Special: ARP 2600 semi-modularer Synthesizer

30. Juni 2018

Vom Original bis zum STP2600

ARP 2600

Vorwort der Redaktion

Der ARP 2600 liegt in den AMAZONA.de-Charts im Spitzenfeld der Vintage-Monophonen – und dies aus sehr gutem Grund.

Ich habe für dieses ausführliche Special rund um den ARP 2600, einen älteren Artikel von Theo Bloderer integriert, mit Interviews erweitert und durch aktuelle Erkenntnisse ergänzt. Vor allem das Kapitel über Alternativen und „Gerüchteküche“ haben mir wieder mal aufgezeigt, wie brandheiß der ARP 2600 auch heute noch ist.

Im Anschluss an die ausführliche Vorstellung von Theo Bloderer lassen wir zudem zwei User zu Wort kommen, die seit vielen Jahren den ARP 2600 im Einsatz haben: Martha Bahr (auch bekannt als „Panic Girl“ und Boris Weigend. Sie dürfen gespannt sein. Und kurz noch eine Danksagung, Bors Weigend war so freundlich und hat uns auch einige schöne Bilder von seinem Exemplar zur Verfügung gestellt. Darunter auch das oben zu sehende Titelbild.

„Portable, integrated, depandable …“ ARP 2600

Eine Betrachtung von Theo Bloderer

„The ARP Model 2600 Synthesizer is a compact, portable, integrated, dependable, rugged and supremely flexible synthesizer.“

Das Zitat aus dem im Februar 1971 erstmals gedruckten Handbuch zum ARP 2600 macht deutlich, worum es sich bei diesem Instrument handelt: um einen kompakten und flexiblen Analogsynthesizer. Zudem unterscheidet er sich bis heute von fast allen seinen Konkurrenten (mit Ausnahme der Roland Modularsysteme, MacBeths M5 und einigen wenigen anderen) durch die Verwendung von Fadern. Das Instrument ist extrem übersichtlich aufgebaut und durch die interne Vorverdrahtung der einzelnen Module äußerst effizient zu bedienen.

Ganz von ungefähr kam die gelungene Oberfläche des ARP 2600 natürlich nicht. Zum einen war es erklärtes Firmenziel, sich eindeutig von der Konkurrenz Moog zu unterscheiden. Da deren Instrumente mit Potis arbeiteten, setzte ARP auf Fader.

ARP 2600

Eingebaute Lautsprecher machen den ARP 2600 autark (c BW)

Zum anderen entsprach der benutzerfreundliche Aufbau den Bedürfnissen der von ARP zugedachten Zielgruppe: Schulen sowie Studios und Universitäten mit kleinerem Budget. Das Instrument musste also zunächst pädagogischen Bedürfnissen gerecht werden, es sollte handlich sein, übersichtlich und verständlich. Schließlich wusste 1970 so gut wie niemand, was ein „Synthesizer“ eigentlich war. Pearlmans Erwartungen an die Allgemeinheit der Musiker waren auch dementsprechend gering – im Handbuch zum ARP 2600 gibt es diesbezüglich einige vergnügliche Textpassagen zu lesen! Mein persönlicher Favorit

„Don’t forget to TURN ON THE SYNTHESIZER. Often this is the reason why you get no sound out of it.“

ARP schaffte es, den neuen „Halbmodularen“ so zu konzipieren, dass er Übersichtlichkeit, pädagogische Hilfe (mittels kleiner Skizzen und der vorbildlichen Beschriftung), effiziente Arbeitsmöglichkeiten (durch die interne Vorverdrahtung) und – last but not least – einen extrem vielseitigen und musikalischen Soundcharakter in sich vereinte.

ARP 2600

Alle vorverdrahteten Audio-/Spannungseingänge sind gut lesbar dargestellt

Der ARP 2600 wurde von 1971 bis 1981 gebaut. In dieser Zeitspanne verließen ca. 3000 Instrumente die Fertigungsstätte in Massachusetts.

Das Äußere

Mit insgesamt ca. 30 kg ist das Instrument – für ein quasi Modularsystem der 70er Jahre – als Leichtgewicht einzustufen. Synthesizer und Tastatur sind in zwei getrennten Gehäusen untergebracht. Überraschenderweise unterscheiden sie sich in puncto Gewichtsaufteilung nicht allzu sehr (… die Tastatur wurde gezielt „beschwert“). Der Grundgedanke hierfür liegt in der von ARP angestrebten Transportfreundlichkeit: Wenn Musiker den Synthesizer in der einen Hand tragen, sollte das Keyboard in der anderen etwa gleich viel wiegen. Ein logischer Schluss.

