Interview Dave Rossum E-MU, Teil 4

11. Juli 2015

E-MU Reborn? Rossum Electro-Music

Von links nach rechts: Marco Alpert, Scott Wedge, Dave Rossum und Ed Rudnick anlässlich des 30. Firmenjubiläums von E-MU

Im vierten und letzten Teil unserer Interviewserie erzählt uns Dave Rossum von der letzten Phase der bewegten Geschichte von E-MU, von seiner persönlichen Art mit Rückschlägen umzugehen und seinen Zukunftsplänen.

Hier nun die Links zur kompletten Interview-Reihe:

Ein paar Anmerkungen von Dave zu dem oben abgebildeten Foto und den Machern von E-MU:

„Wir vier bildeten das Kernteam von E-MU Systems. Scott war Mitbegründer von E-MU und langjähriger CEO, bis zur Übernahme durch Creative. Seither ist er „gainfully unemployed“ (gewinnbringend arbeitslos). Er bastelte ein bisschen an Audiokommunikationssystemen für die Luftfahrt rum, fand aber nie den Weg zurück in die Industrie. 

Marco Alpert begann 1976 für E-MU zu arbeiten und war für viele Jahre stellvertretender Leiter des Marketings. 1994 verließ er E-MU und wurde Marketing Berater für AKAI. Die letzten 17 Jahre (bis November 2014) arbeitete er für das Marketing von Antares.

Ed Rudnick war unser erster Angestellter und stieß 1973 zu E-MU. Er war unser Cheftechniker, stellvertretender Leiter der Produktion und Chef der Qualitätssicherung. Er verstarb 2008 an Krebs. Wir vermissen ihn sehr. 

Peter:
Ende der 90er Jahre zeichnete sich ab, dass Synthesizer mit vielen Knöpfen wieder attraktiv wurden. E-MU hatte einst angefangen mit modularen Synthesizern. Gab es damals nie den Plan, einen modernen, analogen Synthesizer zu bauen, statt einen Proteus nach dem anderen auf den Markt zu bringen?

Dave:
Für mich war stets klar, dass Musiker eine physische Verbindung zum Instrument suchen und dass Knöpfe, Schalter und Patch-Kabel Teil dieser Verbindung sind. Für mich persönlich kam es auch sehr darauf an, wie sich ein Knopf anfühlt, und so ließ ich beispielsweise für unser Modular System Knöpfe aus Aluminium statt aus Plastik, wie damals bei Moog üblich, herstellen. Doch die Kosten bestimmen den Preis, der Preis den Absatz und der Absatz den Gewinn. (But cost drives price, price drives volume, volume drives profitability.)
Knöpfe, Schalter und Buchsen machen den größten Teil der Kosten eines Modular Synthesizers aus.
Und das Moor’sche Gesetz, wonach digitale Komponenten von Jahr zu Jahr günstiger werden, gilt hier natürlich nicht.

Planet Close

Einer von vielen E-MU Proteus Ablegern, der E-MU Planet Earth

Peter:
Im Gegensatz zu anderen großen Namen wie Moog, Arp, Sequential Circuits oder Oberheim habt Ihr Euch Anfang der 80er Jahre radikal von den analogen Synthesizern abgewendet. Weshalb?

Dave:
Zu Beginn der 80er Jahre war der Markt für modulare Synthesizer ausgetrocknet, unsere Verkäufe gingen auf beinahe Null zurück. Wir haben unser Lager leerverkauft und diesen Schritt nie bereut. Der Markt gab uns Recht bis zur ersten Hälfte der Nuller Jahre. Obwohl einige Musiker die analoge Wärme und den direkten Parameterzugriff an digitalen Synthesizern vermissten, waren bis vor Kurzem nur wenige Leute bereit, dafür auch einen höheren Preis zu bezahlen.
Unter der Führung von Creative wurde E-MU etwas risikoscheuer. Noch in den 90er Jahren unterstützten sie uns in der unsicheren Entwicklung von Darwin und Ivy. Später mussten wir jedoch sicherstellen, dass alle unsere Produkte profitabel seien. Analoge Synthesizer galten zu Beginn der Nuller Jahre als ein unsicherer Markt.

