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Interview: Robert Henke, einer der Ableton Erfinder

9. Oktober 2021

In Berlin war ich nicht mehr der merkwürdige Exot

Robert Henke sollte man auf AMAZONA.de eigentlich nicht weiter vorstellen müssen, weil ein sehr großer Anteil der Leserschaft ein Produkt benutzt, für das er mitverantwortlich ist: Ableton Live. Wer hätte 2001 gedacht, dass diese kleine Software-Schmiede die Musikwelt revolutionieren wird und eine der marktführenden DAWs auf der Welt wird? Das ist eigentlich schon Grund genug, ein Gespräch mit Robert Henke zu führen, doch es kann sein, dass er schon viel früher in das Bewusstsein von manchen Leserinnen und Leser eingedrungen ist.

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1999 reichte mir mein Plattendealer Interstate von Monolake über die Ladentheke mit der Bitte reinzuhören und nach 30 Sekunden wusste ich schon, dass ich die mitnehmen will. Monolake hat mich und meine technobegeisterten Freundeskreis vollkommen aus den Socken gehauen. So was hatten wir vorher noch nicht gehört. Mittlerweile sind eine Reihe von Monolake und Robert Henke Alben erschienen, die für ausgezeichnete elektronische Musik stehen. Robert Henke nutzte die Corona Pandemie, um ein neues Monolake Doppel-Album aufzunehmen, das auf dem Namen Archaeopteryx hört und 2020 erschienen ist.

Mit Robert Henke ist es möglich, sich über Musikproduktion und die Entwicklung von Musiksoftware zu unterhalten. Die Themenfelder sind damit aber noch lange nicht eingegrenzt, denn er entwickelt mittlerweile Kunstinstallationen, die weltweit aufgeführt werden. Bei Lumière handelt es sich um ein Sound- und Laser-Projekt, das sich in der dritten Generation befindet und zuletzt am 28.08.2021 in Grenoble aufgeführt worden ist.

Lumière 3

Robert Henke verbessert seine Projekte so lange, bis er mit ihnen zufrieden ist und deswegen gibt es von den Projekten immer neue Versionen. Die Installation Phosphor ist 2017 entstanden. 2018 durfte ich Robert Henke in Paris erleben, wo er das Projekt „From Within …for large ensemble, computer-generated sound and light“ aufgeführt hat. Dabei handelte es sich um ein Werk für Orchester, Elektronik und Licht.

„From Within …for large ensemble, computer-generated sound and light“

Seit 2016 arbeitet Robert am Projekt CBM 8032 AV, welches 2019 uraufgeführt wurde. Dabei wird die Musik und Graphiken mit 4 Commodore CBM 8032 Computern aus dem Jahr 1980 aufgeführt. Dieses Projekt habe ich am 3.9.2021 in Innsbruck gesehen. Aus diesem Anlass habe ich bei Robert Henke angefragt, ob er nicht Lust hätte, ein Interview für AMAZONA.de zu geben.

Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen, die Ingenieurshandwerk, Musik und Kunst zu einer Einheit verweben können, ohne dass man das Gefühl hat, dass etwas fehlt. Die meisten Menschen sind auf ein Aufgabengebiet spezialisiert und glänzen nicht in jedem Fach. Robert Henke schafft es, 3 Gebiete auf höchstem Niveau abzubilden. Habe ich eigentlich erwähnt, dass er auch als Dozent tätig ist?

CBM 8032 AV auf dem Heart Of Noise Festival am 3.9.2021 in Innsbruck

Bevor wir zum Interview kommen, möchte ich meine Eindrücke vom CBM 8032 AV wiedergeben. Prinzipiell ist es egal, welche Computer auf die Bühne gestellt werden. Das haben Kraftwerk mit ihren Sony Vavio Tourneen bewiesen und ich hatte die Ehre, ein Coldcut Konzert zu besuchen, das mit unzähligen Laptops bestritten wurde.

Wenn man sich mit elektronischer Musik beschäftigt, versteht man mit der Zeit, wie solche Gigs funktionieren. MIDI, Sync, digitale Schnittstellen, digitale Netzwerke, Software, Visuals. Es ist möglich, die entsprechenden computerbasierten Lösungen zu erwerben und nach eigenen Wünschen zu programmieren.

Das reicht Robert Henke aber nicht mehr aus, denn bist auf die Commodore-Computer, wurde alles von ihm und seinem Team entwickelt. Die Computer müssen miteinander kommunizieren, also wurde ein Schnittstellenprotokoll entwickelt. Diese Maschinen waren nicht dafür gedacht, Musik zu machen, also muss man den Soundchip dazu bringen, dass er Musik macht. Außerdem gibt es ja nicht nur Musik, sondern auch ausgefuchste Visuals zu bestaunen. Das bedeutet also, es müssen Programme und Sequencer geschrieben werden, die Musik und Visuals mit diesen alten Computern ermöglichen. Da diese Computer auch eine Clock benötigen, hat er für dieses Projekt einen 8 Bit Computer entwickelt.

Im Vorfeld seines Auftritts erklärt Robert Henke das eben Geschilderte. Ab diesem Zeitpunkt sitze ich mit halbgeöffneten Mund da, gucke dümmlich und kann es nicht begreifen, was in Innsbruck auf der Bühne passiert. Ich verstehe es schon, weil ich selber elektronische Musik mache. Ich kaufe aber meine Produkte, die ich zum Musikmachen benutze, ich entwickele sie  nicht. Ich programmiere meine Synthesizer, Logic Pro und den Clavia Nord Modular, aber nichts davon habe ich selbst entwickelt, geschweige denn selbst gebaut.

Verschiedene Screenshots von CBM8032AV

Robert Henke führt technische Lösungen zur Aufführung von elektronischer Musik vor, die keiner standardisierten Lösung folgen. Da drehte sich wirklich alles in meinem Kopf, weil es nur bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar ist. Robert Henke benutzt eben nichts, was jeder benutzen würde.

Er hat mit diesem Projekt ein Statement gesetzt, weil er etwas geschafft hat, dass in der elektronischen Kunst nur sehr schwer zu erreichen ist. Er ist nicht kopierbar! Es ist zwar rein theoretisch möglich, aber wer würde den Aufwand auf sich nehmen, dieses Werk bis ins Detail zu kopieren: Software, Hardware, Schnittstellen, Clock, Programmierung etc. Erst mit der Aufführung wurde mir klar, was es bedeutete, wenn Robert Henke in sozialen Netzwerken seine Clock präsentiert.