ARP 2600

ARP 2600 mit Tonus Logo

Die Tastatur umfasst bei allen Modellen vier Oktaven. Sie ist entweder einstimmig spielbar und mit einfachen Spielhilfen ausgestattet (Model 3604P) oder zweistimmig spielbar (mittels Patchkabel) und mit einer aufwändigen Controller-Sektion versehen (Model 3620).

ARP 2600

Controller-Sektion des 3620 Keyboards (c BW)

Der Synthesizer selbst ist mit 57 Fadern und 81 Klinkenbuchsen bestückt. Die ersten Modelle hatten einen Fader weniger (das Fine-Tuning des Filters war zunächst nicht vorgesehen) und die Multiples bzw. die Keyboard-CV-Buchse (links) waren in umgekehrter Position angebracht.

Im Wesentlichen gibt es vier verschiedene Versionen des ARP 2600: Die ersten 100 Stück wurden in Blau ausgeliefert, hatten kein Case und stattdessen einen praktischen Tragegriff. Diese Version nannte man Blue Meanie.

Das Grey Meanie Modell ist eine noch seltenere Variante, da weniger als ein Dutzend davon hergestellt wurde. Diese Version verfügt zwar noch über das „offene“ und stärker nach rückwärts geneigte Panel der Blue Meanie-Serie, ist aber schon im Grau der Folgeserien ausgeführt.

ARP 2600

ARP 2600 Grey Meanie, aufgenommen im Synthorama Museum / Schweiz

Das sehr frühe – und ursprünglich nur optional erhältliche – Keyboard sah zunächst entschieden anders aus (wenngleich es bereits die Bezeichnung 3604 trug). Ein Grund dafür lag in der Notwendigkeit, die Tastaturbreite auf die der Synthesizer-Einheit abzustimmen. Immerhin lassen sich beim Blue/Grey Meanie beide Teile – Synthesizer und Tastatur – mit ihren langen Holzgriffen zu „einem Paket“ zusammenführen und so bequem (?) als Ganzes tragen.

ARP 2600

Tragegriff der Tastatur – passendes Gegenstück zur Synthesizer-Einheit

Die Controller-Elemente der ersten 3604 Tastatur mussten daher zwangsläufig unterhalb des Keyboards Platz finden.

ARP 2600

Die Controller waren zunächst unterhalb des Keyboards positioniert

Da sich weder das ungeschützte Panel noch das Konzept des (kaum tragefreundlichen) „Gesamtpaketes“ als optimal erwiesen, wurden mit der grau-weißen Version ab 1972 entscheidende Änderungen vorgenommen. Einerseits waren nun Tastatur und Synthesizer in Cases eingebaut, die ein einfaches – aber doch geschütztes – Transportieren ermöglichten. Andererseits war es jetzt nicht mehr nötig, das Keyboard auf „exakte“ Synthesizer-Breite zu begrenzen. Die Controller der 3604P Tastatur wurden nun in deutlich günstigerer Position links neben der Tastatur platziert.

Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Eigentlich ein 4-Sterne-Gerät, aber irgendwo muss die Grenze gezogen werden. Der 2600 gehört zu den vielseitigsten und klanglich interessantesten Synths, die jemals gebaut wurden. Dieses Gerät fasziniert mich heute noch, wenn der (Klang-)Forscherdrang durchbricht, und die Bandbreite des Möglichen ist enorm. Immer noch Hats Off To Mr.Pearlman!

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Einer der schönsten Synth der je gebaut wurde!

  3. Avatar
    AMAZONA Archiv

    hört Euch Herbie Hancocks "Sextant" mit Patrick Gleason am ARP an! Spitze Sounds

  4. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Aber klanglich geht es mit den, im Artikel genannten und derzeit erhältlichen, Alternativen sicherlich auch in die richtige Richtung. Der M5 klingt zwar etwas rauer, ist aber von der Haptik aus sehr gut. Kosten tut er soviel wie ein sehr gut erhaltener ARP. Wenn man ihn dann auch mal bekommt…

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      Bloderer  RED

      … mit etwas Glück kommt der MacBeth M5 sogar günstiger. In England wird der weiße M5N – zB bei RL Music – NEU für 2500 GBP + Versandkosten angeboten. Das macht je nach Wechselkurs um die 3000-3200 Euro. Das wäre schon ganz ok…

  5. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Wirklich ein ganz Großer, der ARP2600. Anhand der Klangbeispiele hört man auch sofort den deutlichen Unterschied, zwischen Hardware und Plug-In. Besonders bei den percussiven, extrem durchsetzungsfähigen Klängen und nicht zu vergessen, gerade bei den Höhen. Da sind digitale meist ziemlich artefaktreich!

