GREEN BOX: NED Synclavier II, Synclavier 9600 – Teil 1

23. Juli 2016

Die Digital-Legende im Portrait

Die Geschichte des NED Synclavier

Mitte der siebziger Jahre begannen vor allem US-amerikanische Unternehmen, die damals neue Computertechnik für musikalische Zwecke nutzbar zu machen. Darunter waren die Con Brio Systeme ADS 100 und 200, der Crumar GDS und Synergy (im Verbund mit einem KayPro II-Computer) und der Syntauri Alpha Centauri (an einem Apple II). Diese Lösungen boten „Computer Generated Sound“ in Form additiver, Wavetable-, FM- oder PD-Synthese, eine Computertastatur und einen „Bildschirmarbeitsplatz“ – sie waren damals revolutionär, stießen aber auf wenig Akzeptanz bei Musikern, Produzenten und Studiobetreibern. Vermarktet als reine „Musikinstrumente“, verschwanden sie schnell wieder vom Markt.

c by Keyboardmag

Die Geschäftsmodelle der Synclaviere von New England Digital (Norwich, Vermont/USA, ab 1976) und CMIs von Fairlight (New South Wales/Australien, ab 1979) hatten einen anderen Ansatz: In der kritischen Anfangsphase der entwickelnden Unternehmen wurde ihre Hardware erfolgreich als Wissenschafts- und Geschäftsrechner an Universitäten, Forschungsinstitute, Banken und Versicherungen vermarktet, während dessen man fleißig Synthese-, Sampling-, Sequencing- und Recording-Funktionen dafür entwickelte. Beide Systeme kosteten hohe fünfstellige Dollarbeträge, das Synclavier in einer typischen Ausbaustufe meist deutlich über 100.000 US$. (In der Ausgabe des amerikanischen Keyboard-Magazins vom April 1986 ist von bis zu 500.000 US$ die Rede. Das Magazin mu:zines hat eine „Price List“ aus dem Jahre 1989 veröffentlicht – siehe Link, gibt es am Ende dieses Artikels.) Das waren Summen, für die man in den achtziger Jahren hüben wie drüben mehrere Luxuskarossen oder ein schmuckes Einfamilienhaus mit Doppelgarage und Gemüsegarten kaufen konnte.

Die letzten Fairlight CMIs wurden 1991 gebaut, die Firma bzw. ihre Nachfolgerin verkauft bis heute Audio-Workstations an Broadcast-  und Post Production-Kunden. Bei New England Digital gingen 1993 die Lichter aus und in Folge unter wechselnden Namen immer wieder an: The Synclavier Company, Demas, Synclavier Digital. Kleinere Hardware-Ergänzungen werden bis heute angeboten.

Für diesen GREEN BOX Report haben wir eine andere Herangehensweise als sonst üblich gewählt. Statt einer Dokumentation in eigenen Worten haben wir uns für ein Interview mit einem echten Synclavier Liebhaber und Experten entschieden. Unser Interviewpartner möchte allerdings ungenannt bleiben, und so sprechen wir im Folgenden also mit Ton-yb.

An dieser Stelle gleich ein dickes Dankeschön an Ton-yb, der uns wirklich viel Zeit gewidmet hat und uns in seinem Studio „die“ (ja, plural) Synclaviere ausgiebig vorgeführt hat. Der Großteil der Bilder aus unserem Zweiteiler sind ebenfalls bei Ton-yb im Studio entstanden – und auch dafür ein dickes Danke.

Vielleicht noch als Hintergrund-Info: Ton-yB besitzt seit 25 Jahren ein Synclavier II und seit 15 Jahren ein Synclavier 9600. Er ist also keiner jener modernen Sammler, der die Teile in der Glasvitrine stehen hat, sondern ein Kenner der Materie mit enormer Praxiserfahrung.

"The Synclavier" is born! Das Produktdesign mutet auch im Jahre 1976 eher "Good Old England Digital" an, oder gar "victorian..."

„The Synclavier“ is born! Das Produktdesign mutet auch im Jahre 1976 eher „Good Old England Digital“ an oder gar „victorian“

Interview mit einem Synclavier Liebhaber

falconi:
Was ist das Besondere am Synclavier?

Ton-yb:
Historisch gesehen war das Synclavier die erste komplette DAW mit einer Integration von Klangsynthese, Sampling, Recording, Sequencing und Notendruck an einer bildschirmgestützten Bedienoberfläche mit Hardware-Controller. 1991 kam sogar noch eine DSP-Mischpultoption mit digitalen EQs und Timestretching dazu, die sozusagen ProTools vorwegnahm.

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Der Synclavier 9600-Arbeitsplatz von Ton-yb

falconi:
Wie siehst Du den Fairlight im Vergleich zum Synclavier?

Ton-yb:
Der Fairlight ist technisch gesehen ein reiner Sampler mit integriertem Sequencer. Seine Synthesizer-Funktionen nutzten die Sampler-Hardware mit und waren teilweise nicht echtzeitfähig. Auch hatte er zu wenig Stimmen für größere Arrangements, sehr wenig RAM und ursprünglich nur acht, den Stimmen fest zugeordnete, Einzelausgänge. Erst der Fairlight III holte kurz vor seinem Produktionsende auf – es gab dann zum Beispiel einen 24 Channel Router. So richtig eingeholt hat er das Synclavier zu Lebzeiten meiner Meinung nach nicht, da dieses von Anfang an als erweiterbares Workstation-System konzipiert war und Qualität und Quantität um jeden Preis im Vordergrund standen.

Arbeitsplatz von Ton-yb. Im Hintergrund ein...

Im Hintergrund noch mehr FM-Klassiker: Im Rack Yamaha ein TX816, oben ein DK Synergy, kurz erwähnt in der Einleitung

falconi:
Ich kenne dennoch mehr Leute, die einen Fairlight besitzen. Woran mag das liegen?

Ton-yb:
Der Fairlight war günstiger zu haben und bot – im Gegensatz zum Synclavier – von Anfang an eine Sampling-Funktion – im Jahre 1979 ein absolut einzigartiges Highlight. Auch denke ich, dass der Fairlight von der künstlerischen Seite her wesentlich zugänglicher war. Er war kleiner, leichter, schicker, „futuristischer“ hatte eine sehr inspirierende Library … es gab jedenfalls mehr Musiker, die damit live auftraten oder auf den Titelseiten von Zeitschriften posierten.

Das späte Synclavier ist ein schweres Schlachtschiff, das muss man erstmal kreativ in den Griff bekommen. Einen Fairlight hätte ich mir damals auch fast zugelegt, aber ich habe mich letztendlich bewusst für das Synclavier entschieden. (Anm. der Redaktion: Ton-yb trägt beim Interview ein Fairlight T-Shirt.)

