Gitarre Workshop – Wie klinge ich wie Yngwie Malmsteen?

9. August 2020

Guitar Heroes - how to play like the greats!

Yngwie Malmsteen Workshop

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Yngwie_Malmsteen#/media/File:Yngwie_Malmsteen_5.jpg

In dieser neuen Workshop-Serie stellen wir euch Gitarristen vor, die die Gitarrenszene maßgeblich beeinflusst haben. Neben Informationen über Werdegang, Equipment und Sound, wird es in jeder Folge auch drei Licks geben (Noten/TABS + Video), die euch die typische Spielweise des jeweiligen Künstlers näherbringend soll.

In der ersten Folge geht es um den schwedischen Gitarristen Yngwie Malmsteen.

Anfänge

Yngwie Malmsteen wurde am 30. Juni 1963 als Lars Johan Yngve Lannerbäck in Stockholm/Schweden geboren. Als drittes Kind einer sehr musikalischen Familie kam er recht früh mit Musik in Berührung und probierte zunächst verschiedene Instrumente aus. Im Alter von 5 Jahren bekam er seine erste Gitarre – begann aber erst zwei Jahre später, auf ihr zu spielen. Der Auslöser war eine Fernsehsendung, die zu Ehren von Jimi Hendrix‘ unerwartetem Tod (18.09.1970) ausgestrahlt wurde. In diesem Beitrag wurden Ausschnitte von Hendrix‘ Konzert beim Monterey Pop Festival aus dem Jahr 1967 gezeigt. Während dieses Konzertes zerschlug Jimi Hendrix seine Fender Stratocaster und zündete sie schließlich an. Das beeindruckte den jungen Yngwie so sehr, dass er sich von da an ernsthaft mit dem Instrument auseinandersetzte.

Zu seinen frühen Einflüssen gehörte die Musik von Deep Purple, Rainbow und den Scorpions. Nachdem er deren Songs ausgiebig studiert hatte und nachspielen konnte, erwachte sein Interesse an der klassischen Musik – genauer gesagt an den Werken von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und vor allem Niccolo Paganini. Dessen „24 Capricci“ für Geige setzte Malmsteen auf der Gitarre um und legte damit den Grundstein für seine ungeheure Virtuosität. Yngwie übte in jeder freien Minute und entwickelte einen bis dahin ungehörten Gitarrenstil, der später als „Neoclassical Rock Guitar“ bezeichnet werden würde – doch dazu später mehr!

Wie spiele ich wie Yngwie Malmsteen? Der Durchbruch des Schweden.

Im Jahre 1982 schickte Malmsteen ein Demo an Mike Varney. Dieser hatte damals eine Kolumne in der amerikanischen Fachzeitschrift „Guitar Player“, wo er junge und talentierte Gitarristen vorstellte. Nachdem Varney das Demo gehört hatte, lud er Malmsteen sofort ein, in die USA überzusiedeln und bei der Metalband „Steeler“ einzusteigen. Mit dieser Band spielte Yngwie ein Album ein und machte langsam von sich reden. Nach einem kurzen Gastspiel bei der Band „Alcatrazz“ konzentrierte sich der Schwede auf seine Solokarriere und veröffentlichte im Jahr 1984 sein erstes Soloalbum „Rising Force“. Dieses überwiegend instrumentale Werk enthält bereits alle Merkmale, die Yngwie Malmsteens furiosen Gitarrenstil auszeichnen: rockige, durch klassische Harmonik geprägte Songs – ebenfalls stark klassisch beeinflusstes, extrem virtuoses Solospiel – ungeheure Spielfreude und Intensität. Das Album wurde schließlich für einen Grammy nominiert und erreichte Platz 60 der Billboard-Charts – für ein stilistisch so spezielles Album ein ungeheurer Erfolg! In der Retrospektive muss man außerdem sagen, dass es nach „Van Halen I“ bis dahin kein Album gab, das einen so starken Einfluss auf die Gitarrenszene ausübte wie Yngwie Malmsteens „Rising Force“. Nachdem sich nämlich die Schockstarre bei einem großen Teil der Rockgitarristen gelöst hatte, fingen sie plötzlich an, die Harmonisch-Moll-Tonleiter und Arpeggios zu üben – Paganini und Bach waren plötzlich in der Szene „en vogue“ und jeder wollte irgendwie mithalten können. Talentierte Flitzefinger schossen wie Pilze aus dem Boden und viele von ihnen veröffentlichten ihr erstes Album auf Mike Varneys Plattenlabel „Shrapnel“ – dazu gehörten Gitarristen wie z. B. Tony Macalpine, Vinnie Moore, Jason Becker, Paul Gilbert und Greg Howe. Yngwie Malmsteen hatte durch sein Erstlingswerk einen regelrechten Boom losgetreten und das Genre bzw. der Begriff „Guitar Shredder“ war geboren. Allerdings führte das Überangebot nach einigen Jahren dazu, dass die Nachfrage nach „höher – schneller – weiter“ Gitarristen nachließ. Spätestens nach Erscheinen von Nirvanas Album „Nevermind“ (1991), tickten die rockmusikalischen Uhren anders und die Zeiten des virtuosen Gitarrensolos waren erst mal vorbei. Jedoch nicht für Yngwie Malmsteen!

