Making of: Kate Bush, Hounds of Love (1985)

26. September 2020

Das Wecken schlafender Hunde!

Making of Kate Bush Hounds of Love

Madonna. Britney Spears. Beyoncé. Diese musikalischen Galionsfiguren der letzten 20 Jahre dominierten die Popmusik, setzten ihr den feministischen Kranz auf und brachten damit die Frauenbewegung ein großes Stück weit nach vorne. So lautet zumindest die Theorie.

Kritische Stimmen halten dagegen, dass die Primadonnen des Pops eher Schaden anrichteten, die Rolle der Frau in der Kunst und der Musik über Jahrzehnte hinweg auf das tanzende Püppchen reduzierten, das nur einstudierte Tanzschritte ausführte und Lyrics rezitierte, die nicht aus der eigenen Feder stammten. Und sich darüber hinaus durch nichts anderes definierte als über ihre Sexualität – die ewige Story der Femme Fatale, in unzähligen Abwandlungen. Tatsache ist: Auch das ist zu kurz gedacht. Die Maschinerie, die hinter einer Figur wie Beyoncé steht, ist gigantisch – insofern fällt sie beispielsweise sicherlich eher unter die Kategorie hartgesottener Geschäftsfrauen. Ähnliches dürfte für Spears oder Aguilera gelten – da werden einfach riesige Summen bewegt. Insofern verwundert es nicht, dass andere Geschichten und ihre Vorreiter nicht das gleiche Gewicht in der Öffentlichkeit haben.

Beispielsweise die der selbstbestimmten Künstlerin.

Ich persönlich nahm Kate Bush stets als eine weibliche Version von Peter Gabriel wahr – mit einem unglaublichen Gespür für Melodien. Doch das wird dieser Künstlerin nicht gerecht, hier begehe ich nur den Fehler und leiste aufgrund meiner eigenen Unzulänglichkeit einen völlig unnötigen Vergleich. Was Kate Bush für die Rolle der weiblichen Künstlerin und Musik generell getan hat, wird bis heute nicht ausreichend gewürdigt. Dem wollen wir heute Abhilfe verschaffen – indem wir diese Künstlerin porträtieren und die Entstehungsgeschichte ihres wahrscheinlich stärksten Albums – Hounds of love – nachzeichnen.

Kate Bush, Hounds of love – „My name is David Gilmour. I heard your songs.“

Wenn ich sage: Nicht ausreichend gewürdigt, dann bedeutet das nicht, dass man über Grammys oder den CBE-Titel einfach so hinwegsehen sollte. Sondern dass der Weg, den Kate gegangen ist, für Künstler jedweden Geschlechts oder Hintergrunds eine interessante und inspirierende Blaupause darstellen sollte – bestenfalls.

1966, mit acht Jahren, begann Kate bereits mit dem Klavierspielen. Sie entstammte einer musikalischen Familie – einer irischen, feinfühligen Sippe, in der Gedichte geschrieben und Instrumente gebaut wurden. Unter dem Klavier, zu den Füßen ihres Vaters, einem Amateur-Pianisten, erlaubte es die kleine Kate dem organischen Timbre der Klaviatur, sie einzulullen. Der musikalische Werdegang war unvermeidlich und ihre Brüder mischten bereits früh in Folk-Musik-Szene in Kent mit.

Trotzdem – ein Selbstläufer waren die Anfänge nicht. Jeder Mensch, der einen Weg einschlägt wie Kate, hat bestenfalls Menschen, die einem den Rücken stärken und an einen glauben. In Kates Fall war dies eine Galionsfigur der Rockgeschichte: David Gilmour. Doch davor: Familie. Angaben schwanken, aber Kate soll in den Jahren 1972 und 1975 zwischen 50 und 100 Songs mit der Hilfe ihrer Familie aufgenommen haben – eine Sammlung, die im frühsten offiziellen Demo aus ’73 mündete: Passing Through Air. Tatsache ist aber: Ohne Vitamin B geht nichts und nachdem ihr Bruder John die Songs erfolglos an jedes erdenkliche Label im Umland geschickt hatte, wendete er sich an seinen Kumpel Ricky Hopper, der mit niemand Geringerem als David Gilmour bekannt war.

