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Workshop: Mikrofonauswahl für Live-Band

16. Dezember 2018

Tipps und Tricks bei der Bühnenmikrofonierung

Ups, wie die Zeit vergeht. Eigentlich sollte Teil 2 dieses Workshops schon deutlich früher im Jahr erscheinen, aber immer kam etwas dazwischen.

Im ersten Teil habe ich meine Mikrofonauswahl für die Drums vorgestellt, zur Auffrischung nochmals hier nachzulesen.

Hier möchte ich mich nun um meine Mikrofonauswahl für die Bühne Teil 2 kümmern, um die Band. Darin geht es um das Bandgefüge im Rock/Pop-Bereich.

Gesang

Sänger sind in der beneidenswerten Lage, ihr „Instrument“ immer dabei zu haben. Anschaffungskosten fallen keine an, die Unterhaltskosten sind in der Regel gering. Außer bei Whiskey-geschwängerten Reibeisenstimmen, das kann mit ca. 20,- Euro pro Flasche und Tag dann doch ins Geld gehen.

Trotzdem ist diese Spezies Musiker oft nicht bereit, etwas Kohle für die Übertragung der Stimme auszugeben. Da habe ich gute Nachrichten für euch. Anständige Gesangsmikros sind durchaus für unter 100,- Euro zu kriegen.

Mein absoluter Geheimtipp, den ich seit über 10 Jahren standardmäßig bei meinen Veranstaltungen einsetze, ist das Samson Q8.

Das dynamische Mikrofon des amerikanischen Herstellers arbeitet mit einer Neodym-Membran in Hypernieren-Charakteristik. Das Mikro liegt mit ca. 330 Gramm Gewicht satt in der Hand, die mattierte Lackierung sorgt für ein angenehmes Griffgefühl. 

Der Frequenzgang reicht bis 16 kHz, wobei ab 2 kHz eine Erhöhung beginnt, die bei ca. 8 kHz ihren Höhepunkt findet. Damit klingt das Q8 in den Höhen sehr offen und angenehm. Weiterer Pluspunkte sind die schnell reagierende Neodym-Kapsel, der hohe Schalldruck von 150 dB und die sehr gute Unterdrückung von Plop- und Griffgeräuschen. Besprochen habe ich das Q8 schon  hier  im Rahmen der kompletten Q-Serie und auch am großen  Live-Gesangsmikofon Test  durfte es sich bewähren.

Inzwischen wurde das Q8 von Samson durch das Q8x ersetzt. Geändert scheint sich auf den ersten Blick nichts zu haben. Der Preis ist geringfügig gestiegen, aber mit einem momentanen Straßenpreis von um die 85,- Euro ist es immer noch sehr günstig.

Mein zweiter Favorit, wenn es unter 100,- Euro bleiben soll, ist das  sE Electronics V7 , das ich schon  im Test hatte. 

Der Newcomer: sE V7

Das Supernieren-Mikro arbeitet ebenfalls mit einer Neodym-Membran und kann sogar einen Frequenzgang bis 19 kHz liefern. Eine leichte Erhöhung der unteren Höhen sorgt für einen luftigen, durchsetzungsfähigen Sound. Das Handling, Pegelfestigkeit, Unempfindlichkeit gegen Griffgeräusche und gute Feedback-Resistenz machen das sE V7 zu einem guten und unempfindlichen Werkzeug. Inzwischen fertigt sE mit dem  V7 BFG  auch ein sehr schönes Billy Gibbons Signature-Modell, das nur einen geringen Aufpreis kostet.

Performen wie ZZ Top

Darf es auch etwas teurer sein? Da empfehle ich das  Audix OM6 , das sich auch schon in meinem Testlabor befand. 

Schwarz und stark, das Audix OM6

Hier arbeitet ebenfalls eine dynamische Hypernierenkapsel. Das OM6 legt in der Feinzeichnung der Höhen noch eine Schippe drauf und kann sich hier annähernd mit Kondensator-Modellen messen. Hervorzuheben ist die hervorragende Feedback-Festigkeit, die Sänger und Techniker das Leben erleichtert. Mit knapp unter 200,- Euro ist das Audix kein Schnäppchen, hat in unserem Test aufgrund der Performance aber dennoch das Best-Buy-Siegel verliehen bekommen.