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Wie lerne ich ein Malmsteen Solo? Kontinuität.

Der Schwede blieb seinem Stil treu und veröffentlichte weiter Album nach Album … mit unterschiedlichem Erfolg. Kritiker warfen ihm vor, er würde sich nur noch wiederholen und seine Gitarrensoli wären zu lang. Außerdem eilte ihm stets sein Ruf voraus, eine äußerst schwierige Person zu sein – er galt als cholerischer Exzentriker, der schon mal Gitarren oder Amps zerschmetterte oder die Mitglieder seiner Band in den Wahnsinn trieb, bevor er sie rausschmiss. Nicht umsonst kursieren zahllose „Yngwie-Storys“ im Netz, die einen zum Schmunzeln bringen oder ratloses Kopfschütteln auslösen.

Der mittlerweile 57-jährige Malmsteen scheint über die Jahre allerdings etwas „altersmilde“ geworden zu sein. Das geht sogar soweit, dass er bei dem Projekt „Generation Axe“ sogar 4 weitere Gitarristen neben sich duldet – genauer gesagt Steve Vai, Zack Wylde, Nuno Bettencourt und Tosin Abasi. Mit dieser Gitarristen-Supergroup tourt Malmsteen seit 2016 regelmäßig um die Welt und scheint dabei recht großen Spaß zu haben. Sein letztes Soloalbum „Blue Lightning“ erschien 2019 und enthält überwiegend Cover-Versionen bekannter Bluesstücke – ein Genre, das Malmsteen immer mal wieder gestreift hat.

Man darf gespannt sein, was uns der flinke Schwede als Nächstes serviert!

Yngwie Malmsteen – LICKS

Im Folgenden zeige ich euch drei Licks im Stil von Yngwie Malmsteen. Die dabei verwendeten Techniken sind typisch für seine Spielweise und tauchen in vielen seiner Soli und Riffs auf.

LICK 1

Hierbei handelt es sich um einen Auszug aus Malmsteens Solo bei dem Stück „Jet to Jet“ (aus dem Album „No parole from Rock ’n‘ Roll“ / 1983) seiner damaligen Band Alcatrazz. Dieses Lick erinnert eher an eine klassische Geigenetüde und ist ein sehr gutes Beispiel für Yngwie Malmsteens enorme Virtuosität: Eine aus sechs Tönen bestehende Tonleitersequenz wird diatonisch der zugrundeliegenden Akkordfolge angepasst und ausschließlich auf der H- und E-Saite abwärts gespielt. Spieltechnisch gesehen wird hier strikter Wechselschlag angewandt – bei dem Tempo nicht so einfach!

LICK 2

Dieses Lick stammt aus dem Stück „Liar“ von Malmsteens Album „Trilogy“ (1986). Wiederum sehr klassisch etüdenhaft, zeigt dieses Beispiel eine von Yngwie Malmsteens absoluten Spezialitäten – das Spiel von Arpeggien mit Hilfe des sog. „Sweepings“ (auch „Economy Picking“). Dabei folgt der Plektrumanschlag (Auf- oder Abschlag) der melodischen Richtung – das macht das Spielen von Arpeggien in einem höheren Tempo erst möglich. Malmsteen war definitiv einer der ersten Rockgitarristen, die diese Technik so ausgereift und virtuos eingesetzt haben. Tonal gesehen werden jeweils zwei verminderte Arpeggien (Bdim und Ddim) und zwei a-Moll Arpeggien hintereinander gespielt und wiederholt. Neben der erwähnten „Sweeping“-Technik sind die Lagenwechsel hierbei eine Herausforderung.