Theoretisch dürfte nun ungefähr klar sein, was auf der Bühne passiert. Doch was bedeutet das in der Praxis? Was erwartet das Publikum? Mein Gott, hat das genagelt! Der Ausdruck genagelt, bedeutet in der Sprache der elektronischen Musik, dass das Timing, der Groove, die Präzision auf dem Punkt war. Auf die Eins! Das war so tight, dass ich jetzt noch das Gefühl habe, dass meine Musik nicht richtig groovt.

Am Anfang sieht man, wie Robert Henke live einen Code für Beats schreibt. 8 Bit Computer können knallen. Das weiß ich schon, denn ich nutze Nanoloop auf dem Gameboy. Was Robert Henke in Innsbruck lieferte, war stellenweise 8 Bit Sound, aber eben nicht ausschließlich. Die Commodore-Computer liefern fette Bassdrums, tiefe Bässe, extrem tighte Grooves, ätherische Flächen und es war sogar melodiös. Nach meiner Meinung versteckt sich in diesem Set ein Hit. Die Grafiken aus dem Commodore sind wunderschön. Visuell fühle ich mich an den ersten Alien-Film erinnert (wenn die Crew versucht herauszufinden ist, wo sie ist), an die Zahlen in Matrix, an die Nummern von Kraftwerk. Aus meiner Sicht sind die Grafiken sehr elegant und perfekt auf die Musik abgestimmt. Es ist faszinierend, welche Schönheit man mit Grün und Schwarz erzeugen kann.

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Die Video gibt teilweise wieder, was man vor Ort erlebt hat, aber vermitteln es besser als meine Worte.

Das Interview mit Robert Henke

Robert Henke am 2.9.2021 im Schlosspark Nymphenburg, München

Nun wünsche ich euch viel Spaß bei dem Interview, das ich mit Robert Henke im Schlosspark Nymphenburg in München geführt habe. Am nächsten Tag fand das Konzert in Innsbruck statt.

P.S.
Wer den Roland Juno-6 von Robert Henke geklaut hat, soll ihn doch bitte wieder zurückgeben. Ich denke, er würde sich darüber sehr freuen.

Sven:
Du kommst ja ursprünglich aus München. Fühlst du dich noch mit München verbunden?

Robert Henke:
Ich habe die ersten 19 Jahre meines Lebens hier verbracht. München ist tatsächlich noch Heimat auf eine merkwürdige Art und Weise. Berlin ist auch Heimat auf eine ganz andere Art. Als ich in München war, fand ich es ganz schrecklich, aber retrospektiv sieht man auch schöne Dinge, die ich in Berlin vermisse. Ich mag den Menschenschlag in München. Ein Humor, den es so tendenziell in Berlin nicht gibt. Eine bestimmte Art von Geradlinigkeit. Also retrospektiv ist es besser, als ich es in Erinnerung hatte.

Sven:
Warum bist du nach Berlin gegangen?

Robert Henke:
Ich habe mich Ende der 80er-Jahre in München sehr beengt gefühlt, als Person und kreativer Mensch. Ich wollte einfach nur weg und Berlin war die erste Wahl nach dem Motto: Wo ist es am liberalsten in Deutschland: In Berlin. Es gab nicht die Idee, dass ich dort bleibe, aber dann haben sich die Ereignisse überschlagen. Ich habe meinen Lieblingsfeind aus Münchner Zeiten an der Uni wieder getroffen und wir sind beste Freunde geworden. Der Rest ist Geschichte. Die Rede ist von Gerhard Behles, einem der Mitbegründer von Ableton und mein Partner bei Monolake. Wir konnten uns in München echt nicht leiden und haben uns in Berlin bei den Informatik-Vorlesungen angestarrt und haben uns gefragt: Was macht denn der da?

Gerhard Behles und Robert Henke 1999

Sven:
War neben dem Informatikstudium auch die elektronische Musik ein Grund, nach Berlin zu gehen?

Robert Henke:
Nein, so weit habe ich gar nicht gedacht. Es gibt aber an der TU das elektronische Studio und das ist ein Hort der akademischen Computermusik und dort konnte man Dinge tun, die außerhalb von der Universität nicht machbar waren. Da gab es schnelle Silicon Graphics Workstations, da gab es ein riesiges Modularsystem und Zugriff auf die Bibliothek von computergenerierter Musik seit den 1960er-Jahren. Das war eine ganz wesentliche Inspiration. Gleichzeitig gab es in der Nacht die Clubkultur, die in den 1990ern angefangen hat. Dieser Gegensatz aus brachialen und lauten Beats und den verstrahlten Leuten im Club und tagsüber komplexe Granularsynthese Klänge zu hören, war die Grundessenz dessen, was uns interessiert hat.

Sven:
Hat dich elektronische Musik schon vor deinem Umzug nach Berlin interessiert?

Robert Henke:
Als Kind habe ich Jean-Michel Jarre entdeckt und später Tangerine Dream, Kraftwerk und Yello und alles, was so als elektronische Musik und britischer New Wave passiert ist. Ich fand das alles geil. Ich komme aus einer Ingenieursfamilie und habe versucht, eine Sampling-Hardware zu bauen mit dem C64. Wir sind kläglich gescheitert. Aber immerhin gibt es eine Aufnahme, wo eine Sample aus dem Zoolook Album von Jean-Michel Jarre noch mal gesampelt und transponiert wurde.

Sven:
Ich habe neulich auch die Aufnahmen gefunden, die ich mit kleinen Casio-Keyboards gemacht habe.

Robert Henke:
So was gibt es bei mir auch und diese Aufnahmen sind zum Glück verschollen.

Sven:
Kann ich gut verstehen. In Berlin wurde deine Vorliebe für elektronische Musik gestärkt und gefestigt.

Robert Henke:
In Berlin war ich nicht mehr der merkwürdige Exot, der sich für so was interessierte, sondern es war eine ganze Szene und Kultur vorhanden. Das hat einen immensen mentalen Schub gegeben, weil man plötzlich mit Leuten zusammen war, die das gleiche Interesse hatten und plötzlich konnte man sich austauschen. Wenn neue Platten veröffentlicht wurden, dann hat man die gemeinsam gehört und diskutiert. Das war alles aufregend, neu und frisch. Das war natürlich toll.

Sven:
Dann ging die Technobewegung los und da warst du dann mitten drin.

Robert Henke:
Ich bin da ohne Zutun einfach reingeschmissen worden.

Sven:
Was war eigentlich dein erster Synthesizer?

