Test: Marienberg Devices, Modular-Synthesizer

19. Dezember 2015

Modulares Schwergewicht aus Deutschland

Marienberg 6

Zur EInstimmung auf diesen test, empfehlen wir auch das INterview mit Steffen Marienberg, welches zeitlgleich zu diesem Test entstand. HIER KLICKEN.

Klarheit ist befohlen! So oder so ähnlich scheint es bei zwei Leuten aus Sachsen-Anhalt über dem Büro zu stehen. Wie sehr das der Tatsache entspricht, konnte ich in dem Moment noch nicht ahnen, als mir das MARIENBERG DEVICES BASIC-SYSTEM geliefert wurde, das derzeit beim Musikhaus Thomann für immerhin 3.556,- Euro zu Buche schlägt.

Bevor wir aber ins Detail gehen, generell gibt es keine fertig konfigurierten Systeme bei MARIENBERG. Die drei beim Musikhaus Thomann verfügbaren Systeme (Basic System, System Eins und System Zwei) wurden in Zusammenarbeit mit der Firma Thomann für diese angefertigt. Die Leergehäuse inkl. Netzteil und Verkabelung sowie alle Module auch einzeln sind ebenfalls bei Thomann gelistet.

Marienberg Basic System

Marienberg Basic-System

MARIENBERG DEVICES BASIC-SYSTEM

Nach dem Auspacken hatte ich ein Holzkabinett auf dem Tisch stehen, das das Gewicht erklärte: kein Sperrholz oder Plastik, sondern solides Holz und das nicht nur als Seitenteil. Gut, auch Spanplatten können schwer sein, doch hier war, und das zeigte die Verarbeitung des Holzes, ein Schreiner am Werk, der eine Vorliebe für richtiges Holz hat und dieses offensichtlich auch so verarbeitet, wie man das nur von handgefertigten Möbeln kennt. Zumindest das rechtfertigt etwas, was ich mehrfach über die Systeme gelesen hatte: handgefertigt bzw. Handarbeit.

Nun kennen wir ja das Standardmuster: Außen klasse, aber hinter der Frontplatte … Also auch wenn die Systeme nicht zum Transport einladen, mal sehen, ob das innen „roadtauglich“ ist oder nur locker bis zum Studio zusammen geleimt. Die Rückwand lässt sich mit ein paar Schrauben leicht lösen und siehe da, keine Überraschung. Im Gegenteil, es wäre schön, wenn die Bassboxen einiger Hersteller so solide verarbeitet wären. Daneben fällt gleich das nächste auf: ein solider Ringkerntrafo auf einer stabilen Aluplatte mit Klemmblöcken, die man von der Stabilität eher im Installationsbereich von elektrischen Maschinen erwartet. Keine freiliegenden Kabel, sondern alle an separaten Haltern fixiert. Und ein überdimensionaler (von mir falsch eingeschätzt, wie ich erfahren musste) Kühlkörper am Netzteil. Damit war die Frage nach dem Gewicht geklärt. Was mir als eigenartig auffiel, war dass im Basic System ein Platz nicht belegt war, aber auch dies konnte nach einem kurzen Telefongespräch geklärt werden. Der Platz ist z.B. für ein MIDI Modul oder für ein zweites EG reserviert.

Marienberg 2

Übrigens, hier einmal ein großes Kompliment. Wann immer ich bei Marienberg anrief, waren drei Dinge typisch: Erstens sind sie fast immer erreichbar, keine Mittagspausen oder Ähnliches, zweitens nehmen sie sich absolut viel Zeit und drittens keine Eierei, sondern klare Aussagen, auch wenn die Fragen Kritik beinhalten. So zum Beispiel die Frage zur Breite der Module, da diese nicht mit dem Moog / dot com kompatibel sind (etwas, das ich persönlich nicht toll finde), kam eine klare ehrliche Antwort: Wir haben das am Anfang nicht beachtet und dann war es zu spät. Wie gesagt, vielleicht nicht praktisch, aber sympathisch, ehrlich und mir zehnmal lieber als endlose Ausreden.

Nun hatte ich neben dem Netzteil zwei VCO A, ein VCO B, ein VCF, ein VCA, ein VC EG, ein S&H und einen Mixer vor mir. VCOs sind immer das Interessanteste, aber mich interessierte zunächst das Netzteil. Marienberg erklärt immer wieder, dass die Genauigkeit der Module davon abhängt, ihr Netzteil zu verwenden und dass dies die 15V auf 0,001V genau einhält, das interessierte mich als erstes. Also holte ich mein Multimeter und wollte messen, stellte aber fest, dass mein Messgerät nicht genau genug ist. Also eines von meinem Bekannten borgen und der kam als alter Keyboarder gleich mit, als er hörte, was ich den Rest des Tages vorhatte.