Making of Kate Bush Hounds of Love

David war beeindruckt. Vielleicht sogar schwer. Man muss sich klarmachen – Gilmour war Anfang der 70er bereits eine werdende Legende. Die schlechte Audioqualität des Demos, das David von Rick bekommen hatte, ließ den Gitarristen aktiv werden. Er lud Kate und ihren Bruder auf seine Farm ein – für eine extensive Aufnahme-Session mithilfe von Peter Perrier und Pat Martin – Davids Bandkollegen. Für Kate eine surreale Erfahrung: Über die ersten Begegnungen in Kent, als David das erste Mal vorbeikam und sich persönlich von ihrem Talent überzeugte, sagte Kate: „Zitternd wie ein Blatt, völlig verängstigt, saß ich vor David und spielte ihm meine Songs vor.“ 1975 dann der große Schritt: Gilmour lud Kate nach London in die Air Studios ein. Mithilfe von Andrew Powell, der produzierte und beim Arrangement half und einer Gruppe namhafter Musiker, nahm man drei Lieder auf: The Man with the child in his eyes, Maybe und Saxophone Song. Sie überzeugten die letzten Zweifler beim Label EMI: Sie passte perfekt in die Zeiten – Rockmusik in England hatte eine Sackgasse erreicht und Progressive-Rock, vermengt mit folkloristischen, experimentellen Elementen versprach, das nächste große Ding zu werden.

1976 bekommt Kate von EMI den Deal: 3500 Pfund. Doch das war nicht alles. Kate will mehr: Sie lässt sich von EMI ihre künstlerische Ausbildung finanzieren – Kunst, Musik, Komposition: EMI trägt die Kosten. Die Legende, dass der Deal einzig und allein auf Kates Drängen entstand, stimmt wahrscheinlich nicht – Gilmour mischte ordentlich mit. Trotzdem war der Deal für die damalige Zeit absolut einmalig. Das Besondere dabei: Kate Bush ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt.

Making of: Kate Bush, Hounds of love – alte Seelen, junge Visionen

Vor ihrer Comebacktour 2014 absolvierte Kate Bush eine einzige Tournee. Richtig gelesen: eine einzige.

Sie liegt über dreißig Jahre zurück.

Seit ihrer „Tour of life“ im Jahre 1979 ging Kate nie wieder auf eine längere Tournee. Ob das dem Stress und der Anstrengung zuzuschreiben ist, sei dahingestellt. Kate selbst hat die Tournee stets als anstrengend, aber lohnreich hingestellt. Verwunderlich ist es dennoch, wenn man bedenkt, was Kate während der „Tour of Life“ tat. Kate Bush war wahrscheinlich eine der ersten, vollständig audiovisuell agierenden Künstlerinnen Englands, vielleicht sogar der Welt. Was wir heute als selbstverständlich bei vielen Künstlern hinnehmen – Video-Installation, Leinwand, Multimedia-Konzept – wurde von Kate im Rahmen der „Tour of Life“ vorgegriffen. Sie inkorporierte Tanz wie keine Rock-Künstlerin vor ihr und war – ganz nebenbei – die erste Künstlerin, die sich ein Headset mit Mikro bauen ließ, um sich während der Performanz frei bewegen zu können. Kate Bush gilt also als heimliche Erfindern des Headsets. Die „Tour of Life“ sollte die Songs des Debüts „The Kick Inside“ nach draußen in die Welt tragen. Das Geld, das die junge Frau vom Erlös der Platte und der Tour verdiente, nahm sie nicht, um sich einen extravaganten Lifestyle zu leisten – sondern um einen der ersten multifunktionalen Sampler zu kaufen, die es für ’79 für Bares zu kaufen gab: den Fairlight CMI. Das sagt einem eigentlich alles, was man über diese Frau wissen muss.

Es folgte eine zutiefst experimentelle Phase, bei der Kate niemandem Rede und Antwort stand außer sich selbst und ihrer Familie. Kaum Auftritte, keine Tournee – dafür aber Studioarbeit. Der Fairlight wird in den kommenden Jahren einer ihrer wichtigsten Begleiter. Aus allem bastelt Kate Samples, überall in der Alltagswelt hört sie Fragmente, die darauf warten, in einen musikalischen Kontext eingebettet zu werden. Einer der berühmtesten Songs von Kate – „Babooshka“, arbeitet beispielsweise mit Samples klirrenden Glases. Es folgt die frustrierende Erfahrung eines überhastet eingespielten Folgealbums von „The Kick Inside“ und dann das erste Mal, dass Kate die Sorte Geschichte schrieb, die für die Annalen der Musikhistorie reserviert ist – mit dem dritten Album „Never for Ever“ schaffte sie es, als erste britische Solo-Künstlerin den ersten Platz der UK-Album-Charts zu belegen. Aber „Never for Ever“ war mehr als das – das Album markierte bis zu einem gewissen Grad die Abkehr vom klassischen Bandgefüge. Die neuartige, abstrakte und mutige Denkweise, die sich im Vorfeld angedeutet hatte, war im Begriff, vollends aufzublühen. Das erste Mal kamen digitale Synthesizer zum Einsatz, digitale Drum-Machines und die Sampling-Technik, die Kate mithilfe des Fairlights im Begriff war zu meistern.

