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Interview: Dr. Walker alias Ingmar Koch


The Good, The Bad And The Ugly

Dr. Noise 2016 (Artwork by Erik Kirton)

Dr. Who? (Artwork by Erik Kirton)

Es war irgendwann in den 90ern. Damals arbeitete ich als Marketingmanager für den Musik Media Verlag und pendelte zwischen zwei Büros in Augsburg und Köln, während ich in München lebte. Unser wirtschaftlich erfolgreichstes Aushängeschild war damals die Zeitschrift KEBOARDS (kann man heute nur noch schwer glauben). Die Auflagen stiegen, das Heft wurde immer dicker – und doch befand sich das Magazin mitten in einer Umbruchsphase. Ein umfangreicher optischer Relaunch, den ich zu verantworten hatte, sollte das Magazin wieder zeitgemäß erscheinen lassen, aber auch inhaltlich wollte Reinhard Schmitz, der damalige Chefredakteur, neue Pfade beschreiten. Er war es, der mir erstmals Ingmar Koch, alias Dr. Walker vorstellte und er war es auch, der ihm zum Relaunch schließlich ein so umfangreiches Special widmete, dass jene Ausgabe von damals bis heute sicher die umfangreichste Keyboards-Ausgabe aller Zeiten wurde.

Vor Kurzem haben wir uns wieder gefunden, dieser mysteriöse Dr. Walker, dessen Musik mir damals faszinierend und fremd zugleich erschien, dessen martialisches Auftreten mir Furcht eingeflößt hatte und dessen Weltanschauungen mich immer etwas nachdenklich stimmten. Nach einem langen Telefonat war klar, auch auf AMAZONA.de sollte Dr. Walker seinen Platz in Form eines ausführlichen Interviews bekommen. Na klar, weil er ein interessanter Typ ist, viel zu erzählen hat, immer noch inspirierende Musik macht, aber auch als Hommage an eine längst vergangene Zeit, in der das Magazin KEYBOARDS einen ganz besonderen Stellenwert im Herzen vieler Elektronik-Musiker in Deutschland hatte.

Peter:
Hi Ingmar oder soll ich Dich Dr. Walker nennen?

Ingmar:
Hi Peter, mach wie du meinst! Solange du mich nicht „mein Hase“ nennst! Ansonsten bin ich flexibel und schmerzfrei. :)

Peter:
Wie kam es zum Pseudonym Dr. Walker? Eine Anspielung auf Johnny Walker? ;-)

Ingmar:
Ne. In grauer Urzeit – vor ca. 808 Jahren – hieß ich einfach nur „Walker“, benannt nach einem in meinen Augen damals superharten Südstaaten Western, wo der böse Mann „Walker“ hieß (und ich habe ja schon immer „böser-Mann“-Sound gemacht). Die liebe Gema wollte noch einen „Vornamen“ dazu – der war erst Dzeta Walker und später, Mitte der 90er, hat mir ein guter Freund damals auf einer Afterhour im Kölner Blue Shell – Bleed war an den Plattenspielern – nach geglückter Afterhour-Medikation (You know what I mean…) den Doktortitel verpasst.
Selbstverständlich spielte auch Johnny Walker eine gewisse Rolle … zu meiner krassen polytoxischen Lebensphase. Mit Chuck Norris hat aber Walker nichts zu tun! Aber im Grunde ist Walker/Dr Walker nur eins von annähernd oder sogar über 100 Pseudonymen. Selbst Discogs hat es nicht geschafft, alle meine Künstlernamen zu durchschauen. Und das ist gut so.

Dr. Walkers Markenzeichen - die Krallenringe (Bild: Axel Schulten)

Dr. Walkers Markenzeichen – die Krallenringe (Bild: Axel Schulten)

Peter:
1991 hast du mit Cem Oral das Projekt AIR LIQUIDE gegründet, eine Techno-Formation, nachdem ihr euch in einem Frankfurter Tonstudio kennengelernt habt. Wie kam’s dazu?

Ingmar:
Nein. Air Liquide war eigentlich keine „Technoformation“. Wir haben Techno-Stilelemente verwendet, aber eben auch Electro-, Hiphop-, Ambient-, Noise-, Spacerock- usw. Elemente zu unserem Sound verknüpft. Jetzt hätte ich fast die orientalischen Vibes vergessen. Die sind ganz wichtig. Cem ist ja Halbtürke und ich selbst war häufig in der Türkei, Syrien, Jordanien, Libanon und Nordafrika unterwegs. Die orientalischen Versatzstücke sind schon ein wichtiger Bestandteil unseres Sounds. Musik muss verbinden, Grenzen überwinden, versöhnen, vermitteln.