Marienberg 5

Das Messen war dann eine Kleinigkeit und zeigte tatsächlich Spannungen von 15,0008 bzw. -15,0003 V an. Nach einer kurzen Inspektion des Netzteils durch meinen Bekannten war klar, hier war nicht gespart worden, weder am Trafo, noch an den Kühlkörpern oder Kondensatoren. Alles sehr großzügig dimensioniert und, das fiel sofort auf, genauso solide verarbeitet wie das Holz des Gehäuses. Auch die eigenartige Spannung von 3,3 V erklärte man mir schnell: Da Marienberg generell digitale von analogen Spannungen trennt, übrigens auch die Massen werden separat erzeugt, und die 3,3 V sind Spannungen, die die Prozessoren in den MIDI-Modulen benötigen.

Dann endlich kam ich zum VCO. Was mir sofort angenehm auffiel, war wieder die Verarbeitung. Mein Bekannter mit dem Messgerät meinte nur, er wisse jetzt auch, warum das Material angeblich nicht ausfällt. Eine Lötstelle wie die andere, alle ICs gesockelt und keine freien Drähte, sogar die LEDs sitzen auf eigenen Platinen. Handwerklich, muss ich sagen, unschlagbar, wirklich, ein Modul sieht aus wie das andere und da ich bei den VCOs war, um es vorwegzunehmen, sie funktionieren auch so. Marienberg gibt die VCO-Abweichung als so gering an, dass FM ohne nachzujustieren möglich sein soll – und das angeblich über zehn Oktaven. Nach dem ersten Test konnte ich das nicht bestätigen, aber auch hier war ein kurzes Gespräch klärend, ich hatte im falschen Bereich justiert. Also neues Justieren und – ich hatte einen DX7 auf dem Tisch.

Von der hohen Glocke bis zum tiefen Gong. Es geht tatsächlich und es lebt. Sofort kam das Nächste, was interessierte. Die VCOs stellen alle Schwingungsformen simultan zur Verfügung und dazu noch Sägezahn, Dreieck und Rechteck eine Oktave höher also acht! Ausgänge parallel. Weg vom FM, mich interessierte die Stabilität. Also kam ein Stimmgerät dran und nach dem Kaffee wurde das System wieder eingeschaltet. Nach einer kurzen Zeit von zwei, drei Minuten waren die VCOs wieder stabil. Dann fiel mir die, sagen wir, etwas unverständliche Pulsbreite auf. Zwei Regler für Pulsbreitenmodulation? Also, wieder ein kurzer Anruf und eine kurze Skizze als Anhang auf meiner E-Mail (Bild) und es erklärte sich von selbst. Der Puls ließ sich zu einer Art Treppe und Rechteck stufenlos formen und separat modulieren.

Marienberg 4

Dass der Sync anders klingt als erwartet, hat laut Marienberg etwas mit dem Kern des VCO A zu tun, bei dem es sich um eine besondere Form eines sogenannten Dreieckkerns handelt. Anders sieht es bei VCO B aus, nur so viel Verarbeitung und Stimmstabilität genauso. Aber, drei wesentliche Unterschiede: Nur vier Ausgänge, zweitens ein „eingeschränkter“ Frequenzbereich gegenüber dem VCO A, der im Topoktavbereich linear bis 40 kHz läuft, läuft dieser nur bis 8 kHz im sogenannten VCO Modus. Hier ist schon der dritte Unterschied erkennbar: Der VCO B besitzt neben dem LFO-Modus einen Sub Modus, in dem die Frequenz bis zu 0,03 Hz herab geht, also ein VCO mit klassischen Funktionen und einem Sync, der so klingt wie ein Standard Sync., der aber zugleich ein VcLFO für Frequenzen von 0,03 Hz bis 8 kHz ist. Ich brauche nicht mehr. Schon mit zwei VCO A erzeugt das System einen Druck bis in den untersten Bereich meiner Subwoofer, was mir meine Nachbarn durch Klopfzeichen an der Wand bestätigten.

Als nächstes war das VCF dran. In den Unterlagen steht, es sei als reingestimmter Sinus VCO spielbar. Doch zunächst fällt mir etwas auf, was offensichtlich zum Standardkonzept bei Marienberg gehört: Alle Ausgänge, Hochpass, Tiefpass, Bandpass und ein sogenanntes asymmetrisches Notch stehen an separaten Ausgangsbuchsen zur Verfügung, genauso wie die Schwingungen im VCO. Für schnelles Umschalten nicht optimal, aber dafür extrem flexibel für getrennte Modulationen. Auch hier wurde ich eines Besseren belehrt, die Ausgänge sind über ein sogenanntes VC Lineselektor-Modul direkt oder spannungsgesteuert umschaltbar. Also ein V Tiefpass, zwei V Bandpass, drei V Hochpass und das Ganze vom LFO gesteuert – ich kann‘s kaum erwarten.