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Das „V/PK“, dessen Bedruckung Ton-yb selbst erneuert – und ergänzt – hat

falconi:
Das Synclavier wurde zunächst als Computer für die Klangsynthese, also als „Synthesizer“ konzipiert?

Ton-yb:
Ja. Die Wurzeln liegen in den frühen siebziger Jahren am Dartmouth College in New Hampshire. Das Synclavier I, das ab dem Jahre 1976 angeboten wurde, war wirklich ein reiner Digital-Synthesizer, basierend auf additiver Synthese mit Frequenzmodulation. Ich kenne es nur von Fotos. Es ist aber auch wirklich richtig selten, davon gibt es weltweit vielleicht noch 10 Stück. In Frankreich steht eines, von dem ich weiß. Ab 1979 gab es schon das „IIer“.

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Der Ribbon-Controller wurde von Ton-yb modifiziert und bietet ein wirklich einzigartiges „Ribbon-Feeling“

falconi:
Immer noch ein reiner Synthesizer?

Ton-yb:
Zu Anfang schon. Der Aufhänger für das „IIer“  waren ein schnellerer Prozessor, ein neues Keyboard und neue Racks, aber die FM-Karten waren z.B. sehr ähnlich und sie waren es auch bis zum Schluss. Das Synclavier wurde zwar kontinuierlich weiter entwickelt, aber die Hardware für alte und neue Systeme ist trotzdem immer weitgehend kompatibel geblieben.

falconi:
Ab wann konnte das Synclavier samplen?

Ton-yb:
Ab 1982 konnte man für das Synclavier II das sog. Mono-Sampling, genannt „Sample-to-Disk“, als Erweiterung kaufen. Um die damaligen Beschränkungen beim RAM-Speicherplatz zu umgehen, erfand NED das Streamen der Samples direkt von der Harddisk, so wie es heute bei Software-Samplern gang und gäbe ist.  Das war zwar anfangs nur einstimmig  – die Festplatten waren einfach zu lahm – aber dafür konnte man in höchster Qualität, nämlich mit 16 Bit, 50 kHz, sehr lange Samples abspielen.

Bis zur Einführung der mehrstimmigen Poly-Sampling Option 1984 – wieder als kostenpflichtiges Upgrade – überbrückte man die Nachteile des Mono-Samplers mit der Möglichkeit, Samples zur resynthetisieren und mit dem bis zu 32-stimmigen Synthesizer abzuspielen. Es ging beim Synclavier von Anfang an darum, möglichst den gesamten Musikproduktionsprozess mit einem Workstation System abzudecken – und das immer am Rande des technisch Machbaren.

Synclavier II und 9600

falconi:
Wie bist Du an Dein Synclavier II geraten?

Ton-yb:
„Von Haus aus“ komme ich vom Klavier. An der TU Berlin habe ich mal ein Synclavier II spielen dürfen und war sofort völlig verloren – die Kiste musste ich haben!

Ich habe mich dann umgehört und bin bei der damals noch jungen Firma Touched by Sound fündig geworden. Die hatten es vom italienischen RAI Rundfunk abgestaubt und haben mir erzählt, es käme direkt von Michael Jackson – klar.

falconi:
Ich besitze ja selbst auch jede Menge Instrumente von Michael. Die waren aber beim Kauf alle voller Affenköttel.

Ton-yb:
Mein Synclavier war förmlich übersät mit Affenkötteln, manchmal finde ich heute noch welche. Das hat natürlich den Preis gedrückt.

Außerdem galt das in den Neunzigern schon als „veraltete Technik“ und war daher halbwegs bezahlbar. Ich musste damals zwar meinen geliebten PPG Wave 2.3 verscherbeln, habe es aber nie bereut.

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Schön wär’s

falconi:
Was ist denn drin in Deinem Synclavier II?

Ton-yb:
Das System, das ich vor fünfundzwanzig Jahren erworben habe, war nur die Basis. Ich habe es immer mal erweitert und mittlerweile auch einige Teile eingelagert, darunter Netzteile, Wandlerkarten, Speichermedien …

Derzeit sieht es so aus:

Synclavier II, ca. 1982

  • Polyphonie: 33 Stimmen
  • Sampler: 1 Mono-Stimme, 16x 12 Bit, bis 50 kHz
  • Wiedergabe per Festplattenstreaming 500 MB Festplattenkapazität
  • FM-Synthesizer: 32 Stereo-Stimmen, 8x 8x 8 Bit, FM, additive Synthese, Resynthese, Timbre-Frame Synthese.
  • 200-Spur-Sequencer
  • MIDI 2 in/8 out, MIDI-TC, CV, Trigger, SCSI
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Synclavier II, derzeit eingelagert in der Gästeküche von Ton-yb

falconi:
Das hier sind die FM-Karten, oder? Wieviel brauchst Du denn für Deine 32 Stimmen?

Ton-yb:
Die FM-Synthese ist organisiert in Blöcken von 8 Stimmen, für die man aber „nur“ jeweils 6 dieser Karten braucht. Mit den 24 Steckkarten in meinem Synclavier II sind also 32 Stimmen möglich. Mehr ginge nur mit einem umfangreicheren Upgrade.

falconi:
Später hast Du Dir dann offenbar noch ein Synclavier 9600 gekauft. Der Trend zum Zweit-Synclavier ist ja ungebrochen…

Ton-yb:
Meine Altbauwohnung hat zwei Küchen und in beide gehören dann natürlich auch Synclaviere rein.

Ein altes Foto vom Aufbau des Synclavier bei Ton-yb.

Ein altes Foto vom Aufbau des Synclavier bei Ton-yb

Außerdem war ich schon angefixt vom Synclavier II und wollte auch das große Modell für Erwachsene haben. Es stammt von einem recht bekannten Komponisten hier in der Nähe. Soweit ich weiß, hat er einige Hollywood Filme damit vertont und auch diverse andere tolle Sachen damit gemacht.

falconi:
Und Du bist einfach hin und hast Dir sein Synclavier 9600 abgeholt, bei Dir aufgestellt und losgelegt?