Robert Henke:
Mein erster Synthesizer war ein Roland Juno-6, der mir irgendwann mal geklaut wurde, was ich nach wie vor ärgerlich finde. Ich hatte den eine Zeit lang an der Uni stehen, wo ich unterrichtet habe. Irgendeine Gestalt hat es geschafft, den Juno aus dem Lager rauszuholen. Das ist bitter, weil er auf den alten Monolake Stücken sehr präsent ist. Ich hatte ihn modifiziert. Der hatte ein merkwürdiges Feature, da man alle Töne gleichzeitig spielen und dann komplett transponieren konnte, alle Oszillatoren Unisono und so.

Sven:
Das hast du selber geschraubt?

Robert Henke:
Dem Ingenieur ist nichts zu schwör.

Sven:
Daniel Düsentrieb! Wenn ich mich aus Fotos aus dieser Zeit erinnere, sehe ich dich hauptsächlich am Yamaha SY77.

Robert Henke:
Als ich an der Uni John Chowning und die FM-Synthese lieben gelernt habe, war klar, dass es das ist, was ich machen will. Das Flaggschiff war damals der SY77. Der ganze alte Monolake Sound, die ganzen Percussions, alle Bässe und kurzen Ploings: Das ist alles der SY77. Der TG77 kam dann noch dazu, weil es mehr Stimmen brauchte. Es gab eine Phase, da hatten wir zwei TG77 und zwei SY77, nur um in der Lage zu sein, gleichzeitig genügend Sounds zu erzeugen.

1996 Gerhard Behles und Robert Henke am Yamaha SY77 – „Symmetrisches Konzert“

Sven:
Das sind jetzt nicht unbedingt die einfachsten Geräte zum Bedienen.

Robert Henke:
(lacht) Ne.

Sven:
Die Technobewegung war ja dafür bekannt, dass sie die damals aktuellen digitalen Flaggschiffe mit ihren Minidisplays und kaum vorhandenen Bedienelementen ablehnten. Sie haben ja bewusst die alten analogen Kisten gewählt, weil die viel billiger waren und über Regler und Fader verfügten.

Robert Henke:
Das hatte aber auch den Vorteil, dass unsere Musik radikal anders klang als das Meiste andere. Wir hatten keine Roland TR-808 und keine Roland TR-909. Das bedeutete, dass unsere Bassdrums, Snares und HiHats anders klangen und rückblickend hat das die Sachen auch geprägt.

Sven:
Dadurch klingen die Sachen zeitlos. Ihr seid auch nicht in die Versuchung gekommen, Acid zu machen.

Robert Henke:
Genau, wir konnten es schon allein technologisch nicht. Man muss das auch nicht werten. Wir klangen anders, weil wir andere Maschinen benutzt haben. Es zeigt, was für eine wichtige Rolle die Instrumente spielen, wie sehr die Instrumente eine Ästhetik prägen.

Sven:
Wer hat dich denn entdeckt?

Robert Henke:
Also unterm Strich muss man sagen, verdanken wir unserer Karriere Basic Channel, also Mark Ernestus und Moritz von Oswald.

Ich bin mit ihnen in Kontakt gekommen, weil sie einen Toningenieur für ihr Masteringstudio gesucht haben. Sie haben sich eine Neumann Schneidemaschine angeschafft. Plötzlich war die Nachfrage nach Plattenschneiden viel größer, als sie gedacht haben und sie haben Personal gebraucht. Einer war Andy Mellwig von Porter Ricks und der zweite Ingenieur war ich.

Mark und Moritz hatten die Idee, ein experimentelles Ambient-Label zu machen, Imbalance Recordings. Dort haben sie eine Platte von Wieland Samolak veröffentlicht. Wieland Samolak war Leiter der Münchner Zweigstelle vom Synthesizerstudio Bonn.

Robert Henke mit Prophet VS

Bei Wieland habe ich auch Gerhard Behles zum ersten Mal getroffen. Wieland und er waren die Ersten, die auf Imbalance Recordings veröffentlichen durften. Dann folgte eine Scheibe von Andy Mellwig (Async Sense).

Ich habe damals Musik für eine Installation mit Wassertropfen und FM-Sounds gemacht und diese Musik hat sich ein Freund von mir für eine ritualisierte und sexualisierte Piercing Performance gewünscht. Ich fand die Idee super und nach dem Event in Hamburg waren sich alle Beteiligten einig, dass man diese Musik auf CD rausbringen muss. Ich habe das dann auskomponiert, weil es nur eine Aufnahme der Installation gab. Aus dieser Aufnahme habe ich in einem halben Jahr eine 60-minütige Langfassung gebaut. Dann meinte Wieland zu mir, ich solle es Mark und Moritz vorspielen und zu meiner größten Verblüffung haben sie „Ja, das veröffentlichen wir“ gesagt.

Sven:
Piercing Music

Piercing Music / 2021 Remaster von Robert Henke

Robert Henke:
Genau und so bin ich, ohne dass ich das intensiv verfolgt hätte, zu meiner ersten CD gekommen. Der Rest war eine logische Konsequenz. Dann haben sie Chain Reaction gegründet und ich habe mit Gerhard Behles merkwürdige Nicht-Clubmusik mit Rhythmus gemacht. Dann kam die erste 12“ Cyan raus und so hat es sich dann Stück für Stück ergeben. Das Schöne ist, dass das rückblickend nicht geplant qar, sondern dass es einfach so organisch passierte.

Sven:
Was mich besonders beeindruckt hat, waren die flüssigen Sounds, diese S&H-Modulationen, die ich damals nicht benennen konnte. Wie ist das entstanden, dieses Flüssige und Wässrige?

Robert Henke:
Das lag an der Produktionsweise. Wir waren zu Zweit und es gab eine klare Arbeitsteilung. Gerhard machte Rhythmus und ich machte Effekte, Mischung und Klang. Das sind Sessions gewesen, wo sehr viele Dinge vor sich hingeblubbert haben und ich am Mischpult Strukturen erzeugt habe: Hier ein Fader auf, da eine Decay-Zeit verändert, hier wieder ein Fader zu, da ein Hall rein.

Monolake „Interstate“

Das Ergebnis haben wir eine Stunde aufgenommen und dann die besten 5 Minuten rausgeschnitten. Teilweise mit 3, 5, 10, 20 Schnitten. Einfach immer die Stereosumme geschnitten. Das hat eine Ästhetik erschaffen, die heute viel schwieriger zu erzeugen ist, weil es diese flüssigen Übergänge hatte, die gegengeschnitten sind zu harten Schnitten. Das hört man zum Beispiel auf Interstate sehr deutlich, da läuft etwas sehr Ähnliches und plötzlich klingt es anders, ist aber das Gleiche. Das ist eine Session, wo 32 Takte fehlen.

Sven:
Das fällt gar nicht auf. Sollte ich vielleicht auch mal machen und nicht denken, das hört man doch.

Robert Henke:
Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht.