Doch zunächst zum Filter, besser zum Sinus, bei Eigenresonanz. Ganz kurz und knapp, ich hatte erwartet, dass es geht, aber dass der Sinus A so sauber ist und über den gesamten Frequenzbereich eine konstante Amplitude aufweist, hätte ich nicht erwartet. Der Sound ist präzise, sauber, aber trotzdem warm und völlig frei von Färbungen.

Nun interessiert mich aber der Klang des Filters, denn es handelt sich nur um ein 12 dB Filter. Ich lasse das Filter im Tiefpassmodus laufen, ohne Resonanz, und regle ganz einfach den Cut Off auf. Und: Ich schalte sofort den VCO ab und schließe meinen CD-Player an. Ich habe ein Filter vor mir, das ich gerne in meinem Pult pro Kanal hätte. Es färbt nicht, es klingt nicht, es tut nur das, was es soll: Es filtert – und das selbst bei extremen Einstellungen, ohne die Musik zu zerstören oder auszudünnen.

Also, zurück zum VCO Sägezahn als Signalquelle und die Resonanz allmählich erhöht. Schon im ersten Bereich geschieht etwas. Bei vielen Filtern ist das, was hier geschieht, nur in einem geringen Bereich einstellbar, hier kann man ganz entspannt den ganzen Regelbereich benutzen. Und es fällt noch etwas auf: Selbst bei hohen Resonanzwerten bleibt der Sound unverändert druckvoll im Bass, ohne seine Klarheit zu verlieren. Das  i-Tüpfelchen ist die Möglichkeit, diesen Parameter ebenfalls per Spannung zu steuern, z.B. über Velocity, z.B. harter Anschlag, hohe Resonanz, geringer Anschlag, keine Resonanz. Noch interessanter, geradezu spektakulär, um das vorwegzunehmen, ist die Verbindung mit einem der Gate-Ausgänge des VCEG. Ich weiß jetzt aber schon eines, das Filter wird eines meiner Lieblingsmodule.

Marienberg 1

Nun zu etwas, das ich so noch nirgends gesehen habe, ein sogenanntes asymmetrisches, spannungsgesteuertes Notch. Es ist ein Notch, dessen Höhen- und Bassbereich wie auf einer Art Wippe liegen. Mittels einer Steuerspannung lassen sich beide Bereiche verschieben. Macht man das mit zwei Filtern über einem LFO spiegelbildlich, so entstehen extreme Stereo-Panningeffekte. In Verbindung mit einer Modulation der Cut Offs sind das Soundveränderungen, die ich so tatsächlich noch nicht gehört habe. Und eines noch, die 12 dB klingen alles andere als dünn. Mich hat das VCF eher an ein 24 dB Filter erinnert, das dem Sound in keinem Bereich etwas an Druck und Klarheit wegnimmt.

Das nächste Modul ist der VCA. Zunächst nichts Spektakuläres. Lin und log Eingang für die Steuerspannungen und, was schön ist, ein umschaltbarer Eingang, leider nicht spannungsgesteuert – ich war stolz auf die Idee, bis ich das Foto vom Prototyp des VCA B sah. Da war er natürlich spannungsgesteuert. Aber den hatte ich ja nicht, noch nicht.

Sehr interessant ist der Frequenzbereich, der VCA arbeitet auch im Gleichspannungsbereich, womit ich ihn als spannungsgesteuerten Abschwächer, z.B. hinter den LFOs, verwenden kann. Klanglich gibt es nichts zu sagen, er hat, wie schon die anderen Module, keinen Eigencharakter. Signale klingen unverändert klar und sauber und aufgrund der Verwendbarkeit als Steuerspannungsabschwächer beeinflusst er in keiner Weise die Bässe.

Genauso verhält es sich beim nächsten Modul, dem Mixer. Auch er eignet sich sowohl für Audiosignale als auch für Steuerspannungen. Alle Eingänge, sowohl die zwei fixen als auch die drei variablen, sind mit einer max. Verstärkung von eins ausgelegt, was jedoch auf Kundenwunsch bei der Herstellung geändert werden kann. Möchte der Nutzer eine Verdopplung des Pegels haben, z.B. für Feedbacks zur Phasendeformation in den LFOs, so ist das Signal nur an zwei der Eingänge simultan anzulegen und schon ist der Pegel exakt doppelt so hoch. Die Genauigkeit, sowohl des Mixers als auch des VCAs, ist dabei so hoch, dass sie auch vor den VCO geschaltet werden können.