 LICK 3

Bei diesem Beispiel haben wir es mit einem sog. „Pedal-Tone“-Lick zu tun. Es stammt aus keinem Solo von Malmsteen, könnte aber so oder ähnlich durchaus vorkommen. Bei einem „Pedal-Tone“- Lick wird eine melodische Phrase gespielt, bei der sich die Töne immer mit dem „Pedalton“ (in diesem Fall der Ton C / 20. Bund E-Saite) abwechseln. Auch dieses Lick wird mit durchgehendem Wechselschlag gespielt. Harmonisch gesehen basiert diese Phrase auf der e-Moll bzw. E-Harmonisch-Moll-Tonleiter.

Yngwie Malmsteen – SOUND

Yngwie Malmsteen benutzt überwiegend Fender Stratocaster E-Gitarren und Verstärker von Marshall. Von beiden Firmen gibt es seit Jahren Yngwie Malmsteen „Signature“-Modelle, die nach seinen Vorstellungen gebaut wurden. Bei den Gitarren ist bemerkenswert, dass sie ein sog. „scalloped“ Griffbrett aufweisen – dabei werden die Bünde zwischen den Bundstäbchen ausgehöhlt – das unterstützt das Saitenziehen und das Fingervibrato.

Das Marshall YJM-Modell ist ein klassischer 100 Watt Plexi mit einigen praxisorientierten Besonderheiten wie Leistungsreduzierung (100 auf 50 Watt), Booster, Noisegate und Reverb. Dieser Verstärker wird nicht mehr hergestellt und ist ein gesuchtes Modell bei Marshall- und Yngwie-Fans. Live hat Malmsteen bis zu 55 (!!!) Marshall-Heads auf der Bühne („How can less be more…it’s impossible…more is more“! – siehe Video). An Effekten benutzt Malmsteen nicht übermäßig viel. Das wichtigste Gerät und prägend für seinen Sound ist allerdings der DOD Overdrive/Preamp 250, den er schon zu seinen Anfangszeiten zum Anblasen seiner Marshalls benutzt hat. Mittlerweile gibt es auch hiervon ein Signature-Pedal, das „DOD YJM308“. Auch Fender hat ihm ein Pedal auf den Leib geschneidert – den „Fender Yngwie Malmsteen Overdrive“. Außerdem setzt Malmsteen häufig Delays und ein Wah-Pedal ein. Des Weiteren benutzt er Saiten – natürlich auch hier ein YJM Signature-Set -– in der Stärke 008-046 und sehr harte (1,5 – 2,0 mm) Plektren.

 

FAZIT

Yngwie Malmsteen ist definitiv einer der originellsten (und schnellsten!) Rockgitarristen aller Zeiten. Auch wenn seine Art zu spielen nicht immer hip war, hat sein Stil die Gitarrenszene doch maßgeblich beeinflusst und vor allem in puncto Spieltechnik einen großen Schritt nach vorne gebracht.

 

 

Forum
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    Joerg  

    „Wie klinge ich wie Yngwie Malmsteen?“
    …ich für meinen Teil am besten gar nicht !
    Ich mag sein Spiel nicht. Nichts was hängen bleibt.
    Ich nenne es mal überschnelles Geplapper. Und sowas kommt bei mir nie gut an

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        Joerg  

        Genauso ist es
        Wobei mein Umfeld ja auch von mir behauptet, dass mein Musikgeschmack „sehr speziell“ sei :-)
        Ich möchte und darf Herrn Malmsteen natürlich nicht sein unzweifelhaft vorhandenes Können absprechen bei dem, was er da macht!
        …aaaber…ich kann da irgendwie wirklich nix mit anfangen
        Mögen all die, die darauf stehen, sich freuen bei seiner Art zu musizieren; es sei ihnen gegönnt

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    Armin Bauer  RED 1

    Von Generation Axe hatte ich bisher keine Kenntnis, wie auch?
    Ich konnte Yngwie nie etwas abgewinnen, ebenso wie Steve Vai. Mir liegt eben die „Geniale Dilettanten“ Schiene, wie z.B. die Pixies sehr viel näher.
    Von Tosin Abasi habe ich mir allerdings neulich mal ein paar Videos angeschaut, da schlackern einem wirklich die Ohren, ganz großes Kino.