Sven:
Kommen wir noch mal auf die wässrigen, flüssigen Sounds zu sprechen. Wie sind die entstanden?

Robert Henke:
Wir verwendeten Fieldrecordings und viel primitive Garanularsynthese. Ab 1997 hat Gerhard angefangen, Granularsynthese-Algorithmen zu bauen und ich machte das dann auch.

Sven:
Mit MAX/MSP?

Robert Henke:
Das gab es damals noch nicht. Die MAX/MSP Erweiterung kam 1998. Gerhard Behles hat die ersten Sampling-Module für die erste Version von Native Instruments Reaktor geschrieben. Wir haben viel mit dem Prototypen von Reaktor gearbeitet. Wir hatten also sehr krude und merkwürdige Sampling-Geschichten am Start.

Sven:
Wo ist der Unterschied zwischen Monolake und Robert Henke?

Robert Henke:
Monolake ist historisch erstens nur Musik und zweitens mit Beats. Robert Henke ist alles, was Drone und ex­pe­ri­men­tell ist. Monolake ist potenziell offen für andere Leute. Ursprünglich gab es Gerhard, dann Torsten Pröfrock aus dem Hardwax Plattenladen in Berlin. Es gab eine zeitlang Torsten und Gerhard und es gab eine audiovisuelle Kooperation mit Tarik Barri. Ich kann mir auch in Zukunft vorstellen, dass zu Monolake noch jemand dazukommt.

Sven:
Monolake ist mit Interstate abgehoben und ihr habt Generationen von Musiker damit beeinflusst. Es wäre einfach gewesen, damit weiterzumachen. Damals gab es schon Pro Tools, Logic und Cubase. Wie kommt man dann auf die Idee, Musiksoftware zu revolutionieren und Ableton zu gründen?

Robert Henke:
Weil die Geschichte einfach so nicht stimmt. Gerhard hatte für Native Instruments gearbeitet und hat dort einen anderen Programmierer getroffen, Bernd Roggendorf. Die beiden haben sich gesagt, wir können auch unsere eigene Firma machen. Bernd hat noch einen Menschen an Land gezogen, der sich mit Finanzen auskennt, Jan Bohl. Die 3 haben beschlossen, eine Firma zu gründen.

Ableton Live 1. So hat alles angefangen.

Gerhard hat mich gefragt, ob ich nicht einsteigen möchten. Ich habe mich ein bisschen geziert, weil ich dachte, wenn ich das mache, mache ich keine Musik mehr und das wollte ich nicht. Ich habe mich doch breitschlagen lassen, mich einzubringen. So ist Ableton entstanden.

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Wir hatten aber nie die Idee, eine DAW zu bauen. Wir wollten ein kleines Tool zum Live-Spielen bauen, was sich dank ReWire mit Pro Tools synchronisieren lässt. Wir hatten die Idee, dass das Interesse an diesem Produkt groß genug sein könnte, um 5 – 10 Mitarbeiter zu finanzieren. Dass Ableton dann so groß geworden ist, hat uns am meisten überrascht.

Sven:
Wenn ich mich recht erinnere, war Ableton Live ja schon mit Version 1 extrem erfolgreich. Diesen Hype hatte man zum letzten Mal aus Deutschland mit Celomony Melodyne.

Ableton Live 11: die aktuelle Version 20 Jahre später

Robert Henke:
Wir haben was Neues gemacht, das kann man schon so sehen. Wir haben ein neues Konzept erfunden, was später von allen kopiert wurde, was immer ein gutes Zeichen ist, weil es bedeutet, dass man eine gute Idee hatten. Was wir aber nicht abschätzen konnten war, wie viele Leute das interessiert. Das hängt damit zusammen, dass Anfang der 1990er elektronische Musik noch Nischenmusik war. Dass heute in Schuhläden House-Compilations laufen, dass Nachrichtensendungen mit Technobeats unterlegt werden, wäre vor 25 – 30 Jahren undenkbar gewesen. Da gab es ja noch Diskussionen darüber, ob elektronische Musik überhaupt Musik sei.

Sven:
Ableton hat die Musikwelt revolutioniert. Dann gab es die Phase, wo du den Controller Monodeck  entwickelt hast. Das ist nachvollziehbar und folgt einer gewissen Logik. Aber plötzlich hast du angefangen, Kunstinstallationen zu entwickelt. Du hast dich von der Clubkultur entfernt.

Monodeck II, selbstgebauter Ableton Live Controller von Robert Henke

Robert Henke:
Diese Sprunghaftigkeit erscheint nur so von außen. Ich habe mich schon als Kind für moderne Kunst interessiert. Ich bin hier in München im Haus der Kunst gewesen in der Sommerausstellung. Ich habe mich auch zu Anfang der Clubkultur in Berlin damit beschäftigt. Wie beleuchtet man einen Club? Wo hängt man die Lampen hin? Ich fand diese ganze VJ-Cultur extrem interessant. Ich habe für mich Leuchtdiodenobjekte gebaut. Für mich war das immer schlüssig. Aus einer komischen Blockade heraus habe ich mich nicht getraut, es öffentlich zu machen. Wie in der Musik hat es ein paar glückliche Zufälle gebraucht, damit ich diesen Schritt gegangen bin. Ich hatte in einer kleinen Galerie ein Konzert gegeben und die haben mich gefragt, ob ich nicht auch eine Installation machen möchte.

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Ich hatte die Idee, etwas mit einem Laser zu machen. Ich habe mich in dieses Thema vertieft und zwischendurch ist Galerie bankrot gegangen. Wenn ich eine Idee habe, dann beiße ich mich an der fest und so ist meine erste Laserinstallation entstanden. Durch eine Verknüpfung von glücklichen Umständen hatte der Hersteller der Laser einen Kontakt zu einem Kurator in Nantes, Frankreich. Dieser Kurator veranstaltete in seinen Räumlichkeiten auch Musikprogramme und mochte Monolake. So war das Interesse an meiner Installation geweckt und ich wurde nach Nantes eingeladen.

Mit einem Laser habe ich vor Ort erklärt, was ich vorhabe. Ich habe ein bisschen hochgestapelt und behauptet, dass ich das auch locker mit 4 Lasern machen kann. So bin ich zu meiner ersten Installation gekommen. Nachdem das mehrfach aufgeführt wurde, hat man mich gefragt, ob ich nicht auch Konzerte mit Laser geben möchte und deswegen habe ich angefangen, Lumiere zu entwickeln. Das hat sich immer organisch entwickelt. Wenn ich aktiv versucht habe, was Bestimmtes zu erreichen, dass ich eine bestimmte Anerkennung möchte, hat das nie funktioniert. Wenn ich mich aber auf meine Intuition verlassen habe, wenn ich gemacht habe, worauf ich Lust hatte, wenn ich mich nicht beirren lassen habe, dann hat es meistens funktioniert.

