Interview: John Bowen, Mister Solaris, Teil 2

12. März 2016

Synths, Solaris, & Rock'n' Roll

Und weiter geht’s mit John Bowen. Dem Mann, der seinen Fingerabdruck in der Musikinstrumentenindustrie hinterlassen hat wie kaum ein anderer. Wie das? Nun, wenn Sie Teil 1 des Interviews gelesen haben, dann wissen Sie ja schon eine ganze Menge darüber. Ich hatte es für Teil 2 auch ordentlich angeteasert, dass John aus dem Nähkästchen plaudert mit Sachen, die es nicht jeden Tag zu lesen gibt. Falls Sie also noch nicht im Bilde sind, dann klicken Sie einfach hier zu Teil 1:

John Bowen pic by Christopher Steller

Klaus:
Als Yamaha SCI übernahm, wurde daraus eine neue Jobgelegenheit für Dich, da sie Shareholder von Korg waren. So konntest du deine Prophet VS Konzepte auf eine Weise in Form der Wavestation fortsetzen, richtig?

John:
Oh ja? Ich weiß nichts davon, dass Yamaha Shareholder von Korg war. Das müsstest Du verifizieren mit einigen Details, denn als ich bei Korg war, habe ich davon nichts gehört.

Klaus:
Yamaha übernahm 51%, das hatte Gordon Reid recherchiert und 2002 in seinem Artikel bei Sound on Sound publiziert. Auch dass Tsutomu Katoh die Anteile 1993 wieder zurückgekauft hat. Ist bei Wikipedia notiert. Doch kommen wir zurück zu Korg. Ich erinnere mich an ein Roundtable in den späten 80ern, wo ein Prototyp namens WS präsentiert wurde. Kannst Du uns ein paar Details über das Making of sagen und warum das dann zu Wavestation umbenannt wurde?

John:
Von welchem Roundtable sprichst du?

Klaus:
Der deutsche Korg Vertrieb organisierte das, die Leitung hatten Michael Filgraebe und Michael Geisel, und es fand im Sheraton Frankfurt Airport statt. Teilnehmer waren knapp 15 Presseleute und welche aus dem Handel, darunter auch ich.

John:
Wir begannen mit der Wavestation unmittelbar nachdem wir zu Korg gegangen sind, das war so etwa Mai 1989. Man gab uns pauschal 7 bis 8 Monate Zeit, um einen Prototyp für die NAMM Show 1990 fertig zu stellen, was wir aber nur gerade so schafften. Ich glaube der Name kam von Jack Hotop. Was unsere Gruppe betrifft, kann ich mich jedenfalls nicht an die Bezeichnung WS erinnern.

Nicht ganz stimmig ist der gelegentlich geäußerte Gedanke, dass unsere Gruppe von Sequential irgendwas mit den Yamaha Vector Control Produkten zu tun gehabt hätte, also dem SY22 und SY35, mit denen hatten wir absolut nichts zu tun!

John:
Was ich Dir über jenes Jahr mit Yamaha als DSD sagen kann, das war von Dezember 1987 bis April 1989, ist, dass wir ein Projekt namens F8 gestartet haben. Dieses Gerät hatte das Filter, das du vom TX16W kennst.

Yamaha TX16W Product Catalog

Als Korg ein Jahr später dazu kam, haben wir den F8 im Wesentlichen in das überarbeitet, was Du als Wavestation kennst. Die wichtigste Änderung dabei war, dass wir den Korg Filter Chip einsetzen mussten. Der ist aber nur Low Pass und hat keine Resonance, was ich als großes Problem ansah! Aber der F8 hatte diese „Wave Sequencing“ Idee, in die ich die Prophet VS Funktion als Erweiterung so einbringen wollte, dass Du eine komplette Rotation durch die vier Oszillatoren mit dem Joystick Mix machen kannst. Zum festgelegten Zeitpunkt kommst Du dann also zurück zu Oszillator A, was somit zu einem neuen Waveshape verändert werden kann. Die VS Circuits aber können das nicht. Denn: Sobald Du einen beliebigen Oscillator Waveshape änderst, würde der Chip „resetted“ und Du hättest einen hörbaren Glitch in der momentanen Oszillator Wiedergabe.