Und die kreative „Radikalisierung“ setzte sich fort: Auf dem nächsten Album „The Dreaming“ wagte Kate ein einsames, wölfisches Unterfangen: Mithilfe des Fairlights nahm sie das komplette Album alleine auf, produzierte es und schuf somit den eigenwilligsten und experimentellsten Longplayer ihrer Diskographie – mit 23 (!). Songs wie „Sat in Your Lap“ sind kreative Explosionen – extravagant, theatralisch, vom Songwriting perfekt. Künstlerinnen wie Björk und Sia, die ihre Stimmen verfremden, samplen und als eigenes Instrument nutzen, wären ohne Kates radikalen Ansatz auf „The Dreaming“ aller Wahrscheinlichkeit nicht denkbar gewesen. Kate filtert, moduliert, verfremdet ihre Stimme auf dem Album auf eine nie dagewesene Weise, nutzt Geräusche wie klimpernde Perlen, klopfende Kissen und Atem und erschafft so ihr „Ummagumma“ – sperrig, radikal und kompromisslos. Polyrhythmische Passagen, Loops, Mandolinen und cineastische Impressionen – all das führte zum ersten ernstzunehmenden, kommerziellen Flop von Kate. EMI reagierte prompt – denn obwohl Kate das Album im Alleingang aufgenommen hatte, tat sie das in voller Ausschöpfung der Kapazitäten und Ressourcen, die ihr EMI bereitgestellt hatten. Man war – gelinde gesagt – nicht erfreut. Kate reagierte auf ihre eigene, typische und dickköpfige Weise: Sie baute ein privates 24-Track-Studio neben ihrem Zuhause.

Making of Kate Bush Hounds of Love

Making of: Kate Bush, Hounds of love – ein Akt der Liebe

Es müssen seltsame Zeiten gewesen sein – 1984, das aktuelle Album ein kommerzieller Flop, aber der künstlerische Befreiungsschlag unmittelbar bevorstehend. Man kann nur ahnen, ob und wie missverstanden sich Kate gefühlt hat. Das Wichtigste schien zu sein, die eigene Unabhängigkeit wahren zu wollen. Deshalb die Maßnahme, das eigene Studio nun zu finanzieren. Und der Kreis des Vertrauens wird kleiner – Del Palmer, mit dem sie seit den 70ern eine Liebesbeziehung pflegte, war die wichtigste kollaborative Konstante, während die ersten Songs zu Hounds of Love entstanden. Ihr Bruder Paddy spielte einige Gitarren und Mandolinen ein und James Guthrie stand ihr als Engineer zur Seite. Im Nachhinein würde sie die Entscheidung, das eigene Studio zu bauen, als die beste Idee ihres Lebens bezeichnen.

Der Prozess zu den Songs von „Hounds of Love“ lässt sich am ehesten so beschreiben: Demos wurden so lange perfektioniert, bis Kate zufrieden war – ohne ständig neue Takes aufzunehmen. Irgendwann folgten die Overdubs und zusätzlichen Samples. Und auch Berührungsängste mit großen thematischen Konzepten hatte Kate nicht. Side Two, das aus sieben Stücken bestehende Konzept-Werk „The Ninth Wave“, stellte die großen Fragen von Tod und Wiedergeburt in einem progressiven, aber fließenden Gewand. „And dream of sheep“, der Einstieg der Side Two, ertönt in bester Pink Floyd Manier, ehe das Stück in die seltsame Texturen-Schlacht „Waking the Witch“ übergeht. Keltische Einflüsse dominieren bei „Jig of Life“ und Songs wie „The Morning Fog“ sind schlichtweg zeitlos.

