Test: Steinberg Nuendo 11, Digital Audio Workstation

29. Januar 2021

Endlich atmosphärisch, auch unter Windows

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Steinberg Nuendo 11, Digital Audio Workstation

Steinberg Nuendo 11 wurde – noch rechtzeitig fürs Weihnachtsfest – kurz nach Cubase Pro 11 fertig. Neben den ganzen Neuerungen von Cubase Pro 11 hat sich vor allem auf der Immersive Audio-Seite einiges getan: Dolby Atmos ist jetzt mit an Bord. Da mag der eine oder andere schon feuchte Augen und weiche Knie bekommen. Auch das Loudness Meter für Netflix ist mit im Gepäck und klingt nach einem nützlichen Feature und das Messen der Sprachverständlichkeit verspricht das Intelligibility Meter, was neu dabei, das macht Lust auf mehr!

Am Anfang war die Installation

Wie Cubase Pro 11 auch wird Steinberg Nuendo 11 über den hauseigenen Steinberg Download Assistenten (SDA) in einzelnen Paketen bzw. Installern ausgeliefert. Der alte Weg, alles in einem Installer komplett auf den Studiorechner schaufeln zu müssen, ist damit auch hier Geschichte. Das spart Zeit, denn Cubase Pro 11 User (die beide Systeme gleichermaßen am Start haben), können sich den Download und die Installation der ganzen VST-Effekte und VST-Instrumente sparen. Wie schon bei Cubase Pro 11, ist die Auswahl des Installationspfades nicht möglich. Zumindest kein Vergleich zu Systemen wie Native Access von Native Instruments. Hier könnten die Hamburger noch etwas nachlegen.

Steinberg Nuendo 11 Steinberg Download Assistant

Prall gefüllt, die Downloadliste

Look & Feel von Steinberg Nuendo 11

Wie schon bei Cubase Pro 11 ist die Nutzeroberfläche kaum verändert, so dass sich der routinierte User sofort zurechtfindet. Fensterfreunde (Windows 10 User) bekommen mehr Skalierbarkeit mit dem Support für Variable DPI. Apple-Jünger dürfen sich über den Support von Apple Metal Acceleration freuen; so gehört das.

Steinberg Nuendo 11

Nuendo 11 in den Tonik Studios Hamburg

Ein paar Workflow-Verbesserungen hat man Nuendo 11 auch spendiert. So sind die Marker jetzt über die komplette Projekthöhe als dünne Linie zu sehen, das war überfällig und verbessert die Übersicht erheblich. Auch einen Satz neue Spurbilder (Track-Pictures) für Postpro-Anwendungen hat Steinberg der neuen Programmversion spendiert.

Das Exportieren verschiedener Stems (…) ist dank einer Art Batch-Prozessor (Job Queues/Job Warteschlange) auch sehr komfortabel machbar.

Steinberg Nuendo 11

Ein paar neue Track Pictures …

Atmosphärisches in Steinberg Nuendo 11

Steinberg Nuendo 11

Der integrierte Dolby Renderer in Nuendo

Das ganze große Ding in Nuendo 11 ist die Dolby Atmos Unterstützung. Ursprünglich war stets eine Dolby RMU (Rendering and Mastering Unit) von Nöten, um in die Dolby Atmos Welt vorzudringen. So ganz ohne RMU geht es auch nicht, wenn Kinomischungen auf dem Plan stehen. In Nuendo 11 lässt sich nicht nur das komplette Mix-Environment für Dolby Atmos abbilden, das ging bereits vorher: Der Multipanner kann schon seit ein paar Jahren 3D-Audio – pardon – Immersive Audio mischen (bereits seit dem Update zu Nuendo 7/7.10).

Somit konnte die 7.1.2-Mischung – bei Dolby Atmos als „Bed“ bezeichnet – bereits damals erstellt werden. Die bei Dolby Atmos genutzten „Audio Objects“ (bis zu 118) ließen sich dann mit Nuendo und in Verbindung mit der Dolby RMU erzeugen. Nicht sehr elegant.

