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Interview Thomas Haller: Die DDR-Vergangenheit von Vermona

Planwirtschaft und Synthesizer in der DDR

16. Juli 2022

Aus gegebenem Anlass zum Vintage-Artikel über den Vermona Synthesizer aus DDR-Tagen, ein Interview aus dem Jahr 2001 mit Thomas Haller, der heute der Geschäftsführer von Vermona Deutschland ist:

Die ehemalige DDR-Marke „Vermona“ hat uns immer schon fasziniert. Bereits 2001 haben wir erstmals über die Entstehung der Marke berichtet und dabei den Sohn des Gründers Bernd Haller zum Interview gebeten. Dieses Interview können Sie im Anschluss an dieses Vorwort lesen. 16 Jahre später haben wir Thomas Haller erneut besucht und mit ihm über die Entwicklung der Marke gesprochen. Für das zweite Vermona-Interview aus dem Jahr 2017 klicken Sie bitte HIER.

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Weiter unten in diesem Interview, finden Sie übrigens gesammelt alle Testberichte die wir bislang zu VERMONA veröffentlicht haben. Für stundenlangen Vermona-Lesespaß ist also gesorgt ,-)

Eure AMAZONA.de-Redaktion

Thomas Haller von HDB-Audio 2001

Peter:
Hallo Thomas, stellt Dich doch bitte mal kurz vor. Welche Funktion erfüllst Du bei der HDB electronic GmbH?

Thomas:
In erster Linie bin ich im PR-Bereich und im Verkauf tätig, kümmere mich aber auch um unsere Websites und teste unsere neuen Geräte.

Peter:
Vor einiger Zeit habt Ihr die Marke VERMONA wieder auferstehen lassen. Kannst Du uns etwas über den geschichtlichen Hintergrund von Vermona erzählen?

Thomas:
Unter dem Namen VERMONA wurden in der ehemaligen DDR seit den 50er Jahren zunächst akustische Musikinstrumente, wie Mundharmonikas und Akkordeons, von der Firma „VEB Klingenthaler Harmonikawerke“ hergestellt. Einige Jahre später begann man mit der Entwicklung und dem Bau elektronischer Tasteninstrumente, Rhythmus- und Effektgeräte, PA-Boxen und Verstärker. Dieser Großbetrieb hatte entsprechend seiner Produktvielfalt im Vogtland mehrere Standorte. Die Fertigung und Entwicklung der elektronischen Klangerzeuger und Effektgeräte erfolgte im Werk Schöneck, in dem das VERMONA-Logo erstmals 1972 auf der Orgel ET-6 auftauchte.

In der dortigen Entwicklungsabteilung arbeiteten unter anderem auch Bernd Haller, Lothar Dietrich und Thomas Buchheim, die Gründer der Firma HDB electronic GmbH, die an einigen wesentlichen VERMONA Entwicklungen beteiligt waren. Über die DDR-Grenzen hinaus bekannt waren dabei Bernd Hallers „Phaser 80“ und der „VERMONA Synthesizer“, eine Entwicklung von ihm aus dem Jahre 1975 auf Basis des MiniMoog, welcher im Zuge der sozialistischen Planwirtschaft allerdings erst 1983 produziert wurde.

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Peter:
Wie kam es zum vorläufigen Ende von Vermona?

Thomas:
Das Ende für VERMONA kam mit dem Ende der DDR. Die Planwirtschaft hatte ja nicht vor den Werktoren der Harmonikawerke halt gemacht, sondern spielte sich mitten darin ab. Standen Elektronenorgeln in den 50er und 60er Jahren ihren westlichen Konkurrenten in nichts nach, begann Mitte der 70er Jahre das Hinterherlaufen. Die Materialbereitstellung wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Devisen für westliche Bauteile gab es nicht, dafür aber von „oben“ verordnete Produktvorgaben fürs Volk – weit weg von der Realität und den Wünschen der Musiker.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands verlor VERMONA ihr Ostblock-Monopol, an dem bis dahin fast kein Musiker vorbei kam. Instrumente aus dem Westen gab es nur auf dem Schwarzmarkt; dafür legte man mindestens fünfstellige Beträge hin, und als es dann überall Geräte von Korg, Roland, Yamaha & Co zu kaufen gab, wollte wohl keiner mehr mit „VERMONA“ Musik machen.

Der „Vermona Synthesizer“ zu DDR-Zeiten

Nachdem WERSI’s Übernahmeversuch scheiterte und die Firma TechniSat 1991 den Zuschlag von der Treuhand für das Werk Schöneck erhielt, war dies das entgültige Aus für „VERMONA – made bei Klingenthaler Harmonikawerke“.
Bernd Haller, Lothar Dietrich und Thomas Buchheim stiegen bereits 1990 bei den Harmonikawerken aus, um ihre eigene Firma „HDB electronic GmbH“ zu gründen.