Apropos Genauigkeit, sowohl das VCF als auch der VCA besitzen Temperaturstabilisierungen, welche die kritischen Bauelemente auf konstanten Temperaturen halten. Diese Regelung ist auch in den nächsten beiden Modulen enthalten, im S&H und im EG. Der Test mit dem offenen Fenster hat dies bestätigt. Der S&H hat an und für sich nichts Ungewöhnliches, bis auf den Umstand, dass er bis 500 Hz tatsächlich reingestimmt als Bass VCO spielbar ist. Sein interner Generator ist abschaltbar und damit extern triggerbar, der interne Generator ist dabei in zwei Frequenzbereiche umschaltbar, was die Einstellung erheblich verbessert: 0,05 Hz – 50 Hz und 0,5 Hz – 500Hz. Sehr hilfreich ist auch der integrierte Abschwächer für abzutastende Signale.

Marienberg 3

Das Interessanteste zum Schluss: der VCEG – ein spannungsgesteuerter ADSR Generator. Pro Bereich ein Regler und ein Abschwächer für das Steuersignal erklären sich von selbst. Interessant und auffällig sind die vier Gate-Ausgänge inkl. LEDs. Die Möglichkeiten eröffnen sich erst allmählich. An den Gate-Ausgängen wird immer für die Dauer der Zeit, in der sich die Hüllkurve befindet, ein Gate-Signal ausgegeben, mit dem z.B. eine zweite Hüllkurve angesteuert werden kann, sodass innerhalb des Sustainbereichs eine komplett zweite Hüllkurve abgearbeitet werden kann. Diese Kaskadierung lässt sich beliebig fortsetzen. Interessant ist auch die Verbindung mit einem LFO und einem VCA, so lässt sich z.B. das Vibrato nur in der Sustain-Phase aktivieren, hingegen in der A-, D- und R-Phase wird nicht moduliert. Oder die Resonanz des VCFs wird nur über die Release-Phase aktiviert. Das Ergebnis ist ein trockenes Filter mit einem Sweep nur beim Loslassen der Taste. Eine sehr interessante Funktion stellt der Schalter D to R dar, damit übernimmt der Decay-Regler die Einstellung von Decay und Release, was gerade im Livebetrieb und bei schnellen Soli sehr hilfreich ist. Die Retrigger-Funktion ist bekannt, aber sehr hilfreich ist die Autooffset-Funktion. Dabei liegt der Sustain-Level immer auf 0 V und die Hüllkurve pendelt quasi um diesen Wert. Gerade als Pitch-EG sehr hilfreich – nur muss es auch präzise funktionieren, wenn man keine Verstimmungen haben möchte. Also habe ich noch mal die lin-FM-Verkablung gemacht und den EG nur auf den einen VCO A gelegt. Wenn ich davor schon von der Genauigkeit der VCOs überrascht war, jetzt erst recht. Die Glockensounds ließen sich zu Metallplatten verändern, die völlig unharmonisch klangen, aber über die gesamte Tastatur (acht Oktaven) gleich klangen. Nächste Buchse am EG war TC. Sehr hilfreich in Zusammenarbeit mit Sequencern. Also habe ich meinen Sequencer angeschlossen, zwei Sekunden Step-Länge, und eine Hüllkurve am Marienberg eingestellt, die mit Release ca. 1,5 s lang war, dann die Geschwindigkeit mit externer Steuerspannung erhöht, als der Takt bei einer Sekunde war, wurde die Hüllkurve abgeschnitten. Nun kam die Steuerspannung zusätzlich auf den TC-Eingang des EG und schon verkürzte diese sich synchron zur Geschwindigkeit. Eine sehr hilfreiche Funktion, gerade bei der Arbeit mit Sequencern.

Etwas, was sich mir verschloss, war die Funktion der sogenannten Jumper, die Marienberg als Free Force Attack bezeichnet. Mir war auch unverständlich, warum diese sich nur auf der Leiterplatte befindet. Also, wieder anrufen. Mittlerweile hatte der Pizzabote seine Ladung abgegeben und als es bei Marienberg klingelt, sehe ich, dass es 22:12 Uhr ist. Aber es hieß ja, jederzeit, solange jemand da ist. Und? Die Jungs scheinen wirklich nichts anderes zu machen. Steffen erklärte mir die Funktion und auch, warum der Jumper auf der Leiterplatte ist: Es war kein Platz mehr auf der Frontplatte. Als wir fertig sind, ist es 22:45 Uhr, und ich weiß, dass das eine Funktion ist, auf die Livemusiker gewartet haben.