Das ändert sich mit Steinberg Nuendo 11 in Zusammenarbeit mit Dolby. Es lässt sich nicht nur das Bed mischen, sondern auch die „Audio Objects“ definieren und positionieren und das Ergebnis – dank integriertem Dolby Atmos Renderer – als ADM-Wav-File exportieren, die dann im Produktionsprozess weiter genutzt werden kann. Ja, richtig gelesen! In Steinberg Nuendo Pro 11 sind etliche Funktionen der Dolby Atmos Production Suite und Dolby Atmos Mastering Suite integriert. Selbstverständlich nicht alle, so fehlt Dolby Headphone in Nuendo, das Wesentliche lässt sich aber allein in Nuendo nun realisieren. Die vollständige Dolby Atmos Production Suite ist ca. 300,- US-Dollar „schwer“ und für die Dolby Atmos Mastering Suite will man bereits ca. 1.000,- US-Dollar haben. Außerdem sind die Dolby Werkzeuge nur für Mac-User nutzbar. Mit Steinberg Nuendo Pro 11 ist auch die Windows-Fraktion mit im Boot.

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Ich hätte nicht erwartet, dass das von Seiten Dolbys überhaupt möglich ist. Zwar war für frühere Nuendo-Versionen ein Dolby Digital und ein dts Encoder als Plugin verfügbar, aber die Integration war nicht so tief im System verankert, diese Plugins waren eher Export-Format-Erweiterungen. Bei diesen Formaten ist/war auch keine derartige Integration notwendig.

Zwar müssen die unter uns, die eine Kinomischung realisieren wollen, noch immer eine Dolby RMU nutzen, für den Rest (Streaming, Blu-ray etc.) reichen die integrierten Werkzeuge in Steinberg Nuendo 11 komplett aus. Das spart harte Taler und Zeit. In Pro Tools ist dieser Support nicht vorhanden. So braucht man hier noch immer die Dolby Software und ist auf macOS beschränkt:

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Bisher ist – laut Dolby – nur in DaVinci Resolve eine vergleichbare Lösung integriert wie hier in Nuendo, Chapeau! Da müssen sich die Platzhirsche Avid (ProTools) und Adobe (Premiere) warm anziehen.

Fehlt nur noch ein Support für DTS:X (oder Auro 3D), denn Konkurrenz belebt das Geschäft!

Steinberg Nuendo 11

Ein einfaches Dolby Atmos Setup in Nuendo

Das neue Metering in Steinberg Nuendo 11

Mit SuperVision legen die Hamburger/Hamburgerinnen ein sehr potentes Metering-Plugin vor. Es erinnert in der Handhabung sehr an Tools wie Nugen Audio Master Pack, iZotope Insight oder auch die RTW Mastering Tools. Wie einige der hier genannten ist SuperVision in Steinberg Nuendo 11 auch modular aufgebaut. Das bedeutet, dass die Anzeigeinstrumente frei gewählt und platziert werden können.

Steinberg Nuendo 11

SuperVision, alles im Blick?

Ähnlich wie (einige) der genannten Drittherstellerlösungen bietet SuperVision Loundness-Metering (Netflix-Norm, R128, Leq etc.), Peak Metering, Frequenz-Analyse (in verschiedenen Versionen), Korrelations-Messung, spatiale Messung für Immersive Audio und eine Wellenformanalyse. Auch eine Sprachverständlichkeitsmessung (Intelligibility) ist mit dabei. Dafür wird eine Skala von 1-13 aufgezeigt. Je höher der Wert, umso besser die Verständlichkeit. Entwickelt wurde diese Funktion in Kooperation mit dem Fraunhofer IDMT in Oldenburg. Da muss man schon den einen oder anderen Taler auf den Tresen legen, wenn man einen ähnlichen Funktionsumfang von einer Lösung eines Drittherstellers käuflich zu erwerben wünscht. Ein richtig großer Mehrwert für Update-Kunden und Neukunden besonders, denn die haben unter Umständen noch kein Metering-Plugin und können sich das so sparen.

Steinberg Nuendo 11

Den Vergleich mit RTW braucht SuperVision (scheinbar) nicht zu scheuen.