Cem und meinereiner haben sich damals im Studio in Frankfurt/Main kennengelernt. Das ist richtig. Nach den Studiosessions haben wir dann, wenn alle anderen nach Hause gegangen waren, noch mal die Maschinen angeworfen und haben den Sound so aufgenommen, wie wir ihn persönlich gesehen haben. Halt besagter kaputter, seltsamer Stilmix zwischen Irrsinn und Comedy: Electronic Freestyle. Wir waren damals auch recht schwierig zu buchen. Manche Leute kannten halt nur „this is not a mindtrip“ und andere Technoknüppel von uns und dachten, wir würden unser ganzes Set so spielen. Aber wir waren absolut unberechenbar und es hat auch Spaß gemacht, ganze Raves von 145 bpm auf 98 bpm in die Knie zu zwingen. Das konnte gutgehen und hat häufig super geklappt – es ist aber doch auch etliche Male komplett in die Hose gegangen. Das gehört halt dazu – das Risiko. Nur wenn man das Risiko eingeht, komplett auf die Nase zu fliegen, hat man auch die Chance, richtig gut zu sein. Nur so bleibt es eigentlich für uns und für echte Air Liquide Fans spannend.

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    costello RED

    DAW’s sehen aus wie ein Schlumpfbordell in Coney lsland. Selten so gelacht! Die Musik von Dr. Walker ist nicht so mein Fall, die Doggies ehrlich gesagt auch nicht – aber das Interview fand ich toll. Der Mann brodelt ja regelrecht. Vom mexikanischen Totenkult bis zur Kölner Technoszene. Da ist viel drin. Und zum Musikmachen braucht’s nur ein paar Basics: 808, Juppi 8 und nicht vergessen den 2600 für die Blubbersounds. Super!

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      Tyrell RED

      Genau aus dem Grund musste meine Maschine von NI und auch die TR-8 wieder gehen. Das Disco-Geflimmer ist für mich ein absolutes NoGo. Selbst bei der RYTM nervt mich das, aber dafür ist der Rest an der RYTM ziemlich cool.

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    psv-ddv •••

    Schade, dass da fast nur schlechte Promo-Fotos gezeigt werden. Dabei sind die „echten“ Bilder viel interessanter. Es wäre doch sehr spannend zu sehen, wie sein JP8 oder die geliebte MPC3000 aussehen nachdem er sie mit den Krallenringen bearbeitet hat :-)))

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    iggy_pop AHU

    Doktor Wackler schmeißt Bierflaschen auf Synton Syrinxe. Entsprechend werden Jupiter und MPC ausgesehen haben.

    Schlumpfbordell — super!

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    Marius Seifferth AHU

    Klasse Interview! Das Keyboards-Interview hab ich leider nie gelesen, obwohl ich ab 03/95 regelmäßig Keyboards las. Des Doktors Platten fand ich damals meist sehr interessant – In etwa so, wie eine völlig aus der Kontrolle geratene Kellerparty, mit einer Anlage kurz vor dem Exitus, nach dem Genuß von Designerleckereien. Irgendwann hatte ich mir mal die „Mission2sun“ Sample-CD zugelegt, in der Hoffnung, dass ich damit ein paar Sunsyn-Sounds in meine Tracks einbauen kann. Dazu kam es aber nie! Denn die Sounds sind 100 % Air-Liqude style! Einige der Drones und Sequenzen höre ich jetzt hin und wieder zum relaxen :D Schön das der Doktor noch aktiv ist!

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    TobyB RED

    Schlumpfbordell, gröhl… Ich hab besagte Keyboards noch im Keller. Gleich mal nachgekuckt. Klasse Interview!

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    Flying C

    Danke für dieses Interwiev das einige Dekaden durchleuchtet. Air Liquide ist aus heutiger Sicht der Sound meiner Jugend, auch wenn ich die 20 zu jener Zeit bereits dezent überschritten hatte. Nicht von dieser Welt. „Was, die sind aus Deutschland?“ Wollte kaum einer für wahr haben. Deren Scheiben, im Delirium Frankfurt erworben, besitze ich bis heute.
    Ich will Herrn Koch nicht auf Air Liquide reduzieren, waren und sind ja einige Feuer am brennen wie zu lesen ist.
    Auf die Neuverfilmung von Liquid Sky bin ich gespannt…Eim a Tschörmen Seientist… ;)
    Die Aussage über aktuelle Controller-Modelle ist mal so auf den Punkt!

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    changeling AHU

    Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, irgendwas zu können oder wissen oder gar besser zu können oder besser zu wissen.
    Habe ich 2006 auf Kreta irgendwie anders erlebt. Damals hatte ich das Gefühl ich bin als Lehrling irgendwo statt im Urlaub.