Wer richtig Geld in die Hand nehmen möchte, landet dann recht schnell im Bereich um einen halben Tausender. Hier eine Empfehlung auszusprechen, ist schwierig, die Mikrofone in diesem Preisbereich erreichen schon annähernd Studioqualität und sollten sorgsam für die eigene Stimme ausgewählt werden. Als Hilfestellung kann ich hier meine Tests des Dreigespanns  Neumann KMS 105, Sennheiser e965 und Shure KSM9  anbieten oder das Special zum Thema  Gesangsmikros der gehobenen Klasse

Drei Kondensatormikros

Drei Kondensatormikros der Profiklasse

Und hier noch ein kleiner Tipp aus der Praxis: Das neu erworbene Schätzchen soll ja nun auch flächendeckend eingesetzt werden. Bitte klärt das bei Veranstaltungen, bei denen die Anlage gestellt wird und oft auch mehrere Acts spielen vorab mit dem entsprechenden Verleiher ab. Wenn die Monitoranlage auf die Verleiher-Mikros eingepfiffen ist und dann ein ganz anderes Modell vor den Wedges steht, kann das schon mal Probleme bereiten.

Gitarre

Vor einem Amp nutze ich in den allermeisten Fällen ein dynamisches Mikrofon. Oft setze ich hier das Audio Technica ATM23HE ein, das durch seine kurze Bauweise gerade auf engen Bühnen seine Vorzüge ausspielt. Das ATM23HE hat eine Hypercardioid Kapsel, die seitlichen Schall recht gut ausblendet. Inzwischen ist es vom Hersteller durch das ATM230 ersetzt worden.

Das neue ATM 230

Bei cleaner E-Gitarre und/oder filigraner Spielweise nütze ich gerne das Beyerdynamic M201, wieder mal eine dynamische Hyperniere, die sich durch einen Frequenzgang bis 18 kHz, direkte Ansprache und ein schlankes Gehäuse auszeichnet. 

Auch immer gern genommen, das Beyerdynamic M201

Das Mikro kostet knapp unter 200,- Euro und lässt sich sehr universell einsetzen, eine lohnende Investition.

Seit ich mir ein Paar sE Electronics VR2 Voodoo angeschafft habe, ein Bändchenmikrofon mit aktiver Elektronik, kommt auch das gelegentlich zum Einsatz, wenn die intime und warme Übertragung des Bändchenprinzips gefordert ist. 

Das aktive Bändchen von sE Electronics

Durch die Richtcharakteristik Acht ist das Mikro nicht immer problemlos einzusetzen, hier kann man sich mit einem Reflection-Filter behelfen. Das Voodoo hat mit einer Übertragung bis 18 kHz einen für ein Bändchen erstaunlich erweiterten Frequenzgang. Mit knapp 500,- Euro ist es nicht ganz billig, allein für Gitarre hätte ich es mir nicht unbedingt angeschafft. Aber wo es jetzt schon mal da ist …

Kondensatormikros setze ich hier live eigentlich nie ein, wer jedoch auf den Sound steht und evtl. mit zwei Mikros dynamisch/Kondenser abnimmt, dem kann ich zu den beiden Großmembranern Sennheiser MK4 

Ein günstiges Großmembran Mikro von Sennheiser

oder dem AKG C214 

Auch AKG hat einen Budget-freundlichen Großmembraner

raten, die beide für unter 300,- Euro zu bekommen sind.

Beide Mikrofone eignen sich auch gut für die Abnahme einer akustischen Gitarre. Ich nehme aber, wenn es frei ist, am liebsten eines meiner AKG C414 B-ULS für den Job. 

Mein Lieblingsmikro

Mit der Position muss man etwas experimentieren, irgendwo zwischen Schalloch und Korpus-Hals-Übergang. Eine Großmembran bietet sich für Singer/Songwriter an, bei größerer Besetzung nehme ich einen Kleinmembraner. Hier ist im Moment meine Neuerwerbung, das Neumann KM 140, meine erste Wahl, das sich neben seiner linearen Übertragung auch durch geringen Platzbedarf auszeichnet. 

Ein schönes, altes Neumann KM 140

Oft bleibt bei lauteren Bühnen aber nur die Abnahme des Instruments per DI. Für Akustikgitarre sollte hier eine aktive DI benutzt werden. Hier greife ich seit Langem zur Samson S-Direct, die für wenig Geld einen guten Job macht und zur Not auch mit Batterie zu betreiben ist.

