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Vergleichstest: Alesis Andromeda vs Oberheim SEM

23. Juli 2011

Andromeda im Soundvergleich zum SEM

Vorwort der Redaktion:

Javier Zubizarreta lebt und musiziert in Argentinien. Es ist faszinierend, wie er seinem ALESIS ANDROMEDA immer wieder Klänge entlockt, mit denen er selbst Vintage-Profis hinters Licht führt. Sein Artikel auf AMAZONA.de, bei dem er felsenfest behauptet, er könne den ALESIS ANDROMEDA zum 99%igen Moog-Klon trimmen, war ein Quotenhit. Ob ihm das mit seinem Vergleich ANDROMEDA VS OBERHEIM ebenfalls gelingt, hängt nun von Ihnen ab. Eines noch: Bitte sehen Sie Javier die teilweise umständlichen Formulierungen nach, die bei der Übersetzung aus dem Spanischen entstanden. Für die Übersetzung danken wir Iris Meyer.

 

Oberheim SEM vs Alesis Andromeda

Wieder einmal vergleiche ich den Alesis Andromeda mit einem der Synthesizer, auf deren Grundlage er entwickelt wurde (siehe „Andromeda A6 vs. Minimoog“). Diesmal handelt es sich um den Oberheim S.E.M. (Synthesizer Expander Module), einen kleinen, monophonen Synthesizer aus dem Jahr 1974. Seine Besonderheit ist das Multimode-Filter, das als Grundlage für das Filter 1 des Andromeda diente.

Wie sein Name andeutet, wurde er von Tom Oberheim entworfen, im Sinne einer Erweiterung für einige der damals erhältlichen Synthesizer (im Besonderen für den Minimoog). Auf diese Weise konnten Funktionen und Klänge hinzugefügt werden, die der Minimoog nicht besaß, wie die 2-Pole Multimode-Filter, Hard Sync, PWM usw.

Der Synthesizer selbst besaß zwei Oszillatoren mit den Schwingungsformen Sawtoothund Pulse, das besagte Multimode-Filter, einen VCA und zwei ADSR. Ein sehr einfacher Aufbau. Der Klang ist äußerst voll und analog, wahrscheinlich handelt es sich um einen der analogen Synthesizer mit dem besten Klang. Nachdem Tom Oberheim entdeckte, dass Emu Systems, damals ein innovativer Hersteller modularer Synthesizer, einen digitalen Schaltkreis entwickelt hatte, welcher Stimmen polyphon steuern konnte, beantragte er eine Lizenz und begann, polyphone Synthesizer auf Grundlage des SEM herzustellen. So entstanden der TVS (Two Voice Synthesizer), der FVS (Four Voice Synthesizer) und der EVS (Eight Voice Synthesizer) durch die einfache Aneinanderreihung von SEMs.

Der Vergleich

Die beiden analogen Synthesizer meines Vergleichs sind einander konzeptuell entgegengesetzt: Einer ist eine kleine, monophone Erweiterung des Minimoog, während es sich beim anderen um eine enorme, polyphone Workstation mit digitaler Kontrolle handelt. Einer ist aus dem Jahr 1974, der andere von 2001.

Zu Beginn meiner Arbeit überkam mich ein ähnliches Gefühl wie während meiner Arbeit mit dem Minimoog. Mein Freund Ernesto Romeo brachte mir freundlicherweise seinen SEM, und wir schlossen ihn an. Als ich die ersten Noten spielte, dachte ich, dass es angesichts des guten Klangs des SEM sinnlos sei, den Andromeda überhaupt anzuschließen, da ein Vergleich für letzteren erniedrigend sei. So blieb der Andromeda wochenlang ausgeschaltet.

Jedoch kam mir mit der Zeit in Erinnerung, dass mir mit dem Minimoog seinerzeit Ähnliches passiert war und ich mich im Endeffekt gewaltig getäuscht hatte. So schaltete ich den Andromeda schließlich doch noch an.

Der Andromeda

Der Andromeda wurde auf der Grundlage von zwei Synthesizern entwickelt: Die Oszillatoren und das Filter 2 sind Kopien des Moog Modular, während das Filter 1 auf den Schaltkreisen des Oberheim SEM beruht. Da die Oszillatoren unterschiedlich sind, blieb also jener Vergleich relativ. Die Wirklichkeit jedoch zeigte, dass die Unterschiede begrenzt waren, da die Klangquellen sich eigentlich sehr ähneln.