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      Markus Galla  RED

      Ich habe es auch wirklich versucht. Rising Force stand im Plattenschrank. Bis heute ist bei Gitarrenschülern Sweeping eher leidige Pflicht. Dieses ständige Auf und Ab nervt und sinnvoll musikalisch einsetzen lässt sich das auch nicht wirklich. Virtuosität beeindruckt immer nur kurz und wird schnell durch Musikalität besiegt. Ist im klassischen Bereich auch schön bei Chopin zu beobachten, der zwar wahnsinnig virtuos war, dennoch die musikalische Seite immer in den Vordergrund gestellt hat. Und Steve Vai? Na ja…..den habe ich komplett ausgeblendet.

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        Thorsten Praest  RED

        Wie schon oben erwähnt…jedem das Seine. Bis auf wenige Ausnahmen hatte ich bis dato auch noch keinen Schüler, der sich ernsthaft mit dem Thema „Sweeping“ auseinandergesetzt hat…aber diese Schüler hatten auch kein Interesse daran und brauchten diese Technik auch nicht für ihre Musik. Wenn man aber moderne Rockgitarre spielen möchte, kommt man an dieser Technik auch heute nicht vorbei – siehe Guthrie Govan, Tosin Abasi oder andere Gitarristen aus der Prog-Szene (ich lasse Malmsteen und Vai bewusst aussen vor). Malmsteen hat diese Technik durchaus oft (zu) plakativ eingesetzt, aber ihn deshalb nur darauf zu reduzieren, finde ich falsch – genauso wie Eddie van Halen auf’s Tapping und Allan Holdsworth auf sein Legatospiel.

        „Virtuosität beeindruckt immer nur kurz und wird schnell durch Musikalität besiegt“ – da stimme ich Dir voll zu.

        PEACE

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        Stephan Güte  RED

        Man kann aber auch virtuos UND musikalisch UND kompositorisch unterhalten, schaue bzw. höre man sich Steve Morse an. Der Mann spielt in einer eigenen Liga.

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          Aber so richtig spannend wird es ja erst, wenn es weder virtuos, noch sonderlich musikalisch gezockt wird.

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          Armin Bauer  RED 1

          Habe mir gestern kurz die neue Deep Purple Single angehört.
          Wirklich nett, was die alten Säcke noch so liefern. Aber tragen tut die ganze Geschichte dieses Lick von Steve Morse, kunstvoll, gekonnt und unglaublich lässig…

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    Filterspiel  AHU

    Danke für die Vorstellung und das Tutorial, ob man den Typen oder seine Spielweise nun mag, ist tatsächlich jedem selbst überlassen, aber der Autor hat doch wohl ausdrücklich Lob verdient.

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      AMAZONA Archiv

      Gott ist tot. Er verstarb am 1. Oktober 2019, und sein Vorname war Karel.

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          Wenn dich demnächst eine Biene stechen wird, dann war es die rechtmäßige Rache Karels. ;-) Die Strafe und der Zorn Gottes, direkt aus dem Maja-HImmel.

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    costello  RED

    Der Anfang des dritten Beispiels erinnert mich stark an Steve Hacketts Solo bei Firth of Fifth. Hacketts Tempo ist allerdings eher wie bei Thorstens langsameren Demo-Durchgang. Tolles Tutorial übrigens :)

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    Joe Dalton

    Vielen Dank für den tollen Workshop. Die Licks passen ziemlich gut in meine aktuelle Übungs-Routine.

    Würde mich sehr über ein ähnliches Tutorial zu Steve Morse oder Guthrie Govan freuen.

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    gaffer  AHU 1

    Ja, ist für mich auch nur Zirkus. Ich hatte Vai mit Zappa live gesehen und war schon beeindruckt. Aber was ist übrig geblieben? Die Jungs können alle rasend schnell spielen, Kompliment dafür. Aber es berührt mich nicht, so sagte man früher….

    Ich zucke ohnehin immer zurück, wenn Musiker, vor allem im Rockbereich auf klassisches Material zurückgreifen, vor allem bei Keyboardern wird’s schnell schleimig.

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    Axel Ritt  RED

    Wie spiele ich wie Malmsteen?

    A / E-Moll Harmonsich und eine beliebige Dimished Skala auswendig lernen und bei jeder Gelegenheit (gerne auch wenn der Sänger noch singt) so schnell wie möglich (saubere Spielweise ist nicht von Nöten) auf- und abwärts spielen …

    Hahaha …

    OK, eins muss man ihm lassen, außer Jeff Beck wird es wohl kein anderer Gitarrist weltweit schaffen, nach nur 3 Sekunden klar zu stellen wer gerade spielt … was allerdings auch nicht schwer ist, wenn man immer das Gleiche spielt …

    Hahaha …

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