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Interview: Steve Porcaro, von Toto bis Michael Jackson

(ID: 221181)

Peter:
Können wir einen Schritt weiter zurückgehen zum Yamaha CS80? Für jeden gehören TOTO und der Yamaha CS80 zusammen!

Steve Porcaro:
Gut, ich erzähle die meine Yamaha CS80 Geschichte! Ich wollte den Yamaha CS80 unbedingt haben! Es gab in ganz LA nur einen Musicstore, der den CS80 exklusiv von Yamaha hatte – und das war nicht „Guitar-Center“, es war „David Abell“ – und ich wollt den CS80 unbedingt spielen.

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Peter:
War der Yamahs CS80 zu diesem Zeitpunkt so etwas wie der große Geheimtipp oder wollte den jeder haben?

Steve Porcaro:
Nein, überhaupt nicht, der CS80 war in aller Munde. Zuvor war der Polymoog erschienen, der erste polyphone Synthesizer – und der war bei allen eine so große Enttäuschung. Er klang überhaupt nicht nach, sagen wir, acht Minimoogs. Der klang eher wie eine seltsame Orgel. Das war wirklich niederschmetternd.

Im Gegensatz dazu war es wirklich ein Erlebnis, als ich bei der CS80 zum ersten Mal das voreingestellte Brass-Preset hörte! Ich setzte damals im Laden die Kopfhörer auf, hörte den Sound und wusste „Oh, das ist DER Sound! Den muss ich haben!“ Für 1.500 Dollar konntest du auf die Warteliste gesetzt werden, ich war ungefähr auf Platz 30 und es galt eine Wartezeit von ca. 8-9 Monaten.

Famous Yamaha CS80

Zu der Zeit war mein Bruder Mike gerade in Japan auf  Tournee mit Larry Crafton. Eines Tages rief er an und erzählte, dort würde es den Yamaha CS80 in jedem Laden geben, einfach so, ausgestellt im Schaufenster. Er schlug vor, ich solle mein Geld zurückfordern und er würde mir einen in Japan kaufen. Er wusste, wie sehr ich einen haben wollte und so kam es dann auch tatsächlich.

Eigentlich ist es eine sehr lange Story, aber ich versuche sie an dieser Stelle mal abzukürzen.

Toto hatte gerade mit den Proben für das erste Album begonnen und ich spürte, das wird mein Instrument für die Band. Aber es gab einige Anfangsschwierigkeiten, denn es war ein revolutionäres Instrument – nigel-nagel-neu! Es gab da „kleinere“ Probleme – Dinge, die nicht richtig funktionierten und die ich bei YAMAHA klären wollte. Doch Yamaha in USA sagten mir, sie könnten mir nicht helfen, da sie nur Händler helfen dürften. Ich solle also zu meinem Händler gehen, aber ich hatte das Teil aus Japan.

Peter:
Warst du zu dieser Zeit noch ein No-Name?

Steve Porcaro:
Allerdings! Der Typ am Telefon war aber ganz nett und gab mir einen Tipp. Ich sollte den CS80 einfach direkt zu der Firma bringen, die den Service für Yamaha in USA machte. Ich kannte die Firma, es war „Valley Sound“, damals der einzige Laden in Hollywood, der wirklich Synthesizer reparieren konnte. Und sie waren für Yamaha auch das autorisierte Service-Center für den CS80.

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Also brachte ich meinen CS80 direkt zu Valley Sound, die den CS80 dann auch annahmen. 10 Tage später, als ich es wieder abholen wollte, hatte man dort zehn weitere Fehler gefunden, zehn weitere Fehlfunktionen! Der Typ, der das Gerät reparieren sollte, hatte bei der Reparatur zehn weitere Dinge ruiniert. Ich hatte die Nummer vom Yamaha Vertreter und rief ihn an: „Ich habe den CS80 zum Yamaha Service-Center gebracht, nun sind noch 10 Fehler mehr vorhanden, was soll ich tun?!“ Er blieb ganz ruhig und sagte mir: „Bring ihn nach Buena Park und du musst wissen, das ist ein ganz schön weiter Weg von Los Angeles nach Buena Park.“

Peter:
Sicher keine einfache Sache bei diesem schweren Keyboard?