Auf der anderen Seite werden praktisch alle Tonleute, die im Postpro-Sektor für TV, Netflix (usw.) arbeiten, bereits ein geeignetes Tool haben und auf SuperVision eher nicht angewiesen sein. Für Neueinsteiger bleibt der Mehrwert jedoch ungebrochen. Etwas schade ist auch, dass die Anpassbarkeit nicht mit der einiger Marktbegleiter vergleichbar ist. Gerade in Rundfunkanstalten gibt es genormte Ansichten für Pegelmessgeräte. Das ist insofern sinnvoll, dass die Art der Anzeige somit für viele Geräte und Programme hinweg immer „gleich“ bleibt (z. B. DIN45406 bzw. dem Nachfolger DIN IEC 60268-10 I; IRT Pflichtenheft 3/6 etc.). Hier punktet SuperVision leider nicht in gleicher Weise, was unverständlich ist.

Zwar gibt es etliche vorgegebene Ansichtsversionen der einzelnen Meter, aber so frei wie bspw. in WaveLab sind wir hier nicht. Auch können die neuen Plugins nicht in WaveLab oder anderen Programmen geladen werden. Das mindert den Mehrwert auch wieder etwas. Wer auch andere Software neben Nuendo nutzt, benötigt für diese dann ein Metering-Plugin und wird das dann auch in Nuendo nutzen. Steinberg, bitte nachbessern! Die Nuendo-Lizenz sollte sich auch auf Plugins einzeln erstrecken.

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Neues aus der Plugin-Welt

Steinberg Nuendo 11

Frequency 2 mit neuer Single-Band-Ansicht und der dynamischen Funktion

Steinberg Nuendo 11 liefert einige neue Plugins (bekannt aus Cubase Pro 11) mit. Der exzellente Equalizer Frequency ist in der neuen Version nun auch in Nuendo angekommen. Er bietet nicht nur umfassende EQ-Features (für die man vorher andere Plugins erwerben musste), sondern ist nun auch als dynamischer Equalizer (mit drei unterschiedlichen Side-Chain-Quellen) nutzbar. Das dürfte manchem Plugin-Anbieter das Feiertagsgefühl verhagelt haben.

Steinberg Nuendo 11

Der Squasher, bekannt aus Cubase Pro 11

Der Multiband Imager wurde natürlich auch in das Nuendo Update übernommen. Er erlaubt es, die Stereobasisbreite für bis zu vier Frequenzbänder getrennt zu regeln; sehr gelungen. Er bedient sich, wie man es von anderen Lösungen dieser Art bekannt ist. Klanglich ist hier natürlich nichts zu beanstanden. Auch der aus Cubase Pro 11 bekannte Squasher findet sich in Steinberg Nuendo 11 wieder.

Das MultiTap Delay ist nun auch in einer Surround-Version verfügbar. Das wird die eine oder den anderen freuen, allerdings: Wenn man so stark die neuen Immersive Audio Funktionen in Steinberg Nuendo 11 featuret, finde ich es unverständlich, warum man hier nicht ein immersives MutliTap Delay in den Werkzeugkoffer legt. Selbstverständlich laufen diese Plugins auch nur innerhalb von Nuendo.

Steinberg Nuendo 11

MultiTap Delay in 5.1, aber nicht in 3D – schade.

Was war da sonst noch in Steinberg Nuendo 11?

Um die Verbesserungen in der ARA2-Anbindung gebührend demonstrieren zu können, legt Steinberg gleich noch Spectral Layers One bei. Steinberg Nuendo 11 richtet sich doch an professionelle Postpro-Leute. Die, die mit Tools wie Spectral Layers arbeiten, dürften bereits die Vollversion haben und für den Rest ist die One-Variante (wo es laut Steinberg keinen Upgrade-Plan gibt) eher uninteressant. Evtl. wäre das Beilegen der Spectral Layers Elements-Version sinnvoller gewesen. Zugegeben: Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau!

Steinberg Nuendo 11

Spectral Layers in Nuendo

Die Sampler-Spur wurde ebenso sehr stark renoviert. Zwar eher ein Tool zur Musikproduktion, kann aber auch im Sounddesign eine wertvolle Hilfe sein. Die Samler-Spur kann nun Slicen (wie Stylus RMX) und hat zwei LFOs. Wenn jetzt noch Multisampling kommt oder gar eine Round Robin Option, wird diese Spur eine echte Gefahr für Sampler-Plugins.