E-MU Darwin 8-Spur HD-Recorder im EMU IV-Gehäuse

Peter:
Mit dem DARWIN versuchte E-MU auch einen Fuß in die HD-Recording-Welt zu setzen. Wie kam es dazu und wie erfolgreich war das?

Dave:
Mit der Unterstützung von Creative versuchten wir, im breiten semi-professionellen Sektor Fuß zu fassen. Wir hatten unsere eigene Idee eines digitalen Studios, das Instrumente, Aufnahmegeräte und Mischer nahtlos miteinander verband. Das einzige Produkt dieses Konzeptes, das es bis zur Marktreife schaffte, war der Harddisk Rekorder Darwin. Mit der Unterstützung durch Creative konnten wir Lizenzen für spezielle Technologien erwerben, die wir selbst nicht entwickeln konnten. Die geplante Mischerkonsole Ivy wurde indes nie veröffentlicht.
Bedauerlicherweise war Darwin nicht wirklich konkurrenzfähig, er mit zu wenigen Features zu einem zu späten Zeitpunkt veröffentlicht. Zeitgleich waren leistungsfähigere Alternativen verfügbar, und reine Software Lösungen standen kurz vor dem Durchbruch. Darwin war eigentlich ein tolles Produkt, doch fehlte es ihm an einigen essentiellen Funktionen und hatte ein paar Bugs. Wir hatten Pläne, all dies beheben, doch ohne vorhandene Nutzerbasis und entsprechende Einnahmen, wurden sie nie umgesetzt.

Peter:
Was hätte man aus Deiner Sicht bei Darwin besser machen können?

Dave:
Darwin war das erste Projekt, das mir große Versäumnisse in der Kommunikation zwischen Marketing und Entwicklung von E-MU aufzeigte. Die Ingenieure arbeiteten hart, um ihre Vision von Darwin umzusetzen, doch als das Produkt bereit war, meinten die Marketing Leute, dass einige wichtige Funktionen fehlten und Darwin deshalb kaum zu verkaufen sei. Alle waren sehr erstaunt. Die Marketing Abteilung ging davon aus, dass die fehlenden Features während der Entwicklung berücksichtigt würden, während die Ingenieure darauf hinwiesen, dass sie nicht alles umsetzen könnten und sich deshalb auf die Kernfunktionen konzentrierten.
Bei Ivy lief es noch schlechter; das Projekt wurde nach langer Entwicklungszeit gestoppt.

Peter:
Als AKAI seinen S5000 und S6000 mit unglaublich vielen Bugs auf den Markt brachte, hattet ihr die Emulator IV Ultra-Serie dagegen gesetzt. Ich hatte damals das Gefühl, dass AKAI mächtig an Boden verlor und EMU sich weltweit in den Studios durchsetzte. War das so?

Dave:
Akai hat damals gewiss Boden an E-MU verloren, doch weiß ich nicht, welchen Anteil daran der Emulator IV Ultra hatte. Der Ultra war ursprünglich als Neuentwicklung angelegt. Da aber der Aufwand, die Software komplett neu zu schreiben, zu groß war und zudem die G-Chip II Sound Engine immer noch konkurrenzlos gut war, entschieden wir uns, die Leistungsfähigkeit des Prozessors zu erhöhen sowie die Software schrittweise zu verbessern. Dieses schrittweise Vorgehen ersparte uns gewiss eine Menge Bugs. Das Produkt war sowohl leistungsfähig wie zuverlässig. Der Emulator IV Ultra wird heute noch in manchen Studios weltweit genutzt.

Die Ultra-Serie war die Krönung der E-Mu IV Produktreihe

Peter:
In einem Hörtest verglichen wir den EmuIIIXP und den Emulator IV. Alle waren sich darin einig, dass der EmuIIIXP wärmer und etwas analoger klang als der Emulator IV.