Steve Porcaro:
Korrekt, ich musste ihn alleine in meinen Kombi packen und fuhr dann die lange Autofahrt zu Yamaha.

So kam mein Kontakt zu Yamaha zustande. Dort versprach man mir, man würde nun alles tun, um das Gerät einwandfrei zum Laufen zu bekommen – aber nur einmal! Wenn er also mal richtig funktioniert, sagte man mir, dann bist du auf dich alleine gestellt. Aber wir werden nicht aufhören, bis er richtig funktioniert. Ich sah einen Vorteil in der Sache und nutze die Gelegenheit, den Techniker persönlich kennenzulernen – und tatsächlich, ein oder zwei Wochen später passierte etwas Eigenartiges, sie hatten jeden Fehler beseitigt und verlangten keinen Pfennig für die Reparatur und sie erklärten mir, wie begeistert sie über mein Fachwissen seien und wie exakt ich ihnen die Fehler nennen konnte, die der Synthesizer hatte. Sie fanden auch das Engagement toll, dass ich mit dem CS80 bis zu ihnen nach Buena Park gefahren war. Von da ab hatten wir ein tolles Verhältnis zueinander.

Ich hatte auch immer diese wuchtigen Lautsprecher in meinem Kombi und eines Tages, als ich wieder mal zum Buena Park fuhr, kam mir der Techniker entgegen, als ich gerade dabei war, den CS80 alleine auszuladen. Da krachte mir einer der Lautsprecher auf die Hand und der Techniker fragte mich: „Warum tust du das alles?“ Das war verrückt für die, denn zu diesem Zeitpunkt waren wir schon berühmt, aber ich erwarb mir so den Respekt von ihnen.

Peter:
Hast du die CS80 auch auf der Bühne verwendet? Gab es dabei nie Probleme?

Steve Porcaro:
Ich hatte immer Probleme auf der Bühne!

Peter:
Hast du ihn dann selbst repariert?

Steve Porcaro:
Nein, von dem Tag an in Buena Park hatte ich deren volle Unterstützung. Ich war im Gegenzug so eine Art Produktentwickler und habe Yamaha viele Tipps gegeben. Ich erzählte den Jungs, wie vorteilhaft ein Unisono-Button am CS80 sei oder die Möglichkeit, das Keyboard zu splitten. Ich habe ihnen also auch viele Dinge gezeigt, die offensichtlich waren.

Interview Steve Porcaro Toto

Peter:
Hast du ihn auch für das erste TOTO Album genutzt?

Steve Porcaro:
Ja, klar!

Peter:
Und wann war die CS80 Phase vorbei?

Steve Porcaro:
Die ist bis heute nicht vorbei!

Peter:
Du hast deinen CS80 noch? Verwendest du ihn noch?

Steve Porcaro:
Nicht nur einen, ich habe ein paar davon. Kein anderer Synthesizer hat diesen feinfühligen, polyphonen Aftertouch. Vielleicht noch der Yamaha GS1, von ihm stammt der berühmte Africa-Sound. Oft fragen mich Leute danach. Das war ein „Big Deal“! Ich mochte den Song „Africa“ nie besonders, als wir daran arbeiteten

Peter:
Wirklich (muss lachen)??

Steve Porcaro:
Ich wollte eigentlich nicht, dass er auf das Album kommt, aber ich arbeitete sehr hart daran. Diese „Kalimba-Sounds“ waren Yamaha GS1 Sounds. Es war eine 4-Operator-FM, bevor der DX7 herauskam. Es gab nur ein paar Programmierer auf der ganzen Welt, die für den GS1 Klänge programmierten.

Yamaha GS-1

Yamaha GS1, der Wegbereiter des späteren Yamaha DX7

Peter:
Und der Bläser-Sound?

Steve Porcaro:
Der Brass-Sound kam vom CS80, der Kalimba-Sound stammte aber vom GS1. Die meissten GS1 Sounds wurden für uns von einem Typ namens Gary Leuenberger programmiert. Er hatte eine Auswahl an Basis-Klängen, die er dann für uns modifizierte.

Peter:
Ich habe immer wieder gehört, dass man mit einem Yamaha DX7 den Sound und die Dynamik des GS1 nicht hinbekommt, obwohl dieser mit mehr Operatoren arbeitet.