Ton-yb:
Auch das, was Du in meinem Musikzimmer und der Küche daneben siehst, ist das Ergebnis einer langjährigen Erweiterung, Restauration und Aktualisierung. Mein 9600er ist zwar mittlerweile nahezu voll ausgebaut, das war es beim Kauf aber keineswegs:

Ansammlung

Ebenfalls aus der Aufbauphase: Das komplette System 9600 von Ton-yb, im Hintergrund die Küche, …

3200&9600Front

… in der später diese Racks stehen werden

Synclavier 9600, ca. 1987

  • Polyphonie: 96 Stimmen
  • Sampler: 64 Stereo-Stimmen, 16x 12 Bit, bis 100 kHz, DSP-Timestretching
  • 180 MB Sampling RAM, 32 GB Festplattenkapazität für Sound Librarys, Sequenzen, Software
  • FM-Synthesizer: 32 Stereo-Stimmen, 8x 8x 8 Bit, FM, additive Synthese, Resynthese, Timbre-Frame Synthese
  • Vollanaloges, dynamisches Routing der Einzelstimmen auf 16 symmetrische Ausgänge in Echtzeit
  • Direct-to-Disk: 16 Spur Harddisk Recorder 16 Bit, 100 kHz. 8 Inputs, 16 Outputs, 32 GB Festplattenkapazität für die Aufnahme
  • 200-Spur-Sequencer, phasengenaues Timing der internen Klangerzeugung
  • MIDI 2 in/8 out, MIDI-NET 8x 8 MIDI-Router, MIDI-TC, SMPTE/Vitc, CV, Trigger, SCSI, NED DawN
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Und so sieht es heute in der Küche neben dem Musikzimmer aus: Das linke Rack gehört zum Mischpult von Ton-yb

falconi:
Deine beiden Tastaturen sind wirklich schick.

Pratt-Read-Keyboard in der Tastatur des Synclavier II von vorne …

… und hinten

Ton-yb:
Die frühen Synclaviere hatten ganz einfache, gut spielbare Pratt-Read-Tastaturen, allerdings ohne Anschlagdynamik. Für das polyphone Sampling bot NED dann das größere „V/PK“, sprich „Velocity/Pressure-Keyboard“, an. Die Tastatur wurde von Sequential für den Prophet T8 entwickelt – mit 76 Holztasten, Hammermechanik, optischer Abtastung, Velocity und Poly-Aftertouch. Zudem gibt es zwei Wheels, einen Ribbon Controller und einen Anschluss für die Breathcontroller von Yamaha. Die Tastatur vom „IIer“ hat ein geöltes Mahagoni-Gehäuse, das V/PK hat ein in schwarzes Schleiflack-Finish.

V_PK Tastatur

Synclavier „V/PK“, in ähnlicher Form im Prophet T8

falconi:
Beide Keyboards sehen aus wie frisch aus dem Laden – damit wurde aber doch vor Jahren offenbar richtig intensiv gearbeitet und auch Geld verdient.

Ton-yb:
Die Holzgehäuse habe ich aufarbeiten lassen. Die Bleche auf der Oberfläche des 9600er wurden teilweise abgeschliffen, neu eloxiert und im Siebdruckverfahren neu bedruckt. Die Beschriftung habe ich mit einem CAD-Programm nachgebaut, die Farben habe ich mit einem RAL-Fächer identifiziert. Es gibt hier unten rechts einige Knöpfe, die wirklich nur auf meinem Synclavier beschriftet sind, diese Funktionen kamen erst mit den letzten Updates.

V_PK Tastaturmechanik Detail

Renovierarbeiten an der Tastatur

Hardware Synclavier

falconi:
Was weißt Du über die Technik im Inneren?

Tony-yb:
Wichtig zu wissen: Das eigentliche Kernprodukt von NED war auch in späteren Jahren immer „der Computer“ – ein diskret aufgebauter 16 Bit Rechner – und der darin verbaute Prozessor namens ABLE. Er hat eine spezielle, teilparallele – so genannte „transport triggered“ – Architektur (TTA), die man am ehesten mit heutigen RISC-Prozessoren vergleichen kann. Diese CPU war speziell zur Echtzeiterfassung von Daten und Steuerung von Echtzeitanwendungen optimiert. Daher kam sie dann auch in Forschungslaboren und Raumsonden der NASA zum Einsatz.

ABLE-Processor

Blockschaltbild des sog. „ABLE-Processors“

Anders ist es auch nicht zu erklären, dass – nur als Beispiel – der Sequencer in der Lage ist, 200 Spuren mit massig MIDI-Controllerdaten inkl. Poly Aftertouch rauszuhauen, Samplespeicher, Harddisk-Spuren und Synthesekarten zu verwalten und dabei noch supertight zu sein. Man kann z.B. eine Sequencer-Spur x-mal auf andere Spuren kopieren und mit identischen Sounds wiedergeben. Kein Flanging! Alles  wird phasensynchron ausgegeben.

falconi:
Wir kommen später noch auf den Sequencer zurück.

Ton-yb:
Für die eigentliche Klangqualität des Gesamtsystems sind vor allem zwei Dinge maßgeblich: Die sehr aufwändigen A/D- und D/A-Wandler und die Tatsache, dass es sich sozusagen um ein Cluster von analog summierten Einzelsamplern und Einzelsynthesizern handelt.

Sample-to-Memory

Vier ANALOGIC-Eingangskanäle mit diskret aufgebauten und geschirmten Baugruppen für Sample&Hold, Komparator und Tiefpassfilter

falconi:
So wie beim Akai S900 oder vielen alten Drummachines? Ich habe eine Yamaha RX5, die funktioniert auch so.

Ton-yb:
Prinzipiell schon. Diese Geräte beinhalten aber natürlich keine 192 semi-diskret aufgebauten Wandler, sondern 8 bzw. 12 integrierte Wandlerchips. Und sie kamen auch eine Ecke später auf den Markt.

Der Haken dieser Stimmenarchitektur ist jedenfalls, dass die Stimmen bzw. Wandler fest mit den Einzelausgängen verbunden sind – was bei Beatboxen ja kein Problem ist. Wenn man aber verschiedene mehrstimmige Klänge eines Arrangements gleichzeitig auf getrennte Mixerkanäle schicken will, um sie mit EQ oder Hall zu versehen, verliert man entweder Stimmen, weil irgendwo eine x-stimmiges Piano vorkommt und man die Ausgänge/Stimmen nicht mehr für etwas anderes verwenden kann – oder man hat auf einmal die EQ-Einstellung vom Bass auf einer Stimme des Piano Akkordes, weil der zufällig aus demselben Einzelausgang kommt wie vorher der Bass. Das war z.B. immer ein großer Nachteil des Fairlight CMI.

In meinem Synclavier 9600 hat jede einzelne Stimme zwei Wandler, diese werden per Steuerspannung gepitcht, also jeder Wandler mit seinem eigenen Taktsignal und dann die über eine analoge Matrix in Echtzeit auf den jeweiligen Einzelausgang geschickt. Das ist in dieser Form wohl einmalig. Man kann also trotz diskreter Stimmenarchitektur den Klängen frei ihre Einzelausgänge zuordnen, so wie man es von modernen Samplern gewohnt ist.

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Werbeanzeige zum Synclavier 3200.

falconi:
Jedenfalls ist es kaum vorstellbar, dass heute jemand auf die Idee käme, das in der analogen Domäne zu lösen, geschweige denn, es so zu vermarkten.