Dave:
Klang ist eine sehr subtile Angelegenheit, und jeder „wissenschaftliche“ Vergleichstest sollte als „Doppel-Blind“ Studie angelegt sein, was bedeutet, dass auch der Spieler nicht weiß, welches Instrument er gerade spielt bzw. über MIDI ansteuert. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Zuhörer keinerlei versteckten Hinweise bekommt, welches Instrument zu hören ist.
Zurück zur Frage: Die Filter der Emulator Modelle IIIXP und IV werden in beiden Instrumenten von H-Chips generiert, mathematisch sind die Filter bis ins letzte Detail identisch. Dennoch habe ich zwei Erklärungsansätze für leichte Klangunterschiede.
Erstens könnte die Programmierung der H-Chips unterschiedlich sein. Jeder Filter verfügt über acht 16 Bit Koeffizienten, die verschieden programmiert sein könnten. Jede Abweichung hätte einen Einfluss auf den Klang. Da ich keinen Zugang zum Quellcode beider Synthesizer habe, kann ich hierzu keine Aussage machen.

Zudem nutzte der EmuIIIXP die 32-Stimmen Version des G-Chip, während der IV zwei G-Chips der zweiten Generation für ein 128 Stimmen Design vereinte. Mathematisch unterscheiden sich die beiden Versionen der G-Chips leicht: Bei der Sample Interpolation (für Pitch Shifting) kommen leicht andere Algorithmen zum Einsatz. Der G-Chip I hatte 32 Stimmen, der G-Chip II deren 64 bzw. in einer Dual-Konfiguration 128. Welcher Chip in einem bestimmten Produkt zum Einsatz kam, kann man aus folgender Tabelle ablesen:
32 Stimmen: G-Chip I
64 Stimmen: G-Chip II
128 Stimmen: zwei G-Chips II

Der G-Chip II klang etwas heller in seiner gebräuchlichen Konfiguration, was eine unverfälschte Wiedergabe des Original Samples ermöglichte, jedoch mit einem etwas weniger warmem Sound.

Peter:
Du hast als einer der ersten damit begonnen, quasi einen virtuell analogen Synthesizer zu erschaffen. Hast Du Dein Wissen damals mit anderen geteilt?

Dave:
Der Emax II war das erste E-MU Produkt, das mit dem H-Chip bestückt war – unser digitaler Filter Chip. Das Ziel war, ein digitales Filter mit „analogem“ Klang zu entwickeln, was wir offensichtlich auch erreichten. Dazu habe ich übrigens einen technischen Aufsatz verfasst, der heute noch im Netz verfügbar ist: „Making Digital Filters Sound Analog.“ (Anmerkung der Redaktion: Wir veröffentlichen heute zeitgleich eine ins Deutsche übersetzte Version dieses Aufsatzes.)

Emax II Vorschau
Peter:
Ich wunderte mich damals, dass sowohl AKAI als auch E-MU den ersten Software-Samplern wie z.B. EMAGICS EXS-24 oder STEINBERGS HALION nichts entgegenzusetzen hatten. Als großer E-MU Fan wartete ich damals brennend auf die erste Plug-in-Version des EMULATORS. Was war passiert?

Dave:
Schon Ende der 80er Jahre hatten Scott Wedge und ich die grundlegende Technologie für Hard-Disk Sampler grob skizziert. Aus heutiger Sicht hätten wir diese frühen Ideen wohl besser patentieren lassen, obwohl sie damals schlicht zu teuer gewesen wären. Wir dachten in erster Linie an Keyboards und Rackmodule und nicht an Computer Software. Dennoch hätte uns ein Patentschutz gewiss zu einer günstigen Marktposition im Softwaremarkt verholfen.
E-MU wollte mehrmals eigene Software Produkte entwickeln, indes unterscheidet sich die organisatorische Struktur zwischen Software- und Hardwarefirmen erheblich. Hardwarefirmen haben eigene Einkaufsabteilungen, Maschineningenieure, Produktionsleiter etc., die allesamt für die Software nicht gebraucht werden. Es ist schon eher eine Seltenheit, wenn eine Hardwarefirma kosteneffizient Software produzieren kann. Damals bekundete E-MU gewisse Mühe, profitabel zu wirtschaften, und es war uns schlicht nicht möglich, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen, um mit den schlanken Softwarefirmen zu konkurrieren.