So begann ich einige Tests. Zunächst erstellte ich ein Patchim Andromeda mit Routings und Einstellungen, die der Struktur und Beschaffenheit des SEM möglichst stark ähneln sollten. Selbstverständlich leitete ich die Oszillatoren zum Filter 1 und schaltete die Suboszillatoren, den Ringmodulator und sogar den Rauschgenerator aus (denn all dies besitzt der SEM nicht)!

Die Lautstärke der Oszillatoren muss im Pre-Filter-Mixer sehr niedrig sein. Nach meinem Geschmack sollte die Summe von allem 10% nicht übersteigen, da ansonsten das Filter einen verzerrten Klang anzunehmen beginnt, der bei anderen Gelegenheiten nützlich sein kann. Das Gleiche gilt für die ADSR, bei welchen ich die Kurven mit der größten Ähnlichkeit gesucht und die übrigen Segmente ausgeschaltet habe, um den ADSR des Oberheim möglichst nahe zu kommen.

Der SEM

Was beim SEM meine Aufmerksamkeit erregt hat, ist, dass sich das Filter nicht besonders weit öffnet. Der Basisklang ohne Resonanz ist ziemlich dumpf (im Modus LPF), aber sehr voll. Ich musste jedoch aufpassen, das Filter 1 des Andromeda nicht zu weit zu öffnen, da dieses bis 22 kHz reicht, viel weiter als das Filter des SEM. Zufällig hat die Version des SEM, mit der ich arbeitete, eine Abweichung mit Eingängen und Ausgängen der Oszillatoren, Filter usw. Hierdurch konnte ich die Filter überspringen und die Schwingungen in ihrer reinen Form anhören. Hierbei konnte ich herausfinden, dass die Schwingungsformen sehr gleich sind und der Klang offensichtlich vom Filter getrübt wird.

Die Unterschiede

Die ADSR des SEM sind schnell, jedoch nicht übertrieben. Der A6 im Modus ULTRA (im EngineOptimizer) hat viel schnellere ADSR, die zusätzlich „click“ machen, wenn der Anstieg sehr steil erfolgt. Da der Modulationsbereich der ADSR zum Pitchund das Filter beim SEM nicht sehr groß sind, ist der A6 in dieser Hinsicht weit überlegen. Andererseits ist der große Nachteil des A6, dass wenn der Pitchverschiedenen mittleren und hohen Bereichen zugeordnet wird, klar herausgehört werden kann, dass es sich um einen digitalen ADSR handelt. Ein weiterer Nachteil des Andromeda ist, dass das Filter 1 eine Art DC Offset besitzt, welcher – anders als die ADSR im Modus ULTRA – einen tiefen „click“ macht, der sich mit mehr oder weniger schnellen ADSR nur schwer entfernen lässt. Die Wirkung ist relativ subtil, und viele Benutzer bemerken sie möglicherweise gar nicht. Man merkt dies hauptsächlich an sehr kurzen Releasesund löst das Problem, indem man sie ein wenig verlängert. Auch hängt dies stark von der jeweiligen Stimme ab.

Ein weiterer Unterschied ist, dass das Multimode-Filter des SEM über einen Drehknopf verfügt – im Unterschied zur Mehrheit der Synthesizer, die einen Schalter haben – mit welchem man fließend vom LPF zum Notchund zum HPF übergehen kann. Die Konfiguration des A6 ist allerdings noch interessanter: Jedes Filter hat einen unabhängigen Ausgang zu einem Post-Filter-Mixer, in welchem die Ausgänge des Filter 1, des Filter 2 (Moog) die ungefilterten sinusförmigen Schwingungen der Oszillatoren 1 und 2 und der ungefilterte Ausgang des Ringmodulators zusammengeführt werden. Jeder Ausgang der Filter besitzt einen „Mod“-Knopf, der es ermöglicht, aus einer umfangreichen Liste eine Modulations-Quelle auszuwählen, um die Lautstärke zu modulieren. Dies erlaubt es, den Drehknopf des SEM auf die folgende Art und Weise einzustellen: Der Ausgang des LPF befindet sich am Maximum, der des HPF am Minimum, und die Modulations-Quelle (in diesem Fall der mod wheel) ist beiden Eingängen des Mixer zugewiesen, im Fall des LPF jedoch negativ modulierend. Wenn also das Mod Wheelauf Null steht, hören wir das LPF, wenn er auf der Hälfte steht, hören wir beide (Notch-Filter) und wenn er auf dem Maximum steht, nur das HPF. Diese Methode erlaubt es, dass der Crossfadezwischen den Filtern von jeder beliebigen Modulations-Quelle moduliert werden kann, wie einem ADSR oder einem LFO.