Ton-yb:
Es geht sogar noch weiter:

Das Synclavier verwendet Converter, die mit präzisionsgetrimmten Widerständen aufgebaut sind, wie sie auch in den sauteuren, goldenen Edelwandlern der Fa. Lavry oder in einigen High-End Hi-Fi-Geräten eingesetzt werden. Dan Lavry war übrigens an der Entwicklung der Eingangswandler des Synclavier beteiligt.

Das Besondere: Die Wandler im Synclavier sind sogenannte Multiplying-DA-Converter oder MDACs, wie sie auch in den aktuellen SSL-Mischpulten zur Lautstärkeautomation eingesetzt werden. Sie liefern auch bei leisen Signalen immer voll ausgesteuerte 16 Bit. Die Lautstärkehüllkurven werden zwar digital mit einer Auflösung von 8 Bit (in der FM-Sektion) bzw. 12 Bit (in der Samplingsektion) erzeugt, aber von eigenen Digital/Analog-Wandlern gewandelt und anschließend analog mit dem Audiosignal multipliziert. Daher hat das Signal am Ausgang – zumindest theoretisch – einen Dynamikumfang, der einer 24 Bit bzw. 28 Bit Auflösung entspricht.

Blockschaltbild der Klangerzeugung

Blockschaltbild eines „Synthesizer-Kanals“

falconi:
Offenbar wurde auf diese Weise aus der Not, dass man nur 16 Bit Auflösung zur Verfügung hatte, eine Tugend gemacht. Heute stehen ja innerhalb einer DAW bis zu 64 Bit Auflösung für solche Berechnungen zur Verfügung.

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Aktive Filtermodule von APOGEE

Ton-yb:
Das ist nicht ganz so einfach vergleichbar, da das Synclavier ein hybrides Instrument ist. Das Regeln der Lautstärke und das Mischen der Sounds, also das, was eine moderne DAW numerisch in ihrer 64 Bit Fließkommaarchitektur erledigt, geschieht hier auf analoger Ebene: Man hatte erkannt, dass 16 Bit Audio sehr gut klingt, solange man den Dynamikumfang voll nutzt und nicht anfängt, ihn durch digitale Lautstärkeberechnungen zu reduzieren. Daher hat man das Problem der Lautstärkeregelung und Summierung auf der analogen Ebene gelöst. Die Analogtechnik war damals einfach viel weiter entwickelt als digitale Signalverarbeitung. Böse Zungen behaupten ja, sie sei es bis heute noch…

Die haben damals jedenfalls wirklich das Maximale aus der 16 Bit Technologie herausgeholt. Bei den Samplern der neunziger Jahre oder heutiger Software werden alle Stimmen, also die Tonhöhenanpassung, das Filter, die Lautstärke usw. digital berechnet und dann auf einen Einzelausgang geschickt – oder nach digitaler Summierung auf den Summenausgang. Und dort sitzt dann oft noch ein nur mittelprächtiger Wandler. Man hört Aliasing und bei geringen Lautstärken fängt das Signal an zu bröseln.

Alle Synclaviere, auch das „IIer“, klingen dagegen immer sehr direkt, transparent und druckvoll und die Integrität der Signale bleibt auch erhalten, wenn man sie analog zusammenmischt.

falconi:
Beim Zusammenmischen innerhalb des Rechners hat man ja manchmal den Eindruck, dass die Mischung mit jedem zusätzlichen Signal an Tiefe verliert.

Ton-yb:
Auch, aber das meine ich gar nicht. Ich rede hier schlicht über die schiere Klanggewalt eines jeden einzelnen Ausganges des Synclaviers. Auch ein TX816  (Anm.: 8 Yamaha DX im Rack und zufällig in Griffweite) mit seinen Einzelausgängen klingt im direkten Vergleich letztlich weniger konturiert.

Synthese und Klangeigenschaften

falconi:
Wie würdest Du denn den Sound des Samplers beschreiben?

Ton-yb:
Das Sampling klingt saumäßig groß, fett und sauber, quasi „Cinemascope“. Je mehr Samples man schichtet, desto größer und orchestraler klingt es. Im Gegensatz zu normalen Samplern, wo die „Wall Of Sound“ eher kleiner wird, je mehr Samples man gleichzeitig abspielt.

Wenn man in die Extremeinstellungen geht, kann der Sampler übrigens auch sehr eigen klingen und massig Artefakte produzieren.

Wegweisend: Schwingungsform Darstellung im Sample-Editor

falconi:
Was hat denn die FM-Synthese zu bieten?

Ton-yb:
Das ist erstmal alles sehr übersichtlich gehalten. Man baut sich eine additive Träger-Schwingungsform aus einzelnen Sinusschwingungen und kann diese dann per Hüllkurve mit einem sehr fein stimmbaren Sinus-Modulator bearbeiten. In der FM-Terminologie bedeutet das: ein Carrier und ein Modulator pro Stimme. Die Idee dahinter ist so einfach wie akademisch. Mit additiver Synthese kann man zwar theoretisch jede Schwingungsform bauen, aber eben auch nur theoretisch. Komplexere Obertonstrukturen erzielt man mit FM deutlich einfacher. Man benötigt auch nicht unbedingt „Filter“ im klassischen Sinne.

Statt mit einem Tiefpassfilter dynamische Obertöne zu entfernen, lässt man einfach den FM-Modulator dynamisch komplexe Obertöne hinzufügen.

falconi:
Das Schöne an der subtraktiven Synthese ist ja, dass sie relativ einfach zu verstehen ist und vergleichsweise vorhersehbar arbeitet. Das ist sicher der Grund für den Erfolg analoger Synthesizer und samplebasierter Synthesizer.

Ton-yb:
Ohne Frage. Dennoch: Das, was Du hier hörst, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Umsetzung der FM-Synthese von New England Digital aus dem Jahre 1975. Lange vor dem DX7!

Hinzu kommt eine weitere NED Erfindung, nämlich das Stapeln von sogenannten „Partial Timbres“ also Teilsounds, um komplexe Klangverläufe zu programmieren. Jedes Preset, „Timbre“ genannt, besteht aus bis zu 4 unterschiedlichen Einzelsounds, die wiederum FM-, Sample- oder Resyntheseklänge enthalten und per Envelope oder Controller überblendet werden können. Roland hat das später in seine Synthesizer und ROMpler übernommen. Heute findet sich das Prinzip in fast allen Synths und Samplern.

falconi:
Welche Klangformungsmöglichkeiten gibt es noch?

Ton-yb:
Natürlich kann man die Samples zurechtschneiden und loopen. Ferner gibt es LFOs, Hüllkurven mit Delay und Repeat, Stereo-Panner, Arpeggiator, polyphone Portamento- und Chorus/Flanger-Effekte. Man kann im Editor selber digitale Filter entwickeln und auf die Samples draufrechnen. Variable Analogfilter gibt es jedoch – leider – keine. Obwohl die wohl mal geplant waren.

falconi:
Ein Punkt für den Akai S900/950!