Doch gab es sehr wohl eine Software von E-MU, den Emulator X, den wir im Bundle mit den E-MU Audiointerfaces und Soundkarten anboten. Als wir ihn schließlich auch als standalone Version veröffentlichten, war der Verkaufspreis etwas zu hoch angesetzt, da unsere Strukturen nicht einer Softwarefirma entsprachen.

Marc Danziger und seine Ehefrau an der 25 Jahrfeier von E-MU. Marc baute 1971 das Gehäuse des E-MU 25 und war an der mechanischen und graphischen Entwicklung des Prototypen beteiligt. Heute arbeitet er als „Technology Strategist“ in Los Angeles.

Marc Danziger und seine Ehefrau an der 25 Jahrfeier von E-MU. Marc baute 1971 das Gehäuse des E-MU 25 und war an der mechanischen und graphischen Entwicklung des Prototypen beteiligt. Heute arbeitet er als „Technology Strategist“ in Los Angeles.

Forum
  1. Profilbild
    tomma242  

    Ich träume schon seit Jahren das uns Dave Rossum wieder ein Sampler mit analoger soundbearbeitung und direktem zugriff, wie bei analog Synths, herausbringt.
    ROSSUM Electronic-MUsic EMULATOR V

    • Profilbild
      TZTH  

      Absolut. Geht mir genauso, kann ruhig „nur“ 8 Stimmen haben, aber ne feine VCF & VCA section.

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        Atomicosix  

        Ja sehr gerne – einen Emax III mit 8 Stimmen VCF’s (ganz wichtig), 6 Analogausgängen und natürlich einen Touchscreen.

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    k.rausch  RED

    Auch der vierte und letzte Teil des Interviews war wieder sehr interessant. Und ein schönes Ende mit Cliffhanger bis Herbst: Neue Dave Rossum Company, neue Produkte.

  3. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Danke für diesen vierten Teil, auf den ich schon lange gewartet habe.
    Mir persönlich kommt die Entwicklung des E4 zu kurz, auch wenn etwas über den Chipwechsel von IIIP zu IV zu lesen war. Aber dies liegt an meiner besonderen, noch heute geltenden Vorliebe …

  4. Profilbild
    rw1957  

    Interessant, die Geschichte von E-MU und hier in Interview-Form besonders „lebendig“ rüber gebracht. Danke dafür!

    Ich weiß zwar, dass der NI Kontakt als Standard Sampler gilt. Aber mein Herz schlägt trotzdem, obwohl er etwas sperrig zu bedienen ist, für den Emulator X3, den es nun offenbar gar nicht mehr zu kaufen gibt. Die enthaltene Library ist umfangreich und der X3 kann tatsächlich samplen und nicht nur Samples bearbeiten. Läuft auch unter in Cubase 8 64bit.

  5. Profilbild
    micromoog  AHU

    Danke für das gesamte Interview!
    Wie es halt im Business so ist, die wirklichen Innovationen bleiben aus wirtschaftlichen Gründen meist auf der Strecke!

    Das Interview zeigt viele Parallelen zu anderen Branchen.
    Junge Pioniere und Tüftler bringen großartiges hervor, als Dank schickt man sie gut gemeint in Führungsebenen und Personalverantwortung. Finanziell für den Betroffenen sicher das schönere Leben, jedoch geht dann nicht nur großes Know How an der Basis verloren, sondern auch ganz viel Herzblut!
    Tja, das Leben ist kein Ponyhof!

  6. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Es ist extrem ärgerlich und sehr schade, dass es Emu/Creative immer noch nicht geschafft hat, für Käufer des Emulator X2 eine Möglichkeit zu finden, dass man das Programm auch unter Windows 7 installieren kann (Kopierschutz….). So werde ich wohl bis auf weiteres ein Win XP/7/10 Triple-Boot System benötigen….(und Proteus VX) Die Emu-Hardware-Sampler-Variante wäre zwar kompatibel, bietet aber nicht alle Filter… NI-Kontakt ist leider kein Ersatz…

  7. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Mir fehlen noch irgendwie ein paar bunte Anekdoten im Sinne von „Frank Zappas Blechbläser-Quintett auf dem Emu Modular“ und dergleichen.
    Sonst spannend zu lesen.

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