Interview: Florian Anwander, Synthesizer-Urgestein

Florians Fachbuch über Synthesizer

Florians Fachbuch über Synthesizer

Peter:
Du hast eines der deutschsprachigen Standardwerke geschrieben über Synthese-Grundlagen und -Anwendung. Wenn mich nicht alles täuscht, wird das immer noch verlegt. Wie kam es zu dem Buch?

Florian:
Ich war von etwa 1990 bis 1999 Autor für die Zeitschrift Keys. Als das Doepfer A-100 auf den Markt kam, schlug der damalige Chefredakteur vor, dass ich eine Einführung in Modularsysteme als Artikelserie schreiben solle. Damals waren diese Kästen ja ziemlich in Vergessenheit geraten. Mit dem monatlichen Schreiben der Serie merkten wir schnell, dass es eigentlich nicht um Modularsysteme im Speziellen, sondern um Synthesizer im Allgemeinen geht. An den Modularsystemen kann man halt die Synthesetechniken sehr schön beschreiben. Als die Serie dann Ende der 90er abgeschlossen war, kam bald die Idee auf, daraus ein Buch zu machen. Da ich mittlerweile einen „ordentlichen“ Beruf mit 40-Stunden-Woche hatte, dauerte es nochmals ein Jahr, bis ich in der Freizeit die einzelnen Artikel zu einem Buch umgeschrieben hatte. Später habe ich zwei neue Kapitel angefügt, und aktuell plane ich gerade ein weiteres Ergänzungskapitel, das sich um Delay-Module dreht. Momentan sieht es also nicht so aus, dass der Verlag es auslaufen lassen würde.

Peter:

Im Mai dieses Jahres hast Du erneut „öffentliches Aufsehen“ erregt als Autor mit dem Werk „R is for ROLAND“, einem Schmuckstück von Buch, das die ROLAND Klassikern huldigt. Du warst einer der Protagonisten, die zur Entstehung beigetragen haben. Erzähl uns doch die Geschichte, die zur Entstehung führte.

Florians Roland Buch

Bildband: R is for ROLAND

Florian:
Zunächst sollte man sagen, dass ich nicht der Autor des Buches bin. Das sind Tabita Hub und Michal Matlak. Auch die Idee stammt von den beiden. Ich bin letztlich Co-Autor und habe einiges an redaktioneller Arbeit dazu beigetragen.

Ich kenne Tabita und Michal schon sehr lange; ich habe vor ein paar Jahren mal eine Maxi von Michal aufgenommen und gemischt. Michal und ich haben in etwa den gleichen Zugang zu Synthesizern – sowohl von der Musikerseite als auch von der Technikerseite.

Was die Entstehungsgeschichte angeht: Zuerst sollte das nur eine Abschlussarbeit für Tabitas Fotografie- und Design-Studium sein, und die Aufgabe der Arbeit war eigentlich Bildgestaltung und Schriftdesign. Also fotografierte Tabita die Synthesizer ihres Freundes Michal und für die Schriftgestaltung adaptierte sie die diversen Roland-Schriften und gestaltete den Text, den Michal schrieb. Ein Teil der fotografierten Instrumente stammt von mir. Später fragte Michal mich noch, ob ich den von ihm geschriebenen Text korrekturlesen könne. Tabita bekam dann mit diesem „Ur-Buch“ ihr Diplom, doch das war nur in zwei Exemplaren gedruckt worden. Irgendwann kam die Idee, das nochmals als „richtiges“ Buch in höherer Stückzahl zu produzieren und zu verkaufen – tja und zu dem Zeitpunkt steckte ich schon viel zu tief drin, als dass ich mich noch hätte zurückziehen können (lacht). Jedenfalls dauerte es noch zwei Jahre voll Telefonieren, E-Mailen und Rumrechnen, bis dann eines Tages tatsächlich ein LKW mit mehreren Paletten mit Büchern bei Michal vor der Tür stand. Die ganze Geschichte kann man im Detail auf der Website zum Buch in Videos anhören und sehen. Eure Kollegen von Electronic Beats von der Telekom haben das ganze Projekt ganz toll dokumentiert und begleitet. Denen muss ich echt noch mal Danke sagen.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    EIn zeitloses Interview, welches man immer wieder mal lesen kann.

    (Weitaus besser als Gear Gerüchte Artikel.)

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    tandem

    „Wenn mir jemand einen virtuell analogen Synthesizer präsentiert, bei dem ich die VCA-Envelopes der aktuell gespielten Stimmen separat mit einem Triggersignal oder meinetwegen einer Steuernote in MIDI antriggern kann, dann wäre ich der erste, der diese Kiste auf dem Tisch hat.“ – Der Nord Lead kann das (über Special Function „A“).