Wieder zentral für die Komposition und Aufnahme des Albums: der Fairlight CMI. Es kann nicht genug unterstrichen werden, wie revolutionär der Sampler für seine damalige Zeit war. Acht Jahre Entwicklungszeit waren in ihn eingeflossen. 8 Bit Sampling mit einer maximalen Frequenzhöhe von 35 kHz und eigenem Betriebssystem – damals revolutionär.

Making of Kate Bush Hounds of Love

Fairlight CMI

Eine der favorisierten Synthesizer in der Zeit vor Hounds of Love war der Yamaha CS-80, dessen Touch-Sensitivity damals auf dem Markt fast einzigartig war für einen Synthesizer dieser Art. Zwar wurde dieser vom Fairlight weitgehend abgelöst, aber in der Live-Situation und in ausgewählten Liedern kam der CS-80 nach wie vor zum Einsatz. Er war damals in Sachen Klangtiefe unter den analogen Synthesizern unerreicht und blieb bis zuletzt Kates liebste analoge Klaviatur.

Making of Kate Bush Hounds of Love

Yamaha CS-80

Bei all seiner radikalen Innovation war der Fairlight CMI trotzdem nicht ohne Schwächen. Aufgrund von Speicherkapazitäten war die Loop-Länge sehr begrenzt – gerade mal eine Sekunde konnte der Fairlight loopen, was die Frage nach dem Sustain abhängig vom Reverb machte. Und davon gab es einiges in Kates Heimstudio – allen voran beispielsweise den Quantec Room Simulator. Dieser Hall-Geniestreich von Wolf Buchleitner arbeitete mit einem einzigen quantisierenden Algorithmus und war Anfang der 80er eins der besten und organischsten Hallgeräte, das man für Bares kriegen konnte.

Making of Kate Bush Hounds of Love

Quantec Room Simulator

Nach ihrer Arbeit zu „The Dreaming“, wo sich Kate fast um ihren eigenen Verstand sampelte, lernte sie doch die Funktionalität bestimmter organisch klingender Drum-Maschinen zu schätzen. Das charakteristische „Snap!“ der Achtziger-Jahre Drum-Maschinen hat jeder im Ohr. Dass dafür allen voran eine Maschine verantwortlich war, wird gerne vergessen. Die LinnDrum war und ist eine sehr organisch klingende Drum-Machine, die mit gesampelten Drum-Sounds arbeitete und zu den populärsten Drum-Maschinen der 80er Jahre zählte. Kaum eine der größeren DAWs kommt ohne ein LinnDrum-Plugin aus und auch moderne Künstler wie Outkast bedienen sich des Sounds gut und gerne.

Making of Kate Bush Hounds of Love

LinnDrums

All das waren die Zutaten, die Kate auf Hounds of Love durcheinander warf. Auf dem Titeltrack selbst tummelte sich vor allem der Yamaha CS-80, der mit warmen, hellen Klangflächen vertreten ist. Nichtsdestotrotz galt: Für fast jede organisch anmutende Klangstelle nutzte Kate exzessiv den Fairlight. So sehr, dass sie – eben typisch Kate – an bestimmten Stellen des Albums wiederum damit brechen wollte. Stichwort: Cloudbusting. Die vielleicht berühmteste Single-Auskopplung aus Hounds of Love bediente sich echter Streicher. Kate selbst hatte ihr Fairlight Arrangement transkribiert und professionellen Streichern dann auf den Notenständer hingestellt – ein weiteres Beispiel dafür, dass sie ohne zu zögern immerzu bereit war, mit ihren eigenen Dogmen, Ritualen und Routinen zu brechen – wenn der Song eben danach verlangte. Wenn sie also die Chorus-Modulation des Yamaha CS-80 ausmerzte oder die Lexicon Reverb-Station bei sich zu Hause im Studio austestete, dann tat sie das stets im Dienste des Songs.

Die Tatsache ihrer Bereitschaft, gegebenenfalls mit eigenen Dogmen radikal zu brechen, hat sie zuhauf demonstriert – was das Vertrauen in ihre Instinkte als Künstlerin nur verstärkte. Und die Kritiker gaben ihr Recht: Das Sounds lobte das Album über den grünen Klee – Kate war es gelungen, das Exzentrische, Theatralische ihrer Person in eine überbordende Romantik zu übersetzen, die für den Zuhörer greifbar und ergreifend war. „F***ing brillant“ wurde das Album genannt – zumindest in den eigenen Landen. Der amerikanische Rolling Stones war weniger angetan – zu elaboriert sei das Ganze, zu extravagant. Aber Fakt ist auch: Die Art, wie Kate Bush mit instrumentellen Texturen agierte, sie überlagerte und überlappte, ist in ihrer Bedeutsamkeit und dem Einfluss kaum zu unterschätzen und griff das moderne Sampling vor. Auf Hounds of Love gipfelte alles – das Verkopfte, Trotzige fand endlich die emotionale Erdung und es entstand das, was gemeinhin als Kate Bushs Magnum Opus bezeichnet wird.