Das Anzeigen der globalen Spuren (Marker Track, Tempo Track etc.) im Key-Editor ist nun auch in Steinberg Nuendo 11 zu Hause. Für die meisten dürfte jedoch Nuendo nicht die Zentrale der Musikproduktion sein, so dass ähnliche Features im Audio-Editor mindestens ebenso wichtig sind. Auch die Verbesserungen im Noteneditor und der Skalen-Assistent dürfte für die meisten Nutzer und Nutzerinnen von Nuendo eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Ebenso die neuen Kurven für CC-Parameter im Key-Editor. Trotzdem gehören diese Features von Cubase immer auch nach Nuendo gespiegelt (niemand verbietet ja die Musikproduktion in Nuendo) – also alles richtig gemacht soweit.

Das Multiple-Sidechain, das gleich in Frequency 2 und dem Squasher demonstriert wird, ist hingegen auch für Postpro-Leute von Interesse. Es lassen sich pro VST3-Plugin 8 Sidechains betreiben. So sind ganz neue, kreative Bearbeitungen denkbar.

Steinberg Nuendo 11

3D Panning in Nuendo 11

Fazit

Mit dem direkten Dolby Atmos Support ist den Entwicklern/Entwicklerinnen aus Hamburg ein Coup für Steinberg Nuendo 11 gelungen. Der Support ist (fast) nahtlos und zeitgemäß. Auch mit der Integration des Netflix Loundess Meters dürfte man vorne dabei sein. Generell hat Steinberg Nuendo 11 schwer nachgelegt, was Metering angeht. Das Intelligibility Meter ist schon ein interessantes Feature und SuperVision hat schon in Cubase Pro 11 Freude bereitet.

Der Preis bleibt auch – erfreulicherweise – auf gutem Niveau. Wer sollte hier zugreifen? Jeder, der PostPro im professionellen Rahmen (evtl. auch für Semi-Pros) betreibt. Der opulente Dolby-Support, das Metering sind schon sehr klare Argumente. Etwas schade ist, dass die alten Kritikpunkte (keine Script-Schnittstelle, Kinderkrankheiten) noch immer nicht ganz ausgeräumt sind.

Plus

  • Dolby Atmos Integration
  • Netflix Loudness Meter integriert
  • Intelligibility Meter integriert
  • Funktionserweiterung Frequency 2
  • Spectral Layers One im Lieferumfang
  • Batch-Prozessor bei Audio-Export
  • Metering mit Super Vision
  • Multiple Side Chain
  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Sounds und Soundeffekte im Lieferumfang (darf laut Steinberg kommerziell genutzt werden)

Minus

  • neue Plugins nicht außerhalb von Nuendo nutzbar
  • noch immer keine Script-Schnittstelle

Preis

  • Vollversion: 995,- Euro
  • Update von Version 10: 195,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    rotomtom

    Nuendo 11 ist eine echt starke DAW und mein Allroundarbeitstool in Sachen Audio. Alles drin, was man zum Musikproduzieren und Audiobearbeiten für praktisch alle Jobs benötigt und das auf sehr hohem Niveau. Ich mag den Workflow, die vielen Möglichkeiten (was auch manchmal ne echte Herausforderung ist), die hohe Stabilität, die Optik und dass Steinberg auf seine Nutzer hört: nach Murren der Houston Fangemeinde, wurde die native Unterstützung mit Version 11.0.10 wieder eingebaut – unsupported zwar, aber es funzt. Danke an dieser Stelle (nutze Houston seit Jahren)!
    Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre das eine stärkere Integration mit WaveLab. Da geht noch was – Kategorie: mit den Möglichkeiten wachsen auch die Wünsche.
    Eine persönliche Herausforderung ist für mich jedes Mal die Entscheidung, ob ich lieber mit Nuendo/Cubase oder Ableton Live anfange Stücke zu erstellen. Am Ende landet alles in Nuendo, was über Stem Batch Export nun einfacher geht, aber den idealen Ansatz hab ich hier für mich noch nicht gefunden, da ich beide DAWs zum Musikproduzieren sehr schätze. Hat jemand nen Tipp, wie man dieses Luxusproblem am besten für sich löst?

    • Profilbild
      Florian Scholz  RED

      …gleich mit Nuendo starten?

      Allerdings kann ich Dein „hohes Lied“ auf die Produktpflege nur bedingt nachvollziehen (siehe auch meine Cubase-Testberichte).
      LG
      F

    • Profilbild
      Florian Scholz  RED

      Ich habe den Eindruck, dass Trackpicktures so oder so nicht so viel genutzt werden… aber: Hättest Du alternativen am Start?

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