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      Florian Anwander  RED

      Hallo Tandem,

      Du übersiehst geflissentlich den Satz: „Ich ertrage ein Gerät nicht, bei dem ich in irgendwelchen Menüs die Controller-Nummer für das Filter in der nächsten Sequenz aus Zilliarden Möglichkeiten raussuchen muss […] – geschweige denn, dass das live auf der Bühne machbar wäre.“

      Ich sehe gerne zu wie Du die Meute im Club mit folgendem Prozeder zum kochen bringst…

      4. Hold down SHIFT and press MIDI CH. Set the MIDI Channel for Slot A to ‘1’.
      5. Press each of the other
      SLOT buttons and set them to MIDI Channel ‘16’. This is just to make sure they do not get used in this example.
      6. Hold down SHIFT and press SPECIAL.
      7. Press the SPECIAL button until the left digit in the DISPLAY reads ‘F’.
      8. Make sure Slot A is selected. Otherwise press the SLOT A button.
      9. Use the UP/DOWN buttons to set the value to ‘F.on’.
      10.Press STORE. Use the UP/DOWN buttons to select MIDI Channel ‘2’.
      11.Press STORE again and then the DOWN button to select ‘– – –’ (any MIDI note number).
      12.Press STORE again

      … uuuups, die Tanzfläch ist ja leer

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      moogulator  AHU

      Er meint analoger Triggereingang für Signale von TR’s und so weiter. Das fehlt und sollten alle haben, auch VAs.
      MIDI war vermutlich nicht gemeint.

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        Florian Anwander  RED

        Hallo Moogulator,

        Triggerung durch ein MIDI-Event wäre schon auch in Ordnung. Aber bitte nicht über diesen Setup-Wahnsinn. Das „Unverschämte“ an einer Triggerbuchse ist ja, dass die einzige „Setup“-Aktion das Einstecken des Kabels ist.

        Die Möglichkeit des Nordlead ist ja fein für jemanden der zu Hause im Kämmerlein alles sorgfältig vorbereitet, und das dann nur noch auf der Bühne reproduziert. Aber das hat für mich nur wenig mit Musikmachen zu tun. Ein Trompeter kann ja seinen Lippenansatz auch nicht zu Hause vorprogrammmieren – der macht das ja auch in Echtzeit auf der Bühne.

        Naja, Dir muss ich das nicht erzählen.

        (PS: wer die Chance hat, Moogulator mal live zu erleben, der sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist sehr beeindruckend!)

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          moogulator  AHU

          yepp –

          und was das erleben angeht – total „seeeelber“ weil war immer gut – hoffe du bist demnächst auch wieder da live unterwegs, damit ich das mit bekomme. Ist nämlich auch richtig gut!

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          Pflosi  

          Es gibt schon Lösungen… Einen MidiPal z.B. habt Ihr ja offenbar, der kann das auch… :) Manche Sequenzer haben die Funktion ebenfalls, so etwa der Zyklus MPS1.

          LG

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            Florian Anwander  RED

            Ja, klar haben viele Geräte diese Funktion und viele andere Funktionen, die ich sehr einfach in der CV/Gate/Trigger-Clock-Welt realisiere; nur eben mit einem blödsinnigen Konfigurationsaufwand bzw mit einem technischen Aufwand. Warum soll ich mir für 100 oder 200 Euro ein Zusatzgerät kaufen, wenn die gleiche Lösung mit einer Buchse und Bauteilen für unter einem Euro zu realisieren wären?

            Ich sehe hier ein Problem, das ich aus der Softwarewelt nur zu gut kenne: Es ist unter Produktmanagern und zT. auch Entwicklern verpönt, Vorteile alter Technologien anzuerkennen (die also nicht vom Produktmanager oder vom Entwickler stammen), da man auf die Art weniger von sich präsentieren kann; das ist dem Selbstwertgefühl abträglich. Kein technisches sondern ein allzu menschliches Problem…

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    daniel müller  

    Vielen Dank Herr Grandl und Herr Anwander für das unterhaltsame Interview…

    Sehr schön das…

    „Ich selbst lösche vor dem Auftritt alle Sequenzen und Drumpatterns und beginne bei Null.“

    Weitermachen…

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    Stephan M.  RED 3

    Tolles Interview! Dank Florian hatte ich überhaupt die Motivation, mich mit analogen Synthesizern zu befassen. Ich konnte in der damals abonnierten Keys nur was mit den Audiobeiträgen des Workshops modulare Synthesen anfangen. Die Form der Improvisation ist mir nicht fremd, so etwas würde ich auch liebendgerne mal probieren. Leider ging an mir der Kelch vieler analoger Hardware vorüber, bislang zumindest. Ich denke, ein analoges System könnte wunderbar barrierefrei sein.

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    BlackSun

    Danke für dieses tolle Interview! Ich habe mir erst letzte Woche das Standardwerk „Synthesizer“ von ihm gegönnt und finde es sehr gelungen! Auch wenn ich darum bitte bei der nächsten Auflage gleich noch ein passendes Döpfer A-100 System + persönliche Beratung mitzuliefern. …Ich würde bestimmt auch 10 Euro mehr bezahlen für das Buch! Bestimmt! ^^
    Mein persönliches Fazit: Ihr seid cool. Weitermachen.

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    barkingdog  

    Bevor man sich überhaupt einen Synth kauft muss man zeimal das Buch SYNTHESIZER durchackern, finde ich. Und ein drittes mal dann mit dem Synth. Das sollte staatlich kontrolliert werden, so wie ein Führerschein ;) dann wäre bald Schluss mit dem Presetgedüdel. Ein echt gutes Buch, das den Weg zur eigenständigen Synthese erst aufmacht. Danke dafür!!!
    LG
    David

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