Interview: Florian Anwander, Synthesizer-Urgestein

Vintage soweit das Auge reicht

Vintage soweit das Auge reicht

Peter:
Bist du immer noch am Erweitern Deiner Sammlung, oder reicht der Platz nicht mehr aus?

Florian:
Eigentlich plane ich, mich wieder zu reduzieren, was die Synthesizer angeht. Es ist schön, die Instrumente mal da zu haben und auszuprobieren, aber sie erweitern mir ja nicht meine musikalischen Möglichkeiten. Zum einen befolge ich ziemlich eisern die Regel, dass ich nur etwas Neues kaufe, wenn ein anderes Instrument dafür verkauft wird.

Zum anderen stellen einige Geräte inzwischen wirklich Wertanlagen dar, die Zuwächse bei den erzielten Preisen haben, die mir eine Bank oder ein Fond nicht bieten kann. Da beobachte ich die Preisentwicklung sehr genau, und ich werde die erst verkaufen, wenn ich merke, dass die Preise über längere Zeit nicht mehr steigen oder gar fallen.

Peter:
Wenn du dich plötzlich für 5 Synthesizer entscheiden müsstest, welche 5 wären das?

Florian:
Ach bei den Synthesizern und Drummaschinen käme ich mit erstaunlich wenig aus. Ich hatte zwanzig Jahre lang neben mein Klavier, den JX-3P, den Roland SH-101, einen Akai S-612, die TR-808 und ein Boss SC-33. Wo ich Schwierigkeiten mit dem Reduzieren bekäme, das ist das Studio-Outboard. Meine Technikaffinität kommt ja mehr aus der Toningenieurs-Ecke als aus der Musiker-Ecke. Als Musiker bin ich nicht so der Solist. Da ist mir das Zusammenspielen viel wichtiger.

Peter:
Und noch eine Frage zur alten Diskussion – Analog oder VA. Hörst du einen Unterschied – oder anders gefragt, ist das überhaupt ein Thema bei Dir?

Florian:
Lass es mich so erläutern. Ich habe wohl allgemein ein Faible für veraltete Techniken, aber ich nehme gerne davon die neue Variante: Ich rasiere mich mit dem Rasiermesser und beim Skifahren fahre ich eine 100 Jahre alte Technik aus Norwegen. Aber ich verwende ein modernes Rasiermesser mit Wechselklinge,

und hier der Nachweis!!!

und hier der Nachweis!!!

und meine Telemarkboots sind die neuesten italienischen Kunststoff-Stiefel.

Florian beim Telemarken (Foto: Luidger)

Florian beim Telemarken (Foto: Luidger)

Genauso ist es bei den Synthesizern. Mein aktuell liebstes Modul in meinem Modularkoffer ist das Brains von Mutable Instruments, ein digitaler Oszillator. Ich bin ein ziemlicher Fan des Nord Modular und mit der Roland TR-8 hat sich meinen Wunsch nach einer Roland TR-909 endgültig in Luft aufgelöst.

Was mich zu den alten Geräten hinzieht, das ist zuvorderst die Möglichkeit der unmittelbaren Bedienung und Ansteuerung. Ich ertrage ein Gerät nicht, bei dem ich in irgendwelchen Menüs die Controller-Nummer für das Filter in der nächsten Sequenz aus Zilliarden Möglichkeiten raussuchen muss und dafür zehn Minuten brauche – geschweige denn, dass das live auf der Bühne machbar wäre.

