werden in der oberen Reihe zwei Steps auf Jump gesetzt (der Rest auf Continue), und in der unteren Reihe alle Steps auf Continue, dann spielt der Dark Time in Reihe B alle Steps ab. Jedoch verwendet er nicht alle Steps aus Reihe B um die Gate-Länge zu bestimmen. Stattdessen werden bei den Steps, die nicht durch die Jump-Schalter der Reihe A eingeschlossen sind, Noten ausgegeben! D.h. Reihe B gibt teilweise Noten aus, und teilweise bildet sie die Notenlängen.

    Die Probleme traten beim Anschluss eines Synths an die MIDI-Schnittstelle auf. Ich habe ein aktuelles Gerät beim Händler getestet.

    Laut Firma Doepfer sollen das keine Bugs sein, sondern technisch bedingte Eigenschaften. Mir fällt es schwer, das zu glauben.

    Jedenfalls kommt das Gerät so für mich nicht mehr in Frage.

  6. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Seitdem der MAQ16 nicht mehr gebaut wird, ist der Dark Time Doepfers einziger Stand-Alone-Step-Sequencer und steht da ziemlich ohne Konkurrenz. Andere dieser Art sind zwar noch vielseitiger, aber auch deutlich teurer. Der Urzwerg Pro von MFB ist ja nur noch gebraucht zu kriegen, wie auch der Step64, der aber in eine andere Richtung zielte. Dafür gibt es jede Menge Sequencer für’s Eurorack, von denen ich besonders den Analogue Solutions EKG Variant Sequencer erwähnen möchte. Hätte ich noch Platz, würde ich mir vielleicht noch einen Dark Time zulegen, denn Sequencer kann man ja nie zu viel haben…

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