Peter:
Wie kam es letztendlich dazu, VERMONA wieder auferstehen zu lassen? Ihr hättet Euch ja auch einen neuen Namen überlegen können?

Thomas:
VERMONA ist nicht der einzige Name unter dem es HDB-Produkte gibt. Nachdem wir als HDB electronic GmbH schon einige Jahre für verschiedene nationale und internationale Firmen wie Warwick, Stanton Magnetics, ProAudio u.a. entwickelten und produzierten, entschlossen wir uns zum Ende des ersten HDB Jahrzehntes dazu, eigene Produkte unter dem „HDB audio“-Logo zu präsentieren. Schnell wurde uns klar, dass es leider nicht allein auf gute Ideen und Qualität der Produkte ankommt, um als „Neuer“ am Markt akzeptiert zu werden. Angeregt durch die damalige Zusammenarbeit mit dem MAM/TBS-Vertrieb, begannen wir 1999 wieder, analoge Soundmodule zu entwickeln und zu fertigen – auch alte VERMONA-Ideen wurden wieder aufgenommen.
Die Rechte am Namen VERMONA hatten wir uns erst vor ca. anderthalb Jahren sichern lassen – zu dieser Zeit jedoch ohne konkrete Pläne. Nachdem wir aber einige unschöne Erfahrungen mit unserem Vertrieb machen mussten, entschieden wir uns letztendlich wieder für den Alleingang. Und da mittlerweile einige unserer ehemaligen VERMONA-Entwicklungen einen gewissen Kultstatus erreicht hatten, dachten wir, es wäre einen Versuch wert, neben unseren HDB audio-Produkten, unsere analogen Klangerzeuger und Effektgeräte unter dem Namen VERMONA laufen zu lassen.

Peter:
Welche Produkte umfasst die Vermona-Palette derzeit?

Thomas:
Im Moment haben wir drei Geräte:
Das Stereo-Filter DAF-1, eine 19-Zoll-Version der Mephisto-Filtersektion, den Stereo Phaser PH-16 und den analogen Drumsynthesizer DRM1 MKII, eine verbesserte Version des ehemals unter MAM/TBS angebotenen Drummoduls

Peter:
Welche Vermona-Produkte sind für die nächste Zeit geplant?

Thomas:
Noch in diesem Jahr wird es einen monophonen Vermona-Analogsynthesizer im 19-Zoll-Format geben. Das Gerät verfügt über zwei VCOs mit Wellenformen Sägezahn, Rechteck und Puls, sowie zwei Suboszillatoren pro VCO, zwei ADSR Hüllkurven, zwei LFOs, Rauschgenerator, Ringmodulator und 24dB-Tiefpassfilter.
Und dann gibt es ja noch unser Großprojekt „Mephisto“, an dem wir nach wie vor arbeiten.

Peter:
Viele unserer Leser sind verwirrt über die Gerüchte, die sich um den MEPHISTO ranken. Zunächst als“ Toched By Sound Synthesizer“ angekündigt, dann wieder verschoben, schließlich auf der Messe als Prototyp gezeigt – und doch nie herausgekommen! Was war passiert?

Thomas:
Bernd Haller wollte schon seit Jahren nochmals einen Analogsynthesizer bauen, doch konnten wir uns Mitte der 90er Jahre nicht vorstellen, dass so etwas im Zeitalter der Digitaltechnik eine Chance am Markt haben könnte. Als wir dann 1998/99 mit MAM und „Touched By Sound“ zusammenarbeiteten, merkten wir zu unserem Erstaunen, wie groß die Nachfrage nach analogem Equipment war. Da die Firma Touched by Sound einen guten Ruf in der Branche hatte, entschlossen wir uns zur Zusammenarbeit.

Racksynthesizer Prototyp

Der Synthesizer wurde dann leider viel zu früh angekündigt – wir hatten noch nicht einmal richtig mit der Entwicklung begonnen. Es wurden Preise und Liefertermine des Mephisto an die Öffentlichkeit gegeben und durch TBS Verkaufspraktiken angewandt, die nicht mit uns abgesprochen waren!

Zur Messe 2000 stand dann nur ein Dummy am TBS Stand, doch konnten und wollten wir auch zu diesem Zeitpunkt keine Erscheinungstermine veröffentlichen.

Als dann im vergangenem Herbst der Chefentwickler Bernd Haller erkrankte, waren wir gezwungen, die Arbeiten am Synthesizer vorläufig einzustellen.
Seit Frühjahr 2001 geht’s aber Gott sei Dank wieder weiter und der Mephisto läuft jetzt auch wieder komplett unter unserer Regie und ohne „Touced By Sound“

Peter:
Wie geht es weiter mit dem Mephisto?