Ton-yb:
Bämm! Ja, natürlich ist das schade, man stelle sich vor … aber andererseits klingt die Chose dadurch sauberer und man verfällt nicht so einfach in die üblichen Sound-Klischees, sondern konzentriert sich eher auf die anderen Klangformungsmöglichkeiten.

Der Gag ist nämlich auch, dass das Ganze durch seine Einfachheit sehr intuitiv und schnell bedienbar wird. Es gibt für jede Funktion einen roten beleuchteten Knopf. Ich kenne z.B. keinen FM-Synthesizer oder Sampler, an dem das Soundschrauben derart viel Spaß macht. Man verliert sich nicht in Menüs, einfach weil es keine gibt.

falconi:
Warum gibt es dann die Software? Und wie kommt die Bedienoberfläche auf Deine schicken Apple-Monitore?

Ton-yb:
Das Synclavier besitzt keinen VGA-Ausgang, sondern nur einen seriellen Terminalport, sprich RS232, der mit einem speziellen Terminal Emulator Programm auf dem Mac kommuniziert. Das Signal setze ich erst auf USB um und dann von USB auf Thunderbolt. Über einen Thunderbolt-Hub geht es in meinen Apple … und auf den Apple-Schminkspiegel, äh, Bildschirm.

falconi:
So einfach ist das!

So einfach ist das! Terminalprogramm mit Anbindung via RS323 to USB to Thunderbolt.

So einfach ist das! Anbindung via RS323 to USB to Thunderbolt.

Ton-yb:
Es gibt von Synclavier Digital seit einiger Zeit eine PCI-Express Karte zur Einbindung des Mac. Diese verlagert die Aufgaben der Synclavier CPU einschließlich Soundverwaltung und Massenspeicher komplett in den Mac und es ist auch keine Bootfloppy oder SCSI-Festplatte mehr notwendig. Ich habe zwar ein Macbook in meinem Musikzimmer, an den ich ein Thunderbolt/PCI Chassis ranhängen könnte. Aber bisher komme ich mit der einfacheren Lösung ziemlich gut klar. Und die war tatsächlich Plug’n’Play.

Die Software selbst dient zum einen ganz banal der Soundverwaltung und -benennung. Aber natürlich ist es möglich und auch sinnvoll, Sounds auch am Bildschirm zu editieren. Bei FM geht das grafisch oder auch ganz kryptisch numerisch. Der Sampler hat eine Schwingungsform Darstellung: Man kann am Bildschirm zoomen, auswählen, schneiden, loopen usw.

Das ist vom Prinzip her sogar heute noch alles recht luxuriös. Damals war es echte Raketentechnik. Audiosoftware mit passendem Hardware-Controller eben.

falconi:
Ist die „Timbre Frame-Synthese“, die Du eben beschrieben hast, eine Spezialität von NED?

Ton-yb:
Eigentlich ist das eher ein Nebenprodukt der Resynthese-Funktion. Dabei werden die Samples analysiert und in einzelne additive Schwingungsformen-„Frames“ unterteilt, die bei der Wiedergabe der Reihe nach durchfahren werden. Dieser Vorgang dauert eine ganze Weile. Das resynthetisierte Sample ist dann auf dem Keyboard spielbar, wobei die Sample-Länge unabhängig von der Tonhöhe ist. Vom Prinzip ähnlich wie der PPG „Waveterm“ – der legt aber die Wavetables unveränderbar als Tabelle im Speicher des Wave Synthesizers ab.

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Anstrengend: Numerische Editierung der Timbre Frame-Synthese

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Aber es geht auch anders: Grafische Editierung der Hüllkurven einzelner Harmonischer

Harmonic

Einen Hauch von Fairlight bietet das „3D Harmonic Display“

Beim Synclavier spuckt der Synthesizer die einzelnen Frames der Analyse-Schwingungsformen nacheinander in Echtzeit aus; daher haben sie es „Timbre Frame- Synthese“ genannt. Man kann nachträglich bei jedem einzelnen Frame die additive Zusammensetzung, Lautstärke, Dauer, Tonhöhe, Überblendung ändern, die Loop-Punkte verschieben usw. Und das Ganze natürlich noch mit dem FM-Modulator bearbeiten. Man könnte so einen Sound also auch ohne Sampling von null auf programmieren. Alles live: Knopf gedrückt, Rad gedreht und man hört sofort das Ergebnis.

falconi:
In einer richtigen DAW hätte man ja gerne Effekte, zumindest ein paar Delays oder irgendeinen Hall.

Ton-yb:
Das Synclavier hatte einen anderen Fokus. Das klassische Mischpult mit guten Outboard-Effekten war damals in Profistudios sowieso vorhanden und daher hat diese Funktionen erstmal keiner vermisst. Halleffekte gibt es daher nicht.

Anfang der Neunziger erschienen dann aber doch die erwähnte „DSP-Option“ als Mischpultersatz und DSP-Karten für Timestretching und Sample Rate Conversion. Ich nehme schon an, dass später auch Hall- und Delay Effekte geplant waren – es hätte halt „nur“ noch jemand die Algorithmen programmieren müssen. Aber zur der Zeit war dann leider schon Schluss bei New England Digital.

falconi:
Welche Sounds hast Du denn?

Ton-yb:
Ich habe eigentlich alle offiziellen Werks-Librarys, 32 GB an Samples und endlos viele FM-Presets. Auch Sounds von einigen bekannten Leuten: Die „Sonic Images“, „Bob Clearmountain“ oder „Denny Jaeger“ Librarys wurden ursprünglich für das Synclavier entwickelt und später auch für den AKAi S1000 konvertiert.

Sämtliche SCSI-Speichermedien habe ich vor einiger Zeit durch vier CF-Cards ersetzt, mittlerweile gibt es sogar eine Adapterlösung, die alles auf einer Karte ablegt. Ich denke, ihr habt so etwas schon vorgestellt.

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SCSI-Adapter für CF-Speichermedien

falconi:
Du meinst unseren „DOC Analog“ zum FZ-20M mit SCSI …?

Ton-yb:
Ja. Mit den CF-Karten ist der Arbeitsfluss an meinem Synclavier schneller und sicherer geworden. Und natürlich ist das Rack in der Küche nun auch etwas leiser und kühler. Der Stromverbrauch ist leider immer noch hoch genug.

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch fand im Juni 2016 in Berlin statt. Auf Wunsch unseres Interviewpartners wurde dessen Name anonymisiert. Wir freuen uns besonders über Anmerkungen und Ergänzungen anderer Besitzer und Nutzer dieses schönen Instrumentes. Auch Ton-yb nimmt gerne an der nachfolgenden Diskussion teil.

Weiter mit unserem Synclavier-Interview geht’s HIER KLICKEN … unter anderem geht’s ganz viel um Pop- und Filmmusik aus den Achtzigern und – natürlich – um das aktuelle Synclavier-Plug-in von Arturia. 