Der Jumper definiert, ob beim Loslassen der Taste die Attack-Phase abgebrochen wird oder erst zwingend abgearbeitet wird. Deshalb free und forced. Habe ich z.B. ein Rauschen, das ganz langsam anschwillt, bin ich sonst gezwungen, die Taste so lange zu halten, beim Marienberg EG reicht ein kurzer Anschlag und der Vorgang läuft ab. Schade nur, dass das nicht von außen schaltbar ist. Aber, wie ich das heute schon mehrfach gehört habe, im VCEG B ist diese Funktion nicht nur erreichbar, sondern auch noch wahlweise auf Decay ausgeweitet und spannungssteuerbar.

Abschließend noch ein paar Worte zur Bedienung. Man merkt, dass es bei Marienberg Leute sind, die nicht nur Ideen umsetzen, sondern das auch so tun, als seien die Systeme für den Eigenbedarf und nicht zum Verkauf. Erstklassige Bedienelemente von Alps und Apem, Lumberg Buchsen und Knöpfe von Cosmo. Holger sagte mir, dass sie die LEDs im LFO selbst anschleifen, um den Brechungswinkel zu verändern, weil die sonst zu stark blenden.

So viel Liebe fürs Detail ist leider selten zu finden und auch, wenn 4.000,- Euro für ein System eine Menge Geld ist, ist es mir in Anbetracht dessen, dass da tatsächlich jeder Widerstand von Hand gelötet und jede Schraube von Hand festgezogen ist ein Rätsel, wie man das in Deutschland für den Preis realisieren kann.

Marienberg System-1

Marienberg System-1

MARIENBERG DEVICES – 3 FERTIG-SYSTEME

und deren Unterschiede

Außer dem zuvor beschriebenen BASIC SYSTEM listet THOMANN noch zwei weitere fertig montierte Zusammenstellungen. Zum einen das SYSTEM 1 für 5.799,- Euro sowie das SYSTEM 2 für stolze 11.490 Euro.

Aber auch hier sei nochmals erwähnt, die Kabinetts und Module lassen sich selbstverständlich auch einzeln erwerben und nach eigenen Wünschen zusammenstellen. Trotz alledem seien die beiden Systeme hier kurz vorgestellt, da sie in Zusammenarbeit mit den Marienberg-Entwicklern für meinen Geschmack eine fein ausgetüftelte Zusammenstellung darstellen, die Klang-Fanatikern unendliche Möglichkeiten ermöglichen.

Prinzipiell unterscheiden sich die Systeme nur durch ihre Bestückung. Die Art der Module ist in allen Systemen identisch, d.h. ein VCO A ist in allen Systemen gleich aufgebaut und besitzt gleiche Funktionen. Die wesentlichen Unterschiede bestehen darin, dass das System zwei neben dem MIDI to CV Converter noch einen MIDI Realtime-Converter besitzt. Ansonsten sind alle Module enthalten, die auch im Basic System vorhanden sind. Das System 1 ist gedacht als ein System zur Erweiterung des Systems 2, wobei sich hierbei ein Modul befindet, das nicht im System 2 vorhanden ist: das Sinusphasen-Modul. Zweiter Einsatzfall ist der Einsatz in Verbindung mit analogen Steuerspannungen bzw. externen MIDI-Wandlern. Das Basic System soll dem Kunden einen Einstieg ermöglichen und besitzt als einziges ein freies Feld, das der Kunde selbst bestücken kann, beispielsweise mit einem zweiten VCADSR.

Demjenigen, der mit den MARIENBERG-Modulen nicht vertraut ist, wird das Basic Modul empfohlen, in ihm befinden sich zwei unserer VCO A, mit denen lin FM über zehn Oktaven ohne Nachstimmung möglich ist oder deren weitere  Besonderheit neben der asymmetrischen Pulsbreitenmodulation darin besteht, dass die Schwingungsformen Rechteck, Sägezahn und Dreieck als Topoktave vorliegen. VCO B ist ebenfalls vorhanden, dieser hat neben dem normalen Low-Frequenzbereich noch einen LFO Bereich, ist also auch als LFO für Modulationszwecke einsetzbar.

Auch bei diesem sind alle Schwingungen simultan an Einzelausgängen verfügbar. Dieses Konzept der parallelen Verfügbarkeit findet sich auch beim VCF wieder. Der Grund besteht in der nachträglichen Auswahlmöglichkeit der Schwingungsform bzw. der Filterfunktion mittels unseres VC Lineselektors. Viele Funktionen lassen sich erst in einer persönlichen Einweisung erörtern.