Eine weitere Eigenschaft des SEM, die meine Aufmerksamkeit erregte, ist, dass wenn ein Klang mit viel Resonanz mit dem LPF erzeugt und anschließend der Modus-Knopf des Filter betätigt wird, auf Höhe des Notchdie Resonanz vollständig verschwindet… als sei die Resonanz zwischen den Filtern phaseninvertiert. Leider passiert beim Andromeda das Gleiche.

Alesis Andromeda Rebirth

Ein kleiner Nachtrag noch in eigener Sache. Alesis Andromeda-Fans sollten sich unbedingt auch unseren Alesis Andromeda Rebirth Mod ansehen.

Alesis Andromeda Rebirth

Oberheim vs Andromeda on YouTube

Dazu haben wir einen schönen vergleichsgefunden zu einem Oberheim Xpander

Fazit

Mehr gibt es in Wirklichkeit gar nicht zu sagen. Als ich begann, Funktionen des Andromeda auszuschalten, um die Struktur des SEM zu kopieren, wurde mir bewusst, dass der SEM ein sehr – vielleicht sogar zu – einfacher Synthesizer ist. Abgesehen von der Schlussfolgerung, dass beide Synthesizer sehr ähnlich klingen, empfand ich Erleichterung, wieder mit dem Andromeda zu arbeiten und seinen ganzen Extras wie digitaler Frequenzmodulation, Feedback, Ring-Modulatoren, Polyphonie, usw.

Der SEM ist ein bedeutender Synthesizer und gehört zu den bestklingenden Synthesizern, die mir bekannt sind. Seine Einfachheit ist in vielen Fällen ein Vorteil, besonders für melodische Musik, da man nicht in die Versuchung kommt, sich mit abstrakteren Dingen abzulenken. Er ist u.a. ideal für Bässe und Melodien. Sein Klang ist gleichzeitig aggressiv und sanft.

In den Audio-Demos kommt zum Ausdruck, dass beide Synthesizer sehr ähnlich klingen können; jedoch sind auch diese Demos verbesserungsfähig und mit ein bisschen Mühe könnte die Ähnlichkeit weiter verbessert werden.

Der Gedanke dieses Vergleichs ist nicht, dass ein Andromeda einen SEM ersetzen kann; in diesem Sinne kann Tom Oberheim, der sich dankenswerterweise wieder der Herstellung von SEM widmet, beruhigt sein. Es ging vielmehr darum, den Herstellern des Andromeda Respekt zu zollen. Unter ihnen befindet sich Keith Barr, der 2010 verstorbene Gründer von Alesis, der die ASIC Chips entwickelt hat. Er hat unglaubliche Arbeit geleistet und einen Synthesizer auf den Markt gebracht, der besser ist, als sich jeder Programmierer oder Musiker hätte träumen lassen: Mit mehr Polyphonie als irgendein anderer analoger Synthesizer mit VCOs, mit einem Klang, der den besten Synthesizern der Welt äußerst nahe kommt, mit Tausenden sehr nützlichen Funktionen und mit einem lächerlich günstigen Preis. Wer auch immer Letzteres anzweifelt: Wie viel zahlt man für einen Oberheim SVS (Sixteen Voice Synthesizer)???

Klangbeispiele
Forum
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    nativeVS  

    Das besondere am SEM ist sicher, dass die VCO’s von Dave Rossum (E-Mu Systems) und das Filter von Dennis Collin (ARP) mitdesigned wurde.

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    VEBFilm

    Ihr von Amazona bringt mehr und mehr die Sorte und Qualität von Beiträgen, die ich mir damals vom Fachblatt und später den Keyboards erhofft hatte. Danke Euch dafür…

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    starstreet

    Wenn der Andromeda nur nicht so abgrundtief hässlich wäre. Habe auch einen. Sound ist geil, aber von außen leider nur ein Plastikbomber.