We’ll be back!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    costello  RED

    Eigene Erfahrungen zum Synclavier kann ich leider nicht beisteuern. In meiner Küche gibt es einen Kühlschrank und sogar einen Dampfgarer, aber keine tonnenschweren NED-Racks ;-)
    Aber danke für ein kurzweiliges und informatives Gespräch, dem ich auf jeden Fall entnehmen konnte, dass ein Synclavier auch heute noch viel mehr ist als nur eine Vintage Dreammachine – nämlich eine intuitiv benutzbare Workstation mit fast unbegrenzten Möglichkeiten und einzigartigem Sound.

    • Profilbild
      Ton-yb  

      Freut mich, daß Dir der Beitrag gefällt!
      Das Interview hat riesen Spass gemacht.
      Ich habe die vintage Artikel auf Amazona immer gerne gelesen und wollte mal was zurück geben ;-)

      Es freut mich auch, wenn rüberkommt, das man das Synclavier auch wirklich noch mit Vergnügen zum Musik machen nutzen kann.

      • Profilbild
        falconi  RED

        Yo.
        Was ich sagen wollte – und im Text leider missverständlich formuliert habe: Ein 16 Bit-Signal wird nicht 28 bittig, nur weil man seine Lautstärke mit 12 Bit regelt.;)
        Man vermeidet aber die Auflösungsverluste, die entstehen, wenn man einige der ohnehin nur spärlich vorhandenen Signalbits auch noch für die Lautstärkeregelung nutzt. Und genau das wird beim Synclavier gemacht…
        So ist’s korrekt…

  2. Profilbild
    falconi  RED

    Kleine Korrektur von Ton-yb und mir:
    Das Signal der FM-Karten wird tatsächlich nur mit einer Auflösung von (voll ausgesteuerten) 8 Bit gewandelt, durch analoge Multiplikation mit einer ebenfalls 8 bittigen Hüllkurve ergibt sich ein Ausgangssignal mit einer Amplitudenauflösung äquivalent 16 Bit. Es enthält das Quantisierungsrauschen der vorherigen 8 Bit-Wandlung enthält, welches aber weitgehend vom Signal maskiert wird.

    Beim Sampler sind es 16 Bit (Signal) plus 12 Bit (Hüllkurve).

    • Profilbild
      Ton-yb  

      Na, wir schmeissen ja im Bericht auch ganz schön mit Bits und Bites umher ;-)
      Wie man im Blockdiagram der FM Karten gut erkennen kann, werden die 8Bit Wandler mit 8Bit Hüllkurven multipliziert, die wiederum mit 8Bit Controllerdaten (z.B. Pedal) multipliziert werden. Also 8x8x8Bit. Ziemlich eigensinnig der Aufbau. Aber es funktioniert super.

      • Profilbild
        falconi  RED

        Yo.
        Was ich sagen wollte, im Text aber leider missverständlich formuliert habe: Ein 16 Bit-Signal wird nicht auf einmal 28 bittig, nur weil man seine Lautstärke mit 12 Bit regelt.;)

        Man vermeidet aber genau jene Auflösungsverluste, die entstehen, wenn man einige der ohnehin nur spärlich vorhandenen Signalbits auch noch für die Lautstärkeregelung nutzt. Und genau das wird beim Synclavier gemacht…
        So ist’s klarer, denke ich…

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    AMAZONA Archiv

    Schade das der Fairlight so oft im Vordergrund stand. Ich lese seit Ende der 80er Keyboardmagazine, habe aber erstaunlich wenig zum Synclavier erfahren können. Danke für diesen Artikel. Ich freue mich schon auf den Sequenzerteil. Eine aktuelle DAW kann dann wohl einpacken. ;)

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    nativeVS  

    Sehr schöner artikel, man sollte aber vielleicht anmerken dass Fairlight ursprünglich nur additive synthese gemacht hat (Qasar M8) und erst 1979 sampling hinzu gefügt hat und dann mit dem CMI gross geworden ist. Der CMI 3 hatte dan später auch endlich die möglichkeit ‚dynamisch‘ stimmen zu mixen und noch später ab MFX2 hat man die hardware zur workstation misbraucht, aber vergleichbar waren Fairlight und Synclavier eigentlich nie.
    Es würde mich jetzt natürlich noch interessieren wie der Waveframe/Soundframe damit zu vergleichen ist der ja wirklich nur HD recording und Sampling konnte, aber auch noch bis in die moderne DAW zeit weiter entwickelt wurde.

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      Ton-yb  

      Danke Dir. Wir wollten den Fairlight unbedingt erwähnen aber haben versucht nicht zu tief in die Materie einzusteigen weil das CMI nicht das Thema des Berichtes ist.
      Das CMI (damals Quasar) war zwar wie Du richtig sagst ursprünglich mal als additiver Synth geplant, aber dabei hat man eben zufällig entdeckt, das es viel spannender ist mit der gleichen Hardware zu samplen und das war dann beim ersten Fairlight das eigentliche Verkaufsargument. Der Multichannel Router des Fairlight III kam wie im Artikel beschrieben erst ganz kurz vor Produktionsende und ist daher wohl auch ziemlich selten. Das MFX kam dann erst 89 nach Bankrott und Neugründung von Fairlight und ist dann ja eigentlich ein reines HD recording System (kein Lightpen, kein Keyboard mehr). Es lässt sich zwar auch als CMI booten weil man auf der CMI3 Hardware aufgebaut hat, aber eben nur entweder oder. Es ist also keine Workstation.

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      falconi  RED

      Ja, der Waveframe war sogar mal Teil meiner Einleitung; ich habe ihn dann aber wieder rausgeschmissen, weil er deutlich später und aus Deutschland kam, und ich festgestellt habe, dass der Kerngedanke hinter ihm auch ein anderer gewesen sein muss.
      Vielleicht schreibt ein PPG-Kenner mal einen schönen Bericht über den Waveframe…

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        micromoog  AHU

        Verwechselst du da nicht Waveterm mit Waveframe?
        Waveframe hatte ja nix mit PPG zu tun und war ja in seiner Zeit ein 19″-Sampler/16 Spur HD Recorder mit PC Bedienung.
        Cretu und Frank Peterson schwörten bis Anfang/Mitte der 90er darauf.

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          falconi  RED

          Ja!
          Den „-frame“ hatte ich sogar selbst mal, und „-term“ war Teil meiner Einleitung. Ich kenne ihn aber nur aus Beschreibungen und Tests.
          Wäre sicher einen ausführlichen Beitrag wert…

          Danke.