Außerdem nervt mich an MIDI die feste Verknüpfung von Noten- bzw. Parametersteuerung einerseits und zeitlichen Events andererseits. Ich stehe total auf die Möglichkeit, mit externen Triggersignalen die rhythmische Steuerung von der Tonhöhesteuerung zu trennen. Der Klassiker sind da die House-Bassfiguren, bei denen eigentlich ein Vier-Noten-Arpeggio im Juno-6 läuft, aber die Arpeggioclock kommt von der Cowbell der TR-707 auf die Schläge 1, 4 und 7. Da es nur drei Trigger pro Takt gibt, dreht sich die Melodik des Bassfigur jeden Takt eins weiter. Erst nach vier Takten kommt wieder die gleiche Figur. Das ist super einfach, super wirksam und lässt sich live spielen – aber es geht mit MIDI nun mal nicht. Und eigentlich alle VA-Synths sind nur über MIDI ansteuerbar.

Wenn mir jemand einen virtuell analogen Synthesizer präsentiert, bei dem ich die VCA-Envelopes der aktuell gespielten Stimmen separat mit einem Triggersignal oder meinetwegen einer Steuernote in MIDI antriggern kann, dann wäre ich der erste, der diese Kiste auf dem Tisch hat.

Den Sound des Roland SH-101 krieg ich auch woanders her, aber bisher hat mir noch niemand diese Kombination aus Sequencer, Arpeggiator und Sample & Hold am selben Clock in einem anderen modernen Gerät gezeigt. Das gilt für den JX-3P mit seinem Sequencer oder für den CSQ-100 mit irgendeinem Synth oder für den MonoPoly-Arpeggiator bei vier unterschiedlich eingestellten VCOs.

Forum
  1. Profilbild
    matt

    EIn zeitloses Interview, welches man immer wieder mal lesen kann.

    (Weitaus besser als Gear Gerüchte Artikel.)

  2. Profilbild
    tandem

    „Wenn mir jemand einen virtuell analogen Synthesizer präsentiert, bei dem ich die VCA-Envelopes der aktuell gespielten Stimmen separat mit einem Triggersignal oder meinetwegen einer Steuernote in MIDI antriggern kann, dann wäre ich der erste, der diese Kiste auf dem Tisch hat.“ – Der Nord Lead kann das (über Special Function „A“).

    • Profilbild
      Florian Anwander  RED

      Hallo Tandem,

      Du übersiehst geflissentlich den Satz: „Ich ertrage ein Gerät nicht, bei dem ich in irgendwelchen Menüs die Controller-Nummer für das Filter in der nächsten Sequenz aus Zilliarden Möglichkeiten raussuchen muss […] – geschweige denn, dass das live auf der Bühne machbar wäre.“

      Ich sehe gerne zu wie Du die Meute im Club mit folgendem Prozeder zum kochen bringst…

      4. Hold down SHIFT and press MIDI CH. Set the MIDI Channel for Slot A to ‘1’.
      5. Press each of the other
      SLOT buttons and set them to MIDI Channel ‘16’. This is just to make sure they do not get used in this example.
      6. Hold down SHIFT and press SPECIAL.
      7. Press the SPECIAL button until the left digit in the DISPLAY reads ‘F’.
      8. Make sure Slot A is selected. Otherwise press the SLOT A button.
      9. Use the UP/DOWN buttons to set the value to ‘F.on’.
      10.Press STORE. Use the UP/DOWN buttons to select MIDI Channel ‘2’.
      11.Press STORE again and then the DOWN button to select ‘– – –’ (any MIDI note number).
      12.Press STORE again

      … uuuups, die Tanzfläch ist ja leer

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      moogulator  AHU

      Er meint analoger Triggereingang für Signale von TR’s und so weiter. Das fehlt und sollten alle haben, auch VAs.
      MIDI war vermutlich nicht gemeint.

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        Florian Anwander  RED

        Hallo Moogulator,

        Triggerung durch ein MIDI-Event wäre schon auch in Ordnung. Aber bitte nicht über diesen Setup-Wahnsinn. Das „Unverschämte“ an einer Triggerbuchse ist ja, dass die einzige „Setup“-Aktion das Einstecken des Kabels ist.