Ich gestaltete alle User Screens für den F8. Und als Korg dazu kam, wurde ich der Verantwortliche für das Wavestation Projekt, und zwar als Produkt Manager. Eine von Dave Smiths Konditionen bei Korg war, seit er gesignt hatte, dass er sich nach 6 Monaten zurückziehen konnte, weil er aus der Bay Area wegziehen wollte. Einfach nur um frei vom Music Business zu sein, daher war er eigentlich nicht besonders in die Wavestation involviert.

Klaus:
Kannst Du uns über den Prophet VS berichten und wie Du dessen Samples produziert hast?

John:
Josh Jeffe war der Main Engineer und hat den Prophet designt. Und er hat auch ein Additive Synthesis Programm für Windows Computer geschrieben, das wir im Lab hatten. Das erlaubte einem, die Amplitude von 24, oder waren es 32? – ich kann mich nicht exakt erinnern – Harmonics individuell wie „Harmonic Drawbars“ zu zeichnen. Oder das auch mit einer Computer Maus zu machen, um eben einen Single Cycle eines Waveshape abzubilden. Alles hörbar und in Echtzeit. Das mag heutzutage als was nicht so Besonderes erscheinen, aber 1985 war das wirklich selten.

 

John:
Für die meisten der Waveshapes benutzte ich einfach die Maus, um die zu „zeichnen“. Und sobald ich etwas gefunden hatte, wo ich dachte, es klingt gut, dann habe ich das einfach abgespeichert. Du siehst also, die meisten VS Factory Waveshapes sind halt „made by ear“, also mit dem Ohr gemacht. Es gab noch bestimmte Sounds, die ich unbedingt wollte, wie etwa ein Shape, das nur ein paar ausgewählte Harmonics abspielt. Etwa ein Grundton mit einer Oktave obendrüber, oder auch 2 Oktaven, oder wegen mir eine Oktave plus eine Quinte oder Terz und solche Sachen. Genau dafür benutzte ich die Harmonic Draw Bar Sektion des Programmes. Auch setzte ich den Harmonic Draw Bar Mode ein, um mehrere Waveshapes zu duplizieren. Die sind auf dem Front Panel auf der linken Seite aufgedruckt und zeigen kleine vertikale Bars an, die indizieren die relative Amplitude der ersten der 16 Harmonischen, daher kopierte ich sie halt und schätzte den Shape einfach optisch ein. Und das Überraschende daran war, wie genau der Sound dem dann entsprach! Ich glaube, ich habe vielleicht vier von diesen Waveshapes mit reingenommen.

Am Ende fügte Josh noch eine bestimmte Recording Methode hinzu, mit der er einen Single Cycle von einem Mikrofon Inputsignal extrahierte. Und lieferte damit eine oder zwei Waves seiner Stimme.

Klaus:
Kommen wir zu Creamware. Das Scope Modular System war bzw. ist eine spezielle Soundcard und da werden mehrere Software Synthesizer gleich mitgeliefert. Was ist der Vorteil bei einer solchen Soundcard?

Creamware Audio Logo

John:
Als ich Korg für Creamware verließ, war das wegen der Arbeit an der UI für die KORG OASYS PCI Card. Und weil der grafische Anteil auf dem Interface extrem limitiert war. Also wegen der sehr geringen Anzahl der grafischen Objekte, und es gab auch keine Farben. Ich hatte eine Demo der Scope Software gesehen, und es gab bei der sowohl ein umfangreiches Grafik Interface als auch einige sehr ordentliche DSP Algorithmen, da ahnte ich gleichzeitig, dass die OASYS PCI Card so wohl nicht fertig werden würde.