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        phoenix

        Wobei das im Video aber der Quasar 1 oder 2 ist. Der Fairlight CMI basiert auf dem Quasar M8, den Furse danach entwickelt hat. Fairlight wollte damit Natursounds erzeugen, was aber nicht so recht klappte. Deshalb entschloss man sich zu „cheaten“ (Zitat von Ryrie / Vogel) und mit gesampelten Wellenformen zu arbeiten. Sie empfanden das wirklich als „kleine Lüge“ und nicht als die Sensation, die polyphones Sampling damals darstellte.

        Übrigens hatte auch NED mit dem heiligen Gral der Natursoundimitationen anfangs Probleme. Denny Jaeger bot sich als Sounddesigner für das Synclavier I an und konzipierte auf Basis seiner Erkenntnisse zusammen mit NED die Struktur des Synclavier II (u.a. umfasste das die vier separaten Partial Timbres, die das 1er Modell nicht hatte).

        Der Fairlight wurde ja u.a. wegen der Lichtgriffelbedienung so populär. NED ließ dazu seinerzeit verlauten, dass das sicher eine nette Spielerei sei und womöglich gut genug, um Musiker mit Computerphobie anzulocken – immerhin war das damals ja noch unübliche Technik. Aber sie fanden es für ernsthaftes Arbeiten viel zu ungenau und zogen eine solche Eingabemethode für das Synclavier nicht in Betracht.

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          Ton-yb  

          Hallo Phoenix,
          ein top Kommentar, danke.
          Genau wie Du schreibst: Das Synclavier I hatte in der Tat noch keine „Partials“. Die Idee hat Danny Jaeger dann entwickelt um mit den noch recht einfachen Mitteln des Synclavier FM-Synths per „stacken“ realistischere Klänge programmieren zu können.
          Der Lichtgriffel des Fairlight hat als futuristisches PR-Feature super funktioniert. In der Praxis hat NED mit der Kritik das sei keine professionelles Nutzerinterface aber recht. Ernsthaftes Programmieren, insbesondere über einen längeren Zeitraum, ist damit umständlich und extrem unergonomisch. Es fällt einem einfach irgendwann der Arm ab (die Pros haben dann beim CMI sowieso vor allem das alphanumerische Keyboard genutzt). Dieses Ergonomieproblem war übrigens angeblich auch der Grund für Steve Jobs keinen I Mac mit touch-Funktionalität rauszubringen. :)

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            phoenix

            Ich hab hier noch ein „selbstgebasteltes“ Audiosystem mit Terminaloptik und Lichtgriffel dran und habe die Nachteile schon am eigenen Leib erfahren dürfen. Wenn ich mich unbeobachtet fühle oder länger zu tun hab, nehm ich insgeheim Maus und Tastatur. ;)

            Denn neben dem Gewicht des Armes wiegt der Griffel ja auch was – das ist ähnlich angenehm wie früher in der Schule, wo man den Ausführungen des Lehrkörpers zuweilen mit vorgestreckten Armen und aufgelegtem Zeigestock folgen durfte. Ohne Abstützen ist längeres „malen“ nicht möglich. Dazu kommt ein störrisches Spiralkabel, dass sich gerne wie eine Telefonschnur zusammenknäult und gegen das man unbewusst immer mit dem Handgelenk anarbeitet. Und wenn man dann endlich die richtige Detailstelle auf dem Monitor getroffen hat, hat es der Griffel natürlich wieder nicht mit bekommen, weil Sonne und Mond in Konjunktion zueiander standen… oder warum auch immer. Aber solche Erfahrungen waren sicher auch ausschlaggebend dafür, dass beim CMI III der Griffel durch ein Pad ersetzt wurde.

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              falconi  RED

              Wie bei Männern im fortgeschrittenen Alter…;)

              Und im Ernst: Das Gesetz der Schwerkraft wäre ja auszuhebeln gewesen, in dem man die Oberfläche des (damals: Röhren-) Screens mehr oder minder waagerecht in einer Tischplatte oder einem Bedienpult versenkt. Ein frühes Wacom Grafictablet sozusagen. War aber damals offenbar keine vorstellbare Option…

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    Son of MooG  AHU

    Es erstaunt mich immer noch, wie sich die Technologie in wenigen Jahren entwickelte. Waren 100000$ und mehr Ende der 70er normal, konnte ich meinen Mirage Ende der 80er als Ladenhüter für 900,- DM incl. sämtlicher Werks-Sample-Disks ergattern. Ganz zu schweigen von aktuellen SW-Emulationen…

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    k.rausch  RED

    Ha, das ist echt klasse geworden, die perfekte Ergänzung zum Fairlight Artikel. Und der ich-verrate-meinen-Namen-nicht Synclavier-Besitzer hat einen super Humor.

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    falconi  RED

    Den Fairlight-Artikel…den ich übrigens bis eben – mea maxima culpa – gar nicht kannte (ich war zu der Zeit auf Reisen), sonst hätte ich bestimmt Bezug darauf genommen. Ich danke Dir!

    Einen lieben Gruß,
    Falk.

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      k.rausch  RED

      Die Freude ist auch auf meiner Seite. So viele Fakten über Synclavier kannte ich bislang nicht, trotz ganz gut bestücktem Fachbucharchiv. Dazu all die Fotos, echt cool. Bin schon gespannt auf Teil 2 :)

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    TobyB  RED

    Hallo ihr Beiden,

    schöner Artikel. Sehr nerdig aber lustig. Auf die Idee den Monitor über RS232 auf ein Terminal zu leiten, muss man erstmal kommen. Das ist schon fortgeschrittener Nerdmodus mit sehr guten Unix Kenntnissen.

    In diesem Sinne: Heute bleibt die Küche kalt, es steht dort ein NErD Rack halt.

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      Ton-yb  

      :))) Oder: Elektrische Gerüche strömen aus der Nerd-Küche!
      Die Terminal Emulation musste ich zum Glück nicht selber programmieren. Cameron Jones, einer der Väter des Synclavier bringt nach wie vor immer mal wieder aktualisierte Software raus.
      Grüße!

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        TobyB  RED

        Hallo Tony,

        das hoffen wir mal nicht, elektrischer Geruch kommt meist mit dem Ableben von Bauteilen daher, in der Konsequenz geht dann irgendwas nicht mehr. Ich habe einen Freund der hat in der Küche zwar keine Instrumente. Aber dafür vintage Computerhardware von Sun und Silicon Graphics in der Küche, weil dort ein 380 V Anschluss ist. Die haben dann so schöne Namen wie, Keksdose(Firewall), Brotdose(BIND-DNS), Pizzablech(Managed Switch, Kuchenblech(Storage) und Hutschachtel(SGI Indy) und Gimli(SGI O2), gekocht wird da auch nicht. ;-) Es gibt nur einen Kühlschrank mit Bier, Cola, Limo, Wasser.

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        xaez  

        Eine sehr instruktive und nicht zu „trockene“ Einführung in die Materie des NED Synclavier.

        Mit der Zuarbeit v. C. Jones zu arturia Synclavier V, ist wieder ein interessantes innovatives vsti entstanden, merci.