Hier nur ein paar besondere Einsatzfälle: Der S&H ist temperaturstabil als Bass VCO bis 500 Hz reingestimmt spielbar. Mit dem Sinusphasengeneratur ist ein Sequencer mit Start/Stop und variabler Stepanzahl realisierbar, mit dem LFO sind Hüllkurven-Funktionen realisierbar.

Beim Kauf eines Systems sollte der Kunde erhebliche Zeit mitbringen, will er sich die Einsatzmöglichkeiten genauer erklären lassen.

MARIENBERG bietet hierfür die Möglichkeit der persönlichen Beratung. Dazu muss man allerdings nach Sachsen-Anhalt kommen, denn nur dort sitzen die Spezialisten, die sich auch gerne ausführlich Zeit nehmen. Laut Marienberg kommt es nicht selten vor, dass die Ersteinweisung einen ganzen Tag dauern kann, da viele Funktionen erst im Einsatz und zusammenwirkend mit anderen Modulen erkennbar sind. Ein typisches Beispiel hierfür sind Schwingungsform Deformation mittels Rückkopplung an den LFOs, Stereopanning von zwei VCFs am asymmetrischen Notch, gesteuert vom Sinusphasengenerator mittels synchronisiertem Phasenversatz oder die Kaskadierung mehrerer ADSR zu Multisegmenthüllkurven. Einige Funktionen sprechen dabei bevorzugt den Keyborder an, wie z.B. reingestimmtes Linear-FM, andere eher Sequencer Experten wie Timecompression in den EGs, andere eher den Soundtüftler wie das asymmetrische Notchfilter im VCF.

Der Grund für diese vielen Sonderfunktionen und der damit oftmals nicht auf Anhieb erkennbaren Funktion liegt meist in der engen Zusammenarbeit mit Musikern, die korrekte Stimmungen und das Spiel auf Keyboards als absolute Voraussetzung ansehen.

Die vielen Anregungen, Wünsche und Kritiken versucht MARIENBERG stets so umzusetzen, dass ein Modul entsteht, das sowohl musikalisch nutzbar als auch als physikalisches Werkzeug einsetzbar ist.

O-Ton MARIENBERG:

„Ein Modul, das eine Schwingung auf eine Art deformiert, welche weder akustisch, musikalisch, noch physikalisch nutzbar ist, ist für uns uninteressant. Das heißt nicht, dass wir so etwas nicht bauen, aber eben nicht in Serie. Denn wenn die Untersuchungen zeigen, dass wie im Fall unserer Polarity Waveshaping Synthese nur weniger als 0,1% aller Einstellungen musikalisch sinnvoll sind und diese zwar alle über 24 Parameter analog definierbar sind, jedoch die simultane Steuerung nur über 24 passende DA-Wandler realisierbar ist, dann ist das Modul unserer Vorstellung nach nicht einsetzbar.“

Gleiches galt für einen Prototyp mit neuer Hüllkurve. Sie sollte erst fünf 16 Segmente haben, wir erkannten jedoch, dass dies aufgrund der Zeitsegmentsteuerung nicht notwendig war. Man entschied sich deshalb für nur zehn Segmente.

Zu den Soundbeispielen:

Die Multitrackaufnahme ist in Cubase entstanden, kein EQ oder Kompressor wurde benutzt – nur ein Hall und das Cubase eigene Delay habe ich verwendet ( sonst nur Pegelregelung und Panorama ) und entstand mit dem Basic System mit zusätzlichem Four Voice Polyphonic Converter, einer zweiten Hüllkurve, sowie eine Vorserien Version einer neuen „Noise Generator A“ für die perkussiven Elemente.(Einzeltests folgen im neuen Jahr :-)

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Die LinearFM ist mit zwei VCO A, einer Hüllkurve und einem VCA gemacht.:

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Die Selbstoszillation habe ich ein wenig verhallt, sie soll aber in erster Linie die Sauberkeit des Sinus und die Präzesion der Oktavspreizung demonstrieren.

Fazit

MARIENBERG bietet ein hervorragend verarbeitetes Modularsystem mit einer Genauigkeit, die man in der analogen Welt der Modularsynthesizer nicht immer findet. Den Klang darf man  fast schon als analytisch bezeichnen, leider zu einem Preis, der zwar mehr als gerechtfertigt ist, jedoch nur von wenigen bezahlt werden kann. Einziger Wehrmutstropfen: es sind relativ wenige Module da und das Gewicht! Aber beides ist dem Konzept geschuldet und an neuen Module wird bereits intensiv gearbeitet.