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      filterfunk  

      Ja unglaublich.
      Da steht DER Ausnahmesynth der 2000er neben der unterirdisch hässlichen 30er Jahre-Apparatur des SEM.
      Und kritisiert wird der A6 wegen des Designs.
      Aha.
      Ach so. Hat andere Farben als weiß, oder schwarz, oder grau…
      Wie auch immer, der A6 ist ein Hammer.
      Und je länger man sich damit befasst, desto mehr staunt man, was man dieser Kiste entlocken kann…
      Da es sowas nie wieder geben wird: Die Neuauflage eines Oberheim Polyphonen würde mich sofort über diesen Schmerz hinwegtrösten!
      6 Stimmen sollten es aber mindestens sein…

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    olduser  

    Sorry,ich finde den nicht häßlich und selbst die Verarbeitungsqualität stört mich wenig, ist halt kein Jupiter(Qualität) und den finde ich auch nicht schöner, und ich bin froh das er keine Kirschholzseiten hat, schön finde ich den V-synth Gt oder die Nordleads, aber das ist ja nun wirlich klanglich wurscht;-)

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    Tyrell  RED 3

    Alesis Andromeda – für mich ein absoluter Meilenstein. Das Design ist zumindest „einzigartig“. Was mich eher stört ist das Display (wirklich schlecht lesbar – kennt einer einen Mod?) und das Plastik-Gehäuse. Nach dem Neuerwerb musste meiner dreimal zur Reparatur. Feste Tastenanschläge lösten willkürliche Paramtersprünge aus. Der Fehler wurde nie gefunden, irgendwann erhielt ich ein neues Board eingebaut. Nach fast 10 Monaten „hin und her“ funktionierte das Gerät einwandfrei, aber der ständige Versand hatte seine Spuren hinterlassen. Zum einen durch Macken an den Ecken, zum anderen ist ein Seitenteil nun sehr wackelig. Die Seitenteile sind innen nur über einen angeschweissten Kunststoffbolzen verschraubt. Löst sich dieser, hat man keine Chance das wieder hinzubekommen. Aber unterm Strich – Klanglich ein Hammer.

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      microbug  

      Wenns am Kontrast des Displays liegt, so kann man da auf jeden Fall was anpassen, wenn der selbst nicht regelbar sein sollte – oder das Display tauschen. Sieht nach einem üblichen 240*64 mit Toshiba-Controller aus, wie es auch bei SY77/99 verbaut ist. Wahrscheinlich ist das noch so ein CCFL-Dings, bei dem entweder die Folie langsam stirbt oder der Inverter zuwenig Spannung liefert – beides kann man beheben, allerdings kenne ich die Details nicht, sonst könnte ich Dir da helfen.

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    insertc

    Der A6 wird nach wie vor unterschätzt bzw. ist das Wort „Plastikbomber“ schon fast eine Beleidigung – so übel ist das Aussehen auch wieder nicht ;) Bin einfach glücklich mit dem Teil, obwohl ich schon einige Zeit gebraucht habe, bis ich mit dieser Vielfalt an Möglichkeiten zurechtgekommen bin.

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    studiodragon  

    Ja, der A6 von Alesis bleibt immer noch was besonderes und er zählt unter meinen Lieblingen.
    Schon einige Jahren treu im Studio hab ich noch keine Probleme mit ihm gehabt.
    Merci Keith Barr für immer …

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    microbug  

    Korrektur:

    EMU hatte keinen „digitalen Schaltkreis“ entwickelt, sondern eine Software zur Tastaturabfrage und Stimmentsteuerung für polyphone Synthesizer auf Basis konventioneller Hardware: Z80-Prozessor und handelsübliche Peripherie. Der Clou war die Software. Diese Steuerung konnte man lizensieren, und neben Tom Oberheim tat das auch Dave Smith für seinen Prophet 5.

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    Filterpad  AHU

    Ich habe mal irgendwo gelesen das der A6 so „stark“ klingt, das man ihn nicht einmal in einem gewöhnlichen Mix verwenden kann! Ist das wahr oder nur blödes gerede? Gibt es ihn gut gebraucht und was kostet er?

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      jaxson  

      Der andromeda steigt von Jahr zu Jahr an wert…wenn man bedenkt, was er noch vor zwei Jahren gekostet hat und letztens erst einer für um die 4000 weggegangen ist, bin ich froh das ich meine habe, und werde ihn sicherlich nicht mehr hergeben :-) die Leute merken, langsam, das es nichts vergleichbares gibt..will nicht wissen, was er in 1-2 Jahren kostet…

  10. Profilbild
    starstreet

    7 Jahre später. Der Andromeda ist immer noch toll. Ein Wohltäter hatte tatsächlich neue, perfekt sitzende Folien für den Andromeda erstellt. Er sieht in komplett schwarz/silber wirklich besser aus. Es wirkt, als ob es immer so gewesen wäre. Es gibt nur 10 von diesen Folien. Hätte sich angeblich nicht gelohnt. In dem Design wäre das sicherlich ein zeitloser Hit geworden. Wen das Display stört, kann es sich gegen ein weißes tauschen lassen. Endlich ist alles lesbar.

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