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Mit den 40 Jahren alten Computern (CBM 8032 AV) war ja bis kurz vor der Premiere nicht mal klar, ob das technisch überhaupt funktioniert. Ich habe ein paar frühe Tests gemacht und hatte die Vision, dass es funktionieren könnte. Wir haben 3 Wochen vor der Premiere das komplette Stück zum ersten Mal gesehen und gehört, weil wir bis dahin so viele technische Problem hatten, dass überhaupt nicht klar war, ob es überhaupt funktioniert.

Ich habe mich mental damit über Wasser gehalten, dass ich mir gesagt habe, entweder es wird ein grandioser Reinfall, dann kann ich mir sagen, ich habe es immerhin probiert. Wenn es halbwegs okay ist, dann habe ich es halt gemacht und es nicht gut geworden. Ich habe nicht dran gedacht, dass es gut wird. Ich dachte, mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Mittlerweile haben wir es jetzt 10-mal gezeigt, was für ein Projekt mit diesem Aufwand viel ist. Ich arbeite nach wie vor daran, bis ich das Gefühl habe, dass es fertig ist.

Sven:
Das ist bei all deinen Projekten der Fall. Du gibst ja deinen Projekten immer neue Versionsnummern, wie man das von Software kennt. Neulich hast du gepostet, dass du eine neue Snare für das CBM 8032 AV Projekt entwickelt hast.

Snare Sound im 6502 Assembler

Robert Henke:
Ja, die ist so toll, ich liebe die. Das ist ein Meisterwerk der minimalistischen Programmierkunst. Leider ist es sehr schwer zu erklären, was daran so großartig ist, weil man dafür ganz tief in die Assembler Programmierung einsteigen muss. Das Ding klingt einfach klasse und das es überhaupt auf so einem langsamen Prozessor funktioniert, ist der Wahnsinn.

Sven:
Wird die Snare in Innsbruck schon zu hören sein?

Robert Henke:
Leider nicht, weil ich bei diesem Projekt bestimmte Dinge nur auf einmal ändern kann. Da gibt es ein Framework, in dem die Sounds drin liegen. Ich bin schon das ganze Jahr damit beschäftigt, dieses Framework komplett neu zu bauen. Ich bin auch bald fertig, aber in Innsbruck wird das alte Framework zu hören sein.

Es wurden aber ein paar wesentliche Teile der Hardware umgebaut. Am allerwichtigsten ist der neue Clock-Generator. Der Sequencer ist auf einem der alten Rechnern, aber der braucht eine Clock, die 32-tel Noten schickt. Diese 32-tel Noten kamen früher aus einem kleinen Modularsystem, aber das war nicht stabil genug. Dann kam es eine Zeit aus einem Max Patch vom Mac-Mini, was gegen das ganze Konzept spricht.

Der 8-Bit Computer Firebird, welcher u. a. die Clock liefert, gebaut von Robert Henke

Ich wollte aber alles konsequent in 1980er-Technologie machen. Ich habe mir jetzt den Spaß gemacht und mir einen kleinen 8 Bit Computer gebaut. Ich weiß mittlerweile so viel über diese alten Maschinen, dass das auch kein großer Schritt mehr war. Das ist jetzt mein Clock-Generator. Der ermöglicht jetzt Dinge, die vorher noch nicht funktioniert haben. Jede Szene, die ich mit meinem Sequencer abfeuere, kann jetzt ein eigenes Tempo und eigenen Swing haben.

Es ist lustig, weil es jetzt wieder so ein (Ableton) Live Ding geworden ist. Ich habe Szenen und ich habe Patterns. Ich feuere Szenen ab und die Szenen haben eine Tempoinformation.
Das ermöglicht interessante Dinge. Eine Szene läuft straight mit 128 BPM und danach kommt eine Szene, die angeswingt ist und mit 110 BPM läuft. Das geht automatisch und ist eine tolle Kombination aus sehr reduziert und einfach. Trotzdem ist Raffinesse vorhanden und das gefällt mir.

Sven:
Bis vor Kurzem gab es noch viele Interviews mit Stars aus der elektronischen Musikszene, die sagten, mit Laser und Lightshows, wie sie Jean-Michel Jarre macht, wollen sie nichts zu tun haben und jetzt machen die Meisten genau das.

Robert Henke:
Letztendlich muss man sagen, ist es eine Frage des Budgets. Wenn man in einer Liga spielt, in der man einen fetten LED-Screen auf die Bühne wuchten kann, ist man in einer anderen Position, als wenn man mit 500 Euro Gage pro Abend nach Hause geht. Elektronische Musik ist ein Megawirtschaftsfaktor geworden, gerade in den USA. Plötzlich gibt es  Veranstaltungen mit 200.000 Leuten und die kannst du nicht bespaßen, wenn da jemand hinterm Laptop steht, ohne Lightshow. Das funktioniert systembedingt nicht.

Lumière 3

Sven:
Strobo und Nebelmaschine.

Robert Henke:
Das ist ein ganz anders Format als der Kellerclub in Berlin Anfang bis Mitte der 1990er. Man kann sich entscheiden, ob man nur die kleinen Orte bespielen möchte oder man kann sagen, dass man auch die ganz großen Gigs abgreifen möchte. Dann muss man die entsprechenden Stimulanzen anbieten, sonst wird man nicht gebucht.

Ob das inhaltlich sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage. Aber wie sinnvoll ist es, wenn ein DJ mit nicht angeschlossem MIDI-Controller vor 200-000 Menschen rumwackelt? Da landen wir wieder bei den Absurditäten des Marktes.

Spline – Today Art Museum, Beijing China 2017

Unterm Strich denke ich mir, muss man das alles nicht dogmatisch sehen. Wenn es inhaltlich sinnvoll ist, dann ist eine audiovisuelle Show großartig und wenn es unsinnig ist, dann merkt man es auch. Es ist ein Unterschied, ob eine Lasershow durchchoreografiert ist oder buntes Licht die Bühne beleuchtet.

Letztendlich ist es nur eine Erweiterung des Mediums. Wir arbeiten mit Elektronik und die Programmierung von meinen Lasern sind letztendlich auch nur Max Patches. Da ist die gleiche Idee und Ästhetik von Zeitabläufen und Struktur enthalten, wie sie in meiner Musik zu finden sind.

Sven:
Was hältst du von dem Vorwurf, dass elektronische Musik schon Playback sei, wenn man Sequenzen abfeuert?