Steve Porcaro:
Das stimmt! Der Yamaha GS1 ist wirklich ein sehr seltsames Instrument – schau dir einfach auch an, wie sie es gebaut haben, wie ein Klavier. Und da steckte dann 4-Operatoren-FM drin. Bei jedem Sound mussten für jeweils drei Noten eine neue  Programmierung vorgenommen werden. Das war extrem umständlich zu programmieren. Der DX7 war dagegen eine großartige Verbesserung dazu, 6-Operator-FM. Der sollte also alles können, was der GS1 konnte und mehr. Aber weißt du was, ich habe es nie geschafft, aus dem DX7 unserem Africa-Kalimba Sound herauszubekommen. Ich kam dem Original-Klang nicht mal nahe.

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Peter:
Wenn du heute auf der Bühne „Africa“ spielst, benutzt du dann Samples von damals?

Steve Porcaro:
Nein, das ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen! David und ich spielen das immer zusammen, spielen es aber nie gleich. Manchmal möchte ich so klingen wie auf der Platte und wenn mir danach ist, mache ich meine eigene Version daraus.

Peter:
Für mich hatte TOTO diesen smoothen, breiten Synth-Sound geschaffen, der den Toto-Sound prägte. Es waren für mich nicht die Gitarren, nicht die Drums – also nicht die klassischen Rock-Instrumente, es waren diese einzigartigen Synth-Sounds, die den Stil von Toto ausmachten. Wie siehst du das?

Steve Porcaro:
Weißt du, der We wie ich in die Band kam, also mal ganz ehrlich, war der, dass mein Bruder Jeff und David Paich mich Boz Scaggs empfohlen, der sie damals für eine andere Produktion engagiert hatte. Ich sollte ein paar Figuren zu  Davids Overdubs einspielen – ein paar kleine String-Parts. David hatte ein paar Lines mit dem Minimoog für Boz Scaggs aufgenommen. Es war nichts Besonders, eben nur „covering his overdubs“ und das sollte dann eigentlich auch meine Rolle werden bei Toto. David war der eigentliche Songwriter, er war letztendlich der Producer. Und ich war wirklich froh, für ihn Sachen programmieren zu dürfen.

Peter:
War das der Grund für deinen Austritt aus der Band, weil du nur programmieren durftest?

Steve Porcaro:
Nein, gar nicht – lass mich ausreden. Ich merkte, dass TOTO mit David bereits einen genialen Keyboard-Player hatte. Mein Wunsch war es nie, am Piano oder der Hammond besser zu sein als David, ich wollte einfach mein eigenes Ding machen. Wenn ich nur der „Synthy-Guy“ war, dann wollte ich auch der Beste darin sein. Ich wollte keine Presets verwenden oder irgendwelche banalen String-Ensembles. Ich wollte nicht hören: „Wow, was für einen tolles String-Ensemble, lass uns zum nächsten Song gehen.“  Ich wollte meinen Job einfach interessanter gestalten.

Peter:
Und spätestens mit dem Kurzweil 250 gab es so oder so gute String-Sounds für jeden. Da brauchte man keinen Spezialisten wie dich für solche Sounds.

Steve Porcaro:
Right. Das musst du heute niemanden mehr sagen, aber damals war das gar nicht selbstverständlich. Ich wollte nicht nur Kurzweil-Samples programmieren, ich wollte Musik machen. Ich wollte eigentlich gar nichts Besonderes, aber das war eine sehr seltsame Zeit – vor allem als die Kurzweil Samples verfügbar wurden. Ich übertrug zuvor noch Spalte um Spalte von Robert Moog und versuchte Streicher-Sounds zu emulieren. Und jede Menge Jungs versuchten ernsthaft, die Harmonischen zu studieren und den ganzen Shit, um einen String-Sound zu kreieren, der echt klang – mit additiver Synthese, Envelopes und diesem ganzen Stoff. Verstehst du, was ich meine? Und alles, was sie am Ende wollten, ist wie ein Kurzweil zu klingen. Ich war nie so tief in Synths, dass ein Buchla mein Main-Instrument wäre. Ich versuche eben Musik zu machen mit meinen Keyboards. Und ich liebe es, neue Sounds zu erschaffen. Und das war das großartige daran, ein echt großes und umfangreichen Modular-System zu haben. Ich wollte es wirklich aus einem ganz simplen Grund – und das lernte ich von Roger Linn – du mischt nicht nur Audiosignale, du mischt „Voltages“.