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    sanomat

    sehr schönes interview. habe damals die blüte meiner jugend im kölner camouflage erlebt, das waren wirklich gute zeiten. besonders die jam sessions, bei denen jeder ein gerät mitgebracht hat, jemand gab ne midi clock aus und dann gings los… oder der zweite floor „kompressionskammer“ ganz unten im keller. mit 10 leuten war der floor voll und die party war IMMER gut :) hach…

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      dr w RED

      die jams fuehren wir bis zum heutigen tag fort!
      jetzt nicht mehr im eigenen club sondern vorwiegend im berliner maze – einem der schoensten clubs von berlin, meiner meinung nach.
      vorbeikommen – mitspielen!
      :)

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    acidnoid

    Danke für das schöne Interview – mein 2. Wohnzimmer damals, das Camouflage mit PacMan Tischen – das hat begeistert – gibt es „The Beast“ noch, das TEAC M15 …
    Tja ich pendel immer noch ziwschen Berlin und Köln – Berlin zum Arbeiten Köln zum Leben – aber der Vibe ist wirklich nicht mehr in Köln – der wurde damals schon mit dem „Kölner Loch“ und den Abriss eines Gebäudes am Neumarkt definiert.

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      dr w RED

      nein. das teac pult gibtz nicht mehr.
      das war ein grosser fehler es zu verkaufen.
      :S
      der (widerrechtliche) abriss des josef haubrich forums war ein weiterer grabstein in der kulturgeschichte kölns. unfassbar – bis heute!
      naja. in berlin gibtz gleich dutzendfach vergleichbare aktionen….

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    her75

    Tolles Interview, Danke! Habe auch damals sehr viel im Gebäude 9 und im Liquid Sky mitlauscht. Leider habe ich nur noch sehr vernebelte Erinnerungen an dicke Teppiche auf der Bühne und tonnenschweres Analogequipment und genialen Zaubersound, hat nicht sogar der Herr Czukay da ab und an mitgemischt? War eine tolle inspirierende Atmosphäre damals. Durch des Doktors Sneak Preview bin ich auch auf die ACID8 gestoßen, habe mir dann die S/N 8 gesichert (als alter Zahlenjunkie). Tolles Kistchen. Bin schon sehr gespannt auf die neue Hartware die überall in der Mache ist. Gibt´s bald wieder Sneak Previews?

    • Profilbild
      dr w RED

      das mit den teppichen sollten wir mal wieder einfuehren. diese tugend haben wir ganz aus den augen verloren…. danke fuer erinnern!
      :)
      acid8 – ja. das ist ein super kistchen!
      allerdings was im fruehjahr kommt ist auch sehr sehr spannend!
      sneak previews: 21. april auf jeden fall mal merken!
      und eventuell am 18. februar. mal gucken ob wir das timing halten koennen…

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    FJDeluxe

    Riesen Interview,Underground Helden mit substanz,ich denke mal mich hat nichts so beeinflußt wie der deutsche Acid Techno des Doctor’s & Jammin‘ Unit,Ink etc….die Groove schrieb in den frühen 90’ern über Air Liquide „Intelligent Techno“,das hatten wir damals auch so empfunden…..und so sehe ichs auch heute noch und finde es sehr beruhigend zu lesen das Dr.Walker noch einiges vor hat …..

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    Bob Humid

    Bei der Stelle unten musste ich herzhaft lachen, sehe ich ganz genau so, Ingmar! Zum Anzeigen verschiedener Betriebsnmodi sind Farbwechsel prima, aber die Controllerindustrie hat da schon lange sämtliche Stylegebote überrant. Hardware sollte schon eine gewisse Eleganz und Stil ausstrahlen und nicht bunte Beliebigkeit. Regenbogenassoziationen helfen da auch nicht weiter. Schönes Interview btw.. /.-) …

    „… Da fallen wir durch die angesagten Underground Clubs des Planeten, jammen uns in verpilzten Kellern die Seele aus dem Leib, wo im Takt der Bassdrum der Beton von der Decke rieselt, machen brutalen Krach und dicken Bass, üben vorm Spiegel und im Alltag das bad-mthrfkkr-onstage-sein und träumen von Wänden von Marshall-Stacks als Bühnenmonitore und benutzen dann Controller, die fröhlich quietschig bunt wie ein Schlumpfbordell in Coney Island aussehen…“

    • Profilbild
      dr w RED

      danke, robert!
      genau!
      wer 1.000 oder 1.500 euro fuer nen controller ausgibt der muss sich ja dann nicht nach der investition dafuer wegen des looks noch schaemen!
      fuer soviel kohle erwartet man schon was coolen geilen #gearporn…

  15. Profilbild
    bpmf

    This is a great interview and I learned a lot from it. I’ve known Ingmar for over 20 years and I’m still learning new things about him.
    I really want to emphasis the last point now. The 90s were fun and exciting but the best time to be making electronic music ever is right NOW! Never has the gear been more user friendly or more affordable. Never has there been a time where the artist was more free to make sounds like what ever he could imagine than NOW! Now is the best time!

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