Korg OASYS PCI Card

Korg OASYS PCI Card

John:
Also verließ ich Korg, das war im Juli 1998. Als ich dann in Deutschland ankam und die Creamware Leute traf, sagten sie mir, dass ein neues Produkt herauskäme, und zwar das Pulsar PCI Board. Und dass ich drei Wochen Zeit hätte, das Scope SDK zu lernen und dafür ein Modular System entwickeln sollte! Meine erste Herausforderung war, dass das nur auf Windows 95/98 lief, denn ich hatte davor nie mit Windows Software gearbeitet! Die andere Sache war, dass natürlich alle Menüs bei Windows OS auf dem Computer dort in Deutsch waren, und so war ich komplett auf verlorenem Posten und wusste überhaupt nicht, wie ich da vorwärts kommen sollte. Allerdings muss ich sagen, dass ich innerhalb einiger Tage dann doch gut am Start war und das SDK beherrschte, und so managte ich das Basis Modular System, um es rechtzeitig für das Pulsar Debut zu konstruieren. Es ist durchaus ein Tribut an die Scope SDK Software, die es mir so leicht machte, das zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt gab es kein anderes Produkt auf dem Markt, das so flexibel war und mit solch guten Resultaten aufwarten konnte.

Die Konzepte und Details dahinter hinsichtlich der Entwicklung? Ich fürchte, das würde zu lange dauern, Dir das zu erklären. Aber ich will Folgendes sagen: Eine solche proprietäre Soundcard erlaubt eine derart überragende Audioqualität, die keine der nativen Software Programme wie Generator (Reaktor) managen könnte.

Forum
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    iggy_pop  AHU

    Ganz frühe Exemplare der Wavestation wurden tatsächlich mit dem Aufdruck WS(-1) ausgeliefert — womöglich Messe- und Demomodelle?

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      k.rausch  RED

      Ah, interessantes Detail. Ich kannte ja nur diesen einen Prototyp, der beim Roundtable zu sehen war. Der war auch schon spielbereit. Die Korgies betonten, dass es endlich wieder ein richtiger Synthesizer wäre und die Jagd nach dem Klavier, wie beim M1, da nicht stattfinden würde. Nun, während des Mittagessens war ich kurz alleine mit diesem Instrument, hatte den Kopfhörer genommen und mal angespielt, weil mich ja keiner erwischen konnte. Und Überraschung: Es waren einige Presets mit Klavier Versuchen drin :)

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          TobyB  RED

          Hallo digital-synthologie ,

          das gabs schon in der M1. Was halt die WS so besonders macht ist das Wave-Sequencing. Sie ist zwar nicht das Megamodulationsmonster, macht aber in Ambient und ähnlichen Genres noch Sinn und ist für mich klanglich interessant.

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            digital-synthologie  AHU

            Ich weiß, hatte selber lange eine Wavestation EX. Es ging mir nur um die Kehrtwende vom reinen Synthi zum Klavierabspieler, weil es damals gerfordert war.

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        TobyB  RED

        Hallo Klaus,

        da hätte ich gerne mal dein überraschtes Gesicht gesehen ;-) Korg und Klaviere das ist so ein Thema. Ich musste mich zu der Zeit immer für die Klaviersounds meines M1 rechtfertigen. ProgRocker sind da so speziell. Aber davon ab, M1, T Serie und die Wavestations waren und sind sehr gute Instrumente. Für mich eigentlich auch „Klassiker“.

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          k.rausch  RED

          Die Korgies wollten die Wavestation zuerst klar als puren Synthesizer vermarkten. In dieser Zeit übte allerdings die Kundschaft mit „und, wie ist das Klavier?“ bei jedem Instrument enormen Druck aus. Es folgte eine sanfte Kehrtwende mit PCM Cards, EX Version und sogar Werbung, wo die Wavestation den Tanzmusikern schmackhaft gemacht werden sollte. Heute lächelt man drüber :)