Die Samson S-Direct, eine unkomplizierte DI-Box

 

Die zweikanalige Variante, die S-Direct Plus, wird von mir auch ohne Probleme für Keyboards eingesetzt. 

Inzwischen bringen Akustikgitarristen immer öfters ihren eigenen Amp mit. Sehr oft ist das ein Produkt der Spezialisten AER und Schertler. Hier nutze ich bedenkenlos den internen DI-Ausgang. Meist liegt der Output aber hinter der kompletten Klangbearbeitung, der Künstler sollte also während des Gigs nicht zu viel am Sound rumkurbeln.

Bass

Auch der Bass wird bei mir fast ausschließlich mit DI abgenommen. Hier setze ich seit einem guten Vierteljahrhundert ausschließlich, ich betone: ausschließlich, die ADI-ONE von Nomad ein. 

Passt auch farblich

Die aktive DI mit elektronischem Ground-Lift hatte ich damals angeschafft, weil sie als speziell für Bass angepriesen wurde. Was soll ich sagen? Genau das macht sie auch, also gab es nie einen Grund, sie zu ersetzen. Das Gehäuse ist sehr stabil, zu schalten gibt es absolut nichts. Etwas unklar ist die Bezeichnung der beiden Eingänge mit „Mic“ und „Line“, was gelegentlich zu fragenden Blicken des Instrumentalisten geführt hat. Die habe ich irgendwann dann in die wahren Begebenheiten „0 dB“ und „-20 dB“ abgeändert. Die Nomad dürfte nur schwerlich zu finden sein, laut Google existieren auf der Insel noch einige Exemplare. Trotzdem wollte ich euch meinen Geheimtipp nicht vorenthalten.

Natürlich benutze ich auch beim Bass öfters mal den DI-Ausgang des Amps, aber in der Regel nur, wenn dieser Pre gestellt werden kann und ich den unverfälschten Sound des Instruments abgreifen und selbst formen kann. Ein Sonderfall ist die Spezies Bassisten, die mit eigenen Effekten arbeiten, die nehme ich natürlich entsprechend mit.

Mikrofonabnahme der Bassbox kommt inzwischen bei mir selten vor. Das ist immer noch bei Musik härterer Gangart, gerne in der Kombination mit Ampeg Amp und 8×10“ Box, ein adäquates Mittel zum rotzigen Sound. Als Mikro nehme ich ein dynamisches Kickdrum-Mikro, bevorzugt das Audio Technica ATM25, das inzwischen im ATM250 einen Nachfolger gefunden hat.

Tasteninstrumente

Ein Keyboard wird in der Regel mit einer passiven Stereo-DI symmetriert. Oft nutze ich aber auch die aktive Samson S-Direct Plus ohne Probleme. Passiv habe ich DIs von ProCo, die amerikanische Firma, die den legendären RAT Distortion herstellt. Die CB-1 und die DB-1 sind beides passive DIs mit Ground Lift, die DB-1 besitzt zusätzlich einen Line/Speaker-Switch und ein High-Cut-Filter.

Die einfachere DI des Pro Co Duos

Brauche ich mehr Kanäle auf engem Raum, setze ich die passive 19“ 4-fach DI DIB106 von IMG Stage Line ein. Sie bietet pro Kanal einen Groundlift-Schalter, Signalabschwächer um -20 und -40 dB und XLR-Ausgänge auf Vorder- und Rückseite.

Gute Erfahrungen habe ich auch, sowohl passive, wie auch aktiv, mit den deutschen Produkten von Palmer gemacht, die bei etlichen Verleihern in Betrieb sind. Die Boxen sind günstig und arbeiten akkurat.

Noch ein Tipp: In meinem Adapter-Koffer befinden sich immer zwei Cordial CIW 1, eine praktische kleine DI als Adapter, die mit einer Impedanzwandlung von 10:1 und 20 dB Dämpfung arbeitet. 

Ist bei mir immer im Notfallkoffer

Sie kann die rettende Hilfe sein, wenn außer Plan noch mal schnell was angeschlossen werden muss.

Damit haben wir dieses Mal die häufigsten Mitspieler in einer üblichen Rock/Pop-Besetzung abgehandelt. Demnächst im dritten Teil: Was sonst noch auf der Bühne streicht, bläst, zirpt, quietscht oder sonstigen Krach produziert.

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