Peter:
Da ist was dran.

Steve Porcaro:
Viele Menschen sehen an meinem Polyfusion nur immer diese Menge an Kabeln und unzähligen Verbindungsmöglichkeiten und sagen dann zu mir: „Steve, du bist ein Genie, wie kennst du dich damit nur aus?“ Aber es ist genau das Gegenteil. Ich konnte erst mal einen Minimoog nicht verstehen. Was genau ging da in so einem Minimoog vor? Ich habe ihn wirklich erst verstanden, nachdem ich an einem Modularsystem den LFO gepatcht habe oder Modulationen verknüpfte. Wenn du am Minimoog das Filter modulieren möchtest, gibt es einen Kippschalter, um die Modulation anzuschalten, zwei weitere Kippschalter bestimmen die LFO-Modulation durch das Keyboard oder der „Amount of Contour“-Knopf regelt, wie stark die Hüllkurve das Filter moduliert. Da ist ein Mod-Wheel, das regelt, wie stark der LFO das Filter moduliert- und so weiter. Das kann ganz schön verwirrend sein. Ein Minimoog ist viel verwirrender als ein Modularsystem.

Toto IV

Peter:
Absolut, in einem Modularsystem sind Verbindungen sofort nachvollziehbar.

Steve Porcaro:
Wenn du an einem Modularsystem all die Modulationsquellen siehst, wie sie in den Input eines Mixers gehen und der Output des Mixers direkt in den Controller-Input eines Filters gelangt, dann sagst du nur: „Oh, jetzt verstehe ich, was hier vor sich geht.“

Peter:
Du verwendest also dein Modularsystem nach wie vor?

Steve Porcaro:
Natürlich, absolut. Ich hatte es mal für eine lange Zeit weggegeben, aber jetzt ist es wieder zurück. Aber das Lernen von diesem Synth-Stuff, das ganze Verständnis dafür auf einem hohen Level, das hast du nur, wenn du mit einem Modularsystem gearbeitet hast. Du verstehst, was ich meine?

Peter:
Ja, kann ich nachvollziehen.

Steve Porcaro:
Vielleicht gibt es andere, die kaufen sich einen Minimoog und haben das sofort alles verstanden, aber für mich kam der absolute Durchblick erst, als ich ein Modularsystem hatte. Bei einem Polyfusion ist nichts „behind the scene“, nichts ist vorkonfiguriert wie z. B. an einem ARP 2600. Du hast einfach alles zu patchen. Du folgst den Signalpfaden und Kontrollpfaden wie auf einer Spur – und das macht es so einfach, alles zu verstehen.

Peter:
Lass und doch noch etwas über deine Zusammenarbeit mit Michael Jackson reden. Wie war es, mit so einem Superstar zusammenzuarbeiten?

Steve Porcaro:
Es war großartig!

Peter:
Was für einen Job hast du für ihn gemacht? Du warst doch nicht nur sein Keyboard-Player?

Steve Porcaro:
Er mochte meinen Sounds und auch meine persönliche Art. Er kannte meine Arbeit mit Quincy Jones und den Klängen, die ich hierfür entwickelt hatte. Aber er schätzte auch meine Arbeit im Studio.

Du musst wissen, ich hatte sehr früh durch meine Arbeit mit TOTO mein eigenes Studio und wusste, wie man richtig aufnimmt. Ich habe Gain Structure gelernt und alles, was man wissen muss, um professionelle Recordings zu erstellen.