Making of Kate Bush Hounds of Love – Intention ist alles

The Hounds of Love ist eins der wichtigsten Alben der 80er-Jahre – Punkt. NPR setzte es auf Platz 4 der wichtigsten jemals von einer weiblichen Künstlerin produzierten Alben und Pitchfork auf die gleiche Position der 200 wichtigsten Alben der 80er-Jahre. Die 90er-Jahre ehrten die Künstlerin auf eine andere Art und Weise – kaum jemand wurde in dem Jahrzehnt so ausgiebig gesampelt wie Kate Bush. Sie hatte künstlerische Verehrer aus allen musikalischen Ecken: Tupac Shakur liebte die britische Künstlerin, Rock-Bands wie Placebo coverten Running up that hill und darüber hinaus wurde Kate auch Gegenstand seltsamster Huldigungen. Der ein klein wenig fanatisch anmutende Roman „Waiting for Kate Bush“ wirft die Frage auf, wer so was lesen soll. Und ein paar Jahre vorher, 1983, veröffentlichte Fred Vermorel das bizarre Hirngespinst „The secret history of Kate Bush“. Die Frau schien also auch – ohne ihr bewusstes Zutun – in der männlichen Spezies eine gewisse Form von Wahnsinn zu inspirieren. Das ist wahrscheinlich in erster Linie durch ihre bewusste Entrücktheit zu erklären. Kate Bush zelebrierte den Nimbus der Einsiedlerin, die in ihrem künstlerischen Schaffen aufgeht. Sie perfektionierte ihn wie keine Musikerin vor ihr – die Frida Kahlo der Musikgeschichte, die als Person schwer zu greifen war und daher allerhand Projektionen, Fantasien und Sehnsüchte weckte. So sehr, dass sogar Regisseure sie für ihre Filme gewinnen wollten (Nicolas Roeg 1986 für seinen Film Castaway z. B.). Und ganz nebenbei hat sie feministische Prinzipien zelebriert, ohne dies wirklich bewusst zu tun. Popkritiker Jens Balzer meinte hierzu:

„… das heißt, ihre Musik ist auch ganz aus einer autonomen, individuellen und das heißt dann eben auch weiblichen Perspektive entstanden. Und ich finde, das unterscheidet sie von vielen weniger autonomen, fremdbestimmter agierenden Künstlerin, die man heute als Feministinnen wahrnimmt, von ihrer Zeitgenossin Madonna bis zu Beyoncé, die sich Feminismus-Schriftzüge auf die Bühne stellt, aber ihre Musik von Heerscharen von Männern machen lässt.“

Der Mut und das Schulterzucken zugleich sind das, was Kate Bush gewissermaßen ausmacht. Antrieb war die Kunst, nicht die Wahrnehmung durch Dritte und wenn man ihr großen kulturellen Einfluss attestierte, wiegelte sie ab – ein seltenes Phänomen, vor allem in aktuellen Zeiten, wo Technologie besser denn je in der Lage ist, mangelndes Talent zu kaschieren und Ruhm zum Selbstzweck verkommen ist. Jens Balzer verweist im zitierten Gespräch auch auf die paar wenigen, weiblichen Künstlerinnen, die abseits des Mainstreams auf ähnlich glaubwürdige Weise radikal ihre Visionen verfolgen: Die atemberaubende FKA Twigs hat in den letzten fünf Jahren eine Reihe absolut fantastischer Songs produziert, die man jedem ans Herz legen möchte. Björks erste Alben sind ebenfalls eine Ausgeburt an Kreativität und auch Grimes hat in Eigenregie einzigartige Musik geschaffen. Doch solche Künstlerinnen sind – leider – viel zu rar. Das Phänomen des Feminismus in der Musik ist wahrscheinlich nicht unabhängig vom Prinzip der Intention zu denken: Wenn der kreative Durst und das Bedürfnis zu erschaffen stark genug sind, entstehen die feministischen Signale wie von selbst – siehe Kate. In diesem Sinne:

 

Forum
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      gaffer  AHU 1

      Klasse, guter Beitrag. Ja, Kate… Mir fällt niemand sonst ein, bei dem ich so eine 180° Wendung hinbekommen hätte. Was ging mir das Gequietsche von Wuthering Heights auf den Zeiger. Spätestens bei Running up war die Drehung aber vollbracht. Und Pi! Die einzige Kritik, die ich anbringen würde: ich weiss dass Amis prüde sind, aber das darf nicht so weit gehen, in vorauseilendem Gehorsam Fuck mit Sternchen zu schreiben. :) Aber ist eher nebensächlich, der Beitrag stimmt. Umso beachtlicher, von einem Gitarristen, der über Metallica zur Musik gefunden hat. (Bin selbst einer, ich darf diese Witze machen)

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        dAS hEIKO  AHU

        …denke, das wird auch der Grund sein, warum es die Aufnahme alternativ mit einer weniger „persiflierter“ Gesangsspur gibt.
        Aber wann immer ich was von „The Darkness“ oder „Sparks“ höre erinnert mich das an Kates Gesang über ihren Heathcliff.

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    chain25   1

    Danke für den interessanten und ausführlichen Artikel.
    „Hounds of Love“ gehört neben „Desintegration“ und „Purple Rain“ in meine persönliche All Time Alben Top 3.
    Als konstruktive Kritik hätte ich mir etwas mehr Inhalt zum tatsächlichen Making Of und zu den Songs auf „Hounds of Love“ gewünscht. Gerade die Vielfältigkeit macht meiner Meinung nach das besondere des Albums aus. Ob nun „Waking the witch“ oder „Hello Earth“, für mich sind das Meisterwerke voller Geheimnisse und fantastischer Atmosphäre.

    Zum Thema Feminismus mag ich widersprechen. Eine der (vielen) Besonderheiten an Kate war es nach meinem Empfinden, dass sie im Kontext der Zeit eine der wenigen Solokünstlerinnen war, die sich jenseits der beiden Extreme aus singendem und tanzenden Sexpüppchen mit dünner Stimme auf der einen oder eben Hardcore-Emanze auf der anderen Seite bewegte. Die im Artikel ganz zuerst angesprochenen Damen würde ich jetzt – wenn ich müsste – gehässigerweise und mit zwinkerndem Auge zur ersten Kategorie zählen, auch wenn Beyonce sicherlich keine dünne Stimme hat. Zum Glück gibt es heutzutage deutlich mehr Solokünstlerinnen und die beiden Kategorien sind natürlich längst aufgelöst.

    Für mich ist Kate nicht Feministin sondern einfach Poetin, Pionierin, Musikerin, Sängerin, Tänzerin und noch so vieles mehr – völlig unabhängig vom Geschlecht.

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    Holden  

    Einer meiner ersten songs auf Tape war ein Running Up That Hill-Cover auf einem Kawai MS710. Großartiger Lofi-Synth übrigens. Kate Bush war inspirierend aber für mich schwer anzuhören. RUTH war da eine Ausnahme.

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    pestomusic

    Ich bin ja in einem Alter, in dem ich Kate Bush noch aktiv aus dem Radio kenne und ich muss sagen, dass mir als Jungspund „Running Up That Hill“ zwar irgendwie gefallen hat, weil das so eine wuchtige und gleichzeitig feine Klangsphäre erzeugt. Mit den anderen Titeln von ihr bin ich nicht so richtig warm geworden, weil mir ihr Gesang nicht so zugesagt hat (ignorant, ich weiß).

    Interessanterweise hat sich das aber seit Kurzem, ich bin nun fast Mitte 40, komplett geändert. Vielleicht habe ich einfach die Reife erlangt, um die Musik von ihr zu verstehen und wertzuschätzen. Vielleicht kommt das auch daher, dass ich rückblickend realisiere, welche Auswirkungen Kate Bush auf die Musik der letzten 30 Jahre hatte. Vielleicht ist es auch einfach nur unheimlich erfrischend, im Zeitalter von mal mehr, mal weniger hörbarem Autotune eine Künstlerin singen zu hören, die einen atemberaubenden Umfang von Tonhöhen, Charakteristika und Stilen hervorzubringen vermag – so manche Nummer von ihr ist eigentlich eher ein gesungenes Hörspiel. Und die alles, was sie interpretiert, auch selbst erschaffen hat.