Robert Henke:
Das Hauptproblem ist Transparenz. Es ist alles akzeptabel und es kann alles sinnvoll sein, wenn es transparent ist. Wenn klar ist, dass auf der Bühne nicht viel passiert, außer dass ein Stück vorgetragen wird, dann ist das so. Wenn die Erwartungshaltung des Publikums ist, etwas live zu erleben, dann kann man eigentlich kein Playback machen, dann ist das der falsche Rahmen. Ich möchte als Zuschauer verstehen, was passiert. Letztendlich kommt es darauf an, dass man mit einer Erfahrung nach Hause geht.

Was erwarte ich von einem künstlerischen Ereignis? Wenn ich berührt bin, dann war es gut. Es ist vollkommen egal, ob ich von einem Playback berührt wurde oder von einer perfekten Show. Ich kann mich an ein Konzert erinnern, wo 20 Musiker auf der Bühne perfekt gespielt haben und ich komplett leer war, weil es nicht eine zehntel Sekunde eine Überraschung gegeben hat. Ich hatte das Gefühl, wenn eine CD abgelaufen wäre, wäre es das Gleiche gewesen. Das Konzert hat mir nichts gegeben, was ich nicht schon hatte. Obwohl es mit viel Aufwand live gespielt wurde, hat es mich gelangweilt.

Sven:
Das habe ich auch schon erlebt. Ich war schon auf einigen Konzerten, die mir nicht gefallen haben, aber 2.000 Menschen um mich herum waren absolut begeistert.

Robert Henke:
Das ist die Erfahrung von Kunst, dass man da nicht einer Meinung sein muss. Das ist ja das Schöne, dass es kein wahr oder falsch gibt. Das finde ich als Künstler extrem hilfreich. Unterm Strich bedeutet das: Mach, worauf du Lust hast.

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Sven:
Was sind derzeit die vielversprechendsten Entwicklungen auf dem Markt für dich?

Robert Henke:
Ich bin ein bisschen außen vor, weil ich meine Tools habe. Ich habe das Gefühl, dass ich das Potenzial meiner Tools nur zu 10 % nutze. Das geht mir vor allem mit meinem Modularsystem so. Ich sollte mich mit einem Modul ein halbes Jahr ausführlich beschäftigen, statt mit 20.

Sven:
Das hört man von Jean-Michel Jarre auch sehr oft: Kauf nur ein Synthesizer und mach alles mit ihm für ein halbes Jahr.

Robert Henke:
Da hat der Mensch recht. Meine Arbeit mit den alten limitierten Projekten ist eine Reaktion darauf. Ich beschäftige mich mit etwas, wo ich das genaue Gegenteil des Überflusses habe, der zurzeit herrscht.

Ich persönlich warte darauf, dass sich Produkte mit künstlicher Intelligenz manifestieren. Intelligentes Suchen nach Soundfiles, das steht vor der Tür. Da arbeiten so viele Leute dran: Sound Similarity Search. Jetzt hast du das Problem, dass man 5 GB Sounds hat. Darin befinden sich Files, die sich perfekt als Snare eigenen, aber das ist dir noch nie aufgefallen. Die wirst sie auch nie finden, weil du die Files nicht Snare genannt hast.

Man könnte natürlich jetzt einen Assistenten damit beauftragen, nach Snares zu suchen, kann aber keiner bezahlen, will auch keiner machen. Eine künstliche Intelligenz und ein neuronales Netz kann genau das tun. Du hast in deinem Track eine Snare und kannst der künstlichen Intelligenz sagen, zeige mir mal ähnliche Snares und die künstliche Intelligenz sagt dir den Mülleimer, gegen den du getreten bist bei deinem Interview. Das kann nicht mehr lange dauern, bis das auf eine coole Art und Weise kommerziell verfügbar ist.

Ich glaube, künstliche Intelligenz wird die Verwaltung revolutionieren. Da gibt es interessante Ansätze, was Komposition angeht. Etwas, wovor Leute Angst haben, weil da generatives Gedudel zu hören sein könnte. Jede Technologie, die Arbeit abnimmt, ermöglicht zwei Dinge. Erstens existierende Aufgaben für zu vereinfachen. Zweitens bedeutet es für jemanden, der kreativ ist, dass Headspace frei gemacht wird, um sich neue Dinge auszudenken.

Kinetic Lights and Sound, 2013

Wenn ich der Maschine sage, mach mir mal Monolake Grooves, dann könnte ich mir als nächstens Gedanken um Struktur, Gesang, was auch immer machen. Alles, was die Maschine abnimmt, ermöglicht neue Möglichkeiten für Kreativität, die verborgen bleiben könnte, weil man zu viel Zeit mit Vorbereitung verbringt.

Sven:
Würde sich daraus nicht eine neue Definition von Kunst oder Künstler ergeben?

Robert Henke:
Das war ja nie anders. Irgendjemand baut die Instrumente. Die 808 hat definiert, wie Percussions in der elektronischen Musik klingen oder die LinnDrum hat definiert, wie Rock klingt. Wenn man diese Maschinen benutzt, ist auch composed by Roger Linn oder Hiro Nakamura in die Stücke eingeschrieben. Wenn man auf einem Native Instruments Produkt eine Taste drückt, läuft eine komplette Richard Devine Komposition ab. Bist du dann der Urheber oder ist dann Richard Devine der Urheber? Diese Fragen sind ja jetzt schon komplex.

Sven:
Was hältst du von der derzeitigen Retrowelle auf dem Synthesizermarkt?

Robert Henke:
Ich habe das Gefühl, dass die Retrowelle eine Reaktion auf eine anscheinend zu komplexe Gegenwart ist. Es gibt zu viele Optionen, es gibt zu viele Möglichkeiten und zu viele offenen Fragen. Dahinter verbirgt sich vielleicht, rein psychologisch, eine merkwürdige Sehnsucht nach Erdung. Ich habe meinen Minimoog und ich weiß, dass damit schon sehr viele Stücke gemacht worden sind, die ich mag und ich kann jetzt auch solche Klänge machen. Das Versprechen liegt darin, dass ich bewährte Klänge erzeugen kann. Ich muss mich gar nicht mehr damit beschäftigen, was neu ist.

Das ist natürlich auf eine absurde Art und Weise ein kompletter Gegenentwurf zu dem, was elektronische Musik ganz lange bedeutet hat. Ganz lange war die Idee, ich möchte was unerhörtes Neues und plötzlich ist die Idee, ich möchte wieder was Bewährtes.