    Klar, der Preis und die Angst, dass so ein teures Instrument seinen Geist aufgeben könnte, sind da schon ein Gegenargument für den Großteil der Elektromusiker.

    Und zum guten Schluss wird die analoge Schönheit, eines solchen Instruments, oder eines teuren analogen Equipments sowieso zwangsweise wieder Kaputtgewandelt, um dem CD Standard gerecht zu werden.

    Gruß an Alle!!!

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    Markus Schroeder  RED

    Ach, da werden meine Äuglein feucht. Wenn ich an die Zeit zurückdenke als ich damit Musik Tutorien gehalten habe.

    mmmh… ist grade mal 4 Jahre her, trotzdem.
    Tolle Teil, Schluchz…

    ;)

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    iggy_pop  AHU

    Ich frage mich, wer der Vorbesitzer des oben gezeigten 2600 war. Ich hatte im April 1996 die Möglichkeit, einen 2600 mit Tonus-Logo und 3620-Tastatur mit aufgesetzter PPC in Berlin zu kaufen, habe aber von dem Kauf abgesehen, weil der technische wie auch der kosmetische Zustand den hohen Preis nicht rechtfertigte — der Vor-Vorbesitzer war ein bekannter Name aus der Däschnöh-Abteilung und bekannt für seinen doch recht, äh, lieblosen Umgang mit den ihm überlassenen Instrumenten. Schön, wenn dieses Instrument wieder zu neuem Leben erblüht ist.

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    iggy_pop  AHU

    Der hier abgebildete 2600 (mit Tonus-Logo) und dem modifizierten 3620-Keyboard mit PPC erinnert mich an ein Gerät, für das ich 1996 extra nach Berlin gefahren bin — das stand irgendwo in Charlottenburg in einer Küche auf einem wackeligen Bügelbrett und klang *furchtbar*. Völlig aus der Kalibrierung, im Prinzip unspielbar. Hat dafür ursprünglich wohl mal dem Doktor Wackler gehört… Ich habe diesen 2600 dann lieber stehenlassen und mir im Herbst 1996 einen fast nagelneuen in ausgezeichnetem Zustand zugelegt. Das habe ich nie bereut (sieht man von den Reparaturrechnungen für neue Buchsen und Slider einmal ab).

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    Lewis

    Um die Liste der Clones zu vervollständigen: Vor ein paar Jahren hat ein Spanier (Toni Gutierrez) begonnen, auf Basis des TTSH den sog. Antonus Model 2600 zu bauen. Die kleinen Stückzahlen werden z.B. über den spanischen Store Musicom Olot S.L. (aktuell ein Exemplar auf Reverb für 3150,00 EUR zu haben) oder das spanische Label „Stoerung“ angeboten. Es gibt auch ein paar Youtube-Videos; die Klangbeispiele sind von der Aufnahmequalität mittelmäßig, das Ding hört sich aus meiner Sicht aber ganz brauchbar an und trifft die klangliche Richtung des ARP 2600 auf jeden Fall (ich habe einen originalen ARP 2600 aus dem Jahr 1971, also noch einen mit den 4017 VCOs.

    • Profilbild
      Tyrell  RED 1

      Wenn ich Zeit habe, mach ich mich schlau und ergänze das noch, vg und lieben Dank, Peter

  10. Profilbild
    anselm  

    Der TimeWarp 2600 software synth wurde von SoniVox übernommen und ist wieder für aktuelle Betriebsysteme zu bekommen. Bis zum 31.7.2018 gibt es ihn für 29€.

  11. Profilbild
    fritz808  

    …wie gerne würde ich mal wirklich 1:1 audiovergleiche haben zwischen avatar, arp2600 und ttsh. ansonsten vielen dank für den umfanssenden überblick.

  12. Profilbild
    DSL-man  RED

    Könnt Ihr bitte den Teil zum STP2600 entfernen oder richtig stellen.
    Bei Fragen dazu bitte mich kontaktieren.

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