Toto III

Für unseres drittes Album TURN BACK haben Dave und ich noch in Daves Studio aufgenommen, aber er hatte nur ein Achtspurgerät. Wir hatten für TURN BACK die Rhythm-Tracks als Stereospuren auf den ersten zwei Kanälen. Die restlichen sechs Kanäle haben wir dann dazu verwendet, zu experimentieren und Dinge auszuprobieren. Wir haben wirklich alles an Overdubs und Mixes und Experimenten ausprobiert, die uns eingefallen sind. Das war sicher die außergewöhnlichsten Sachen, die ich meinem ganzen Leben gemacht habe. Aber niemand hat es je zu Gehör bekommen, weil es war im falschen Format. Wir konnten die 8-Spur-Maschine nicht mit den großen Studio-Multitracks synchronisieren, wodurch es für uns leider unbrauchbar wurde und wir es nicht verwenden konnten. Der einzige Unterschied zwischen dem dritten und dem vierten Album war, dass wir zwei 24-Spur-Geräte hatten, die wir miteinander synchronisiert haben. Geoff Workmann, unser Audioingenieur beim dritten Album, hat mir gezeigt, warum wir damals unsere Achtspur nicht synchronisieren konnten und er hat mir auch Gain Structure beigebracht. Ich habe ihn damals einfach mit Fragen gelöchert: Wie weiß ich, dass ich den richtigen Pegel in ein Digital Delay (DDL) einspeise? Oder einen Harmonizer? An welchen Reglern muss ich drehen? Er hat mir alles zum Theme Gain Structure beigebracht. Equalizer oder Compressor haben mich dabei gar nicht interessiert, denn ich wollte nicht wirklich ein Toningenieur werden, aber ich wollte in der Lage sein, um 3 Uhr morgens etwas aufzunehmen und die Gewissheit haben, dass wir die Aufnahme dann auch verwenden können. Und 95% der Keyboard-Aufnahmen wurden so von mir selber und David aufgenommen, ohne auf Toningenieure angewiesen zu sein und ohne den Druck, wenn du die Jungs im Nacken hast. „Come on, just do what your do on a Quincy-Session – hurry up“. Du musst wissen, bei einer Quincy Session machst du bist zu drei Songs, weißt du, was das bedeutet?

Peter:
War Michael Jackson auch an Klängen interessiert oder mehr an der Musik und dem Rhythmus? Oder hat er auch ein Verständnis von der Musikelektronik gehabt wie Moog etc?

Steve Porcaro:
Michael war sehr an Klängen interessiert. Und er hat sich auch mit Musikelektronik und Technologie sehr gut ausgekannt, halt bis zu einem gewissen Grad. Er ist jetzt nicht der Typ, der über MacOS diskutiert, aber alles im musikalischen Sinn.

Peter:
Er hatte eine Idee, wie etwas klingen soll?

Steve Porcaro:
Ja, unbedingt. Ich habe mit ihm an allen seinen Soloalben gearbeitet, außer dem letzten. Und er war in der Regel immer beeindruckt von meinen Ideen. Er war einfach ein großartiger Künstler, mit dem es Spaß gemacht hat zusammen zu arbeiten. Sehr talentiert.

Peter:
Was war für dich der Unterschied zwischen deiner Arbeit als Keyboarder für Toto und der Zeit, wo du auch noch der Produzent warst?

Steve Porcaro:
Ich war sehr gut darin, in Sessions zu gehen und an drei Songs in drei Stunden zu arbeiten. Aber ich wollte hier eine Trennung haben. Toto war meine Band ,wo ich meiner Phantasie freien Lauf lassen konnte und völlige Freiheit hatte. Ich bin einfach mehr der Studiomusiker und Tüftler, als der Live-Keyboarder, auch wenn ich riesigen Spaß auf der Bühne habe. Ich bin nicht wie Steve Lukather und David Paich, die mehr die Performer sind. Ich ziehe mich lieber in mein Studio zurück, arbeite die Parts aus, bevor ich diese live spiele. Mein „Instrument“ ist das Studio.

Steve Porcaros Polyfusion System

Peter
Die Zeiten ändern sich und anstatt der großen modularen Synthesizer haben wir VST-Plugins.

Steve Porcaro:
Und ich liebe es. Alles, was dich schneller dazu bringt, Musik machen zu können, umso besser.

Peter:
Aber ist es nicht mehr sexy, die Hardware zu haben anstatt einer Maus?

Steve Porcaro:
Natürlich ist es sexier, richtige Regler zu haben, aber am Ende des Tages … Schau dir diese Diskussionen an zwischen Eurorack und Full-Size-Stuff. Da gibt es diese Puristen, die die Nase rümpfen und behaupten, diese wäre nicht wirklich das Wahre, sondern Spielzeug. Du weißt, was das bedeutet – das sind Snobs. Und genau so ist es auch mit Hardware und Software. Für mich geht es am Ende immer darum, auf den Puntk zu kommen, auf die Musik – und nicht auf Synthesizer. Sie helfen mir nur, zu dem nächsten Step zu kommen, zu dem Sound, den ich vielleicht zuvor noch nicht gehört habe und es geht auch darum, wie schnell ich damit bin.