Installation Cos/Sin, 2019 Zollverein Essen

Es ist die Suche nach Stabilität in einer Welt, in der alles zusammenkracht. Das Klima ändert sich, die politischen Verhältnisse ändern sich radikal. An allen Enden und Ecken bricht dieser Globus anscheinend auseinander, aber ich stelle mir jetzt ein ARP-Clone hin, der schon vor 40 Jahre für solide Musik gesorgt hat. Es ist keine Software, es geht nicht kaputt beim nächsten Update, da kann man sich dran festhalten. Ich halte mich an etwas Historischen fest. Das ist ein ganz klarer Wunsch nach Stabilität.

Sven:
Was hältst du in diesem Zusammenhang von der Demokratisierung der Produktionsmittel? Es ist nun möglich, einen preisgünstigen Moog Minimoog in sein Studio zu stellen und bald einen erschwinglichen Roland Jupiter-8 zu kaufen.

Robert Henke:
Dagegen ist gar nichts auszusetzen. Kritisieren kann man daran, dass man die Behauptung aufstellt, dass es nicht schon vorher möglich war, tolle Musik zu machen. Als ob man nicht schon vor 10 Jahren mit gecrackter Software auf einem Discounter-PC die Welt aus den Angeln hätte heben können. Unter dem Deckmantel der Demokratisierung wird behauptet, dass du konsumieren musst. Es ist billig, also kauf ganz viel von dem Müll! Das ist der falsche Ansatz. Schau mal lieber auf deiner Festplatte, ob da nicht alles schon seit 10 Jahren rumliegt, um einen Hit zu machen.

Atom – Centre Pompidou, Paris 2008

Der Wunsch nach Haptik und der Wunsch, diese alten schönen Maschinen zu besitzen, ist ja komplett nachvollziehbar. Nur ist der Wunsch nicht mit der Frage zu verwechseln, ob man auch nicht ohne diese Tools Musik machen könnte. Wenn man es sich leisten kann, ein schönes Objekt zu besitzen und dieses Objekt in das Zentrum der Kreativität stellt, dann hat es ein Mehrwert. Dann kann es auch hilfreich sein, dass es nicht ganz so preiswert ist.

Ich habe mir meinen Juno-6 als Schüler vom Mund abgespart. Ich habe über 2 Jahre gearbeitet, um mir meinen ersten Synthesizer zu kaufen. Mit 14 habe ich beschlossen, ich will ihn und mit 16 hatte ich ihn. Es gibt ein Grund, warum der Juno-6 auf jedem Monolake Album drauf war. Das war mein Instrument! Wenn ich mir so ein Instrument jetzt zum Preis eines Cheeseburgers besorgen kann, ist die Frage, ob ich überhaupt die Motivation aufbringe, mich so intensiv mit diesem Instrument zu beschäftigen.

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Fazit
Sidestory:
Ich bedanke mich bei Robert Henke für das ausführliche Interview und für die Nutzung seiner Fotos. Außerdem improvisierte er einen Windfang für die Interviewaufnahme. Es ist immer gut, einen Ingenieur dabei zu haben. Über selbstgemachten Obazda und Brezen freute er sich. Dummerweise hat der Botanische Garten zwei Eingänge, ich dachte, Robert Henke musste zum anderen Eingang, weswegen er zu spät zu einer Verabredung kam. Warum habe ich ihm eigentlich nicht mein Fahrrad geliehen? Facepalm.

Die nächsten Robert Henke  CBM 8032 AV Termine

24.10.2021 in Dresden

6.11.2021 in Augsburg

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Forum
  1. Profilbild
    Filterspiel  AHU

    Den Juno hat sich vermutlich jemand für 50 Mark Gegenwert in die Blutbahn geschossen :(
    Davon ab: auch wenns mir jetzt nicht mehr viel bringt, es war schön den 6502-Code einfach so durchzulesen und noch zu verstehen, was da (lokal) passiert. Carry Flag löschen, dann nach rechts verschieben = durch 2 teilen, wobei ich mir gerade nicht sicher bin, ob das clc hier nötig ist, da das höchstwertig Bit eh Null wird und das carry flag den Wert des rausrutschenden niederwertigsten Bits annimmt. Aber ist alles auch schon bald 40 Jahre her :)

    • Profilbild
      Sven Rosswog  RED

      Hallo teofilo,

      eine Clock gibt den Takt vor. In der elektronischen Musik ist diese notwendig, damit verschiedene Instrumente miteinander synchron zusammenspielen und in welchen Tempo. Auch die Chips eines Computers sind getaktet. Das Timing ist entscheidend, deswegen wird immer an noch besseren Clocks und taktgenaueren Uhren gearbeitet. Derzeit sind viele von Ableton Link begeistert und viele Firmen integrieren es in ihre Produkte. Es gibt aber auch die MIDI-Clock usw. Die Auswirkungen der Clock von Robert Henke liest du am Anfang des Textes: Wir merken es, wenn etwas unglaublich groovt, wenn das Zusammenspiel einzigartig gut ist, weil die Komponeten perfekt Harmonieren, seien es Musikmaschienen, oder Menschen die Zusammenspielen. Menschen arbeiten übrigens auch mit Clocks, sie lassen sich über Kopfhörer ein Taktsignal einspielen, dass der Zuschauer nicht hört und den unterscheidlichen Musiker Orientierung bietet syncron und damit im Takt in einem gewissen Tempo miteinander zu spielen. Viele Musiker lehnen ein Metronom auf der Bühne ab, andere schwören drauf.

    • Profilbild
      RobertHenke

      allles richtig was Sven schon oben geschrieben hat. In meinem speziellen Fall ist es so: Der Sequenzer muss irgendwo eine Information her bekommen, wann die nächste Note gespielt werden soll. In einem modernen System mit ein paar Gigaherz CPU Takt kann ein Sequenzer einfach einen ‚timestamp‘ für jede Note festlegen, und der Computer kann hundertausend mal pro Sekunde wenn es sein muss so eine Liste abarbeiten. Meine alten Computer sind dafür viel zu langsam. Statt dessen bekommt der Sequencer, ähnlich wie ein alter Hardware Step Sequencer einfach einen Taktimpuls jede 32tel Note. Und es gibt keinen eleganten Weg, wie der Sequencer Computer selbst diesen Impuls erzeugen kann mit den nötigen Eigenschaften (stabil, in dem Bereich, den es braucht um alles zwischen 40bpm – 240bpm abdecken zu können). Wenn ein einfacher Computer aber nichts anderes tut als diesen Takt zu erzeugen, dann geht das ziemlich gut und hinreichend genau. Und deshalb gibt es diesen selbstgebauten Computer von mir, der nichts tut als diese 32tel Noten zu generieren, die den Sequenzer steuern. Und weil das alles genau aufeinander abgestimmt ist, von der Technologie her, kann der Sequenzer dem Clock Generator sagen welches Tempo er gerade geschickt bekommen will und mit welchem Swing. Das funktioniert zu meiner großen Freude ziemlich gut :-)

      • Profilbild
        Sven Rosswog  RED

        Hallo Robert,
        Danke für die interessanten Ausführungen. Zur der Leistung der Commodore; hab ich mir das richtig gemerkt, dass die 1000 x langsamer sind, wie ein aktuelles Handy?