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            TobyB  RED

            Hallo Klaus,

            ich denke als reiner Synthesizer ist das Killerfeature der Morph-Joystick. Bei den PCM Cards sind einige Sounds und Cards dabei, die wirklich Klasse sind und wo das Potential, der WS, M, T Korgs das Potentlal ausgelotet wird. Persönlicher Favorit Akira und die Synth 1+2 Karten. Die Klaviersounds/Orgelsound haben mich ja auch zum Kauf des M1 bewegt. Damals fand ich z.b. das Rolands LA Organ/Pad was fehlten. Ich konnte mich damals nicht zu einem D 70 entscheiden. Das waren damals schon komische Zeiten ;-)

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              k.rausch  RED

              Und wie nachhaltig gelungen das zeitlose Wavevstation Konzept geraten ist, sehen wir ja 25 Jahre später an den Adaptionen in der Legacy und im Kronos. Trotz der Beschränkungen in der Filter Section, die John Bowen im Interview erwähnt hat. Tolle Sache!

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                TobyB  RED

                Hallo Klaus,

                dem kann ich nur zustimmen. Und wenn ich mich recht erinnere hatte Marko doch mal was geschrieben, wie man die begrenzten Filter etwas pimpen kann.

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                  digital-synthologie  AHU

                  Das Filter hatte ja keine Resonanz, aber es gab einen irgendeinen Effekt der Resonanz hatte. Die Filterfrequenz dieses Effekts konnte man z.B. per Modulationsrad in Echtzeit ändern. Vielleicht konnte man ihn auch von einer Hüllkurve ansteuern, um zumindesten für einen Monosound ein Resonanzfilter zu haben. Da ich einen Wavestation mehr habe, kann ich es nicht mehr überprüfen.

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                    k.rausch  RED

                    Ein Trick mittels Effects Section ist die Overdrive-Filter-EQ oder Distortion-Filter-EQ mit runtergeregeltem Edge und hoch aufgeregeltem Resonance Parameter. Je nach Waveform klingt das einigermaßen ähnlich. Während des Roundtables betonten die Korgies, dass man das mittels der Wave Slices erledigen solle, die extra für diesen Zweck vorhanden seien. Wie wir nun durch Johns Interview erfahren haben, war das aus der Not eine Tugend gemacht.

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    lightman  AHU

    Tolles Interview, danke dafür. Es war schon immer mein Traum, an der Entwicklung eines Hardware-Synths mitzuwirken, und John hat das gleich mehrfach mit Erfolg getan, dazu noch mit vielen großartigen Leuten zusammengearbeitet und auch musikalisch sein Ding durchgezogen – besser kanns für einen Musiker wohl nicht laufen.

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    costello  RED

    Vielen Dank für das sehr interessante Interview mit John Bowen. Es quillt vor Fakten ja nur so über; ich persönlich fand es schön, ein paar Hintergründe zu seiner Zeit bei Creamware/Sonic Core zu erfahren. Für Bowen scheint Scope ein wichtiger Schritt hin zu seinem umfassenderen Solaris-Konzept gewesen zu sein. Als reine Repliken der großen Vintage-Vorbilder liegen die ASB-Teile aber – mindestens was den Sound betrifft -immer noch ganz weit vorne.

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      k.rausch  RED

      Gut zu wissen. Vielleicht kriege ich John ja nochmal vor’s Mikro. Was würde dich denn ganz besonders interessieren?

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        digital-synthologie  AHU

        Den Teil zur Wavestation fand ich enttäuschend kurz.
        Ausserden würde mich noch interessieren, wie er beim Design vorgeht. Hat er bestimmte Regeln, nach denen er vorgeht? Macht er das intuitiv? Welche Weisheiten hat er dazu im Laufe der Jahre gewonnen? Ist der Solaris schon sein Traumsynthi, den er schon immer machen wollte oder nur ein Schritt dahin?
        Und gerne noch mehr Anekdoten.

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    AMAZONA Archiv

    Den Solaris als Scope plugin von Zarg John bowen ist so ein verrückter Synthesizer, als Hardware sicher noch verrückter. Ja das Interview könnte 20 mal so lange sein. Der Pro wave ist der handlichere Synthesizer und klingt einfach saugeil

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