Peter:
Du meinst, die Arbeit mit VSTs geht schneller?

Steve Porcaro:
Als damals Sampler rauskamen, hatte ich Freunde, die es als Betrug empfanden, wenn jemand Sampler verwendete, um einen Stringsound zu produzieren. Die druckten auf ihren Plattencover den Zusatz „Keine Sampler verwendet“. Die haben sehr viel Ehrgefühl gehabt, aber ich kenne so etwas nicht. Die verbrachten viel Zeit damit, die Sounds zu programmieren, aber am Ende des Tages zählen für mich nur meine Songs und wie ich meine kreativen Ideen umsetzen kann, bevor meine Zeit vorüber ist. Wenn jemand mir sagt, das sei aber besser mit einem richtigen Modular Moog gewesen, dann sage ich ihm, bitte mache es. Ich habe Besseres zu tun. Ich verwende da lieber die Plugin Alternative, ohne mich damit herumschlagen zu müssen, ob der Synthesizer jetzt richtig gestimmt ist.

Peter:
Bist du eigentlich immer noch an neuen Sachen interessiert? Besuchst du immer noch die NAMM Show?

Steve Porcaro:
Natürlich bin ich interessiert, auch wenn ich nicht wirklich zur NAMM Show gehe. Der einzige Grund für mich, zur NAMM Show zu gehen, wäre es, alle meine Freunde zu treffen. Alles ist online oder ich habe Freunde, die mir von Neuigkeiten erzählen.

Peter:
Aber du kannst dich schon noch an deine Anfänge erinnern, als du als Elfjähriger zur NAMM Show gegangen bist?

Steve Porcaro:
Natürlich. Damals habe ich dafür gelebt in dem Alter, weil es etwas Neues und Spannendes war. Aber jetzt ist es einfach zuviel. Es ist „Option Anxiety“ (die Qual der Wahl). Damals, wenn Sequential Circuits eine Ankündigung machten, dann war dies eine große Sache. Ankündigungen wie der Prophet-5 waren riesen Geschichten. Es waren auch nicht unbedingt 17 verschiedene Neuigkeiten, die in dem Jahr veröffentlicht wurden. Für den einfachen Studiomusiker, der versuchte, einen Stringsound im Studio zu machen, gab es einfach nicht diese Auswahl. Und weil ich damals nur drei Synthesizer hatte, kannte ich diese auch in- und auswendig. Mein CS80 … ich kannte meinen CS80 wie kein anderer. Ich nutzte sogar den externen Eingangskanal und hatte eine klare Vorstellung davon, was man damit machen konnte. Die Funktionen, die sonst niemand nutzte, ich habe sie alle ausgereizt. Heute kann ich dies nicht mehr behaupten. Ich wünschte, ich könnte dies über Omnisphere sagen. Ich wünschte, ich könnte behaupten, ich kennte alles an Kontakt, den ich übrigens sehr viel einsetze. Aber es gibt jetzt soviele Sachen und Möglichkeiten. Man kann hier leicht in Option Anxiety verfallen, aber man kann nicht alles lernen und man kann nicht mit allem gut sein.

Interview Steve Porcaro Toto

Hat das Interview mit Steve Porcaro eingefädelt, Norbert Prager (l)

Peter:
Was war der interessanteste neue Synthesizer in den letzten fünf Jahren?

Steve Porcaro:
Also ich finde Omnisphere nach wie vor fantastisch. Ich halte auch die Sachen, die Dave Smith im Analogbereich macht, klasse, aber auf der Bühne nutze ich nur Mainstage von Apple und ein Masterkeyboard. Ich würde ich mir wünschen, dass es eine richtige Hammond Orgel wäre, wenn ich einen Hammond Orgel Sound spiele? Ein richtiger Minimoog, der die richtige Stimmung hat? Aber der Aufwand ist zu groß. Womit wir früher unsere Touren gemacht haben, war einfach unglaublich – heute aber unvorstellbar. Wir sind mit zwei Yamaha CS80 unterwegs gewesen, hatten einen 3 Meter Flügel dabei, eine Hammond Orgel und noch einiges mehr … bis nach Japan.