        • Profilbild
          RobertHenke

          das is schwer genau zu definieren, ohne irgendwelche ‚benchmark‘ Tests. Aber ein aktuelles Teensy 4.1 board für ca. 30 EUR läuft mit 500 MHz und kann 32 bit gleichzeitig verarbeiten. Und die CPU kann viel komplexere Operationen intern ausführen. Also ist der Faktor 1000 eher konservativ angesetzt, es önnte auch 5000 x schneller sein. Die CPU in einem aktuellem Smartphone ist aber nochmal deutlich leistungsfähiger. Also ist sie vielleicht 10.000 mal so schnell? Irgend so eine Größenordnung…

  2. Profilbild
    tisco

    Danake für das tolle Interview – Konzert in Innsbruck war ein absolute Highlight…

  3. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    „[…] Ich habe das Gefühl, dass die Retrowelle eine Reaktion auf eine anscheinend zu komplexe Gegenwart ist. […] Es ist die Suche nach Stabilität in einer Welt, in der alles zusammenkracht. […] Ich habe mir meinen Juno-6 als Schüler vom Mund abgespart. […] Wenn ich mir so ein Instrument jetzt zum Preis eines Cheeseburgers besorgen kann, ist die Frage, ob ich überhaupt die Motivation aufbringe, mich so intensiv mit diesem Instrument zu beschäftigen.“

    Beobachtungen auf den Punkt gebracht — der Mann spricht mir aus der Seele. Danke, Robert.

    Und es ist gut, daß er es gesagt hat und nicht ich — hätte ich es gesagt, müßte ich mich wieder von den Erleuchteten und Glückseligen hier im Forum anpöbeln lassen, weil ich das sage, was sie nicht hören wollen, und mir wieder mal anhören, was für ein blödes Arschloch ich bin.

    Das weiß ich doch, Jungs — erzählt mir lieber etwas Neues, das ich noch nicht weiß.

    • Profilbild
      Codeman1965  

      Eigentlich sollte Dir hier Niemand etwas Neues erzählen, weil es wieder mal nicht um Dich geht.
      Auch, wenn Du es gerne hättest.

      Aber schön ist doch immerhin, daß hier Viele Deine Selbsteinschätzung teilen, was das blöde Arschloch angeht.

      Das ist doch für Dich zumindest ein kleines (wenn auch unbedeutendes) Erfolgserlebnis…

    • Profilbild
      MonsDuvall  

      Lässt sich wie immer nicht verallgemeinern und er selbst stellt sich ja nur die Frage. Gibt genug Kids da draußen die sich hochmotiviert in kostenlose oder gecrackte Software einarbeiten.

  4. Profilbild
    Henrik Fisch  AHU

    Hach schön … es ist Sonntag, ich habe Ruhe und dann noch ein Interview mit meinem Musik-»Gott« (übertrieben ausgedrückt). Vielel Dank für das Interview. 🤩😇

  5. Profilbild
    gaffer  AHU

    Mit der Überschrift dachte ich: Nee, nicht schon wieder diese 8-Bit Trash-Ästhetik. ich habe mir die zwei Stücke im Video angehört und sie haben mir sehr gut gefallen. Ich hätte immer gesagt: gäbe es Firmen wie die Schweden, die diesen C-64 Soundchip als Synth nachbauten nicht mehr, ich selbst hätte gar nichts gemerkt und nichts vermisst. Vielleicht sollte ich meinen bisherigen Standpunkt nochmal hinterfragen.

    • Profilbild
      Henrik Fisch  AHU

      Herr Henke erzeugt die Sounds aber nicht mit dem SID-Chip vom C64 (wenn ich das richtig begriffen habe). Die in der Show verwendeten Commodore-Computermodelle wurden zwei Generationen vor dem C64 verkauft (»CBM 8032«, ca. 1980, wenn ich mich richtig erinnere, ja, da war ich schon Computerfreak). Und der hatte noch keinen SDI-Chip eingebaut.

      Ehrlich gesagt: Den Sound vom SID-Chip kann ich auch langsam nicht mehr hören … so toll die Spiele-Musiken und so ungehört die Sounds des C64 damals auch waren. Aber heute hat das ausgedient. Vor allem kommt ja nichts Neues nach. Die Sounds sind alle ausgelutscht und auch die allgemeine Klangästhetik – durch schnelle Arpeggios geschaffene Akkorde – ja, nee, is‘ klar!

      Ich habe damals beim Erstling von Elektron auch mit dem Kopf geschüttelt. OK, wer’s braucht. Es hat aber natürlich die Know-How- und die finanzielle Grundlage geschaffen für das, was die Firma heute macht. Und das hat ja wieder etwas Gutes. 😃

      • Profilbild
        gaffer  AHU

        @Henrik Fisch Klar, da hast du recht. Meine Antwort war erwas schlampig formuliert. Ich selbst bin auch alt genug, um beide Kisten noch erlebt zu haben. Es fing halt mit dem C64 an, die davor erschienenen Geräte spielten ja musikalisch überhaupt keine Rolle.

      • Profilbild
        Kazimoto  

        Hallo Henrik! Vertue dich bitte nicht. Aus dem C64 kommen auch ikonische Sounds die so nicht charakteristisch für den SID sind. Die Drums vom Arkanoid-Soundtrack sind auch mit Assembler gecodet und der SID macht lediglich die DA-Seite, wenn ich richtig informiert bin, wovon ich derzeit ausgehe. Die Ästhetiken sind fließend bei Chiptune. 1983 hätte auch niemand gedacht das ein SID eine veritable 303-Emulation hinbekommt, was wiederum andere Gründe hat.

  6. Profilbild
    _wire

    Moinsen, sehr geiler Artikel, cooler Typ!
    Ich hoffe ja, diese Commodore-Show live zu erleben zu dürfen.
    BTW… wenn die „ein…“ Fehler in „einen…“ korrigiert werden, ist das Leseerlebnis noch größer.
    Ich kann da auch gern behiliflich sein…

  7. Profilbild
    paolostylo

    „Schau mal lieber auf deiner Festplatte, ob da nicht alles schon seit 10 Jahren rumliegt,
    um einen Hit zu machen.“

    Dieser Spruch…
    Der Wahnsinn…
    So true…

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