Plus

  • hervorragende Verarbeitung
  • sehr guter Klang

Minus

  • hoher Anschaffungspreis
  • geringe Anzahl an verfügbaren Modulen
  • Abmessungen inkompatibel zum "quasi" Moog-Modular-Standard

Preis

  • Basic System: 3.586,- Euro
  • System 1: 5.799,- Euro
  • System 2: 11.490,- Euro
  • Einzelne Module und Cabinet bitte im THOMANN-Shop nachsehen
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Schöner Bericht, Danke. Wird es dazu noch Klangbeispiele geben?

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      AMAZONA Archiv

      Nehmt es bitte als Kompliment und nicht unverschämte Forderung – ich hätte noch mehr Audiobeispiele vertragen. Die beiden ersten belegen auch schön die textlichen Aussagen.

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Ich habe immer Bauchschmerzen wenn teure Hardware so gelobt wird. Wenn auch aus einer sehr persönliche Sichtweise. Machen alle anderen Hersteller nun undurchdachte B-Ware mit Wechselstrom und null Support? Mir fehlt ein Überblick/Vergleich mit anderen Herstellern und der Verweis auf ein sehr boutiques Preis-Leistungsverhältnis. „Hey, Bedienung! Schmeissen sie mir bitte noch ein Rucola-Ei Sandwich mit dem guten 2012er Zweigelt rüber. Mein überkapitalisiertes Ego hat Nahrungsbedarf.“

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      swissdoc  RED

      Man bewegt sich hier auf dem Niveau von Herstellern wie MOTM/Synthesis Technology, Modcan, Cyndustries und sogar noch unter z.B. Wiard oder Buchla. Ich sehe da prinzipiell kein Problem. Der Anspruch, das Konzept und auch die Mittel der Realisierung sind einfach andere. Man hat dann aber auch keine Probleme mit analoger liniearer FM. Beim Preis der Multiples habe ich aber auch ein kleines Problem…

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            changeling  AHU

            Nicht wirklich, es geht einerseits ums Preis- und andererseits ums Qualitätsniveau.

            Wiard hat kein höheres Preisniveau, weil es da nur Kombimodule gibt und die Preise daher täuschen. Dazu kommt ein schlechter British Pound => Euro Wechselkurs.

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              swissdoc  RED

              Nun, die genannten Hersteller haben ein ähnliches Niveau im Sinne von Qualität, Durchdachtheit und eben auch Preis. Das bedeutet ja nicht, dass andere, z.B. Dotcom oder Doepfer nutzlosen Murks herstellen würden. Aber die Designs sind dort i.d.R. einfacher gehalten und die Verarbeitung und Qualität der Bauteile und mechanischen Komponenten ist eine andere. Hi-End vs. Lo-End am Ende, wenn man die Extreme mal annimt.

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    a.jungkunst  AHU

    Neben den ganzen positiven Aspekten dieses Systems sehe ich mich schon dazu hingerissen, die nicht gegebene Kompatibilität hinsichtlich des Größenstandards, der von Moog vorgegeben wurde und von Herstellern wie Dotcom, Moon Modular, COTK u.w. benutzt wird als Minuspunkt zu werten, unabhängig davon, dass man seitens des Herstellers ehrlich genug ist zu erwähnen, dass man an so etwas nicht gedacht hat. Besser macht es diese (in meinen Augen) Fehlentscheidung nicht. Es gibt schon interessante Einzelmodule von Marienberg.

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      Max Lorenz  RED

      Du hast vollkommen Recht. Diesen Aspekt habe ich übersehen und werde ihn im Minuskasten ergänzen.

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        Bernd-Michael Land  

        Ich hatte das damals nicht gewusst und musste meine Module leider wieder zurücksenden.

        Eigentlich sehr schade, da alles andere sehr stimmig ist und das System auch wirklich gut klingt und sehr hochwertig verarbeitet ist.
        Bei einem Wooden-Cabinet kann man eine Blindplatte einsetzen, um die bleibende Lücke auszufüllen, aber wenn man die Module in 19″ Alurahmen einsetzt, wie es bei mir der Fall ist, passen leider die Bohrungen auch nicht.

        Es ist einfach nicht möglich die Module ohne größeren Aufwand zu integrieren.

        Es gibt ja auch eigentlich keinen Grund, das Rad neu zu erfinden.
        Aber vielleicht besinnt man sich bei Marienberg und es kommt irgendwann mal ein Re-Design in Standardgröße und mit der üblichen Dotcom / CotK Stromversorgung, so wie das fast alle anderen auch machen.
        Wäre schön.