Peter:
Ja, die Zeiten ändern sich eben. Sag mal, hast du in L.A. immer noch dein eigenes Studio?

Steve Porcaro:
Ja, es ist auf meinem Grundstück, aber nicht in meinem Haus. Es war mir wichtig, dass es räumlich von meinem Privatbereich getrennt ist und auf einem eigenem Fundament steht. Egal wie sehr man schalldämpft, wenn man etwas im unteren Frequenzbereich macht, dann spürt man es im Rest des Gebäudes. So kann ich um 4 Uhr morgens in mein Studio gehen und so laut aufdrehen wie ich will, ohne dass ich im Hauphaus jemanden störe.

Peter:
Sind deine Kinder auch an Musik interessiert? Wollen sie in deine Fußstapfen treten?

Steve Porcaro:
Das weiß ich nicht, wir werden sehen.

Nachtrag und Fortsetzung des Interviews

Hat Ihnen das INterview gefallen? Wunderbar, denn Jim Solomon führte nach der Tour das Gespräch mit Steve für uns fort. Die Fortsetzung dieses Interviews finden Sie HIER.

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Forum
  1. Profilbild
    ukm

    So habe ich mir Steve Porcaro vorgestellt: Ein sympathischer Mensch, der sich nicht selbst in den Vordergrund stellt und einfach das macht, was für die Musik wichtig ist, denn Musik ist, wenn’s klingt.
    Dazu dann noch gute Kompositionen, und es passt.

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Sehr spannend, danke für das Interview!!
    Hätte mich noch interessiert was Herr Porcaro zur bereits angekündigten Polyfusion Neuauflage sagt…

    • Profilbild
      Tyrell RED

      Soviel sei verraten, es wird mit ihm noch ein eigenes „Polyfusion-Interview“ geben, dieses folgt in ein paar Wochen ;-)

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Vielen Dank für das schöne Interview! Toto hat mich mit vielen grandiosen Stücken begeistert. Ihr Stil ist leider furchtbar technisch. Sind halt eine Gruppe aus Studio-Musikern. Aber die Musik ist traumhaft …

  4. Profilbild
    Coin AHU

    Hallo, gibt es da empfehlenswerte Lektüre über „Gain Structure“ ?
    Der Link zu Sweetwater ist ein bissl knapp, denk ich mir.
    Bitte auf Deutsch.
    Gleich mal googln….
    Danke für das Interview.

  5. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Zum Elefanten im Raum sagt niemand was? Das T-Shirt? Das passt irgendwie nicht zusammen.
    Ich hätte eher ein Weezer T-Shirt erwartet.

    PS. meine Lieblings Toto Platte ist der Dune Soundtrack. :-)

    • Profilbild
      Coin AHU

      Jo, dieses Tectonics-Shirt trägt mittlerweile jeder zweite.
      Gibts zum Beispiel von Upper Playground.

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        @Coin @ Coin

        Du meinst Radiopulse. Das Cover war nie weg. Ein Phänomen seit Jahrzehnten.

  6. Profilbild
    mariemusic

    Sehr schönes Interview, eine der „Helden“ meines Jungmenschseins (ich meine die Band Toto). Besonders schön natürlich vom Synthiboarder der Band so viel zu erfahren. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, wenn Steve Pocaro von seinen ersten Begegnungen mit den geliebten Maschinen spricht, den Arps, den Moogs, und gerade auch seine Erlebnisse mit ELP erwähnt. Das kommt mir so unglaublich vertraut vor, war ich doch auch beim Debüt Konzert von ELP in Deutschland dabei, viele Toto Konzerte erlebt, natürlich einige Platten auch im Schrank. Und dann nun dieses sympathische Interview, vielen Dank dafür.