Thomas:
Wir stecken soviel Zeit wie möglich in die Entwicklung. Da wir aber ein recht kleiner Betrieb sind und nach wie vor auf OEM-Basis für andere Firmen arbeiten, können wir nicht ständig am Synthesizer arbeiten.
Zum jetzigen Zeitpunkt funktionieren allerdings schon die einzelnen Sektionen des Mephisto und müssen „nur“ noch zusammengebracht werden. Vor allem müssen wir jetzt festlegen, welche Features entgültig in den Synthesizer eingebaut werden sollen, um einen neuen Prototypen zu bauen.

Peter:
Kannst Du uns schon etwas über das Innenleben des Mephisto preisgeben?

Thomas:
Die Klangerzeugung ist vollständig analog, d.h. insgesamt drei diskret aufgebaute Sägezahn-Oszillatoren sorgen für fetten Klang. Um einen verstimmungsfreien Betrieb zu garantieren, befinden sich auch DSPs im Mephisto. Diese geben eine Sinusschwingung aus, die zu einem Impuls geformt wird, und dieser wiederum synchronisiert das Rücksetzen des vom VCO generierten Sägezahns.
Die Filtersektion besteht aus zwei unabhängigen 24dB-Multimodefiltern, die in verschiedenen Varianten miteinander verknüpft werden können. Zwei frei adressierbare ADSR- und eine Start/Attack/Decay-Hüllkurve, zwei LFOs und drei Steuereingänge sorgen für die Modulation. Des weiteren gibt es einen Rauschgenerator mit Rosa und Weißem Rauschen, Ringmodulator, Oszillator-Synchronisation, Frequenzmodulation und noch einige andere kleine Extras.
Das Besondere am Mephisto sind die Motorpotis, die bei einem Programmaufruf in ihre jeweilige Position fahren. Man sieht also immer, was man hört.

Peter:
Unser Autor Moogulator war ja bereits von Eurer Vermpona-Filterbank und dem Vermona Phaser vollends begeistert. Viele unserer Leser haben nun angefragt, wo sie denn Eurer Equipment testen und vor allem kaufen können?

Thomas:
Momentan sind unsere Geräte noch sehr wenig im Handel verbreitet. Viele Händler trauen sich – verständlicherweise – nicht so recht an neue und unbekannte Produkte heran.
Allen Interessenten sei empfohlen, sich einfach an den Händler ihres Vertrauens zu wenden. Gerne können diese unsere Geräte bei uns beziehen. Wer dennoch keinen Erfolg haben sollte, der kann sich auch direkt mit uns in Verbindung setzen. Derzeit bieten wir noch einen Direktverkauf mit Rückgaberecht an.

Peter:
Können wir damit rechnen, auf der Musikmesse 2002 einen funktionierenden „Mephisto“-Prototypen zu sehen?

Prototyp Mephisto auf der Musikmesse 2000

Thomas:
Da schon viel gesagt wurde was letztendlich nicht eingetroffen ist, fällt es mir schwer, ein eindeutiges JA oder NEIN zu geben.
Ich kann nur sagen, dass wir alles dran setzten werden, bis dahin fertig zu sein und dass wir in diesem Punkt sehr optimistisch sind.

Peter:
Thomas, vielen Dank für das interessante Interview und weiterhin viel Erfolg mit VERMONA. Wir gehen schwer in der Annahme, dass wir noch eine Menge von Euch hören werden.

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Forum
  1. Profilbild
    Flowwater AHU

    Ich würde ja gerne mal (Geist-)Mäuschen spielen und in die Köpfe der Vermona-Entwickler hineinhören, was die denn so als nächstes vorhaben.

    Auf der letzten Messe stellten die den »MK IV« des »DRM1« vor (meine ich zumindest). Der »PERfourMER« gehört, gefühlt, zur Grundausstattung eines jeden Dub- und Ambient-Produzenten; da kann man nicht viel falsch machen, sich den zuzulegen. Und ich persönlich würde einen »Mono Lancet ’15« einem Moog-Pendant in Form eines »Minitaur« o.ä. Vorziehen. Da zeige ich gerne mal ein wenig Stolz (und seitdem ich weiß, dass der Name »Lancet« an die deutsche Kult-Fernsehrserie »Raumpatrouille« angelehnt ist, sowieso). Ich finde, die haben echt eine ganze Menge richtig gemacht.

    Ich frage mich aber: Was kommt als nächstes? 😀

  2. Profilbild
    Brot-Cast

    Schade das aus dem Mephisto nichts geworden ist. Voll analog, polyphon und Motorpotis – geil.

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