    Muss sagen, dass ich mittlerweile, wenn’s auch spät war, zu einem richtigen Fan von diesem Kreativvulkan geworden bin.

    Danke für die tolle Artikelserie übrigens – liebe ich auch total!

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    monopuls  

    Dieses Album ist gigantisch!
    Und es ist irgendwie ein Schlussstein, ein Wendepunkt und ein Neuanfang… ich muss das anders formulieren.

    Damals, zu meinen beginnenden Plattenspieler-Zeiten, erzählten LPs auch irgendwie Geschichten. Eine LP war eine Einheit. Es gab noch keine Taste ‚next track‘ – man hörte noch Platten ‚durch‘. Das Konsumverhalten des Musikhörens war anders. Alan Parsons oder Pink Floyd waren die Gegenpole der Disco bzw. Popmusik.

    Damals begann die neue Musiksucht – der schnelle Kick – das Mixtape – jung, schnell und geil.
    Wahrscheinlich ist das alles auch nur subjektives Gelaber.

    ‚Hounds Of Love‘ war der würdigste Schlussstein eines Musikgewölbes, an den man getrost einen prachtvollen Kronleuchter aufhängen kann. Darunter haben wir weitergetanzt.

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    AMAZONA Archiv

    „Hounds of love“ ist ein Meisterwerk der Musikgeschichte.

    Dem wird der Artikel hier leider nicht so ganz gerecht,
    obwohl durchaus ein paar interessante Aspekte angerissen werden.

    Dafür sind einige der bisherigen Kommentare hier voll auf den Punkt
    und verdeutlichen die Bedeutung sowohl des Albums als auch der Musikerin/Künstlerin Kate Bush ganz hervorragend.

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    Numitron  AHU

    Super Artikel! Danke!
    Der Track „something good“ von den Utah Saints hat übrigens von „cloudbusting“ einen Teil gesampelt.

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    teofilo  

    Auf arte kam letztens eine Doku über sie. Wahnsinns-Frau. Als Junge kannte (und mochte) ich sie/ihre Musik „nur“ aus Radio und Video, hauptsächlich als Junge mit Donald Southerland. Das Video zu Babuschka kannte ich nicht und musste dabei an Karel Gott denken, der ein gleichnamiges Lied hatte. Heute stelle ich fest, dass sie eine hoch attraktive Frau war/ist.
    Unglaublich was für vielfältige Interessen und Kenntnisse Künstler in den 1980ern hatten und das ohne Internet.

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    ShOAB-05

    Ein tolles Album, das erst vor wenigen Wochen seinen Weg in meine LP-Sammlung gefunden hat. Unglaublich auch, welchen Einfluss Kate Bush mit technischen Innovationen oder deren frühzeitiger Adaption auf die moderne Art Musik zu produzieren hatte.

    Ich kann jedem nur die bereits weiter oben erwähnte Doku auf Arte ans Herze legen!

  9. Profilbild
    dAS hEIKO  AHU

    Schön geschrieben von Dimi Kasprzyk!

    Kate Bush ist eine Künstlerin, die man auf sich wirken lassen muß. Mausikalisch wie menschlich, denke ich. Mit 11 (Babooshka lief im Radio) war ich überzeugt davon, dass die Frau ganz klar ein an der Klatsche hat. Aber ihre extrovertierte Art wenn sie performt muß wohl professionelle Fassade sein, gilt sie doch gemeinhin bei Kollegen als schüchtern oder gar linkisch gegenüber ihrer Umwelt. Sie scheint mit ihrer Musik in einer Welt voller Farben, Klänge, Liebe und Feenwesen aufzuleben. Und das merkt man ihren Liedern oder den Alben sofort an. Wenn man dann nach 10 Jahren Aabstinenz (*2005) plötzlich das Erste Lied (King of the Mountain) ihres Albums hört, welches Sie eigentlich nur für ihr Kind geschrieben hatte, dann bin ich sofort wieder 11 und denke mir „Die Frau ist wunderbar durchgeknallt und genial…und keiner merkt es“.

    Kate ist eine der letzten Musiker ihrer Art, die noch für Wiedergabegeräte möglichst ohne Schnelllauf oder Skipfunktion fürs Abspielen empfehlen würden. Ich brauche Kate Bush nicht immer – aber immer wieder.

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