  7. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Könnte sein, dass Mr. Porcaro das Leben geführt hat, von dem hier einige träumen. Man erkennt viele „typische Musikereigenschaften“, die einem von Kumpels bekannt vorkommen. Diese Kumpels waren aber einfach nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort und verfügten über kein Karrierenetzwerk. Talent, Professionalität und eine angenehme menschliche Art dürfen natürlich in dem Job auch nicht fehlen. Ich bin absolut kein Toto-Fan, vermute aber, dass das alles coole, nette Typen sind, die bei allem Erfolg eine gewisse Bodenhaftung behalten haben. Man hat auch das Gefühl, dass Peter nicht viel fragen musste, um Mr. Porcaro zum Erzählen zu bewegen. Schöner Beitrag.

  8. Profilbild
    justme

    Interessantes Interview, toll, was diese Leute aus und in der Zeit so erlebt haben ! Was mir nicht gefallen hat, ist seine Aussage zu den heutigen Liveperformances. Der Grund, warum ich mir aus der Scene live nichts mehr ansehe : Analoge Kisten zu aufwendig, deswegen alles digital/per Sample. Habe mir vor einiger Zeit die Gruppe Shakatak (für einige Fahrstuhlmusik, für mich ein kleiner aber interessanter historischer Teil der 80er mit der Art, wie Bill Sharpe Sounds klingen lies) in Bremen angesehen. Hat auf der einen Seite Spaß gemacht, die waren begeistert und ungekünzelt voll dabei, jedoch auch keyboardtechnisch alles digital/gesampelt. Klanglich für mich (vielleicht bin auch einfach nur zu pedantisch…) eine Enttäuschung, genau die Musikalität der Klänge seiner Synths und ihrer Verwendung hatte eine Wärme, die ich live aber auch komplett vermißt habe. Allerdings war das nur ein Clubgig und die Band war sicher kommerziell auch nicht sooo stark, daß sie nun im Reichtum schwimmen. Bei denjenigen, die heute Live unterwegs sind und es sich durch den erfolgreichen Backround finanziell erlauben könnten, den Mehraufwand für die ein oder andere analoge Kiste zu stemmen, finde ich´s schade, wenn dann nur der Apple zu hören ist. Aber sicher bin ich da einfach nur der Saurier der nicht wahrhaben will, daß es in Wirklichkeit ja genauso klingt…

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      @justme Tut es nicht, stimme Dir da zu. Leider laufen mittlerweile live nicht nur die Keyboards digital sondern die Gitarreros spielen Kemper und im Normalfall läuft auch die ganze FOH Mischung über ein Avid Venue mit ordentlich DSP Zeugs auf den Kanälen. Das klingt dann alles nicht mehr so richtig toll. Hauptsache die Kasse stimmt. Soviel zum Rock’n Roll. Schade.

  9. Profilbild
    Son of MooG AHU

    Schöner Sonntags-Ausflug in die Zeit, als Synthesizer ausschließlich monophon waren und nur in wenigen Musik-Läden verkauft wurden. Toto liegt zwar nicht in meiner Geschmacksrichtung, aber solche Geschichten lese ich immer wieder gerne…

  10. Profilbild
    calvato

    achja, steve porcaro…. mit toto hat er sicher stark meinen geschmack geprägt was synth-sounds angeht! was haben die für unglaubliche sachen gezaubert… und live!! waren sie echt unschlagbar… ! ich war fast geschockt von meinem ersten toto-konzert, so etwas hatte ich zuvor noch nicht gehört…

    naja, heute isser statt mit CS80 mit apple & mainstage unterwegs… irgendwie witzig…
    definitiv ein interessantes interview! danke!

  11. Profilbild
    iggy_pop AHU

    „edged panels and clear pitch-wheels“ — damit meint er höchstwahrscheinlich „etched panels“, also geätzte Panels aus Metall. Zusammen mit den „clear wheels“ dürfte das für einen sehr frühen R. A. Moog Mini Moog stehen.
    .
    Schick.
    .
    „Thunder Road“ dürfte wohl für einen „Thunderbird“ stehen, den Gibson Bass.
    .

  12. Profilbild
    Sudad G

    Cooles Interview!
    Die Zeit damals war echt was für Pioniere. Man musste alles selbst machen. Es gab nichts geschenkt und man hat wirklich das Maximum aus den Geräten herausgeholt. Auch für den Hersteller selbst war die Materie neu. Eine irre Zeit!
    Insofern ziehe ich immer den Hut vor solchen Leuten, die trotz aller technischen Probleme solche Meilensteine geschrieben und produziert haben.

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