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    mdesign  

    ich habe kein modularsystem, will auch keines. trotzdem habe ich den artikel komplett und mit interesse gelesen – ein großes lob dem autor!

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    richard  AHU

    Toller Artikel und tolles System. Alleine von seinem Preis wird es leider für wenige überhaupt eine Option sein.

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    qwave

    Schade das die drei Klangbeispiele im Text (also nicht unten im Player) alle genau das identische abspielen: „VCF_A_Selfoscillation“. Ist so im Quelltext falsch eingebaut.

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    AMAZONA Archiv

    Wegen der Standards die sich hier manche wünschen, möcht ich nurmal hinzufügen das es seitens des Herstellers durchaus berechtigte Gründe gibt sein,, eigenes´´ Ding zu drehen.

    Da wären z.B. Garantieleistungen und Fehlersuche. Nähe zum Kunden. Spezielles Klientel das nicht gleich frustriert die Welt gegen sein nicht lieferbares Modul ansetzt.

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      Bernd-Michael Land  

      Sehe ich völlig anders. Der Hersteller blockt sich damit doch selbst und da die Module nirgendwo passen, werden diese Module auch nie auf vernünftige Stückzahlen kommen.

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    AMAZONA Archiv

    Bei all den Vorschusslorbeeren bin ich zunächst einmal auf den Klang gespannt. Freue mich darüber hinaus darauf, die Funktionalität, Flexibilität und den Klang der Marienberger mit z.B. einem GRP A4, Cwejman S1 oder auch natürlich mit einem CotK 15 zu vergleichen. Das sind zumindest meine Messlatten , die nicht ganz so einfach zu überwinden sind.

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    c.hatvani  AHU

    Buchenholz für das Gehäuse zu verwenden, ist bei Synths eher ungewöhnlich ;-) sieht mehr nach Möbeln oder Holzspielzeug aus. Moog, Buchla, E-Mu, ARP, Sequential, etc. haben grundsätzlich Nussbaum massiv verwendet, das ergibt diesen typischen „Vintage Synth-Look“.

    Nussbaum massiv ist heute aber dermaßen teuer geworden (mind. 5 mal teurer als Buchenholz), so daß die Entscheidung nachvollziehbar ist… schön sieht es allemal aus und Buche ist sehr robust :-)

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      AMAZONA Archiv

      Ich warte ja immer noch auf einen Korg, der ein Gehäuse aus Kork hat… Frohes neues Jahr!

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        martinaschmidt

        Korkeiche ist nicht gerade preiswert, würden Sie das wirklich kaufen wollen, ein Bekannter hat sich so etwas für seinen Memorymoog machen lassen.

    • Profilbild
      Marienberg

      Die Enscheidung für Buche bei Ihren gelisteten Modellen traf die Fa.Thomann.
      Es wurden auch Systeme in Walnuss und Mooreiche gefertigt. Das ungewöhnlichste war der Wunsch nach Wüsteneisenholz.
      Der Kunde kann sowohl Abmaße als auch Material wählen.

  10. Profilbild
    balpirol  

    Grundsätzlich ein tolles System, exzellenter Klang, exzellente Verarbeitung der Module. Ob die Module direkt ins Holz eines Kabinetts geschraubt werden (analog wie Curetronic, schlecht) oder über eine Metallschiene ist für mich hier leider nicht so richtig ersichtlich.
    Etwas irritierend ist die Verwendung zweier PSUs im System 2 (pro Reihe je eines).. Ist das wirklich notwendig (zus. Geld, Platzverschwendung) ?
    Die Auswahl an Modulen ist momentan noch sehr beschränkt, allerdings finde ich es beunruhigender, daß in den letzten zwei Jahren nichts Neues auf der Homepage zu lesen ist :
    Neuigkeiten
    Analoge Kunst 2015
    11.09.2015

    Ebenso sind keine neuen Module seit vielen Jahren herausgebracht worden.
    Die Inkompatibilität zu MU/CotK usw. ist ebenfalls schlecht, sollten aber kein Hindernis sein für ein schickes Kabinett
    Beim Seq sollte er mich allerdings mal kontaktieren, ich habe da so meine gaaaanz eigenen Vorstellungen, denn noch einen Cv/gate-Seq mit Skip,Pause, Sprung zum First Step braucht keiner .
    Ich entwickle gerade meinen eigene CM2/4-Expander, der völlig anders funktionieren wird als alle bisherigen Analog/Digital/Hybrid/Software-Seq. Oder kennt jemand die Funktion Scaleglide oder Trackmodemorphing ?
    Übrigens danke nochmals für die PPG-Tasse bei meinem Besuch bei Euch, der (äusserst) lang, aber sehr interessant war.

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