        Die Möglichkeit des Nordlead ist ja fein für jemanden der zu Hause im Kämmerlein alles sorgfältig vorbereitet, und das dann nur noch auf der Bühne reproduziert. Aber das hat für mich nur wenig mit Musikmachen zu tun. Ein Trompeter kann ja seinen Lippenansatz auch nicht zu Hause vorprogrammmieren – der macht das ja auch in Echtzeit auf der Bühne.

        Naja, Dir muss ich das nicht erzählen.

        (PS: wer die Chance hat, Moogulator mal live zu erleben, der sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist sehr beeindruckend!)

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          moogulator  AHU

          yepp –

          und was das erleben angeht – total „seeeelber“ weil war immer gut – hoffe du bist demnächst auch wieder da live unterwegs, damit ich das mit bekomme. Ist nämlich auch richtig gut!

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          Pflosi  

          Es gibt schon Lösungen… Einen MidiPal z.B. habt Ihr ja offenbar, der kann das auch… :) Manche Sequenzer haben die Funktion ebenfalls, so etwa der Zyklus MPS1.

          LG

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            Florian Anwander  RED

            Ja, klar haben viele Geräte diese Funktion und viele andere Funktionen, die ich sehr einfach in der CV/Gate/Trigger-Clock-Welt realisiere; nur eben mit einem blödsinnigen Konfigurationsaufwand bzw mit einem technischen Aufwand. Warum soll ich mir für 100 oder 200 Euro ein Zusatzgerät kaufen, wenn die gleiche Lösung mit einer Buchse und Bauteilen für unter einem Euro zu realisieren wären?

            Ich sehe hier ein Problem, das ich aus der Softwarewelt nur zu gut kenne: Es ist unter Produktmanagern und zT. auch Entwicklern verpönt, Vorteile alter Technologien anzuerkennen (die also nicht vom Produktmanager oder vom Entwickler stammen), da man auf die Art weniger von sich präsentieren kann; das ist dem Selbstwertgefühl abträglich. Kein technisches sondern ein allzu menschliches Problem…

  3. Profilbild
    daniel müller  

    Vielen Dank Herr Grandl und Herr Anwander für das unterhaltsame Interview…

    Sehr schön das…

    „Ich selbst lösche vor dem Auftritt alle Sequenzen und Drumpatterns und beginne bei Null.“

    Weitermachen…

  4. Profilbild
    Stephan M.  RED

    Tolles Interview! Dank Florian hatte ich überhaupt die Motivation, mich mit analogen Synthesizern zu befassen. Ich konnte in der damals abonnierten Keys nur was mit den Audiobeiträgen des Workshops modulare Synthesen anfangen. Die Form der Improvisation ist mir nicht fremd, so etwas würde ich auch liebendgerne mal probieren. Leider ging an mir der Kelch vieler analoger Hardware vorüber, bislang zumindest. Ich denke, ein analoges System könnte wunderbar barrierefrei sein.

  5. Profilbild
    BlackSun

    Danke für dieses tolle Interview! Ich habe mir erst letzte Woche das Standardwerk „Synthesizer“ von ihm gegönnt und finde es sehr gelungen! Auch wenn ich darum bitte bei der nächsten Auflage gleich noch ein passendes Döpfer A-100 System + persönliche Beratung mitzuliefern. …Ich würde bestimmt auch 10 Euro mehr bezahlen für das Buch! Bestimmt! ^^
    Mein persönliches Fazit: Ihr seid cool. Weitermachen.

  6. Profilbild
    barkingdog  

    Bevor man sich überhaupt einen Synth kauft muss man zeimal das Buch SYNTHESIZER durchackern, finde ich. Und ein drittes mal dann mit dem Synth. Das sollte staatlich kontrolliert werden, so wie ein Führerschein ;) dann wäre bald Schluss mit dem Presetgedüdel. Ein echt gutes Buch, das den Weg zur eigenständigen Synthese erst aufmacht. Danke dafür!!!
    LG
    David

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