        Hoffen wir nur, daß dieses vsti in Richtung Sampling, Resynthese weitere Updates erfährt.

        Die Tatsache, daß die Resultate des vsti wieder in die Hardware exportiert (und von dort importiert) werden können spricht für sich.

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    TobyB  RED

    Meine erste Begegnung mit dem Synclavier war der Film „Beat Street“, als in der Studioszene ab 1h15min erst ein ARP 2600(?) verschwommen auftauchte und nach einem Schnitt und Kamerafahrt ein Synclavier, welches von Kenny mit einem „Hip Hip dont stop“ abgeschossen wurde.

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      xaez  

      na das passt doch, :)

      Soweit ich mich entsinne, wurden da willkürlich mehrere „red buttons“ gedrückt und das System verstummte +++ (Interna: hier haben die Bedienelemente einer Boeing-52 Pate gestanden)

      Übrigens findet man unter http://www.500sound.com (Synclavier European Services London) ebenfalls Wissenswertes zum Thema NED Synclavier.

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    iggy_pop  AHU

    Con Brio würde ich eher unter der Rubrik „Kuriosa“ unterbringen, da die Teile im Grunde nie in Serie gefertigt wurden und vielleicht drei oder vier Exemplare jemals funktionsfähig waren. Der Alpha Syntauri (und dito auch der Greengate DS-3) kam erst, als Fairlight und Synclavier längst etablierte Standards waren.
    Meine erste Begegnung mit dem Synclavier war dieser Streifen mit John Travolta, wo er als Sounddesigner beim Film einen Unfall aufnimmt (mit Nagra III) — da stand ein S2 in einem Studio.
    Dann natürlich „Home of the Brave“ von Laurie Anderson, wo sie ein S2 spielt, sowie ein paar Alben von Bill Nelson.
    Als ich es dann mal bei Pat Metheny sah, habe ich mir die Prospekte bei Harman bestellt. Lange ist’s her.

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      TobyB  RED

      Blow Out von Brian de Palma. Sehr 80er der Film aber definitiv ein sehr guter de Palma und sicher eine Travoltas besseren Performances.

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      falconi  RED

      Ja, Du hast recht.

      Was ich nur verdeutlichen wollte: Es gab tatsächlich noch mehr Ansätze als CMI und Synclavier. In der Kürze einer Einleitung läuft man ja immer Gefahr, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht, vor allem, wenn es noch gar keinen Standard gibt.
      Den Syntauri sehe ich als eine späten, recht eingeschränkten und nerdigen Versuch, auch Normalverdienern das Musizieren am einem Bildschirmarbeitsplatz zu „verkaufen“.

      Noch mehr „Kuriosa“ US-amerikanischer Provinienz, denen man in Europa sicher nicht begegnen wird, u.a. in dem Buch „Vintage Synthesizers“ von Mark Vail, eine Empfehlung für alle amazona-Leser.

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    renovatio06

    Wow! Das war echt lehrreich und informativ! Ich hab zwar den Eindruck, dass ich einen Grundkurs Elektrotechnik belegen sollte um alles in der Tiefe voll erfassen und schätzen zu können. Aber dass und warum das Synclavier seiner Zeit weit voraus war hat sich mir – denke ich – auch so erschlossen. Und die Klangbeispiele demonstrieren eindrucksvoll, wie sich dieser „Vorsprung durch Technik“ (Audi sehe mir das Zitieren ihres Claims an der Stelle nach) anhörte, oder sollte ich eher sagen: Anfühlte? Danke. Großer Sport, hier!

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      psv-ddv  AHU

      Schön, zu hören, daß die Klangbeispiele etwas vom Hören&Fühlen rüberbringen. Ich war mir unsicher ob sich die spezielle Wucht und Körperlichkeit des Synclavier Klanges durch den Flaschenhals mp3 zwängen lassen. Wenn das so funktioniert, ist es ja auch ein Indiz dafür, daß hochwertige Aufnahmen und Musikinstrumente selbst im Zeitalter von Youtube und Billigohrstöpseln noch eine Berechtigung haben.

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        renovatio06

        Unbedingt! Daher geben Studios, die was auf sich halten, ja immer noch Tausende von Euros für Outboard-Equipment wie z.B. analoge Kompressoren usw. aus. Außerdem ist MP3 m.E. unterschätzt. Die Technologie an sich sollte ja nur Sachen rausfiltern, die das menschliche Ohr definitiv nicht wahrnimmt. Wer natürlich mit Apple-Stöpseln Musik hört, dem ist nicht zu helfen… ;)

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        Ton-yb  

        Interessantes Thema. Die Klangbeispiele hatte ich ursprünglich übers Pult mit eimem Prism ADA-8 Wandler im 24/96 Format aufgenommen. Da sind sie sehr dicht am Originalklang. Dann habe ich sie in das 16/44,1 Format konvertiert und Falconi hat sie für die Webseite in mp3 umgewandelt. Auf diesem Weg verändert sich der Klang schon ein wenig in Richtung flacher. Will sagen, es macht einfach nochmal mehr Spaß das in 24/96 oder sogar direkt vom Pult zu hören. Auf der anderen Seite habt ihr Recht, ein Großteil der Klangeigenschaften ist auch als mp3 noch gut hörbar. Eine gute Tonband Aufnahme klingt ja auch nicht unbedingt wie das Original…die klingt dann vielleicht sogar eher besser ;)

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      falconi  RED

      Hallo,
      danke.
      Wir haben Frank Zappa im zweiten Teil auch erwähnt, wo es mehr um Künstler und deren Musik geht, und zwar wahrlich „von Abba bis Zappa…“

      Viel Spaß beim Lesen!

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      Ton-yb  

      „Jazz from Hell“ waren quasi die frühen Gehversuche Zappa’s auf dem damals noch monophonen Synclavier. Er hat immerhin einen Grammy dafür bekommen. Seine späteren Arbeiten mit dem grossen, polyphonen Synclavier Besteck, insbesondere „Civilisation Phase III“ sind nochmal auf ganz anderem Niveau und gehören sicher zum technisch und musikalisch anspruchsvollsten was je mit einem Sampler aufgenommen wurde. Undbedingte Hörempfehlung!

  12. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Eine zentrale Rolle spielte das Synclavier auch durchgehend auf dem „Non-Stop Erotic Cabaret“ Album von Soft Cell (inkl. „Tainted Love“).

    http://www.....inted-love

  13. Profilbild
    marc-le-rhine

    Vielen Dank für den tollen Artikel !
    Wünsche mir noch mehr davon.

    Bin selbst seit über 35 Jahren dabei und mit PPG groß geworden und freue mich trotz der aktuellen hightech-Möglichkeiten auch immer wieder über ein wenig „Nostalgie“.
    Danke an Ton-yB und falconi.

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